NZZ Folio 05/00 - Thema: Fit   Inhaltsverzeichnis

Where has all the Power gone. . .

Krafttraining stärkt den Körper und treibt den Geist in den Wahnsinn.

Von Reto U. Schneider

Ich weiss nicht mehr genau, weshalb ich mich für das Probetraining in einem Kraftraum angemeldet hatte. Vielleicht war es die hinterlistige Werbung «Ein starker Rücken kennt keine Schmerzen!», die jeden, den es mal ins Kreuz haut, zum Schwächling macht. Vielleicht war es aber auch, weil ich das Wort «Krafttrainingsmaschine» missverstanden hatte. Eine Maschine war für mich bis dahin ein Apparat mit einem Motor, der dem Menschen Anstrengung erspart. Was ich noch nicht wusste: Der Motor würde in diesem Fall ich selbst sein.

Jedenfalls stehe ich eines Montagabends zum erstenmal am Empfang eines solchen Etablissements und frage mich, wie mein Körper die kommenden Strapazen wohl verkraften wird. Heute weiss ich: Das ist die falsche Frage. Die richtige heisst: Wie verkraftet der Geist den Kraftraum? Der Körper mag in einem Kraftraum leiden, die wahren Abenteuer sind jedoch psychologischer Natur.

Ein Angestellter, der bei weitem nicht so kräftig aussieht, wie ich in meinen Träumen, begleitet mich auf meinem ersten Durchgang. Er zeigt mir, wie sich jede Maschine auf meine Armspanne, Beinlänge und Schuhgrösse einstellen lässt und wie man sie besteigt. Dann macht er mich mit der Philosophie des Hauses bekannt: ein bis zwei Trainings pro Woche, zwölf Maschinen pro Training, an jeder sechs bis neun sehr langsame Wiederholungen. Meine Frage, was ich tun soll, wenn ich beim höchsten Gewicht angelangt sei, wird ignoriert, statt dessen lässt mein Begleiter beiläufig die Bemerkung fallen, dass der Mensch pro Lebensjahrzehnt fünf bis sieben Prozent seiner Muskelmasse verliert. Damit beraubt er das Probetraining seiner Unverbindlichkeit, und ich erkaufe mir für 790 Franken Mitgliederbeitrag pro Jahr die Hoffnung, dass sich die bereits abgewanderten Prozente an anatomisch günstiger Position wieder ansiedeln.

Bei den ersten Besuchen finde ich, Krafttraining mache Spass. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Gewichte an den einzelnen Maschinen noch nicht richtig eingestellt sind. Nicht richtig eingestellt heisst: nicht hoch genug.

Das Justieren von Polster, Sitzhöhe und Lehne ist am Anfang eine willkommene Abwechslung, doch nach dem fünften Besuch nimmt der Neuigkeitswert der Maschinen dramatisch ab, der Geist beginnt nach einer Beschäftigung zu suchen. Und die findet er im Wettbewerb. Wenn ich an eine neue Maschine wechsle, sehe ich, welches Gewicht mein Vorgänger aufgelegt hatte. Damit weckt der Kraftraum vor allem im Männchen Instinkte aus einer Zeit, in der es die Gazelle noch von blosser Hand erlegte und das Weibchen alleine mit geschwelltem Bizeps zu beeindrucken war.

Welch ein Triumph, wenn mein Vorgänger an der Maschine ein Schwächling war! Ich ziehe dann den Stift, mit dem die barrenförmigen Gewichte eingehängt werden, bei 80 Pfund langsam raus und stecke ihn unter inneren Fanfarenklängen bei 200 Pfund wieder hinein. Alles betont gemächlich, damit mein Aufstieg zum Alphamännchen niemandem verborgen bleibt. Mit jeder Maschine, an der ich meinen Vorgänger übertrumpfe, steige ich in meinem eigenen Ansehen. Ich überrede meine Freundin («Ein starker Rücken kennt keine Schmerzen!») zu einem Probetraining.

Schwierig wird es, wenn mein Vorgänger ein Kraftprotz war. Das passiert mir während des sechsten Trainings an der Maschine B7 (Beugung im Kniegelenk sitzend). Ich stelle das Gewicht, als gerade keiner herschaut, 20 Pfund tiefer ein und versuche herauszufinden, wer mir diese Demütigung beigebracht hat. Der grosse drahtige Greis bei C1 (Überzug) könnte es gewesen sein. Allerdings lässt die Einstellung der Rückenlehne auf eine kleine Person schliessen. Also der bullige Zwerg auf D5 (Armkreuzen)? Doch den habe ich vorher auf F2 (Rumpfdrehung) gesehen, die normalerweise nicht auf B7 folgt. Alles viel schlimmer: Es war die kleine Frau auf C5 (Ruderzug). Vor dem Verlassen der Maschine stecke ich den Stift unauffällig 40 Pfund höher ein und erfinde Ausreden, um die nächsten Trainings ausfallen zu lassen: Die Duschbrausen im Fitnesscenter sind verkalkt (dabei dusche ich immer zu Hause); es regnet, da gehe ich nicht aus der Wohnung; die Sonne scheint, da gehe ich nicht in den Kraftraum; besser nicht zuviel trainieren, sonst sehe ich am Ende noch aus wie Arnold Schwarzenegger.

Punkt vier der «Trainingsprinzipien» heisst: «Trainieren Sie an jedem Gerät bis zur lokalen muskulären Erschöpfung.» Die «lokale muskuläre Erschöpfung» ist die sprachliche Beschönigung jenes Zustandes, in dem der Mensch global zu leiden beginnt. Der Muskel brennt und sticht, zuckt und zittert. Vor einem Monat hätte ich so etwas noch für ungesund gehalten.

Eigentlich hätte mich bereits der Anblick der Krafttrainingsmaschinen misstrauisch machen sollen. Die Geräte sehen aus, als hätte ein buddhistischer Mönch eine Tinguely-Maschine gebaut. Es gibt Hebel und Achsen, Umlenkrollen und Rasten, streng komponiert zu grau-schwarzen Bewegungsapparaten. Maschinen zum Leiden geschaffen. Und dann der Name: «Kraftraum». Als ob dort die Kraft von der Decke hinge und man sie bloss zu pflücken brauchte.

Beim zehnten Besuch wird mir klar, dass Krafttraining im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten mit zunehmender Erfahrung nicht leichter fällt. Wenn ich in einer Maschine nicht tausend Tode sterbe, ist der Muskel offenbar nicht lokal erschöpft, und das bedeutet: mehr Gewicht auflegen und damit zurück auf Feld eins. Krafttraining ist wie eine lange Wanderung im Nebel mit nassen Schuhen: schön daran ist nur das Aufhören. Ach, wäre ich als Kind doch in den Zaubertrank gefallen! Doch die Säulenheiligen des Krafttrainings sind nicht Obelix und Herkules, sondern Sisyphus und Marquis de Sade.

Während der Körper leidet, sucht der Geist verzweifelt nach Ablenkung. An der Maschine H2.1 hat man während der Übung das Typenschild im Blickfeld. Ich lerne die Telefonnummer in Virginia auswendig - (800) 628 8458 -, die ich anrufen müsste, wenn die Maschine mich angreifen würde. Und dann die Patentnummern, die mich mit der überraschenden Tatsache konfrontieren, dass die Leute, die eine solche Quälmechanik erfinden, sich nicht einmal dafür schämen.

Später zerstreue ich den Geist, indem ich eine Hitparade der schlimmsten Maschinen aufstelle. C1 kommt auf den ersten Platz. Dort muss man unter fiesesten Bedingungen mit den Ellbogen einen Hebel so nach unten drücken, dass man noch drei Tage danach kein Trinkglas mehr heben kann. Andererseits muss man C1 zugute halten, dass sie eine ehrliche Maschine ist. Ganz anders C5 (Rudern im Schultergelenk), die einen zuerst in falsche Sicherheit wiegt: Die ersten fünf Wiederholungen fallen leicht, doch bei der sechsten scheint einer den Schwerkraftschalter umzulegen und das Gewicht zu verdoppeln. Ich entscheide mich schliesslich für die Dreierkombination F1 (Rumpfdrehung), F2 (Bauchflexion), F3 (Rückenstreckung), eine Art dreifachen Rittberger des Krafttrainings: Streckbett, Eiserne Jungfrau und anschliessendes Vierteilen. Dabei sind Polster und Kissen so über die Maschinen verteilt, dass man am Körper noch nicht einmal Spuren der Marter sieht.

Warum tue ich das? Und vor allem: Warum bezahle ich dafür? Seit dem letzten Herbst habe ich in einem Raum mit dem Charme einer Bieler Uhren-Décolletage 28 Tonnen und 200 Kilo gehoben. Das ist etwa das Gewicht aller drei Anker auf der «Titanic». Das gibt mir zu denken: Ich bezahle 790 Franken pro Jahr, um die Anker der «Titanic» rumschleppen zu dürfen. Und was geschieht mit all der Kraft? Wo geht sie hin? Kein Wasser wird gepumpt, kein Dynamo angetrieben. Man braucht kein Verschwörungstheoretiker zu sein, um in einem Kraftraum auf gewisse Ungereimtheiten zu stossen.

Wenn ich auf D5 (Barrenstütz sitzend) die neunte Wiederholung ächze, kommen mir manchmal die ganz dunklen Gedanken: Die Maschinen gehören zur ausserirdischen Kraftmafia, die die Menschen als Energiequelle nutzt. Nachts, wenn alle Leute gegangen sind, rotten sie sich zusammen und schicken die gestohlene Kraft mit der getarnten Fernsehsatellitenantenne am Nachbarhaus nach Alpha Zentauri, wo ein grünes Weib mit sieben Augen und acht Händen mit meinen neun Bauchmuskelübungen ein Spiegelei brät.




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