NZZ Folio 12/02 - Thema: Le Menu   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Walter Hälg: Festkörper und flüssige Freuden

© Ueli Meier
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Von Peter Rüedi

WER NACH der Durchquerung des kleinen Weinbergs, 20 Aren, ein Drittel Riesling x Sylvaner, zwei Blauburgunder, ein paar Spezialitäten, etwas atemlos am Einfamilienhaus in den Reben von Villigen AG anlangt, den betrachtet der Hausherr verwundert und ein bisschen belustigt. Seine alpinistischen Aktivitäten würden auch immer rudimentärer, sagt er, das fuchse ihn schon. Eben heute habe ihn seine englische Nachbarin gefragt: «How are you?» «Just a little bit old», meinte er. Die reine Koketterie.

Walter Hälg wird im kommenden April 86, aber die Treppen seines Anwesens erklimmt er wieselflink, und im Kopf ist er besser zu Fuss, als es sein Besucher je war. Mit gut 67 Jahren wurde er an der ETH pensioniert. In den Unruhestand ging er keineswegs freiwillig: «Das hat der Otto Stich damals durchgesetzt» (das tiefere Pensionsalter für ETH-Professoren).

Er selber hat sich nie parteipolitisch betätigt, aber ein Fach wie das seine ist Politik, ob einer will oder nicht. Die «Sozis» mag er nicht, aber immer noch mehr als die Grünen. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Walter Hälg ist emeritierter ETH-Professor für Reaktortechnik und als solcher eine Reizfigur für AKW-Gegner. Was diese nicht wissen (oder wissen wollen): sein «freches Maul» verschonte auch die eigene Zunft nie. Hälg ist ein ziemlich unabhängiger Denker.

Als von BBC, Sulzer und Escher Wyss 1946 die Arbeitsgemeinschaft Kernreaktor gegründet wurde, evaluierte Hälg den Standort für einen Forschungsreaktor. Er wurde Chefphysiker der ARGE, später der Reaktor AG. Als die Anlage 1960 in Würenlingen in Betrieb genommen wurde, war sie, sozusagen, auch sein Kind. Dass nach einer Havarie und der kostspieligen Reparatur beschlossen wurde, die Anlage stillzulegen, empfand er als persönliche Niederlage, aber auch als Herausforderung. Hälg machte Reaktortheorie, baute Computer, und er betrieb Neutronenstreuung, also nukleare Festkörperphysik. Die dazu unerlässlichen Neutronen beschaffte er sich nach der Schliessung seines Reaktors durch sogenannte Spallation (was hier in gebotener Kürze weiter nicht ausführbar ist).

Er ist old, aber just a little bit. Kaum eine Woche, in der er sich nicht an seinem alten Arbeitsort am Gang der Forschung beteiligt, an Kolloquien teilnimmt. Nach seiner Pensionierung hatte er sich auch noch mit Molekularbiologie befasst. In Chemie hätte er schon doktorieren können, seinerzeit in Basel, beim berühmten Reichstein, dem Nobelpreisträger.

Ein Hang zum Renaissance-Menschen ist Hälg nicht abzusprechen; eine interdisziplinäre Neugier, die ihn auch als Präsidenten der ETH-Forschungskommission empfahl (der er von 1975 bis 1985 war).

Mag die Hinwendung zum Weinbau für einen Professor der Reaktortechnik auch wunderlich scheinen, den Rückzug in ein bukolisches Altersidyll bedeutet dies nicht. Schon gar nicht ist Walter Hälgs Rebbau das ökologische Rebenblatt auf der Blösse eines verantwortungslosen Nuklearforschers. Die Reben fand er vor, als er 1962 das Grundstück in der Nähe seines damaligen Arbeitsorts kaufte.

Also kümmerte er sich darum und kaufte später noch ein paar Aren dazu. Im Rebberg verteilte er Sonden, welche die Temperaturen, die Sonneneinstrahlung und Nässe in ein Computerprogramm einspeisen. Weil ihm die Genossenschaft zu wenig streng selektionierte, begann er 1971 den Wein selber zu keltern und befasste sich an der ETH auch noch mit Agronomie, Unterabteilung Weinbau. Mit seinem önologischen Instruktor, dem Kollegen Hans Lüthi, reiste er eine Zeitlang jährlich ins Veronese, um in offiziellen Degustationsrunden Soave-Weine zu bewerten.

Einen solchen entkorkt Hälg, zur Beschleunigung des Motors der Beredsamkeit, einen Soave 2000 von der Cantina Soave Vigneti di Fitta; nicht zu kalt, frische Säure, nicht mastig, aber mit schönem Glyzerin. Der richtige Wein für diesen späten Nachmittag, in den blau die Dämmerung fällt. Weit weg sind das Paul-Scherrer-Institut, Beznau, Leibstadt.

Allerdings nicht im Plädoyer, das der Hobbywinzer Hälg für sein Kerngeschäft Kernenergie hält. «Wir kommen nicht herum um die Kernenergie, auch in Resteuropa nicht» (Resteuropa, sagt er tatsächlich). «Da wird doch jetzt zum Beispiel immer wieder vom Wasserstoffauto geredet. Aber dem Volk wird nie gesagt, dass man den Wasserstoff erst machen muss. Wenn man das Rohöl für die Chemie sparen will, kann man ihn nur durch Elektrolyse von Wasser gewinnen. Dazu braucht man Strom. Wenn man nur zehn Prozent der Autos mit Wasserstoff betreiben wollte, müsste dafür mindestens ein AKW in der Grösse von Leibstadt gebaut werden. Oder nehmen wir das Schlagwort von der erneuerbaren Energie: auch Uran ist erneuerbare Energie, ein Aufbereitungsverbot reiner Unfug.»

Spricht’s, macht sich auf in den Keller, um noch eine Bouteille von seinem Gamay x Reichensteiner 1999 zu holen. Vorher bittet er, das Tonbandgerät auszuschalten: «Auch das braucht Strom.»


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