Reichstag - ein herrliches Wort, vergangen wie Kristall. Und so steht er auch da, schroff, ganz allein, am Rand des Tiergartens, eines waldartigen Parks, wo sich Strolche mit Kondomen und gedankenverlorenes Gelichter mit zugeschnürten Hälsen drin rumtreiben, eine fahle Gegend, über welche die Wolken ziehn, wuchtig gewölbt, riesig, oft in Fetzen, gewaltig, wie sie nur von Russland her über einen Reichstag hin nach Ravenna runterfegen können - manchmal schneit's. In dieser Einöde steht er, der Reichstag, eigernordwandhaft, schartig, ein Dinosaurier, und über dem Eingang, in grossen steinernen Buchstaben, die Worte dem deutschen volk. Wer ihn diesem geschenkt hat, weiss ich nicht. Bestimmt kein Geringerer als Hindenburg oder Lilienthal.
(Helmut Kohl heisst zurzeit unschön der deutsche Bundeskanzler. Er findet hier Erwähnung, weil auch er dem Volk etwas schenken möchte: ein historisches Museum. Das soll schräg gegenüber vom Reichstag hingebaut werden, der Grundstein ist bereits gelegt. Schade. Hier lag das Land jahrelang brach und wurde nur von überflüssigen Vögeln genutzt. Wer wollte, konnte hier melancholisch sein, im Winter am grauen Fluss am grauen Tag und einsam - ein Fluss fliesst hinter dem Reichstag vorüber, ehemals ein Grenzfluss, was die nobelste und schwermütigste Art Fluss ist, beinahe schon Kanal -, im Sommer angesichts der vielen Menschen, die von Kansas, Kurdistan, Kloten und Kalabrien herkamen, aus Parterrewohnungen gekrochen, um hier im Todesverachtung Würste zu braten, Fussbälle zu treten, Federbälle zu schlagen oder anderswie die Zeit zu verjagen und Sommerfrische zu erlangen. Ein Mekka für Schwerblüter. Von hier zogen sie los, einer hinter dem andern, in den Tiergarten hinein, wo sie sich verloren in der Düsternis. Das soll nun alles ein Ende haben - mit Geschenken ist es immer so eine Sache.)
Hühnchenhaft aufgeregt flattert inzwischen der Zeitgeist über dem Gelände. Es soll als Gesamtes neu eingebettet werden in die Geschichte. Der Reichstag, dieser Hans Albers einer Architektur, soll wieder Regierungssitz werden - man wird sich umgewöhnen müssen. Die DDR, die dahinter anfing, gibt es nicht mehr, und die Schüler werden künftig ihre Fehler an andern Stellen machen. Die versteppten Rasenflächen, die um das Gebäude lagen, wurden strukturiert, Blumenbeete wurden symmetrisch angelegt, an markanten Stellen wurden kleine Immergrünsträucher gepflanzt, in Gürteln, woanders grössere Büsche und Hecken - es macht einen guten, durchdachten Eindruck, überschaubar. Das beschenkte Volk wird sich bald wieder leicht zurechtfinden und bei Ereignissen wie von selbst richtig hinstellen. Ordnung ist eingekehrt, eine Fahne weht im Nordostwind, der Bus Nummer hundert führt hin, ein Bus, von dem ich vorläufig abrate, weil er schändliche Schlenker durch Stadt und Tiergarten macht, zukunftstrunkene, zeitraubende Rundfahrtenschlenker, wo die Stadt noch gar nicht existiert - der Bus macht sich lächerlich alle paar Meter. Ich empfehle den Hundertdreiundachziger, die alte Linie, die schon während der Depressionen hingefahren ist.
Warum ich Ihnen den Reichstag ans Herz lege? - Jedesmal, wenn ich ihn sehe, vermag er mich anzuhauchen mit dem kalten, grossen Atem der Geschichte. Ich weiss wenig über ihn, ebensowenig wie über Lilienthal (in «Meyers Konversationslexikon» steht dazu wirres Zeug in schöner Chronologie), doch das Gebäude wirkt wie ein Schlund, der Himmel spannt sich ungeheuer darüber, die Winde wehn heran aus dem Osten, aus dem Westen, die Nase wird rot, die Füsse werden schwer und historisch auf dem Boden, ein Schwindel erfasst einen, eine Lust, sich hineinzustürzen. Ob ihm diese Macht als wiedererweckter Regierungssitz erhalten bleibt, weiss ich nicht. Zurzeit ist alles so tief verschneit, die Beete, die Wiesen, die Hecken, es sieht vergessen aus wie immer, endlos. Ja, es ist Winter, und mir schnürt es den Hals zu. Darum.
Ich bin siebenunddreissig Jahre alt, habe mich eingewiegt ins Leben, weine nur noch selten, lache wenig - ein paar Fältchen um die Augen sind von früheren Exzessen in diesen Disziplinen übriggeblieben, Wärzchen auch -, mir kommt vor, mein Körper braucht mehr Wärme als früher, etwa zwei Grad, wahrscheinlich bin ich ruhiger geworden, bewege mich weniger, verbrenne weniger, koche auf kleinerer Flamme - nur dieses Würgen, das ist immer gleich heftig, wenn es kommt. Eher stärker wird es mit den Jahren. Ich sitze am Schreibtisch, heute beispielsweise, habe den Ofen eingeheizt, draussen liegt hoch der Schnee, ich trinke meinen Tee, alles wie seit Jahren, und plötzlich legt er sich auf mich, der Trübsinn, hockt sich mir auf die Schultern, drückt mich in den Stuhl, mir die Arme nieder, auf den Tisch, Kälte schleicht durch die Fersen in die Beine, der Rücken beugt sich, der Bauch fällt vor, ich hebe die Hände nicht mehr, die Finger nicht, den Blick nicht - alles sinkt, und dann beginnt das Würgen.
Man könnte einem Krieg die Schuld geben daran. Ein Krieg ist immer zur Stelle, mal berühmter, mal weniger berühmt, wie's die Mode grade braucht. Vor kurzem tobte einer, der wäre fast so berühmt geworden wie der Zweite Weltkrieg, und die Gefahr bestand, dass er uns allen die Luft gleich ganz abdrehte, doch so was spürt man nicht am Schreibtisch, und also wäre es gelogen, wenn ich behauptete, das Würgen rühre von diesem oder jenem Krieg. Sicher würden ein paar Kriegsreime das würgende Gefühl kurzfristig vertreiben können - insofern sind auch Kriege daran beteiligt, das stimmt . . .
Als ich jünger war, setzte ich mich in eine Bar, wenn das Würgen sich bemerkbar machte. Ja, in eine Bar - das könnte ich versuchen jetzt, in eine Bar zu laufen. Nachmittags schon, «Züribar» hiess sie, und ich trank kleine Kaffees mit Grappa, im Hintergrund lief Musik, laut, irgendwas, und das Würgen liess nach, löste sich auf. Ich geh jetzt besser raus in den Schnee und gehe und gehe, am besten zum Reichstag. Früher habe ich das alles getan, ohne nachzudenken. Ich lief in Bars, lief in den Schnee, ja ich lief sogar «hinauf zur Waldeshöh, wo sich auflöste in Tränen mein übergrosses Weh» - ohne mich des Zitats zu schämen, tat ich das. Heute bin ich trocken, verrusst. Ich weiss, dass es diesen Park gibt in meiner Nähe, neben dem Reichstag, den Tiergarten, mit zugefrorenen Teichen drin, wo zurzeit dick der Schnee drauf liegt, mit blattlosen Bäumen drum rum, verschneiten. Mit Krähen drin, Tausenden von Krähen, die aus Russland hergeflogen kommen, jeden Spätherbst, um sich täglich, um vier Uhr nachmittags, zur Dämmerung, auf den höchsten Bäumen hier zu treffen, unzählige, schreiende, riesige Krähen, graue, schwarze, himmeltraurig schön.
Dort könnte ich jetzt hin. Es ist leer, einsam dort, und es würde mich überwältigen, das weiss ich, und das Würgen würde nachlassen, das weiss ich, aber ich bin nun schon siebenunddreissig Jahre alt, weiss schon so viel, so viel, weiss von den Bars, weiss von den Krähen, aus Russland, und dass sie mich überwältigen. - Ach Reichstag, armer Reichstag! Das würde ich zum Reichstag jetzt gerade sagen, und er würde mich verständnislos anschauen, da er gar kein armer Reichstag ist. Im Gegenteil, er ist umworben, steht im Zentrum, das heisse Blut der Zeit durchströmt und wärmt ihn. Ach armer alter Reichstag! So redet man blöde auf jemanden ein und verdirbt ihm die Freude, bloss weil man sich selber gerade so fühlt.