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NZZ Folio 02/98 - Thema: Computermenschen Inhaltsverzeichnis
E-Mail -- Aus dem Leben der Eintagsfliegen
Von Franz Zauner
IN DEN EHRBARSTEN Buchhandlungen hat sie sich schon festgesetzt, in den Computerläden verstopft sie sowieso alle Regale: die revolutionäre Killer-Applikation BUCH(TM), nicht zu verwechseln mit ihrem Vorläufer, dem Buch.
Bücher enthalten nur Gedanken, BUCH(TM) verrät die Geheimnisse der EDV. Was schillernder ist, sieht man schon am Cover: Bei BUCH(TM) trägt es 16 Millionen Farben, alle auf einmal. Sie leuchten irisierend aus futuristisch anmutenden Glasfaserglitzerköstlichkeiten, sie glühen im Neonlicht schwer illuminierter Phantasieplatinen. Dreidimensionale Buchstaben, grösser als die grössten Katastrophen-Lettern, werfen die Schatten des Inhalts voraus. So und nicht anders sagt man auf der Höhe der Zeit: Nimm mich! Manchmal hilft eine Banderole dabei, die Augenweide richtig einzuordnen: «Markenqualität eines internationalen Verlages».
Je bunter die Erscheinung, um so schneller der Alterungsprozess. Das haben Computerwissen und Eintagsfliegen gemeinsam. Beim Facettenreichtum endet der Vergleich: Ganz tolle BÜCHER(TM) heissen einfach Buch, also zum Beispiel «Das Buch Linux» oder «Das grosse Buch Netscape Navigator 4». Bei den gewöhnlichen Prachtstücken ist man entweder «Inside», etwa «Inside Visual C++», oder frönt dem «Using», wobei sowohl hinter «Inside» als auch hinter «Using» jede erdenkliche Zeichenkombination zulässig ist. Deshalb ist «Using MFC and ATL» ein lieferbarer Titel.
Werke zur Erbauung beginnen in der Regel mit «Teach Yourself» und enden mit «21 Days». Der Hund liegt dazwischen begraben: «Teach Yourself Java in 21 Days». Wem drei Wochen für das Erlernen einer komplizierten Programmiersprache zu lang erscheinen, der sollte mit dem Kauf zuwarten. Der zukunftsweisende Band «Teach yourself C in 24 Hours» zeigt, dass die Datenübertragungsraten noch erheblich gesteigert werden können.
Spricht man über BUCH(TM) so, wie in BUCH(TM) geschrieben wird, lässt sich folgendes sagen: BUCH(TM) funktioniert nach dem persistenten Konzept stromloser, asynchroner Gedankenübertragung. Im biegsamen Paperback-Gehäuse enthält es standardmässig wenigstens 700 White Pages, beidseitig gepuffert. Seine Daten werden im High-End-Bereich in den Fonts Helvetica, Times New Roman und Courier gecacht, während das gewöhnliche Buch bestenfalls in der Betriebsart «kursiv» und sonst überwiegend gerade daherkommt. Denn BUCH(TM) ist nicht nur die Zierde jedes Sortiments, sondern auch die auffälligste Geheimschrift, die je existierte.
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