Shop


 Audio


NZZ Folio 09/07 - Thema: Sicherheit   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Bolide an der Bar

© Heinz Unger
In der Hausbar werden Alkohol und Steuer gefahrlos kombiniert. Linktext
Ein Finanzberater mit erfülltem Bubentraum? Ein seilspringender Carrosserie-Fan? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Die drei Bilder wollen sich nicht recht zu einer Einheit fügen: glasklare Eleganz im Bad, ofenwarm-heimelig im offenen Livingbereich, bombig originell in der Wohngarage. Vor dem Hinterteil des orangen Porsches schwebt der Tisch wie eine Fischflosse über der Treppe – mit Aussicht auf kein Meer. Bei Häppchen und Wein­degustation wird auf den Barhockern vielleicht in Erinnerungen geschwelgt, an damals, als sportliche Betätigung über die Rennbahn sausen hiess und nicht Springseiltraining im Fitnessraum.

Ein bisschen angestrengt wirkt das Ganze. Bestimmt hat unser Bewohner viel und geschickt für dieses Wohnoutfit gearbeitet. Ist er vielleicht in der Finanzbranche tätig oder ein Selfmademan mit kaufmännischem Geschick und Gefühl für den Markt? Das Auto hat er zumindest perfekt ins Haus importiert. Wer sich so etwas leisten kann, ist kein Jüngling mehr, eher aus den 1940ern. Unser Mann setzt sich zum Feierabend gern mit einer Packung Guetsli aufs Sofa, das Lagerfeuer im Hightechofen, das B-&-O-Equipment dient zur Information und zur Unterhaltung.

Die Traumfrau findet vorerst vermutlich in den Träumen statt, jedenfalls hat sie bisher das Doppelwaschbecken nicht mit ihren Kosmetika bestückt. Viel Raum und Licht präsentieren sich uns, doch wirklich Persönliches eröffnet sich dem Besucher eigentlich nicht, es sei denn, man zählt Handtuch und Zahnbürste dazu.

Durchs Badezimmerfenster sehen wir das Nachbarhaus, vielleicht ist es dem unseren ähnlich. Drinnen aber hat jeder sein Reich nach seinem individuellen Geschmack gestaltet, und über den lässt sich nicht streiten. Der Bewohner hat sich lebensfroh seinen Bubentraum erfüllt, er zeigt ihn gerne her und hat selbst am meisten Freude daran.

Ingrid Feigl


Der Innenarchitekt

Wie mag der Porsche in diesen gang­artigen Raum gekommen sein, und was hat er hier verloren? Sind wir in einer umgebauten Garage beziehungsweise dem Partyraum eines Junggesellen, der selbstbewusst das Hinterteil seines Sportwagens präsentiert? Oder demonstriert er uns lediglich, wie man in seiner eigenen Hausbar gefahrlos alkoholisiert am Steuer sitzen kann?

Ein netzartiges Gewebe überspannt die Szene und lässt den Raum dunkler wirken, was einer Hausbar nicht schadet. Die Bartheke, vermutlich eine Spezialanfertigung aus Metall, steht linear an einem Treppenabgang. Leider schauen bei dieser Anordnung alle Barbenutzer auf die weisse Wand – was die Kommunikation nicht fördert. Ein Spiegel könnte für Abhilfe sorgen.

Im Gegensatz zu diesem Raum, in dem ein Jungmanager aus der Werbe- oder der Investmentbranche seine Hausbar städtisch und als Kunstinstallation inszeniert, entpuppen sich die restlichen Räume als sehr rustikal. Was in der Bar an warmen Tönen fehlt, wird im Wohnraum wettgemacht: viel Nadelholz kombiniert mit braunem Leder und beigem Stoffbezug der Polstergruppe. Akzente werden mit der Fernsehanlage und dem Sisalteppich unter dem Clubtisch gesetzt.

Den Höhepunkt bildet das Cheminée. Wie ein Totem dominiert es den Raum, spielt selbst den Fernseher an die Wand. Ob Auto, Kühlschrank oder Cheminée: Was an Carrosserien an diesen Objekten fast zu viel ist, fehlt deutlich an den Wänden, die kahl sind. Nur im Bad keimt einsam die Hoffnung: Eine echte Topfpflanze – wer hätte das für möglich ge­halten?

Stefan Zwicky


Toni Bardellini, Winzer

«Demnächst geht es auf den Salzburgring. Dafür wird der Porsche in einem Anhänger ans Ziel chauffiert. Ich nehme an Wald- und Wiesenveranstaltungen teil, ab und zu gewinne ich einen Pokal. Rennen zu fahren, ist für mich so erholsam wie für andere ein Waldspaziergang.

Der Porsche ist auf 310 Kilometer pro Stunde ausgelegt, er wird aber schneller, wenn er nicht mehr so neu ist. Ich habe ihn erst letzten Herbst im Werk in Stuttgart abgeholt. Das ist die schärfste Version, der 911 RS auf Leichtbau getrimmt. Was er kostet? Über 200 000 Franken. Ich bin aber nicht so ein Weichbecher, der das Auto aus Prestigegründen besitzt. Für mich ist es Balsam, wenn ich nach einem anstrengenden Tag nach Hause komme, mich mit Freunden an der Bar bei einem Wein zu Benzingesprächen treffe und auf die Maschine schaue.

Schon mit drei Jahren war ich verrückt nach Porsche. In der Familie fragen sich alle, woher ich das wohl habe. Die Geschwindigkeit und das Klangbild haben mich wie ein Virus befallen. Mir konnte es nie schnell genug gehen. Als Bub habe ich das Velo den Hügel hochgeschoben und bin runtergestrampelt. Später hatte ich ein Töffli, das schönste und schnellste im ganzen Kanton. Selbst frisiert.

Alltags fahre ich einen Kastenwagen, um den Wein auszuliefern. Seit ich zwanzig bin, habe ich meinen eigenen Weinbau. Ich bewirtschafte 1,1 Hektaren, als Nebenerwerb, damit ich mir den Motorsport finanzieren kann. Fläsch ist bekannt für seinen Wein. 14 Betriebe leben ausschliesslich vom Weinbau.

Mein Betrieb ist klein, aber fein. Hauptberuflich bin ich in Mels bei der Weinbaugenossenschaft tätig. Ich verwerte dort die Trauben von 55 Bauern. In der Regel beginne ich morgens um sieben mit der Arbeit. Kaum aufgewacht, stelle ich das Radio an, ich höre den ganzen Tag Ö 3.

Geboren bin ich in Chur, aufgewachsen in Maienfeld. Das Haus ist das Elternhaus meiner Mutter. Es ist 500 Jahre alt. Ich bin vor zwölf Jahren eingezogen. Meine Wohnung hat sieben Zimmer. Sie ist so riesig, dass ich im Wohnzimmer einen Kühlschrank stehen habe, damit ich nicht immer so weit in die Küche zu gehen brauche. Meine Mutter wohnt ein Stockwerk tiefer in einer Vierzimmerwohnung. Sie betreibt eine Weinstube, die sich im ausgebauten Keller befindet. Früher war sie Haushälterin im Weingut Schloss Salenegg in Maienfeld. Als sie entlassen wurde, haben wir das ‹Törkali› eröffnet.

Kürzlich habe ich mir einen eigenen Hauseingang bauen lassen. Auch damit meine Mutter nicht kontrolliert, wen ich heimbringe. Ich habe allerdings kaum Zeit, mir ein Schätzi zu suchen. Wenn ich abends um sieben aus Mels nach Hause komme, geht es in meinem Betrieb weiter. Bis Wein ins Glas eingeschenkt werden kann, sind 26 Arbeitsschritte nötig. Eine Hektare Reben bedeutet 600 bis 800 Stunden Handarbeit. Natürlich müsste meine Freundin mit anpacken. Sie sollte aber nicht den ganzen Tag in Gummistiefeln herumrennen oder mehr Saft in den Armen haben als ich.

Meine Wohnung ist immer ordentlich aufgeräumt. Ich bin schon eher pingelig. Übrigens hängen vor meinen Fenstern die schönsten Geranienkästen des Dorfes. Ich kann Ihnen versichern, alle Hausfrauen sind neidisch auf diese Blütenpracht. Meine Wäsche wasche ich selber, gebügelt wird sie von meiner Tante. Die Wohnung ist mir im Grunde zu heimelig. Viel zu viel Holz. Aber ich bin ja meist nur zum Schlafen daheim. Ich bin nicht der Typ, der es sich zu Hause gemütlich macht und liest oder fernsieht. Bücher sucht man bei mir vergeblich. Ich lese keine Bücher, nur Autozeitschriften. Im Fernsehen schau ich mir höchstens die Rennen der Formel 1 an. Ins Bett gehe ich meistens um elf.

Man könnte denken, dass es fürchterlich langweilig sein muss, in Fläsch zu ­leben: 600 Einwohner, kein Kino, keine Bar, hier trinkt man abends Wein und isst dazu ein kaltes Plättli – das war’s. Es ist auch nicht so, dass die Frauen abends gegen die Scheibe klopfen und fragen, wer denn hier wohne. Ich habe mich dennoch nie gelangweilt. Für mich ist es unvorstellbar, in einer Stadt zu leben. In Zürich wäre ich verloren, dort käme ich nicht mal mit dem Tram vorwärts.

Ob ich meine Freundin mit dem Porsche fahren lassen würde? Wenn das für sie das höchste der Gefühle wäre, natürlich – allerdings nicht auf der Strecke, sondern auf der Strasse, dann ist der Wagen versichert. »

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.