NZZ Folio 09/96 - Thema: Krank im Kopf   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Ver-rückte

Von Lilli Binzegger

Wenn in der Vergangenheit psychisch Kranke als Irre und Spinner belächelt wurden, man sie im übrigen aber mehr oder weniger in Ruhe liess, so konnten sie dem Himmel danken, dass sie gerade in einer relativ aufgeklärten Zeit lebten. Zu anderen Zeiten hatten sie wahre Folterbehandlungen zu erdulden, von der Ermordung zu Zehntausenden durch die Nazis gar nicht zu reden. Die Erkenntnis, dass ein schizophrener, ein depressiver Mensch krank ist und weder vom Teufel noch von böser Absicht besessen, ist relativ neu und ein Fortschritt, den man nicht hoch genug schätzen kann. Erst die Anerkennung als Kranke hat ernsthaft nach Mitteln suchen lassen, sie wenn nicht zu heilen, so doch ihre Leiden zu mildern. Denn auch wenn sie, die Ver-rückten, uns als nichtverrückt Geltende manchmal erheitern und wir gelegentlich fast ein wenig neidisch sind auf ihre Welt, in der unsere Regeln nicht gelten: Psychosen und Depressionen können die Hölle sein.

Wir haben dieses Heft mit Bildern ver-rückter Menschen illustriert. Sie alle waren Patienten der Nervenklinik Gugging bei Wien und hatten das Glück, dort einem Arzt zu begegnen, den sie als Menschen interessierten. Ohne Leo Navratil, der die Männer über Jahrzehnte immer wieder zum Zeichnen aufforderte und ihnen im «Künstlerhaus» ein Klima der Aufgehobenheit schuf, gäbe es die lakonischen Strichmenschen Oswald Tschirtners, die üppigen Bilderwelten eines Johann Hauser, eines August Walla nicht. Und ohne ihn wäre wohl auch der seelisch schwerverletzte Ernst Herbeck, dessen Gedichte in unserem Heft die Bilder begleiten, sein Leben lang sprachlos geblieben.

Diese Bilder und Texte sind Kunst ohne Absicht auf Wirkung, sind Botschaften des Künstlers an sich selbst. Oder nennen wir sie, wie Heinz Bütler sein Gespräch mit dem schizophrenen G. K. nennt: «Mitteilungen aus der Einsamkeit».


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