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Wie man eine Löwin bändigt
Erfahrene Dompteure wissen, wie man mit fremdartigen Wesen auf engstem Raum klarkommt. Und was man tun muss, damit sie einen nicht auffressen.
Von Michael Miersch
Mein Spätzchen, haucht der Verliebte seiner Angebeteten ins Ohr, im Alltag nennt sie ihn Bär und er sie Mausi. Im Bett gibt er den Tiger und sie die Schmusekatze. Doch, o weh, es kommt der Tag, da die Artenvielfalt erweitert wird. Falsche Schlange, poltert er, und sie kontert mit Stinktier. Am Morgen danach versprechen beide, sich nicht mehr wie Rindviecher zu benehmen und wie die Luchse aufzupassen, dass so etwas nie mehr vorkommt. Paarkommunikation und Zoologie stehen in einem innigen Verhältnis.
Was liegt also näher, als sich dort Eheberatung zu holen, wo Menschen tagtäglich mit Tieren auskommen müssen: im Zirkus. Was man bei der Arbeit mit völlig andersartigen Wesen lernt, hilft sicher auch im Umgang mit andersgeschlechtlichen Wesen. Ein Mann, der Elefanten dazu bringt, Pirouetten zu drehen, hat auch das Zeug zum Frauenflüsterer. Denn im Grunde möchten Frau und Elefant das Gleiche: Bestätigung, Zuneigung, Belohnung. Die hohe Kunst der Dressur besteht darin, diese positive Rückkoppelung im rechten Moment zu gewähren, so dass der Zögling sich so verhält, wie man es möchte – möglichst ohne die Manipulation zu bemerken.
«Ein guter Tiertrainer muss jede Menge Geduld und Verständnis mitbringen», sagt Nikolai Tovarich, Ringmeister beim Zirkus Krone. Das ist in der Ehe nicht anders. Zirkusleute denken bei der Ausbildung ihrer Tiere nicht in Wochen, sondern in Jahren. «Für den gleichen Trick, den die eine Löwin in einem halben Jahr lernt», sagt der britische Raubtierlehrer Alex Lacey, «braucht die andere ein Jahr. Das ist ganz normal. Und es passiert oft», ergänzt er, «dass eine Katze, die anfangs besonders begriffsstutzig ist, die Nummer später am besten beherrscht.» Auf die Ehe übertragen: Nicht gleich aufgeben, Ihr Partner hat vielleicht mehr drauf, als Sie glauben. Lassen Sie ihm Zeit.
Und versuchen Sie, ihn besser kennenzulernen. Gute Tiertrainer lernen alles über ihr Tier: Welche Nahrung bevorzugt es? Ist es Herdentier oder Einzelgänger? Tag- oder nachtaktiv? Auch kluge Eheleute kennen die Vorlieben, die Stärken und die Ängste ihres Gegenübers. Denn falsche Erwartungen sind die Quelle aller Frustration. «Jedes Tier hat andere Fähigkeiten», sagt Alex Lacey, der täglich mit vier Tigern und vier Löwen in der Manege steht, «man kann nichts erzwingen.»
Die Talente des Tieres zu kennen, ist Voraussetzung für eine gelungene Dressur. Dazu gehören sowohl die Fähigkeiten der Tierart (ein Seelöwe kann einen Ball auf der Schnauzenspitze balancieren, ein Lama nicht) als auch die Talente des individuellen Tieres. «Nicht jedes Pferd ist für den gleichen Trick begabt», erklärt Klaus Lehnert, der seit Jahrzehnten beim Zirkus Krone Vierbeiner aller Art trainiert. Das ist mit Männern nicht anders: Einen Bruce Willis kann man nicht zum George Clooney umdressieren. Auch ein verbesserter Bruce bleibt Bruce, aber er schmeisst seine verschwitzten T-Shirts in den Wäschekorb und nicht sonstwohin. Im Leben wie in der Manege gilt das bayrische Sprichwort: A bissl was geht immer.
Belohne erwünschtes Verhalten und ignoriere unerwünsch tes, lautet eine Regel erfahrener Tierlehrer. Wenn ein Delphin nicht tut, was er soll, dreht sich der Trainer um und beachtet ihn nicht länger. Das ist viel wirkungsvoller, als zu schimpfen. Denn auch negative Aufmerksamkeit kann ein Tier bestärken und das falsche Verhalten verfestigen. Nörgeln nützt gar nichts. Man muss geduldig abwarten, bis der Delphin (oder Ehemann) einmal – und sei es nur zufällig – das Richtige tut. Räumt er nie sein Geschirr vom Tisch und stellt dann mal ganz in Gedanken einen Teller in die Geschirrspülmaschine: Dann – zack! – sofort belohnen! Anlächeln, loben und küssen genügt völlig – Sie müssen ihm keinen Hering zuwerfen.
Diese Methode ist mühsam, hat sich jedoch bei Lebewesen jeglicher Art bewährt. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Delphin und Ihr Trainer keift: «Du, das finde ich jetzt echt bescheuert, dass du nie durch den Ring springst. Seit ich dich kenne, weigerst du dich, durch den Ring zu springen. Schon deine Mutter wollte nie durch den Ring springen. Ich habe echt keine Lust mehr, dir den Ring hinzuhalten. Würdest du mich lieben, wärst du schon längst durch den Ring gesprungen. Was hast du eigentlich gegen mich?» Würden Sie als Delphin nach dieser Tirade springen? Pierre Hachet-Souplet, der 1898 eines der ersten systematischen Werke über Tierdressur verfasste, schrieb: «Während der Dressur eines Tieres muss man sich hüten, zu stören, zu belästigen, zu reizen und zu überarbeiten.»
Was nicht auf einmal geht, muss in verträgliche Portionen aufgeteilt werden. Kein Löwe lernt auf einmal, durch einen Feuerreifen zu springen. Der Trainer lässt ihn erst einmal von einem Podest auf das andere wechseln. Dann werden die Podeste nach und nach auseinandergerückt. Dann hält der Tierlehrer vielleicht ein Stöckchen in die Höhe, über das die Raubkatze springen soll. Hat sie sich dazu überwunden, folgt ein Gymnastikreifen. Und so weiter, bis der Löwe den Feuerring akzeptiert.
Zu einem festen Termin fertig angezogen zu sein, ist für viele Frauen eine ähnlich komplexe Herausforderung wie der Feuerreifensprung für Löwen. Also sollte der Ehemann dieses Verhalten langsam und schrittweise trainieren. Angenommen, sie kann sich wieder einmal nicht entscheiden, was sie anziehen soll. Stehen Sie nicht mürrisch im Mantel an der Tür! Holen Sie ihr lieber das kleine Schwarze aus dem Schrank und machen ihr durch wohlüberlegte Komplimente (alles andere durchschaut sie) klar, wie sehr es Sie freuen würde, sie heute Abend darin zu sehen.
Voraussetzung ist allerdings: Sie kennen Ihre Löwin. Will heissen: Sie müssen wissen, ob sie den Reissverschluss noch zukriegt und passende Schuhe dazu hat, sonst geht die Chose nach hinten los. En passant streuen Sie ein, dass der erste Akt des Theaterstücks sowieso nicht so interessant sei. Unterbietet sie nun ihr übliches Ankleidetempo um ein paar Minuten, muss unverzüglich ein Stück Zucker her. Zum Beispiel: ein Kuss, ein richtiger. Sie werden sehen, schon in ein bis zwei Jahren wird Ihre Frau bei Anlässen noch vor Ihnen an der Tür stehen.
In der Manege wie im Eheleben geht es nicht nur um das Erlernen neuer Tricks, sondern auch um das Aberziehen schlechter Angewohnheiten. Wer kocht, möchte konzentriert und ungestört in die Welt der Töpfe und Pfannen eintauchen. Doch die Küche gilt als öffentlicher Raum. Besonders Männer fühlen sich oft bemüssigt, kochenden Frauen über die Schulter zu sehen, Topfdeckel zu lüpfen und ihren Senf dazuzugeben. Was tun?
Nörgeln und keifen, das wissen wir nun , sind kontraproduktiv, da sie schlimms tenfalls das unerwünschte Verhalten negativ verstärken. Erfahrene Dompteure würden darum in diesem Fall Ablenken empfehlen. Ein Tier mit schlechten Angewohnheiten muss eine attraktive Alternative geboten bekommen. Wenn etwas Besseres lockt, hört es von selbst auf, sein Podest zu zerlegen oder sein Halfter zu zerkauen.
Überlegen Sie sich also, was einen gelangweilten Ehemann vom Küchenkontrollgang abbringen könnte. Nutzen Sie sein triebgesteuertes Verhalten, indem Sie anderswo Lockstoffe drapieren, zum Beispiel eine Schale Knabberzeug und ein Glas Rotwein im Wohnzimmer. Wichtig: Finden Sie heraus, was am besten wirkt. «Tiger mögen am liebsten Rinderherz», sagt Alex Lacey. «Löwen tun alles für Hühnchenfleisch.»
Ein guter Tiertrainer ist ein Verführer, kein Sklaventreiber. Liebe und Verständnis sind die Fundamente erfolgreicher Dressur, das betonen alle Profis. «Man darf einem Tier nichts übelnehmen», sagt Klaus Lehnert. «Erst wenn es verstanden hat, was man von ihm will, kann man es Schrittchen für Schrittchen korrigieren. Nie darauf pochen, seinen Willen durchzusetzen.»
Das zweitwichtigste Werkzeug neben der Belohnung ist die Stimme des Trainers. Im Winterquartier des Zirkus Krone in München trainiert Lehnert allmorgendlich junge Pferde. Lehnert gilt als ein Doyen der Dressur. Die Melodie seiner Stimme füllt den leeren Kuppelbau. Er spricht leise und stetig, er umschmeichelt die Tiere und lobt jeden winzigen Lernerfolg. Die Ohren der Tiere sind auf ihn gerichtet, und man hat das Gefühl, dass Lehnert ihnen ein gütiger Vater ist, von dem sie sich beschützt fühlen und an dem sie sich orientieren. Er drillt seine Zöglinge nicht, er lullt sie ein – mit Erfolg.
Eine Methode, in der auch Hachet-Souplet, der Dressurtheoretiker des 19. Jahrhunderts, den Schlüssel zum Tier sah: «Man kann dem Tier nur Vergnügen machen, es erheitern, es aufmuntern, es im Notfall beruhigen und zu seiner Pflicht zurückbringen, wenn man sich selbst amüsiert. Man soll sich selbst der Stimmung hingeben, die man bei seinem Zögling erwecken will.» Übersetzt fürs Eheleben: Es bringt nichts, den Partner übelgelaunt anzumaulen. Manipulieren Sie ihn stattdessen mit Lob und Schmeicheleien.
Positive Verstärkung bewährt sich in der Manege ebenso wie in der Vierzimmerwohnung. Negative Reaktionen taugen nichts. «Schläge erzeugen Angst», sagt Lehnert, «und einem Tier, das Angst hat, kann man nichts beibringen, denn es ist immer auf Flucht oder Verteidigung eingestellt.» «Stress ist gefährlich», bestätigt auch der Raubtiertrainer Alex Lacey. «Die Tiere müssen dir vertrauen. Sie suchen deine Unterstützung.» Genau die sucht und findet Lacey auch bei seiner Frau. Die steht immer am Gitter und behält die Raubkatzen im Auge, denen ihr Mann den Rücken zukehren muss. «Rauhe Behandlung», schreibt Hachet-Souplet, führe dazu, «dass das Tier seinem Dresseur gegenüber in dumpfer, alles ablehnender Untätigkeit verharren wird.»
Als er gegen Ende des 19. Jahrhunderts diese Zeilen schrieb, hatte die Abkehr von Züchtigung und Zwang gerade erst begonnen. Die Zeiten haben sich geändert: Aus dem Tierbändiger ist der Tierlehrer geworden und aus dem Patriarchen der Ehepartner. Was in vielen Beziehungen dazu führt, dass immer neu ausgefochten wird, wer das Alphatier ist. «Im Raubtierkäfig wäre das tödlich», sagt Alex Lacey. Und darum, so lässt sich vermuten, nimmt er im heimischen Wohnwagen ebenfalls die Alpharolle ein. Vielleicht steckt auch darin das Geheimnis stabiler Zirkusehen.
Bei allen Tricks und Kniffen, die man von den Tierdresseuren lernen kann, darf man natürlich eines nicht vergessen: Jedes Tier ist anders. Während Alex Lacey nur einmal die Woche mit seinen Raubkatzen trainiert, um ihnen neue Tricks beizubringen, müssen Klaus Lehnerts Pferde täglich zum Üben in den Ring, nur um nicht zu vergessen, was sie schon seit Jahren gelernt haben. Es macht einen Unterschied, ob man eine Löwin oder eine Stute erwischt.
Michael Miersch ist Journalist, Buchautor und Dokumentarfilmer in Deutschland (www.maxeiner-miersch.de).
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