NZZ Folio 11/92 - Thema: Geheimdienste   Inhaltsverzeichnis

Frankreich liegt in Afrika

Die DGSE auf dem Schwarzen Kontinent.

Von Jean Guisnel

Der französische Auslandnachrichtendienst, die Direction générale de la sécurité extérieure (DGSE), wäre den Augen der Welt verborgen geblieben, hätte er nicht am 10. Juli 1985 im Hafen des neuseeländischen Auckland die «Rainbow Warrior», das Flaggschiff von Greenpeace, in die Luft gesprengt. Die unglückselige Tat löste den grössten Politskandal im Frankreich der Ära Mitterrand aus; er bewirkte auch die Rückkehr der DGSE auf ihr bewährtes Betätigungsfeld: Afrika.

Für die französischen Spione ist der Schwarze Kontinent vertrautes Terrain - sie sind dort zu Hause seit der Entkolonisierung in den sechziger Jahren. Die ehemalige Schutzmacht hat ein wachsames Auge auf Afrika, wo sie auch einen bedeutenden militärischen Apparat unterhält. Abkommen zur militärischen Zusammenarbeit binden Paris an 23 afrikanische Staaten. Davon haben 8 weitergehende Verteidigungsabkommen unterzeichnet: Kamerun, die Komoren, Côte d'Ivoire, Djibouti, Gabon, die Zentralafrikanische Republik, Senegal, Togo. Und besonders eng an Frankreich gebunden sind Rwanda und Tschad. Alle diese Staaten können im Falle von Schwierigkeiten mit prompter militärischer Unterstützung rechnen - direkt aus Frankreich oder von den vorgeschobenen Truppen auf dem afrikanischen Kontinent. Diese Truppen beschützen etwa die Republik Tschad seit den siebziger Jahren vor den Übergriffsgelüsten des mächtigen Nachbars Libyen. Aber bevor die Mirages, die Fallschirmspringer und die Panzer eingreifen, kommt oft die DGSE zum Einsatz - als «Wegbereiter» sozusagen. Die Aufgabe wird von ihrer operationellen Unterabteilung «Action» übernommen: Die massiv bewaffnete und hochtrainierte Eliteeinheit ist - mit Hängegleitern, Spezialtaucherausrüstungen, Schnellbooten usw. - äusserst mobil. Sie wurde mehrmals in Tschad eingesetzt, bevor sich die Truppen des Obersten Ghadhafi von dort zurückzogen.

Konkret schaltet sich die DGSE dann ein, wenn Frankreichs Regierung verdeckt agieren will. 1981 beispielsweise lieferte die Abteilung «Action» Sudan - mit Hilfe ägyptischer Armeeflugzeuge - Waffen, die es dem dorthin exilierten tschadischen Oppositionellen Hissène Habré ermöglichten, den Präsidenten seines Heimatlandes, Goukouni Oueddei, zu besiegen. Und weniger als zehn Jahre später leistete dieselbe Abteilung der Bewaffnung des neuen Freischärlers Idriss Déby Vorschub. Sich mit der Zuschauerrolle begnügend, liess die DGSE ihn und seine Leute mit einigen Dutzend Toyotas durch die Wüste ziehen: Er war mit seinen Truppen aus Sudan aufgebrochen, um seinerseits Hissène Habré im Dezember 1990 zu stürzen. Die Schlüsselfigur, die die Franzosen in Débys direktes Umfeld eingeschleust haben und die heute noch dort weilt, ist der DGSE-Oberst Paul Fontbonne. Nachdem er Ende 1991 nicht imstande war, die blutige Unterdrückung der Opposition gegen Déby zu verhindern, beauftragte Paris den DGSE-Agenten damit, an dessen Seite pro forma eine Politik des «Übergangs zur Demokratie» zu verfolgen. So wurde der offizielle Kanal, die französische Botschaft, sozusagen ausgeschaltet.

Obwohl das Land besonders arm ist, bleibt Tschad ein wichtiger Stützpunkt des französischen Apparats im Herzen Afrikas, ebenso wie die nahegelegene Zentralafrikanische Republik. Auch sie wird teilweise von einem Offizier der DGSE, Oberst Jean-Claude Mantion, regiert, dem von Präsident André Kolingba die Aufsicht über die gesamte Polizei übertragen worden ist. Unter den Fittichen Frankreichs hat sich die Regierung der Zentralafrikanischen Republik einem Demokratisierungsprozess verpflichtet - nicht ohne im Rahmen einer nationalen Konferenz zu beschliessen, von den Franzosen einen hohen Zins für die Benützung der Militärbasen in ihrem Land zu verlangen.

Es gibt kein afrikanisches Land, das sich der Wachsamkeit der DGSE entziehen kann. Ihr Direktor, Claude Silberzahn - der geheimste aller hohen französischen Funktionäre -, fühlt sich überaus heimisch auf afrikanischem Terrain. Er ist ein häufiger Gast auf dem Kontinent, dessen Geheimdienstchefs und Staatsoberhäupter ihm natürlich allesamt bestens bekannt sind. Seit zwei Jahren sind es aber vor allem zwei Länder, die den französischen Geheimdienst besonders interessieren: Algerien und Südafrika. «Alles andere ist momentan sekundär», bekräftigt ein Funktionär der DGSE.

Die Gründe für Frankreichs Interesse an Algerien sind offensichtlich; die Erinnerung an die gewaltsame Entkolonisierung ist nur einer von ihnen. 560 000 algerische Staatsbürger leben in Frankreich, sie sind die zweitstärkste Gruppe von Immigranten nach den Portugiesen. Die Devisen, die sie in ihr Heimatland schicken, machen sie zu einem bedeutenden Faktor in der algerischen Wirtschaft. Frankreich zeigt sich beunruhigt über den fortschreitenden islamischen Fundamentalismus in Algerien; besonders seit den blutigen Demonstrationen vom Oktober 1988, die schliesslich zum Sieg der Islamischen Heilsfront bei den Wahlen im Dezember 1991 und zum darauffolgenden Staatsstreich im Januar dieses Jahres führten. Die französischen Geheimdienste und den algerischen Geheimdienst verbindet eine enge, historisch bedingte Beziehung: Nach den Geiselnahmen von Franzosen in Libanon ab 1985 und den Attentaten in Paris 1986 wurde der militärische Sicherheitsdienst Algeriens zum geheimen Vermittler zwischen Paris und verschiedenen Gruppierungen islamischer Aktivisten.

Aus diesen guten Beziehungen ergibt sich, dass die DGSE in Algerien stark an ihre institutionellen Quellen gebunden ist. So sehr, dass sie manchmal erprobte Methoden vernachlässigt, etwa die Auswertung der äusserst fruchtbaren Informationen, die der Nachrichtensatellit Spot liefert. So kam es, dass die DGSE im April 1991 von diplomatischen Kreisen scharf kritisiert wurde: Ihr war der Aufbau einer chinesischen Nuklearanlage in Ain Oussera, 125 km südlich von Algier, entgangen (im Gegensatz zu den Amerikanern); einer Anlage, die acht Kilo Plutonium pro Jahr produzieren könnte, genug für den Bau einer Atombombe. Auf diese Enthüllungen hin begaben sich französische Agenten in die Gegend, kamen jedoch nicht nah genug heran, um sich ein konkretes Bild der Anlage zu verschaffen.

Die französischen Spione konnten Paris fast eine Woche im voraus über die Machtübernahme der algerischen Militärs und die Bildung des von Mohammed Boudiaf präsidierten Staatskomitees am 14. Januar 1992 unterrichten. Später aber wurden die Franzosen und insbesondere die DGSE von einigen algerischen Fraktionen beschuldigt, die Ermordung Boudiafs am darauffolgenden 29. Juni angestiftet zu haben. Der französische Geheimdienst seinerseits gibt sich überzeugt, dass die Täter in den Reihen der algerischen Machthaber selbst zu suchen seien, genauer: in der Armee.

In einer vielbeachteten Rede am sechzehnten französisch-afrikanischen Gipfeltreffen in La Baule am 21. Juni 1990 machte Präsident Mitterrand die Zusicherung französischer Wirtschaftshilfe abhängig vom Voranschreiten der Demokratisierungsprozesse in den afrikanischen Staaten. Diese Erklärung weckte den Zorn des marokkanischen Herrschers, Hassans II., eines alten Bekannten der DGSE und des Service de documentation extérieure et de contre-espionnage (SDECE), wie sich der französische Geheimdienst bis April 1982 nannte. Ein alter Bekannter ist Hassan primär, weil Marokko 1965 - mit der Unterstützung von Leuten aus dem SDECE - die Entführung und spätere Ermordung des marokkanischen Oppositionellen Mehdi Ben Barka in Paris veranlasste. Hassan, der ein standhafter Verfechter eines westlich angehauchten Islams geblieben ist, wurde im Laufe der Jahre zudem fast gezwungenermassen zum Mittler zwischen den islamischen arabischen Staaten und der übrigen Welt. Nach Mitterrands Erklärungen in La Baule folgte eine noch grössere Krise, als Gilles Perrault sein Buch «Notre ami le roi» publizierte, das die schweren Menschenrechtsverletzungen in Marokko anprangert. Bei der Beilegung dieser Krisen und der Wiederherstellung wohlwollender Beziehungen spielte die DGSE eine entscheidende Rolle.

Heute nehmen die marokkanischen Geheimdienste ihren Platz im besonders vertraulichen Médiclub ein, einer Organisation, in der sich um die DGSE die Mehrzahl der Dienste der Mittelmeeranrainer scharen: Italiener, Spanier, Marokkaner, Tunesier und Algerier werden sich noch vor Ende dieses Jahres in Paris zu einem Geheimtreffen einfinden, um die Kooperation zu erörtern im Kampf gegen den islamischen Fundamentalismus oder gegen die Mafia - eine neue Zielscheibe aller europäischen Geheimdienste. Zu diesem Klub der Spione haben allerdings drei Beteiligte keinen Zutritt: die Griechen und die Türken, die dort genausowenig wie anderswo miteinander ins Gespräch zu kommen vermöchten, und die Libyer, die bemerkenswerterweise einen offiziösen Beitrittsantrag gestellt haben.

Es muss festgehalten werden, dass Libyen - obwohl es nicht zu den Ländern gehört, mit denen man offiziellen Umgang pflegt - für die DGSE durchaus nicht das Schreckensgespenst darstellt, das andere Länder in ihm sehen. Wohl wird Libyen seit langem aus nächster Nähe überwacht, hat es doch den palästinensischen, islamischen oder irischen Terroristen aktive Hilfe geleistet; aber gleichzeitig hat das Land es verstanden, sich Kontakte zu den französischen Geheimdiensten zu bewahren. Als Chef des Auslandnachrichtendienstes kennt Oberst Abdel Kader al-Dibri seine Pariser Kollegen bestens. Und er ist nahe daran, sie davon zu überzeugen, dass sein Land sich heute tatsächlich vom internationalen Terrorismus distanziert und nicht direkt beteiligt war an den Bombenattentaten gegen die Boeing 747 der Panam über Lockerbie und gegen die DC-10 der Fluggesellschaft UTA, die im September 1989 auf dem Flug von Ndjamena nach Paris explodierte. Die beiden Attentate forderten 440 Tote, und die amerikanische CIA hält ihrerseits an der Überzeugung fest, dass vier Libyer in diese mörderischen Aktionen verwickelt sind.

Von Absichtserklärungen zur politischen und diplomatischen Realität ist es ein weiter Weg. Eigentlich hat sich die oft pervertierte Beziehung Frankreichs zu seinen ehemaligen Kolonien auch seit Mitterrands Rede von La Baule in keiner Weise verändert. Trotz offiziellen Dementis fährt Paris wie in alten Zeiten fort, sich nicht darum zu kümmern, unter welchen Umständen die starken Figuren Amerikas an die Macht gelangen und sich dort auch halten können. Die Menschenrechte wiegen auf dem Schwarzen Kontinent wenig, gemessen an den globalen Wirtschaftsinteressen - dem Zugang zu Rohstoffen und Agrarprodukten. Und sie wiegen wenig gemessen am Interesse daran, dass das grosse geopolitische Gleichgewicht und die aus der Zeit der Entkolonialisierung stammende Grenzziehung erhalten bleiben. Zudem will Frankreich einen massiven amerikanischen Aufmarsch auf dem Kontinent verhindern, die durch den Rückzug der Sowjetunion entstandenen Löcher wieder stopfen, Allianzen vor der Auflösung bewahren, die fortschreitende islamische «Eroberung» stoppen.

Für so viele Ziele kämpft die DGSE im Namen Frankreichs; dafür stehen 3000 Beamte (von denen zwei Drittel Militärs sind) permanent im Einsatz. Überall auf dem Kontinent unterhält die DGSE Abhörstationen. Überall suchen ihre Agenten die Nähe zu den Staatsoberhäuptern. Überall greifen ihre Flugzeuge oder ihre Helikopter in geheimen Aktionen ein, um strategische Schwachpunkte zu stärken, um Truppen zu verschieben, um den Einfluss einer Bande oder eines rebellischen Stammes einzudämmen. In den letzten Monaten hat die DGSE die Lage auf den Komoren nach der Ermordung des Präsidenten Ahmed Abdallah Abderrahman im November 1989 militärisch kontrolliert und den Söldner Bob Denard zur Abreise nach Südafrika veranlasst. Und mit Hilfe ihrer Leute in der Präsidialgarde hat sie den neuerlichen Versuch eines Staatsstreiches gegen den Präsidenten Said Mohammed Djohar am vergangenen 26. September zerschlagen können. Die DGSE hat ebenfalls die französische Militärintervention in Gabon im Mai 1990 vorbereitet und - immer im verborgenen natürlich - die Ausbreitung einer Rebellion in Rwanda im Frühling 1992 unterbunden.

Derzeit schenkt die DGSE den Entwicklungen am Horn von Afrika besondere Aufmerksamkeit. Sie überwacht die Situation in Djibouti aus nächster Nähe so gewissenhaft, dass der wankelmütige Präsident Hassan Gouled Aptidon sie beschuldigt, seine Gegner mit Waffen und Geld zu versorgen. In Wirklichkeit scheint diese Unterstützung eher von gewissen Fraktionen aus dem Aussenministerium zu kommen. Denn der hohe Einsatz, der auf dem Spiel steht, bringt die Franzosen so weit, dass sie sich sogar untereinander bekämpfen. Ein weiterer Krisenherd dieser Region ist Sudan, in dessen drei Nachbarstaaten - Tschad, Libyen, Ägypten - unstabile Verhältnisse herrschen. Die französischen Geheimdienste sehen dort ein neues Zentrum den islamischen Fundamentalismus und verfolgen genau die Aktionen eines charismatischen Führers, dessen ideologischer Einfluss sich momentan im islamischen Afrika ausbreitet: Hassan Turabi. Die DGSE ist beunruhigt darüber, dass fundamentalistische Aktivisten aus Tunesien - dem angesichts der hohen Delinquenz und der Korruption des Regimes wohl schwierige Zeiten bevorstehen - sudanesische Pässe auf sich tragen.

Setzt man sich mit den Beziehungen zwischen den französischen Geheimdiensten und Afrika auseinander, darf ein wichtiger Punkt nicht vernachlässigt werden: Paris ist eine der Hauptstädte Afrikas. Die ehemalige Kolonialmacht verbinden weiterhin enge Bande mit ihren früheren Abhängigkeitsgebieten. Senegal, Mauretanien, Mali, Kamerun, Benin, Togo, die Côte d'Ivoire, Gabon - Staaten, die über wichtige Naturschätze verfügen - unterhalten Wirtschaftsbeziehungen zur ehemaligen Metropole, und es sind beachtliche Geldmengen im Umlauf. Die französischen Geschäftsleute und die afrikanischen Politiker bilden ein harmonisches Gespann in einer geschlossenen Gesellschaft, in der auch einige Journalisten und Politiker verkehren: auf letztere wirken vor allem die Möglichkeiten anziehend, die der Kontinent für die diskrete Finanzierung politischer Parteien in Frankreich bietet.

In diesem von Hungersnöten und Unterentwicklung geplagten Erdteil ist die DGSE in ein pyramidenförmiges System von Allianzen eingebunden, dessen Spitze das Elysée bildet. Für jeden afrikanischen Staatschef läuft die Beziehung zu Frankreich über Mitterrand. Um dieser Tatsache Nachdruck zu verleihen, stellte der französische Präsident seinen Sohn Jean-Christophe an die Spitze der «cellule africaine», eines Gremiums, über das die persönlichen Beziehungen afrikanischer Präsidenten und Geschäftsleute zum Elysée laufen. Inzwischen ist Mitterrands Sohn - in Afrika erhielt er den Übernamen «Papamadi» (Papa m'a dit) - vom Diplomaten Bruno Delay abgelöst worden. (Der wiederum war des öfteren damit beauftragt, diesem oder jenem Kollegen Mitterrands private Nachrichten zu überbringen.) Eine andere wichtige Figur im Elysée für die französisch-afrikanischen Beziehungen ist der Leiter des persönlichen Stabes des Präsidenten, General Christian Quesnot. Weiter von Bedeutung sind das Aussenministerium, das Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit - es ist verantwortlich für die Hilfszahlungen an die afrikanischen Länder - und natürlich das Verteidigungsministerium, das die Administration der DGSE besorgt.

Bei den Wahlen vom März 1993 wird auch über die Zukunft der französischen Dienste in Afrika entschieden werden. Der politische Wechsel und die Rückkehr der Rechtsparteien ins Regierungsgeschäft erscheinen unausweichlich, und die neuen Machthaber werden sich den Leckerbissen Afrika nicht entgehen lassen. Doch welche Politik werden sie dort verfolgen? Es ist nicht auszumachen, was sich substantiell verändern könnte - so festgefahren erscheint Frankreichs Haltung gegenüber diesem Teil der Welt seit Beginn der fünften Republik im Jahre 1958.

Jean Guisnel ist Redaktor der «Libération»; er lebt in Paris. 1988 hat er mit Bernard Violet das Buch «Services Secrets, le pouvoir et les services de renseignement sous François Mitterrand» veröffentlicht.


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