Die Klage über den Niedergang der Sprache ist so alt wie die Sprache selbst; oder allenfalls fünf Minuten jünger. Ähnlich verhält es sich bekanntlich mit den Klagen über den Niedergang der Bildung, der Erziehung, der politischen Kultur. Doch sind die Jeremiaden alle obsolet, nur weil sie nicht neu sind? Wir meinen nicht. Wer eine gewisse Grundfähigkeit zur Selbsterhitzung mitbringt und näher hinschaut, findet allenthalben Anlass zur Aufregung. Zum Beispiel diesen:
Die Pendlerzeitung «Metropol» ruft ihre Leser wöchentlich zur «Abstimmung» auf. Neulich lautete die Abstimmungsvorlage wie folgt: «Hollywood produziert immer mehr Fortsetzungen und <Remakes> von alten Kinohits. Gehen der Filmindustrie langsam die Ideen aus?» Wer dieser Meinung war, konnte (für Fr. -.50/Min.) die Telefonnummer 0900 556 500 anwählen, wer sie bestritt, die Nummer 0900 556 501. Am Ende der Woche wurde das Abstimmungsresultat publiziert: 91% der geantwortet habenden Griechen, 59% der dito Italiener, 78% der Polen, 73% der Spanier, 69% der Schweden und 64% der Schweizer hatten die Meinung geäussert, dass der Filmindustrie tatsächlich langsam die Ideen ausgingen. Eine erdrückende Mehrheit, ja: eine schallende Ohrfeige für Hollywood! Ein Denkzettel, ein Menetekel, ein Fanal! Absolute Zahlen wurden keine genannt; vermutlich haben beispielsweise 16 Schweizer Ja und 9 Schweizer Nein gestimmt.
Natürlich führte die Frage den Begriff der Abstimmung ad absurdum: Sie war gar nicht durch einen Mehrheitsentscheid beantwortbar, die Abstimmenden bildeten keine klar definierte Gruppe, ihre Meinungsbekundung sagte nichts aus und bewirkte nichts, das Ganze war nichts als ein weiteres faules Windchen im allgegenwärtigen medialen Gequassel; die Woche darauf durfte man denn auch darüber «abstimmen», ob man schon einmal online ein Buch gelesen habe.
Easy, Baby, mag es jetzt tönen. Haben sie halt Abstimmung geschrieben und Meinungsumfrage gemeint, so what! Doch in dieser munteren Unverbindlichkeit ist ein Prozess sprachlicher Verwahrlosung am Werke, der ernster zu nehmen ist als etwa das Muhen der Cash Cows mit oder ohne Bindestrich. Wie soll man einem, der täglich von Aufforderungen zur «Abstimmung» umschwirrt wird, plausibel machen, dass ein Gemeinwesen etwas anderes sein kann als eine Party von Plauderfritzen und dass es in ihm verbindliche Definitionen geben muss?
Zu Recht hält schon die konfuzianische Staatslehre fest, dass die Richtigstellung der Begriffe die Grundlage jeglichen verantwortlichen Handelns in der Gesellschaft bildet. Nicht immer haben wir nur darüber zu befinden, ob Ben Affleck hübsch ist oder Venus Williams siegen kann. Und so souverän wir uns in der Sprachblubberwelt auch zu bewegen meinen: Der Quatsch, den wir stets vor Augen haben, fermentiert unmerklich auch unsere Gedanken.