NZZ Folio 05/95 - Thema: Nach Kriegen   Inhaltsverzeichnis

Die Macht des Friedens

Mag der Krieg auch eine Sache des Rechts sein - der Frieden ist stets eine Sache der Macht.

Von Jörg Fisch

DIE BEHAUPTUNG, der Krieg sei der Vater aller Dinge, erscheint spätestens seit der Möglichkeit eines die Menschheit auslöschenden Atomkrieges als ebenso falsch wie zynisch. Und doch lässt sich die herausragende Rolle, die der Krieg in der Geschichte gespielt hat und immer noch spielt, nur um den Preis der Wahrheit leugnen. Kriege markieren vielfach die grossen historischen Einbrüche und Wendepunkte, den Beginn und das Ende für Staaten und Völker. Pazifisten und Militaristen, Konservative und Fortschrittsgläubige - sie alle sehen unser Jahrhundert als von den beiden Weltkriegen geprägt. Niemand bestreitet die weltgeschichtliche Bedeutung etwa des amerikanischen oder des chinesischen Bürgerkrieges.

Wie gross ist das Gewicht des Krieges für den Frieden, wie stark werden die Zeiten ohne Krieg vom Krieg geprägt? Sind die Sieger im Kriege auch die Sieger der Geschichte? Die Zusammenhänge sind alles andere als eindeutig, sie sind verwirrend und irritierend.

Ein noch so glänzender Sieg garantiert nicht, dass sich der Sieger auf der Höhe seiner Macht und seines Selbstbewusstseins zu halten vermag oder dass Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft blühen. Das Phänomen des «Sich-zu-Tode-Siegens» ist bekannt und einleuchtend. Wird der Sieg unter äusserster Anspannung aller Kräfte errungen, so fehlen manchmal für lange Zeit die Regenerationskräfte. Der Sieg hat verkrüppelnde Wirkungen. Der Staat siecht dahin und wird zur leichten Beute künftiger Feinde. Das gilt ein Stück weit für Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg oder für Preussen nach dem Siebenjährigen Krieg. Doch auch scheinbar leicht errungene Siege, solche jedenfalls, von denen schwerlich behauptet werden kann, sie hätten die materielle Substanz des Siegers in nennenswertem Masse aufgezehrt, können zum Ausgangspunkt für Perioden der Schwäche werden. Frankreichs Siege 1859 in Italien brachten ihm wenig ein, und selbst Spaniens rasche Siege in Lateinamerika Anfang des sechzehnten Jahrhunderts hatten eher seinen Niedergang als seinen Aufstieg eingeleitet.

Ganz ähnlich, nur ausgeprägter, sind die Verhältnisse bei Unterlegenen. Eine Niederlage, die - gemessen am Gesamtpotential dieses Staates - nahezu vernachlässigbar ist, kann einen Staat in die grösste Krise stürzen, wie das in jüngster Zeit in den USA nach Vietnam und noch mehr in der Sowjetunion nach Afghanistan zu beobachten war. Umgekehrt sind vernichtende Niederlagen keineswegs zwingend der Endpunkt der Geschichte dessen, der sie erleidet. Die Regenerationsfähigkeit Besiegter scheint vielmehr nahezu unbegrenzt, wie Deutschland und Japan nach 1945 schlagend belegen.

Stehen hinter diesem so unterschiedlichen und oft überraschenden Verhalten von Völkern und Staaten nach Kriegen Gesetzmässigkeiten oder wenigstens gewisse Regelhaftigkeiten, oder haben wir es mit puren Zufälligkeiten, mit der Willkür der Geschichte zu tun?

Einfache psychologisierende und moralisierende Deutungsmuster greifen zu kurz. Die Überzeugung, einen ungerechtfertigten Krieg geführt zu haben, braucht die Lebenskraft nach Kriegsende nicht zu dämpfen. Solche Gefühle mögen sich in der Sowjetunion nach Afghanistan und noch stärker in den USA nach Vietnam ein Stück weit lähmend ausgewirkt haben, nicht aber in Deutschland und Japan nach 1945. Namentlich in Deutschland war die Zerknirschung über die eigene Schuld nicht nur geheuchelt, und dennoch haben die Vitalität und die materielle Regenerationsfähigkeit der Deutschen darunter nicht gelitten.

Auf der andern Seite kann das Gefühl, ungerecht behandelt und gedemütigt worden zu sein, entweder zum Stachel werden, der zu äusserster Anstrengung antreibt, oder aber zu Apathie führen. Noch weniger scheint die Überzeugung von der Gerechtigkeit der eigenen Sache dem Sieger die Fortdauer seines Erfolges in die Friedenszeit hinein zu garantieren, so wie umgekehrt das (meist uneingestandene) Wissen darum, in einem gänzlich ungerechtfertigten Raubkrieg schwache und unschuldige Gegner unterworfen zu haben, häufig lediglich als Ansporn für weitere - und oft erfolgreiche - militärische, wirtschaftliche und ideologische Unternehmungen wirkt. Es hat lange gedauert, bis das (durchaus vorhandene) Bewusstsein der Fragwürdigkeit der europäischen kolonialen Eroberungen in Übersee den Siegeszug der Europäer in nennenswerter Weise beeinträchtigt hat.

Hier kommt ein grundlegender Aspekt von Krieg und Frieden ins Spiel: die Gerechtigkeit. Die Frage nach der Gerechtigkeit des Krieges hat eine lange Geschichte. Vor allem in der europäischen Tradition entstand daraus eine förmliche Lehre vom gerechten Krieg. Die darin aufgestellten Kriterien wechselten im Lauf der Zeit; nie aber galt ein Krieg automatisch als gerecht. Vielmehr mussten dafür bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Das schloss aber ein, dass der Krieg ein Instrument zur Durchsetzung eines Rechts, oder von Recht überhaupt, sein konnte. Er vermochte also der Verwirklichung von Gerechtigkeit zu dienen.

So verbreitet die Redeweise von gerechten oder ungerechten wie auch von fairen, zu harten, zu milden oder sonstwie angemessenen oder unangemessenen Friedenskonditionen ist, so kennt die europäische Tradition in bezug auf den Frieden dennoch keine Entsprechung zur Lehre vom gerechten Krieg.

Was ein gerechter Friede ist oder sein könnte, ist nie systematisch erörtert worden. Das ist kein Zufall. So paradox es klingen mag: während der Krieg, solange er nicht zur Vernichtung der Menschheit führt, als Rechtsinstrument gesehen werden kann, ist dies beim Frieden, bei dem man ja gemeinhin viel eher an Aspekte des Rechts denkt, nicht möglich. Der Krieg mag vielleicht die Folge eines Rechtsstreits sein und damit ein Mittel, Recht durchzusetzen. Wird er aber erst einmal geführt, so hat er selbst mit Recht nichts mehr zu tun, es sei denn, man betrachte sein Ergebnis als Gottesurteil, wonach stets derjenige, der im Recht ist, auch den Sieg davonträgt. Eine solche Aussage ist aber nur eine andere Formulierung für den Satz, dass Recht Macht ist, dass das Recht unabänderlich auf der Seite der stärkeren Bataillone steht. Weigert man sich, die Macht auf solche Weise abzusegnen, so gilt, dass auch der von seinem Anlass her gerechteste Krieg in seiner Durchführung nichts mehr mit Recht zu tun hat, da über den Sieg gänzlich andere Faktoren entscheiden. Clausewitz' Formel vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln gewinnt hier eine neue Bedeutung: die Mittel sind diejenigen der Gewalt, des simplen Kräftemessens, das jeglichen Gedanken an Recht und Gerechtigkeit ausschliesst.

Der Friedensschluss als Konsequenz aus den am Ende des Krieges herrschenden Bedingungen widerspiegelt also nicht die Rechts-, sondern die Machtverhältnisse, insbesondere die militärischen. Es wäre nicht nur unrealistisch, sondern auch unsinnig, vom Frieden zu verlangen, dass er einen Rechtsstreit nach Prinzipien der Gerechtigkeit beendet. Denn es ist die unausweichliche Folge des Kriegsausbruches, dass nur noch die Macht und nicht mehr das Recht den Ausschlag gibt. Würde sich am Ende des Krieges eine Partei weigern, die Entscheidung anzuerkennen, indem sie sich plötzlich auf irgendwelche Rechte statt auf die Machtverhältnisse beriefe, so würde sie die Spielregeln verletzen. Es ist zum Beispiel widersinnig, um ein Gebiet einen Krieg zu führen und sich hernach plötzlich auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu berufen und eine Volksabstimmung zu verlangen, um so dem Sieger die Beute doch noch entreissen zu können. Man hätte die Abstimmung dann eben vor dem Krieg durchführen müssen. Hätten die Alliierten im Zweiten Weltkrieg verloren, so hätte es ihnen nichts gebracht, sich auf ihre gerechte Sache zu berufen und die Methoden und Ziele ihrer Gegner als verbrecherisch zu verurteilen.

Der Friedensschluss, und ganz allgemein die Kriegsbeendigung, ist demnach unvereinbar mit den Prinzipien der Gerechtigkeit. Nicht, weil er an und für sich ungerecht ist, sondern weil er sich auf Grund der Spielregeln des Krieges ergibt. Man kann nicht von einem gerechten oder einem ungerechten, sondern nur von einem harten oder einem milden Frieden sprechen. Soll trotzdem von Recht die Rede sein, so handelt es sich um das Recht des Siegers, dem alles zusteht, was er durchzusetzen vermag. Wenn die Frage nach der Gerechtigkeit eines Friedens von vornherein falsch gestellt ist, dann lässt sich auch die Frage nach der Stabilität und Haltbarkeit, vielleicht sogar nach dem Versöhnungspotential eines Friedensschlusses nicht mit ihr verbinden. In unserem Jahrhundert ist oft beklagt worden, die Kunst des Friedensschliessens sei abhanden gekommen. Darunter wird der höfliche, ja ritterliche Umgang des Siegers mit dem Besiegten, der Verzicht auf harte Behandlung und auf Demütigung, die Wahrung des Stolzes und der Selbstachtung des Besiegten verstanden.

Doch zwischen solchen Umgangsformen und der Stabilität des Friedens besteht keinerlei Zusammenhang. Als die Alliierten 1814 Frankreich milde behandelten, mussten sie ein Jahr später schon wieder gegen Napoleon ins Feld ziehen. Da die Deutschen 1919 davon überzeugt waren, eigentlich die Sieger zu sein, hätten sie jeden noch so milden Frieden, der sie als Besiegte behandelte, innerlich abgelehnt. Umgekehrt brachte die unnachsichtige Strenge, mit der die Besiegten 1945 ohne jede Rücksicht auf ihren Stolz und ihr Selbstwertgefühl angefasst wurden, der Welt eine der längsten und stabilsten Friedensperioden der Geschichte.

Die Stabilität einer Friedensregelung hängt nicht von Fragen der Härte und Milde ab, sondern davon, ob die Kräfteverhältnisse, die zur Zeit des Friedensschlusses galten, auch in der Folgezeit Bestand haben. Das bedeutet in erster Linie, dass der Sieger die Fähigkeit und den Willen haben muss, den von ihm geschaffenen Zustand aufrechtzuerhalten.

Weshalb nun können Kriege für die beteiligten Parteien die unterschiedlichsten und unerwartetsten Folgen haben? Was zunächst als positive oder als negative Folge eines Krieges erscheint, erweist sich bei genauem Hinsehen oft als blosse Fortsetzung eines langfristigen Trends, der durch den Krieg verlangsamt oder unterbrochen worden ist.

Das zeigt sich besonders deutlich in der neuzeitlichen Wirtschaftsentwicklung. Am Beginn stand die langsame, alle andern Staaten hinter sich lassende wirtschaftliche Expansion Englands in der Industrialisierung. Weitere Staaten folgten mit einem gewissen zeitlichen Abstand, dafür mit höheren Wachstumsraten, was dazu führte, dass sie England ein- oder gar überholten, bevor sich ihr Wachstum ebenfalls verlangsamte. Sieht man sich diese Kurven an, so wird deutlich, dass Kriege zwar enorme Einbrüche gebracht, die langfristigen Trends aber kaum beeinflusst haben. Wenn ein Staat sein Wachstum auf Dauer verlangsamte, so war das in der Regel nicht die Folge eines Krieges. Der phänomenale wirtschaftliche Aufstieg der USA im 19. und 20. Jahrhundert etwa mag die Teilnahme des Landes an manchen Kriegen begünstigt oder gar provoziert und zum Sieg beigetragen haben; aber er war sicher weder ein Produkt von Kriegen, noch wurde er durch solche wesentlich beeinträchtigt.

Ähnliches gilt für die Bevölkerungsentwicklung, allen ungeheuren Menschenverlusten in Kriegen zum Trotz. Die entscheidenden Faktoren, die die Bevölkerungszahl in den letzten zweihundert Jahren bestimmt haben, sind medizinische Fortschritte einerseits und andererseits vor allem mit der Industrialisierung zusammenhängende gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Erstere führten zu einer starken Zunahme, letztere, nachdem sie anfänglich ebenfalls beschleunigend gewirkt hatten, zum allmählichen Rückgang des Wachstums. Noch mehr als bei der Wirtschaft erweisen sich Kriege hier als blosse Einbrüche, die hinterher rasch ausgeglichen werden, weshalb denn alle Hinweise auf Kriege als Mittel zur Regulierung der Bevölkerung nicht nur zynisch, sondern auch sachlich unzutreffend sind. In vorindustrieller Zeit waren ebenfalls nicht Kriege, sondern allenfalls Epidemien Faktoren, die langfristige Bevölkerungsentwicklungen entscheidend bestimmten. Schwieriger wird der Nachweis solcher Kontinuitäten in Bereichen, die nicht in gleicher Weise quantifizierbar sind. Auffällig ist indessen, dass Kriege erstaunlich selten zu grundlegenden sozialen Revolutionen geführt haben. Die grosse Ausnahme ist die russische Revolution von 1917. Viel häufiger bewirken soziale Revolutionen ihrerseits Kriege, meistens Bürgerkriege. Das gilt von der Französischen über die mexikanische bis zur chinesischen Revolution. Eigentliche Staatenkriege lassen in der Regel die sozialen Verhältnisse wenn nicht unangetastet, so doch in ihrem Kern bestehen. Eine dynamische Gesellschaft wird durch den Krieg ihre Wandlungsfähigkeit kaum verlieren; eine statische wird auch nach einem Krieg starr bleiben.

Noch schwerer fällt ein Urteil im Bereich des kulturellen Lebens. Hier können Kriege zweifellos Schocks bewirken und Umbrüche hervorrufen. Gleichwohl dürfte sich die Kulturgeschichte kaum eines Volkes sinnvoll anhand von Kriegen einteilen lassen. Klassik und Idealismus in Deutschland etwa zeigen eine erstaunliche Kontinuität über eine Periode von weltgeschichtlich höchst folgenreichen Revolutionen und Kriegen hinweg. Ähnliches gilt für die «Goldenen Jahrhunderte» in Spanien, Frankreich, den Niederlanden und anderswo. Das soll aber nicht heissen, dass Kriege unbedeutende Episoden für die Völker sind. Wohl aber gilt, dass die Auswirkungen von Kriegen - wiederum: solange diese nicht zur Zerstörung der Menschheit insgesamt führen - sich nicht allein aus der Kriegszeit ableiten lassen, sondern erst im grösseren Rahmen der längerfristigen Entwicklung und der gesamten Geschichte eines Landes verständlich werden.

Der Krieg ist vielleicht nicht der Vater aller, aber er ist nach wie vor der Vater vieler Dinge. Nur hat man bei diesem Ausspruch in der Regel vergessen, dass es ohne Mütter keine Väter gibt, ganz abgesehen davon, dass die Funktionen der Mutter beim Werden neuen Lebens unendlich vielfältiger sind als die des Vaters. Was der Krieg erzeugt, hängt von dem ab, was die betreffenden Staaten, Völker und Gesellschaften vor dem Kriege waren und an Möglichkeiten und Fähigkeiten, an Schwächen und Einschränkungen mitbrachten. Wenn der Krieg der Vater vieler Dinge ist, dann ist der Friede - und das, was sich von ihm im Kriege erhält - ihre Mutter.

Jörg Fisch ist Professor für allgemeine neuere Geschichte an der Universität Zürich; er lebt in Zürich.


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