NZZ Folio 03/92 - Thema: Karrieren   Inhaltsverzeichnis

Die einzig wahre Karriere

Die Sehnsucht der Erfolgreichen nach Unsterblichkeit.

Von Michael Rutschky

Dieser Mann ist ganz oben. Als Rechtsanwalt betreibt er eine hochangesehene Kanzlei, die ausschliesslich Aufträge der Grossindustrie annimmt; das Anthrazit seines massgeschneiderten Anzugs leuchtet vor Reichtum. Der Mann schaut etwas fremd aus dem Kulturcafé - weisse Wände, helles Licht -, wo wir verabredet sind.

Er hat es neugierig gemustert, denn ein solches Etablissement ist nicht Teil seines gewohnten Lebensraums (auch er ist neugierig, sogar feindselig gemustert worden). «Nicht Agent des Kapitals», wendet der Syndikus sich wieder mir zu, ironisch, «wissen Sie, was ich hätte werden müssen, wenn ich mich wirklich streng prüfe? Mein Leben verströmen durch das Saxophon, in dämmrig verrauchten Kellern. Es ist unglaublich.»

Der Traumberuf stammt aus den fünfziger Jahren, als unser Mann jung gewesen ist. Man erkennt die übermächtige Wirkung der amerikanischen Kultur - seiner gross- und bildungsbürgerlichen Herkunft nach hätte der junge Mann sich als Konzertpianist träumen müssen. So konnte er gleichzeitig die Richtung halten und gegen die Herkunft protestieren.

Ich sammle solche Geschichten. Ich stosse immer wieder auf sie. Ganz oben, wie hier, oder in der guten Mitte. Der Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens erklärt nach einem Herzinfarkt, jetzt müsse er «nochmal von vorn anfangen», er denkt an «umsatteln auf einen künstlerischen Beruf». Schliesslich weiter unten, wo der Schmerz zunimmt: die Sekretärin, eine abgebrochene Studentin der Literaturwissenschaft, die seit langen Jahren den grossen Roman schreiben will, kraft dessen allein ihr Leben gerechtfertigt wäre, und keine Seite stehen hat, deshalb jeden Abend Unmengen Alkohol trinkt.

Im Grunde gibt es nur eine einzige Karriere, die zu machen sich lohnt: die Karriere des Künstlers. Diese Überzeugung, die beim einen als harmloser, wenn auch anhaltender Tagtraum auftreten kann, beim anderen als beissende Depression, scheint zu den Grundbeständen unserer kulturellen Mythologie zu gehören. Ich erkenne sie noch in der Todesanzeige für den Grossunternehmer: «Sein Lebenswerk war der Aufbau der XY-Werke.» Die Produktion von Haarpflegemitteln soll geadelt werden durch ihre Gleichstellung mit einem künstlerischen (Lebens-)Werk.

Vom Tod erhalten die Künstlerträume ihre Kraft. Wer als Sekretärin oder Geschäftsführer, aber auch als Syndikus stirbt, fällt, man muss es so krass sagen, der Verdammnis des Vergessenwerdens anheim; nur wer ein Lebenswerk vorzuweisen hat, und seien es die XY-Werke für Haarpflegemittel, kann auf Erlösung hoffen. Dass der Jazztrompeter Miles Davis gestorben war, ist der Syndikus an jenem Abend in dem hellen Kulturcafé fortgefahren mit seiner Erzählung, hörte er morgens in seinem Dienstwagen, schon ins Aktenstudium vertieft, über den britischen Soldatensender BFBS (der in Deutschland weiterhin ausstrahlt), und der Moderator bemerkte, bevor er eine der himmlischen Musiken einspielte, mit dem schönsten englischen Understatement: «Not a bad thing to be remembered for.» - «Ihnen kann ich es ja sagen», schloss der Syndikus, «ich hatte Tränen in den Augen, ja, Miles Davis ist gerettet.»

Wenn man wie ein Archäologe die Schichten abträgt, aus denen dieses Stück unserer kulturellen Mythologie sich zusammensetzt, stösst man in einer der ersten auf die Idee des Ruhms. Der Künstler kann guter Hoffnung sterben und aus der Zeit verschwinden, weil sein Werk  - «not a bad thing to be remembered for» - in der Zeit überdauert und immer wieder die Bewunderung der Lebenden weckt. Diese Idee des Ruhms ist, könnte uns der Kulturwissenschafter aufklären, heidnischen Ursprungs, insofern sie das Reich Gottes jenseits der Zeit ausschliesst, auf das wir uns hienieden durch christliche Lebensführung vorbereiten. Das macht die Idee des Ruhms auch für die moderne Welt verwertbar, die ja ebensowenig für ein Jenseits ausserhalb existiert, sondern nur für sich selbst.

Der Kulturwissenschafter könnte sich noch für die Frage interessieren, warum selbst unsere Beispielpersonen aus der Wirtschaft Ruhm in der Kunst suchen, statt auf ihrem eigenen Feld, im Aufbau eines Konzerns von weltweitem Ruf - wahrscheinlich hat schon im Altertum die Erfahrung, wie viele grosse Herrscher Imperien errichteten und wie bald sie zerfielen, den Durst nach Ruhm und Kunst und Dichtung abzulenken begonnen, in der allein die einst grossen Namen überdauern. Aber wir wollen jetzt hier die These aufstellen, dass Ruhmsucht vermutlich das Oberflächlichste ist, was unsere Künstlerträume auszeichnet.

Die Sekretärin, in der sich die bedeutendste deutschsprachige Romanautorin des Jahrhunderts anhaltend verbirgt, träumt gewiss auch davon, wie ihr erstes Buch, wenn es endlich da ist, einhelligen Beifall erringt. Aber den Verzweiflungssturm jeden Abend, wenn nur noch Schnaps die Wogen glätten kann, ruft nicht das weitere Ausbleiben des Ruhms hervor; es ist das Ausbleiben der Arbeit. Das Schreiben verweigert sich ihr; kein schlimmerer Schmerz ist denkbar.

Hier zielt die Sehnsucht auf Arbeit. Ich kann sie auch in den Träumen des Syndikus erkennen, wie er sich im Jazzkeller als Saxophonist verströmt, in seliger Selbstvergessenheit. Das entwertet das Aktenstudium und die Konferenzen, die weltweiten Geschäftsreisen und sogar die Macht, folgenreiche Entscheidungen zu treffen, zu Kinderspielen im Sandkasten, albern und wichtigtuerisch, jenseits der Wirklichkeit (der Rechtsanwalt grinst: «So eine Konferenz kommt einem wirklich oft wie ein Sandkastenspiel vor»).

So scheint ausgerechnet in unseren Künstlerträumen ein Grundelement des Marxismus fortzuwirken: die Theorie der sogenannten Entfremdung. Der Mensch bringt sich durch Arbeit hervor, aber noch ohne Souveränität; denn die Ergebnisse seiner Arbeit treten ihm als fremde Mächte gegenüber, statt dass er sich in ihnen selbst verwirklichte. - Tatsächlich sei in den letzten Jahrzehnten, erzählt der Anwalt, viel unternommen worden, um in den Büros und Produktionsstätten Entfremdungsgefühle der Mitarbeiter zu vermindern. Auch auf diesem Feld konnte der Kapitalismus den Sozialismus schlagen, einen Sozialismus, der in puncto Entfremdung längst Kafkas Träume übertraf. «In den fünfziger Jahren sind wir noch Lenins Parole gefolgt», erzählt der Syndikus, «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Heute sehen es die Unternehmensberater genau umgekehrt.» Für meinen Geschmack hört sich «Selbstverwirklichung» inzwischen nach Freizeit an, und ich habe den Geschäftsführer, der nach dem Herzinfarkt umsatteln möchte, im Verdacht, dass er sich unter dem «künstlerischen Beruf» einen ewigen Hobbykeller vorstellt. Dort würde er dem Stress des normalen Arbeitslebens entgehen, von dem ihm die Ärzte erklärt haben, wie er zu seiner Herzkrankheit beiträgt.

Tatsächlich scheinen die Künstlerträume in der Freizeit, in der Konsumsphäre ein weiteres Betätigungsfeld zu haben, wo sehr viele Menschen der Parole der Selbstverwirklichung folgen können, einer Parole, die in der Produktionssphäre nur noch selten erschallt. Töpferei, Ausdruckstanz, Videofilme, experimentelle Fotografie, freie Theaterarbeit, die Kunst des Aquarells: Man studiere die einschlägigen Angebotsseiten in den Zeitungen und Prospekten, um sich von der üppigen Blüte der Künstlerträume einen Begriff zu machen. Sie wuchern bis in die Therapieszene hinein, die ja gleichfalls der Parole der Selbstverwirklichung folgt, bloss dass hier das Werk die eigene Persönlichkeit ist, der du dich endlich mit verehrungsvoller Aufmerksamkeit widmen darfst.

Überhaupt ist der Künstler als Typus seit den Experimenten der Bohème im 19. Jahrhundert massenhaft geworden. Betrachten wir das Kulturcafé, in dem ich mit dem Rechtsanwalt, der die Geschäfte der grossen Industrie betreibt, seine Saxophonistenkarriere erörterte. Hier finden auch Dichterlesungen statt. An den Wänden hängen Bilder, die man kaufen kann, keine Hobbykunst, sondern die Werke anerkannter Maler; das Café ist zugleich Ausstellungsraum. Den Werbemann, den Gymnasiallehrer, die Sozialarbeiterin, die Boutiquebesitzerin, die hier verkehren, können wir - anders als den Syndikus in Anthrazit - nicht anhand der Kleiderordnung identifizieren. Sie bilden jenes individualisierte, unersättlich muntere Kulturpublikum, in dem die Grenzen zwischen Laie und Profi, Produzent und Rezipient verschwimmen.

Alle sind wir irgendwie Künstler geworden.

Was mich persönlich betrifft, so halte ich dies inzwischen für eine feine Sache. Ist es nicht ein Zeichen fortgeschrittener Zivilisation, wenn viele Menschen darauf verzichten können, immer und überall dieselben zu sein? Die Fähigkeit zur Abwesenheit und zur Aufspaltung der Person ist kulturell wertvoll; denn hier und dort zugleich sein zu können ist ein Erfordernis der modernen Welt. Im Dienstwagen Unterlagen für die nächste Konferenz studieren und über den Tod von Miles Davis weinen.

Entsprechend macht mir die Fraktion des Kulturpublikums Sorgen, die sich an ihre Identität klammert wie an einen Fetisch und seinetwegen jeden Kampf mit den Nächsten und Übernächsten riskiert. Und natürlich mit sich selbst: Die Qualen der Sekretärin entstehen aus Grübeleien über ihre Identität, tatsächlich: statt nachzudenken, wie sie ihre Zeit einrichten könnte, um das Buch endlich anzupacken, foltert sie sich mit der Frage, ob sie Schriftstellerin ist, ja oder nein.

Zum wenigsten darf man sich Identität als Besitztum vorstellen - aber das ist ein anderes Thema.

Michael Rutschky lebt als freier Autor in Berlin.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.