NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Die Prediger von Tehrangeles

© Sobhan/www.worldisround.com
Verbotene Satellitenschüsseln auf Dächern in Teheran. Linktext
Im Ballungszentrum von Los Angeles, wo schätzungsweise 600000 Iraner im Exil leben, schlägt das Herz der Opposition gegen die Herrschaft der Mullahs. Per Satellitenfernsehen und Internet hofft sie dem Regimewechsel in der fernen Heimat den Boden zu bereiten.

Von Steffan Heuer

Während sich der morgendliche Berufsverkehr durch Beverly Hills schiebt, ist es für Saeed Ghaem-Maghami höchste Zeit für ein erstes Nickerchen. Er hat im Studio von Radio KRSI die Füsse auf den Tisch gelegt, den abgewetzten Sessel weit vom Mikrophon zurückgeschoben – und schläft fest. Anderthalb Stunden Liveprogramm hat er hinter sich, weitere anderthalb Stunden noch vor sich. Nachdem die Tonbandaufzeichnung der Nachrichten von Radio Israel in Farsi abgelaufen ist, geht der Moderator von Radio Sedaye Iran (Stimme Irans) wieder auf Sendung. Die glimmende Zigarette bis zum Anschlag zwischen Zeige- und Mittelfinger geschoben, blickt er starr vor sich ins Leere und redet, redet, redet.

Seit 45 Jahren ist der Journalist aus Teheran im Radiogeschäft, seit den 1980er Jahren als rauchige Stimme aus dem Exil. Saeed Ghaem braucht keine Notizen, um in seiner täglichen Talkshow über die Themen, die ihm am Herzen liegen, zu sprechen, zu dozieren und zuweilen in einem atemlosen Staccato zu wettern: Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Demokratie und die schrecklichen Mullahs, die in seiner Heimat das Sagen haben.

Wenn er um sechs das Mikrophon für «Sobh Bekheir Iran» (Guten Morgen, Iran) aufmacht, hören ihm Millionen zu – aber der Grossteil des Publikums sitzt elfeinhalb Zeitzonen entfernt in Teheran oder Isfahan, nicht in Los Angeles. Denn wer KRSI hören will, braucht statt eines herkömmlichen Radios einen Satellitenempfänger oder einen Internetzugang.

Diese technische Hürde tut der Popularität von Saeed Ghaem keinen Abbruch. Der 62-Jährige ist einer der einflussreichsten Wortführer der iranischen Diaspora, die sich in Südkalifornien niedergelassen hat und ihre Botschaften um die halbe Welt funkt. Um die 600 000 Exiliraner, schätzt man, leben im wuchernden Ballungszentrum von LA, vor allem im San Fernando Valley. «Tehrangeles» wird die Gegend bisweilen genannt.

Die iranische Diaspora in Südkalifornien ist der intellektuelle und kommerzielle Nährboden für rund zwei Dutzend Radio- und Fernsehsender, die man weltweit empfangen kann. Tageszeitungen und Zeitschriften in persischer Sprache liegen in Reseda, Woodland Hills oder Canoga Park in von Exiliranern betriebenen Einkaufszentren aus. In vielen Büros und Geschäften hängen Portraits des Schahs oder seines Sohns Reza Pahlevi. Als sich der Thronanwärter nach den Terroranschlägen vom 11. September an Irans Bevölkerung wenden wollte, tat er dies in Interviews mit einer Fernsehstation in Los Angeles mit dem hochtrabenden Namen National Iranian Television (NITV).

Die Moderatoren und Manager von Stationen wie KRSI und NITV sind durch die Bank Männer jenseits der 50, die sich dem Regimewechsel in ihrer Heimat verschrieben haben und Journalismus mehr als Berufung denn als Beruf verstehen. «Ich kämpfe dafür, dass sich die Verhältnisse in Iran ändern», sagt der Geschäftsführer und Eigentümer von Radio KRSI, Alireza Morovati. «Das gegenwärtige Regime ist ein Fremdkörper im Land und hat nichts mit unserer Kultur oder Geschichte zu tun. Das wollen wir unseren Zuhörern vermitteln.»

Wie viele Menschen KRSI hören, kann Morovati nicht genau beziffern. Da er wie die meisten Exilsender über die Satelliten Telstar und Hot Bird ausstrahlt, können sich theoretisch alle Haushalte in Iran zuschalten, die eine – offiziell verbotene – Schüssel installiert haben. Rund sechs Millionen solcher Geräte sind in der Islamischen Republik in Betrieb, schätzen Experten. Dazu kommen zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit rund 17 000 Zuhörer im Web – in Iran ist die Internetadresse allerdings von der Regierung blockiert. Aufgrund von Telefongesprächen, E-Mails und anderen Quellen glaubt Morovati aber, dass acht bis zehn Millionen Menschen täglich seinen Sender hören, die Hälfte davon in seiner alten Heimat.

Den Sendebetrieb mit 18 Stunden Liveprogramm aufrechtzuerhalten, kostet schätzungsweise zwei Millionen Dollar im Jahr. Der grösste Teil dieser Kosten wird mit Werbung und Sponsorengeldern gedeckt, hinzu kommen Spenden von Zuhörern in Kalifornien. Man halte sich gerade so über Wasser, sagt Morovati. «Unsere Familie hat diese Radiostation über lange Jahre unterstützt, auch wenn nicht genug Einnahmen hereinkamen. Geld verdienen wir nicht, also kann man KRSI nicht als Geschäft bezeichnen.»

Sein 80-jähriger Vater Assadollah, ein ehemaliges Parlamentsmitglied in Teheran, nickt zustimmend, während der Sohn Zahlen und Ziele des Senders darlegt. Er spricht auch nach mehr als zwei Jahrzehnten in den USA kein Englisch und lässt jüngere Bürokollegen dolmetschen. «Wir wollen allen Iranern, die nicht sagen können, was sie wollen, eine Plattform bieten. Und wir wollen aufdecken, was sie sonst nicht erfahren würden», sagt der ehemalige Politiker. Was im ersten Moment nach Journalismus westlicher Prägung klingt, hört sich etwas anders an, als Morovati fortfährt: «Unter dem Schah ging es den Leuten besser als unter dem heutigen Regime. Eine konstitutionelle Monarchie wie in England oder Spanien – das wünsche ich mir für Iran. Wir wollen Reza Pahlevi zurückbringen.» Morovati, der in den vergangenen Legislaturperioden mehrere tausend Dollar an die Republikaner unter George W. Bush gespendet hat, sieht seinen Sender als Mission in eigener Sache, da die US-Regierung die im Exil lebenden Perser weitgehend im Stich gelassen habe. «Mit der Be setzung des Iraks haben die Amerikaner einen der schlimms ten Fehler in ihrer Geschichte begangen. Die Invasion war in Ordnung, aber Freiheit und Demokratie nach ihren westlichen Vorstellungen einführen zu wollen, das geht nicht. Man muss das Kriegsrecht länger aufrechterhalten.»

Die meisten Journalisten von KRSI wandern auf einem schmalen Grat zwischen dem Plädoyer für mehr Demokratie und dem Ruf nach härterem Durchgreifen, um die Mullahs zu stürzen. «Ich habe in meinen Sendungen die Leute aufgefordert, die Wahlen zu boykottieren», berichtet Ghaem-Maghami mit Bezug auf den Urnengang Mitte Dezember. «An Reformen zu glauben, ist eine Illusion, der immer noch zu viele im Westen anhängen. Aber ich werde nicht zu Widerstand oder Gewalt aufrufen.»

Ins gleiche Horn stösst Amir Shadjareh, Gründer und CEO von Pars TV, dem ersten iranischen Fernsehsender in Kalifornien. Der ehemalige Radioingenieur aus Teheran half 1988, KRSI aus der Taufe zu heben, verkaufte dann den Sender an die Morovatis und lancierte im Oktober 1998 Pars TV. Der Sender ist in einem unscheinbaren Flachbau in Tarzana nördlich von LA untergebracht, wo Shadjareh und sein Team von 7 bis 15 Uhr Livesendungen für Zuschauer in Iran und danach für das Publikum in Europa und in den USA produzieren.

Die Formate sind bei fast allen Sendern dieselben. Ein preiswert zusammengezimmerter Green Room dient als Studio. Der Moderator sitzt an einem billigen Schreibtisch oder inmitten bunter Ikea-Möbel, hinter denen ein computergeneriertes Studio eingeblendet wird. Mal sind es fiktive Bücherwände oder gar Marmorsäulen wie in einer Bibliothek, mal kitschig eingefärbte Skylines, die Weitläufigkeit suggerieren. Vor dem Moderator steht ein Telefon mit Freisprecheinrichtung. Er spricht frei über das tagespolitische Geschehen in Iran und zitiert empörte Reaktionen aus aller Welt. Fester Bestandteil der Programme sind Gespräche mit Zuschauern, die ins Studio anrufen.

Ein grosser Teil der Anrufe stammen aus Iran und werden direkt aufgeschaltet, ohne dass ein Produzent den Anrufer zuvor auf seine Meinung und Redegewandtheit abklopft. Aus Angst vor den Behörden rufen iranische Zuschauer von Mobiltelefonen mit Prepaid-Karten an, da sich derartige Gespräche nicht zu einer Adresse zurückverfolgen lassen. Was dabei herauskommt, ist ein gutes Beispiel für «User- Generated Content»: Zuschauer spielen Reporter und berichten ungeschminkt und oft ebenso ungereimt, wie es bei ihnen auf der Strasse oder an der Universität zugeht, wer frisch verhaftet oder freigelassen wurde. Bei den hitzigen Debatten über Studentendemonstrationen, die Verkehrsverhältnisse in Teheran, das Chaos im benachbarten Irak oder die jüngsten Ausfälle von Präsident Ahmadinejad lassen die Moderatoren dem Redeschwall freien Lauf. Sie schlagen mit den Fäusten auf den Tisch, dass die Plasticblumen wackeln, oder wedeln mit ausgedruckten E-Mails vor der Kamera herum. Ein exaktes Sendeschema, Schnitte oder Schwenks gibt es nicht. Werbe unterbrechungen sind ebenso selten wie Studiogäste oder aufwendig produzierte Einspielungen.

Solcher TV-Journalismus lässt sich mit relativ geringem Aufwand realisieren. Pars TV etwa beschäftigt einschliesslich Büropersonal 50 Mitarbeiter, und der Sendebetrieb kostet laut Shadjareh rund 125 000 Dollar im Monat. Mit den am Nachmittag produzierten Infomercials von Eheberatern, Psychologen und anderen Direktvermarktern, die oft in Englisch senden, verdient sich die Station das nötige Geld. Auch Shadjareh schätzt, dass seinem Sender weltweit bis zu zehn Millionen Menschen zusehen, mehr als die Hälfte davon in Iran.

Der 60-jährige Unternehmer, in dessen Vorzimmer eine gerahmte Dankesurkunde des Wahlkampfkomitees Bush-Cheney prangt, ist von einem ähnlichen Sendungsbewusstsein getrieben wie die Morovatis. «Ich kämpfe für eine weltliche Regierung in Iran, aber von der Monarchie halte ich nichts. Mein Vater war unter dem Schah im Gefängnis. Was wir jetzt in Iran erleben, ist wie Europa im 15. Jahrhundert. Ich bin sicher, dass die Theokratie früher oder später fallen wird, aber die Monarchisten werden sie nicht beerben.»

Einig sind sich die Medienprediger von Tehrangeles, dass sie von der US-Regierung keine Hilfe annehmen wollen. Sie alle bestreiten, vom Aussenministerium oder der CIA Gelder zu erhalten, wie oft behauptet wird. Mit den von Washington finanzierten und in der Hauptstadt produzierten Propagandasendern Radio Farda und Voice of America wollen sie nichts zu tun haben. Bushs Vorhaben, das antiiranische Propagandabudget von 10 auf 75 Millionen Dollar aufzustocken, halten sie für pure Verschwendung. «Wir könnten mit dem gleichen Budget viel effektiver auf einen Wandel hinarbeiten», sagt Shadjareh. «Sie verstehen nicht, worum es geht. Sie wollen Informationen liefern, wie die Zuhörer in den USA es gewohnt sind, aber sie geben dem Regime aus falsch verstandener Fairness das Wort. Ausgewogenheit funktioniert nur in einer freien Gesellschaft. Wenn man schwer krank ist, braucht man einen Arzt, der einem Antibiotika veordnet, und nicht eine freie Medikamentenwahl», ereifert sich der TV-Chef.

Sensibel reagieren die iranischen Medienleute im Exil auch auf das anhaltende Chaos im Irak und den damit verbundenen Imageschaden der USA bei ihrem Publikum in Iran. Shahram Homayoun, Präsident und Moderator des Fernsehsenders Channel One, hat in seinem Büro seine «zwei Lieblingspolitiker» aufgestellt. In einer Ecke ein Neandertalerkopf – Platzhalter für Ahmadinejad –, auf einem Tisch eine Bush-Puppe, die auf Knopfdruck anfängt zu tanzen und von Bomben und Demokratie singt. «Bush sollte nachdenken, bevor er den Mund aufmacht und handelt», giftet der 52-jährige Homayoun, von seiner mittäglichen Sendung noch sichtlich aufgekratzt. «Wir können hier von Freiheit reden, von Gleichberechtigung, der Trennung von Kirche und Staat. Wir drängen niemanden zum Widerstand, sondern wollen nur die Möglichkeiten aufzeigen. Aber wenn die Leute in Iran sehen, was sich im Irak abspielt, sagen sie sich: Wenn das eine Demokratie ist, dann lebe ich lieber weiterhin unter einem Diktator.»

Homayouns Sendung, zur besten Sendezeit am Abend in Iran zu sehen, ist eine seltsame Mischung aus Himmel und Hölle. Im computergenerierten Hintergrund ist ein überdimensionales Aquarium zu sehen, in dem virtuelle Fische schwimmen. «Sie sollen Farbe, Hoffnung, Lebensfreude vermitteln, denn alles, was die Mullahs anfassen, stirbt», sagt er. In seinen Sendungen mischen Homayoun und seine Moderatorenkollegen harte politische Attacken mit Gedichten und Musik. Vor den Wahlen im letzten Dezember wurde das vom Channel-One-Moderator Houshiar-Nejad verfasste Gedicht «Man raay nemidaham» («Ich werde nicht wählen») vertont und ging als Untergrundhit durchs Internet. «Gerade weibliche Zuschauer lieben die harten Männer mit der weichen, poetischen Seite», schwärmt die Pressesprecherin von Channel One, die so viel Make-up trägt, dass sie selber vor der Kamera stehen könnte.

Weibliche und jüngere Journalisten gibt es in der Medienszene von Tehrangeles aber nur ganz wenige. Eine ist die 36-jährige Assal Pahlevan, die bereits als Kind Iran verliess. Sie wuchs in Frankreich auf und kam nach Los Angeles, um eine eigene Jugendsendung zu moderieren. Heute sitzt sie jeden Mittwoch im Studio von Channel One und wendet sich mit «Nassleman» an «meine Generation». Pahlevan bezeichnet sich als «100 Prozent politisch». Für ihre Show arbeitet sie sich durch iranische Websites und Zeitungen und liest am Tag bis zu 150 E-Mails von Schülern und Studenten, die über das schreiben, was ihnen am Herzen liegt – vom fehlenden Sportunterricht für Mädchen bis zu den Repressalien der islamischen Revolutionswächter.

«Meine Meldungen sind meistens traurig, deshalb versuche ich sie mit Musikvideos aufzulockern», sagt Pahlevan. Ihre Altersgenossen in Kalifornien bevorzugen Musikvideos am laufenden Band sowie andere leichte Kost bei den unpolitischen exiliranischen Sendern. «Die meisten Jugendlichen sind hier aufgewachsen, sie sind erfolgreich und gehen nicht auf die Barrikaden», sorgt sich der Radiojournalist Ghaem-Maghami. «Ich weiss nicht, wer unsere Jobs übernehmen wird, wenn wir zu müde werden.» Bis es so weit ist, so hofft er, kann der journalistische Nachwuchs direkt aus Teheran senden.

Steffan Heuer ist Amerikakorrespondent des deutschen Wirtschaftsmagazins «brand eins»; er lebt in San Francisco.

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