NZZ Folio 02/04 - Thema: WWW   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Besser als das Original

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin

VOR EINIGEN JAHREN wurde in Frankreich ein Komitee eingesetzt, das sich mit dem Problem des Plagiats im Reich der Düfte beschäftigte. Die Jury aus professionellen Parfumeuren und Parfumliebhabern sollte entscheiden, ob ein bestimmter Duft als schamlose Nachahmung eines anderen anzusehen sei, und Gutachten für einige pikante Gerichtsprozesse liefern.

Die Idee erlitt Schiffbruch, als deutlich wurde, dass ein solches Komitee voraussichtlich einige der grössten Düfte aller Zeiten auf den Index setzen müsste: Rive Gauche – ein ungesüsstes Calandre; Dolce Vita – die dunklere Schwester von Féminité du Bois; Lolita Lempicka – eine aufwendigere Version von Angel (die erste von vielen).

Doch in jedem dieser Fälle dürfte die Kopie besser gewesen sein als das Original. Die Parfumerie ist nach wie vor eine klassische Kunst, in der, wie Charles Colton einmal sagte, Imitation die ehrlichste Form der Schmeichelei ist.

Tatsache ist, dass Parfums sich in der Regel wie biologische Spezies in kleinen Schritten fortentwickeln. Sind sie einander nahe verwandt, lassen sie sich sogar kreuzen, und es entstehen seltene und prachtvolle Hybriden.

Der jüngste Wurf von Estée Lauder, Beyond Paradise, ist eines dieser Wunderwerke. Wenn dieses Parfum ein Familienwappen besässe, müsste man es sich als Mosaik aus vier Generationen bourbonischer Lilien vorstellen. Es ist der Duft gewordene Traum eines je den Heiratsstrategen, der perfekte Erbe mehrerer fürstlicher Parfumhäuser, dessen Stammbaum seinesgleichen sucht.

Am Anfang stand Diorella, das als erster Duft mit der Vorstellung brach, dass Blumen heilsam seien, und dessen überreife Note einen drängte, sofort vom Verbotenen zu kosten. Dann schlug sein Schöpfer Edmond Roudnitska eine entgegengesetzte Richtung ein und gestaltete mit Jacques Polge das bleiche und hochmütige Cristalle mit seiner blumigen, ins kalte Licht eines Bildhauerateliers getauchten Gestalt.

Einige Jahre später trat Calice Becker mit Tommy Girl den Beweis an, dass ein blumiges Herz durch einen Teefond so zum Strahlen gebracht werden kann wie das Interieur eines Raumschiffs Ausserirdischer. Dann komponierte sie das wunderbar bündige J’Adore, in dem sich diese lichte Ausstrahlung zur Glut einer über dem Schnee untergehenden Sonne verdunkelte. An diesem Punkt hätte man zu Recht vermuten können, dass die Idee ausgeschöpft sei. Mitnichten!

Beyond Paradise hebt mit der atemberaubendsten Blütennote aller Zeiten an, mit hundert in vollendeter Eintracht ins Mikrophon gehauchten Gesängen. Schon das allein hätte genügt, doch was dann passiert, ist noch bemerkenswerter. Grossartige Künstlerin auf der Höhe ihres Könnens, die sie ist, hat Becker das Gerippe von Cristalle, die fleischliche Versuchung von Diorella, die Schmeichelei von J’Adore und das Leuchten von Tommy Girl zu einem engelgleichen Wesen zu verschmelzen gewusst, das wir in unserer Torheit für unerreichbar hielten. Der vollkommene Blumenduft. 




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