NZZ Folio 08/93 - Thema: Romandie   Inhaltsverzeichnis

Der Geisterjet - eine Phantasie

Von Cointrin nach Kloten zum Befehlsempfang?

Von Christophe Büchi

ALSO SPRICHT DIE WELSCHE VOLKSSEELE: Der Swissair-Morgenflug Cointrin?Kloten ist randvoll gefüllt mit welschen Direktoren, die nach Zürich fliegen, um am Hauptsitz ihrer Firma Befehle einzuholen. Wer in der Romandie lebt, dürfte dieses Geschichtchen schon etliche Male gehört und gelesen haben. Es ist so berühmt wie jenes vom Deutschschweizer, der in der Eisenbahn von Bern nach Lausanne fährt und beim Verlassen des Tunnels von Chexbres - beim ersten Blick auf den prächtigen Lac Léman - sein Retourbillett aus dem Fenster wirft. Erfolg hat die Legende vom Swissair-Morgenflug wohl deshalb, weil sie weitverbreitete welsche Ängste vor dem wirtschaftlichen Übergewicht der deutschen Schweiz bildhaft artikuliert. Aber stimmt sie auch? Ich wollte es wissen . . .

. . . und finde mich darum an einem schönen Morgen um 6 Uhr 30 im Flughafen Cointrin ein, auf der Suche nach dem berühmten Befehlsempfänger-Jet. In der Lounge bei Gate 8 sind mehrere Herren bereits beim Kaffee, andere warten in Polsterstühlen und lesen Zeitung. Gesprochen wird kaum, die Morgenstund hat nicht immer Gold im Mund. Und kein professioneller Reiseführer ist zu vernehmen, der lautstark die Stille ausfüllt und gute Laune von der Stange feilhält. Diskret überblicke ich die Runde. Sind nun dies die berühmten Befehlsempfänger? Augenblicklich wird mir klar, wie schwer es ist, diese Frage zu beantworten. Denn es gibt ja nichts, woran man einen Befehlsempfänger untrüglich erkennen könnte. Und ebensowenig kann man diese schweigsamen und beschäftigt wirkenden Herren fragen: «Excusez-moi, fliegen Sie zufällig nach Zürich, um Befehle einzuholen?» Es bleibt also nichts anderes übrig, als nach mikroskopischen Hinweisen auf den Status der Fluggäste zu fahnden.

Einige Personen schliesse ich von Anfang an von der Liste der potentiellen Befehlsempfänger aus. Vier geschmacklos gekleidete Kaffeetrinker in schlechtsitzenden Jeans und abgewetzten Turnschuhen gehören offensichtlich zur Gattung der lässig-nachlässigen modernen Massentouristen, die einen fernen Kontinent heimsuchen wollen.

Einen extrem eleganten Schwarzen lasse ich ebenfalls aus dem Suchbild. Nicht, dass ich es dem Brillenträger nicht zutrauen würde, eine Firma zu managen. Aber in zwölf Jahren Wirtschaftsjournalismus ist mir leider noch nie ein schwarzer Direktor in einem Schweizer Unternehmen begegnet.

Auch von den vier anwesenden Damen scheint mir keine als sich auf dem Gang zur Befehlserteilung befindende Managerin in Frage zu kommen. Denn ihr Look entspricht nicht jenen Gesetzen teurer Biederkeit, denen Schweizer Geschäftsfrauen nachleben müssen (Hermès-Foulard, Chanel-Tailleur usw.).

Einen grossgewachsenen Herrn, der soeben von einer Hostess durch einen Seitenausgang auf den Tarmac geführt wird, identifiziere ich als Gatt-Generaldirektor - auch kein typischer Befehlsempfänger.

In einem Nadelstreifenträger erkenne ich den Mitinhaber einer Genfer Privatbank, die seit kurzem in Zürich eine Niederlassung besitzt. Auch dieser Herr, der zeitweise die Schweizer Bankiervereinigung präsidierte, erscheint nicht gerade als Symbol der «Kolonisierung» der Romandie durch die deutsche Schweiz. Im Gegenteil: als «Private Banker» repräsentiert er einen Wirtschaftszweig, in dem die Romandie nach wie vor führend ist.

Dann erspähe ich den Generaldirektor einer Schweizer Grossbank - einen der wenigen Romands auf oberster Ebene einer Grossbank. Er verbringt wohl die ganze Woche in Zürich und kehrt am Wochenende in die Romandie zurück. Auch kein Befehlsempfänger, eher ein Befehlserteiler . . .

Neben mir begrüssen sich zwei Geschäftsherren. «J'ai lu ton rapport annuel», sagt der eine; und der andere spasst, er sei halt noch nicht gefeuert worden. Ich blicke mich um und erkenne die Generaldirektoren zweier welscher Industrieunternehmen. Das eine Unternehmen wird von einer in Zürich domizilierten Investmentfirma kontrolliert, das andere gehört einem jurassischen Investor. Im nachhinein werde ich erfahren, dass die beiden Herren zu einem Seminar mit zürcherischen Finanzanalysten fuhren, keineswegs aber zur Entgegennahme von Befehlen.

Dann entdecke ich den Finanzanalysten einer Kantonalbank, auch er auf dem Weg zum Seminar. Ohnehin wird ein Teil der Passagiere in Zürich nur Zwischenhalt machen. Langsam keimt in mir der Verdacht, dass die Geschichte vom Befehlsempfänger-Jet bestenfalls heillos übertrieben ist.

In der Zwischenzeit sind die Passagiere der Economy Class aufgerufen worden, sich am Gate einzufinden - die Business Class darf noch etwas sitzen bleiben. Ich bin überrascht: meine Einschätzung der aviatischen Klassenstruktur stimmt nur teilweise. Mehrere Anzugträger, die ich der Managerkategorie zugerechnet hatte, fliegen zweite Klasse. Habe ich ihren Status überschätzt, oder sind sie Opfer rezessionsbedingter Spartendenzen? Umgekehrt gesellt sich ein Teil der Schlechtgekleideten, die ich keiner genaueren Musterung für würdig befunden hatte, zu den Erstklassfliegern. Was mich einige Sekunden lang zum Sinnieren über die Unzulänglichkeit vestimentärer Statusbestimmung verleitet . . .

Nun darf auch die Business Class, zu der ich ausnahmsweise und reportagehalber gehöre, zum Flugzeug. Ich beschliesse, meine Kollegen von der mehrbesseren Klasse nochmals einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Ich pirsche mich an zwei Herren heran, die sich auf französisch unterhalten. Sie sprechen über Cash flow und über die Knausrigkeit der Banken. Befehlsempfänger? Trotz heftigem Bemühen gelingt es mir nicht, einen stringenten Indizienbeweis zustande zu bringen.

Im Flugzeug, wo ein Lautsprecher trotz der frühen Stunde ausgerechnet eine Orchesterfassung von «Nights in White Satin» in mein unausgeschlafenes Hirn träufelt, blicke ich mich um. Ist jener auffallend elegante Herr mit «Poschettli», der mehrere Passagiere in perfektem Französisch mit sanftem Deutschschweizer Einschlag begrüsst, nicht ein Swissair-Generaldirektor? In der Geschäftsleitung unserer nationalen Airline sitzt bekanntlich kein einziger Romand, was in der Westschweiz immer wieder als Beweis dafür angeführt wird, dass es die welschen Kaderleute in nationalen Unternehmen schwer haben. Meinem Robotbild vom welschen Befehlsempfänger entspricht der Swissair-Generaldirektor nicht so recht.

Vielleicht ist mein Sitznachbar der Mann, den ich verzweifelt suche . . . Ein echter Romand, dessen Familie seit Generationen in der Westschweiz nachgewiesen ist . . . Direktor einer typisch welschen «PME» (petite ou moyenne entreprise), die von einem Grossunternehmen aus dem Goldenen Dreieck aufgekauft worden ist . . . Einer, der zur (selbstverständlich auf schwyzertütsch abgehaltenen) Kadersitzung nach Zürich fahren muss, wo er als einziger Romand der Geschäftsleitung versuchen wird, den geplanten Arbeitsplatzabbau von seiner Westschweizer Niederlassung abzuwenden . . . Kurz und gut: der Mann, der die Ängste der gemarterten welschen Volksseele verkörpert . . . Die Verkörperung des Befehlsempfängers . . .

Doch einmal mehr werde ich enttäuscht. Mein Nachbar - offensichtlich ein Habitué, was ich vom sekundenschnellen Herausklappen des Tabletts ableite - erwidert meinen Morgengruss dergestalt, dass die Regeln der Höflichkeit zwar nicht gerade verletzt werden, gleichzeitig aber nicht die geringsten Zweifel an seinem Bedürfnis aufkommen, in Ruhe gelassen zu werden. Und klappt dann ein Buch auf, von dem ich zuerst annehme, dass es ein Gesetzeskodex sei, das sich dann aber als theologisches Werk mit dem Titel «Hablar con Dios» entpuppt. Auch meinen Nachbarn, der mit seinem Gott, nicht aber mit seinem Nächsten sprechen will, muss ich wohl von meiner Liste streichen . . .

Zum Glück entspannt sich nach dem termingerechten Abflug (7 Uhr 00) ein Gespräch zwischen den Herren in der Sitzreihe vor mir. Dank diskretem Nach-vorne-Lehnen finde ich heraus, dass es sich um die Emissäre einer in Genf ansässigen internationalen Treuhandgesellschaft handeln muss, die zu einer Sitzung fahren, bei der es um den Verkauf einer in Schwierigkeiten geratenen Firma geht.

Doch dann beginnt der Captain, über den Lautsprecher ziemlich ausführlich die Schönheiten der im Sonnenlicht gleissenden Berner Alpen zu beschreiben, womit meine Recherchen unterbrochen werden. Inzwischen ist der Kaffee aufgetragen und wieder abgetragen und unser Ländlein fast schon durchquert, so dass sich die Maschine bereits zur Landung neigt. Und um genau 7 Uhr 50 setzt der Jet sanft auf dem Boden der Schweizer Wirtschaftsmetropole auf. Beim Verlassen der Maschine winkt mir ein Künstlertyp zu: ein Genfer Werber, der die Zürcher Niederlassung seiner Agentur besucht. Auf die Frage, ob er Befehle einholen gehe, bekomme ich ein knappes «Ça va pas?» zur Antwort.

Auf dem Rollteppich, während ein Plakat mit der Inschrift «NZZ - wisse und behalte» an mir vorbeifliesst, erhasche ich Gesprächsbrocken zweier Mitpassagiere, die sich über Software unterhalten. Am Ausgang kommt, beim Wetter anknüpfend, ein kurzes Gespräch zustande, aus dem ich erfahre, dass die beiden Genfer, Inhaber einer Informatikbude, in Zürich zu einer grossen Computerfirma wollen. Von Befehlsausgabe wiederum keine Spur.

Es ist zum Verzweifeln.

Seither bin ich noch dreimal zwischen Genf und Zürich hin- und hergeflogen. Ich habe mancherlei getroffen: Bankiers in Fülle, mehrere Genfer Anwälte, japanische Geschäftsherren auf Europatour, sogar einen Kardinal. Aber den typischen welschen Direktor auf dem Gang zum Befehlsempfang habe ich einfach nicht dingfest machen können. Und schliesslich musste ich mich mit der schmerzlichen Realität abfinden: auch ein Journalist sucht bisweilen, ohne zu finden.

Habe ich Pech gehabt? Oder liegt's einfach daran, dass die Westschweizer Manager mit dem Zug nach Zürich fahren? Oder dass im Zeitalter von Fax und Telekommunikation der Befehls- und Informationsaustausch immer weniger menschliche Fortbewegung erfordert?

Wenn man die von der «Schweizer Handelszeitung» erstellte Liste der grössten Schweizer Unternehmen durchgeht, so zeigt sich, dass es mit dem wirtschaftlichen Übergewicht der deutschen Schweiz schon etwas auf sich hat. Von den 100 grössten Unternehmen haben nur gerade 16 ihren Hauptsitz in der Westschweiz, 83 dagegen in der deutschen Schweiz (ein weiteres Unternehmen ist im Tessin domiziliert).

Die Geschichte vom Befehlsempfänger-Jet freilich ist wohl doch nur ein Gerücht, ein bissiger Scherz, der vielleicht von einem Spötter in einem Bistro des Genfer Pâquis-Quartiers in die Welt gesetzt wurde, eine Legende, bestehend aus einem wahren Kern und einer Schale der Übertreibung und Verallgemeinerung. Ein Mythos also, aber ein langlebiger, weil er kollektive Ängste artikuliert, eben: die Angst der Romands vor einer wachsenden wirtschaftlichen Abhängigkeit von auswärtigen Entscheidungszentren. Trifft dies zu, dann dürfte der Mythos noch eine grosse Zukunft haben - auch nach dieser Reportage.

Christophe Büchi lebt als Westschweiz-Korrespondent verschiedener deutschsprachiger Medien in Lausanne.


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