ZUM SOGENANNTEN ZUKUNFTSFORSCHER wurde ich unabsichtlich, ja sogar ohne es zu wissen. Wenn ich heute zurückblicke, wird mir mehr oder weniger klar, wie es dazu gekommen ist. Vor allem, als ich mich mit dem zu beschäftigen begann, «was noch machbar ist», hatte ich nicht die leiseste Ahnung von Futurologie. Ich kannte diesen Terminus nicht, und eo ipso wusste ich auch nicht, dass Ossip K. Flechtheim ihn 1943 geprägt hatte. Um mich hinsichtlich dieses Datums zu vergewissern, schlug ich in Meyers Lexikon nach und erfuhr, dass Flechtheim seine Futurologie in drei Sektoren untergliedert hat: Prognostik, Planungswissenschaft und Philosophie der Zukunft.
Mir scheint, dass ich mich ein wenig in all diesen Sparten auf einmal versucht habe. Ich gebe zu, es ist eine seltsame Sache, sich ziemlich nach Ignorantenart mit etwas zu beschäftigen, von dem man überhaupt nicht weiss, was es ist. Aber wie ich vermute, hat sich der erste Urmensch, als er zu singen begann, auch keinerlei Rechenschaft darüber abgelegt, was das eigentlich ist - Gesang.
Nachdem heute, ganz unerwartet für mich, viel von dem Wirklichkeit geworden ist, was ich mir in meiner Phantasie als künftige Spitzenleistungen, aber auch als künftige Katastrophen der Menschheit vorgestellt hatte, kann ich - schon um dem Vorwurf des Eigenlobs zu entgehen - auch weniger schmeichelhafte Worte über mich selbst finden.
Den sogenannten Antrieb, Zukunftsforscher zu werden, hatte ich, seitdem ich die Bank des Gymnasiums drückte. Im Buch, das meiner Kindheit gewidmet ist («Das Hohe Schloss»), habe ich meine «Erfindertätigkeit», als ich etwa dreizehn Jahre alt war, beschrieben. Ich füllte meine Hefte mit Zeichnungen von Maschinen, die nicht nur klettern oder fliegen konnten, sondern auch den angenehmsten Verzehr von gekochtem Mais ermöglichten; denn mich interessierte einfach alles. Dieser Lebensabschnitt war auch reich an anderen Arten der Beschäftigung, die noch mehr Phantasie verlangten: Während der manchmal langweiligen Unterrichtsstunden war ich nämlich fleissig dabei, aus den herausgeschnittenen Seiten meiner Schulhefte Ausweise für Kaiser und Könige und Verleihungsurkunden für verschiedene Schätze und Kleinodien sowie Passierscheine aller Art herzustellen, die zum Eintritt in sehr geheime Schlösser berechtigten; davon hatte ich ganze Stösse.
Vielleicht war das der Quell meines späteren literarischen Schaffens, ich weiss es nicht. Mich interessierten die Antworten auf die Frage «warum?», und mit solchen Fragen quälte ich meine Onkel und meinen Vater. Doch aus der Schule, aus der Klasse floh ich in Gedanken so weit wie möglich - anfänglich in die Vergangenheit, jedoch nicht in die aus den Geschichtsbüchern, sondern in die graue Vorzeit, in der es von Dinosauriern wimmelte; über die Saurier hatte ich ein Buch. Ich verschlang sämtliche Bücher - sogar den Brockhaus aus dem Jahre 1890 -, und ausserdem zeichnete ich Ungeheuer, wie es sie nirgendwo gab, wie sie jedoch meiner Meinung nach zu sehen sein sollten. Ich entfloh mit Hilfe meiner Phantasie in andere Zeiten und Welten, und obwohl ich einsah, dass das nur eine Scheinbeschäftigung war, hütete ich meine Geheimnisse.
Man kann diese kindlichen Launen jedoch unmöglich als «futurologische Tätigkeit» ansehen. Ebensowenig die ziemlich erbärmliche Science-fiction, die ich parallel zu meinem Medizinstudium zu schreiben begann, nachdem meine Familie nach dem Krieg in Krakau gelandet war. BEI MEINEM ABSTECHER in die Zukunft leistete mir die kommunistische Regierung beträchtliche Hilfe, weil ich (zusammen mit ganz Polen) ihr zu verdanken hatte, dass ich vom Westen vollkommen abgeschnitten war, also auch von seiner Literatur. Ich hatte nicht nur bis zum Jahre 1956 ausser Werken von Verne und Wells kein einziges Buch der Gattung Science-fiction gelesen, sondern ich hätte auch keinen Zugang zu wissenschaftlichen Werken gehabt, wäre nicht Dr. Choynowski gewesen. Der Psychologe hatte 1946 ein naturwissenschaftliches Seminar gegründet, dessen jüngster Mitarbeiter ich wurde. Choynowski wandte sich an die wissenschaftlichen Zentren in den USA und in Kanada und bat sie um Literatur für die polnische Wissenschaft, die durch die deutsche Besatzung völlig ausgezehrt war. Ganze Serien von Paketen trafen ein, und ich hatte die Aufgabe, sie auszupacken und die Bücher an die Universitäten im Lande zu schicken; folglich nahm ich, was mich brennend interessierte, einfach nach Hause, las es über Nacht und begab mich am nächsten Tag auf die Post.
Auf diese Weise lernte ich die Kybernetik von Norbert Wiener kennen, die Informationstheorie von Claude Shannon, die Arbeiten von John von Neumann, die einen ungeheuren Eindruck auf mich machten, auch die Spieltheorie und so weiter, und weil ich nicht Englisch konnte, musste ich mit dem Wörterbuch in der Hand lesen. Bald aber konnte mich die Lektüre nicht mehr zufriedenstellen: Ich begann auf der Grundlage des Gelesenen eigene Konzeptionen zu entwickeln.
Zuerst erdachte ich die «atomare Auferstehung des Menschen», die mir im Prinzip möglich schien, denn da jedermann aus Atomen zusammengesetzt ist, brauchte man sie nach seinem Tode nur zu sammeln und den Organismus von neuem zu schaffen. Dem Bischof von Berkeley entlehnte ich seine beiden Diskutanten Hylas und Philonous und liess sie die Resurrektion gründlich untersuchen. Meine Schlussfolgerung, dass ein aus Atomen erbauter Mensch nicht derselbe sein kann wie der gestorbene, sondern allenfalls der gleiche, das heisst eine Kopie, gewissermassen ein Zwillingsbruder, versuchte Herr Oswiecimski, einer der Assistenten des Seminars, dem ich zeigte, was ich geschrieben hatte, zu widerlegen. Er kam jeden Tag mit einem neuen Gegenargument, das ich zu parieren versuchte, und auf diese Weise entstand, unabsichtlich und planlos fertiggestellt, das erste Kapitel meines Buches «Dialoge». Ich schrieb es im Jahre 1953, als Stalin noch lebte, und von einer Veröffentlichung konnte nicht die Rede sein, weil ich eine Fülle künftiger Chancen von der Kybernetik herleitete, die damals offiziell als «bourgeoise Pseudowissenschaft» galt.
Im übrigen waren Prognosen ohnehin verstummt, aus dem einfachen Grunde, weil die Zukunft bereits mit maximaler Genauigkeit prognostiziert war in Gestalt des kommunistischen Paradieses, wohin uns - wie einst Moses die Juden aus Ägypten - die kommunistische Partei führen würde. Mich aber vermochte das nicht zu befriedigen, und es interessierte mich auch nicht: Ich schrieb meine Sachen. Dank dem Tauwetter konnten die «Dialoge» im Jahre 1956 veröffentlicht werden; weil aber im Verlag niemand wusste, wovon das Buch handelte und was es bedeutete, malte der Buchillustrator auf den Umschlag ein Bild, worauf eine Leiter und ein Paar zurückgelassener Schuhe zu sehen waren.
In jüngster Zeit schreibt man über mich, ich hätte mich überhaupt nicht mit der Futurologie beschäftigt, die irgendwann um die sechziger Jahre die Szene auf breiter Front zu beherrschen begann und die Buchmärkte eroberte. Ich befasste mich zunächst deswegen nicht damit, weil ich schon über die Zukunft geschrieben hatte, bevor die Mode den Westen überflutete. Doch noch wichtiger war, dass ich eigentlich nichts davon wusste, was im Westen geschah.
Ich hörte Radio Free Europe den Störsendern zum Trotz, doch dort war von Zukunftsprognosen nicht die Rede. Weshalb ich mich gerade im Jahre 1962 daran machte, mein Opus magnum - «Summa Technologiae» - zu schreiben, kann ich nicht sagen. Es hatte mich einfach eine Lust überkommen, doch was ist das für eine Erklärung? Kurz und bündig vielleicht so: Ich war neugierig darauf, was in der Zukunft geschehen könnte. Dabei interessierte mich nicht die politische Zukunft der Welt, denn diese schien mir vergänglich wie die Wolken, die am Himmel jagen. Auch von künftigen Krisen findet sich wenig bei mir, ich habe sie kaum erwähnt. Nicht die Bevölkerungsbombe beschäftigte mich, eher schon die Megabitbombe im Sinne der Informationsüberflutung.
Doch hatte bereits vor einigen hundert Jahren Bacon geschrieben, dass Maschinen gebaut werden würden, die die Fähigkeit hätten, über den Meeresgrund, über die Erde dahinzugleiten: um Vorhersagen dieser Art war es mir zu tun (wobei ich nicht wusste, dass der Philosoph Karl Popper alle Vorhersagen der Zukunft als Unmöglichkeit bezeichnet hatte). Da ich keinerlei Zugang zu Quellen aller Art, zu Statistiken und Daten hatte, musste ich mir meinen Wegweiser, meinen Leitstern selbst erfinden, und so tat ich damals auf eigene Faust das, was die Deutschen Aus-der-Not-eine-Tugend-Machen nennen. Weil ich mich dabei um keinen Preis nur auf die reine Phantasie stützen wollte, suchte ich nach einem festen Punkt, das heisst nach etwas, das sicher ist, das aber erst die künftigen Menschen erspähen und in der Lage sein würden, auseinanderzunehmen, in seine Bestandteile zu zerlegen und wieder zu einem neuen Ganzen zusammenzusetzen - indem sie es wie eine Technologie übernehmen.
Wenn man das durchdenkt, bemerkt man, dass ich ja alles vor der Nase hatte! Die Pflanzen wachsen, die Tiere leben, wir existieren - diese ganze lebendige Welt ist im Verlauf der Darwinschen natürlichen Evolution entstanden. Da gibt es rätselhafte Stellen, ganz bestimmt werden sie für uns immer rätselhaft sein: die Evolution selbst aber ist eine unumstössliche Tatsache. Was die Natur vermocht hatte, werden auch wir, die wir sie zur Lehrerin und Instruktorin genommen haben, vermögen. Aus diesem Grunde richtete ich, als ich die «Summa Technologiae» schrieb, all meine Anstrengungen auf die minuziöse Beschreibung, wie das zu bewerkstelligen wäre, was daraus entstehen könnte und wie wir die Fähigkeit erlangten, die «Natur einzuholen und zu überholen». Als ich über die Biotechnologie, über die «Imitologie» und über das genetische Ingenieurswesen schrieb, herrschte über derlei Dinge völliges Stillschweigen. Niemand sprach mit stockender Zunge über die Entdeckung der menschlichen Vererbungskarte, das Human Genome Project. Ringsum herrschte der Marxismus-Leninismus, ich verfügte ausschliesslich über Werke, die in russischer Sprache in Moskau erschienen waren und aus dem Bereich der exakten Wissenschaften stammten: Physik, Astrophysik, Darwinsche Biologie. (Es gab dort auch «gestohlene» Bücher, denn Moskau liess Amerikaner, beispielsweise Richard Feynman, übersetzen, bezahlte aber niemandem auch nur eine Kopeke dafür.)
Doch bei meinen Prognosen geriet ich ins Stottern. Ich hatte grosse Schwierigkeiten mit der Namensgebung, mit der Terminologie; Schwierigkeiten mehr oder weniger von der Art, wie sie ein um 1800 lebender Zeitgenosse gehabt hätte, wenn es ihm in den Sinn gekommen wäre, die Eisenbahn zu beschreiben. Es gab sie nicht, wie also sollte man Kessel, Zylinder, Kolben, Notbremse usw. beschreiben? Folglich musste ich alles erfinden und bezeichnen, so wie Robinson Crusoe hatte lernen müssen, wie man aus Lehm einen Topf formt und wie man eine Glasur einbrennt. In gewissem Sinne war ich ein Robinson der Futurologie, und ich habe dieser Einsamkeit, dieser Isolation viel zu verdanken. Denn hätte ich erfahren, dass damals, als meine «Summa» publiziert wurde, im Westen Institutionen im Entstehen begriffen waren wie die Rand Corporation, das Hudson Institute, die Gruppe Futuribles etc., dann wäre ich angesichts dieses Potentials an Intelligenz, das sich auf Brigaden von Computern stützte, Zugang zur gesamten Weltliteratur hatte, frei an sämtlichen Konferenzen und Kongressen teilnehmen konnte, schier erdrückt worden und hätte nicht gewagt, auch nur einen Muckser von mir zu geben. Man stelle sich vor, ich ganz allein, fast auf dem Lande, nämlich am südlichen Stadtrand von Krakau, sollte mit Experten konkurrieren, die einen Bestseller nach dem anderen auf den Markt warfen. Hier Herman Kahn, dort Alvin Toffler . . . Zu meinem grossen Glück wusste ich überhaupt nichts von ihnen, noch darüber, welchen Ruhm sie genossen; ich hatte nicht die leiseste Ahnung.
Und so kann die Isolation auch zum Guten ausschlagen. Als ich, nachdem die «Summa» schon mehrere Auflagen erlebt hatte, endlich Literatur in die Hand bekam, die aus dem Westen stammte, konnte ich mir exakte Diagramme anschauen (der DDR prophezeite Kahn im Hinblick auf die Wachstumsraten des Nationaleinkommens den zweiten Platz in Europa, gleich hinter den Westdeutschen). Erst als ich all die Statistiken, Extrapolationen, Interpolationen betrachtete, begriff ich in vollem Umfang die guten Seiten meiner Einsamkeit - denn die Sowjetunion zerfiel einige Zeit danach, die DDR hörte auf zu existieren, die Futurologie verschwand aus den Schaufenstern der Buchläden. Statt dessen tauchten neue Artikel und Titel auf, nicht darüber, was einmal sein wird, sondern darüber, was hier und jetzt ist, geschieht, sich entwickelt . . . DANN ERFOLGTE der generelle Umschwung zur Biologie, zur Biotechnologie, zur fleissigen Erforschung der Vererbungskarte des Menschen, zur Entdeckung der Gene, die für die unterschiedlichsten Eigenschaften und Gebrechen verantwortlich sind, nach und nach entstanden mächtige Konsortien wie Genentech, ich kann sie hier nicht aufzählen; man begann, verschiedene neue Bakterien zu patentieren und sie für chemo-synthetische Aufgaben einzusetzen - mich hat all das sehr überrascht. Und zwar, weil ich in der Überzeugung geschrieben hatte, dass ich in keinem einzigen Fall die Realisierung meiner Prognosen erleben würde, dass das vielleicht im dritten, vielleicht im vierten Jahrtausend eintreffen könnte, ganz bestimmt nicht vorher.
Heute kann ich mit der Lektüre über neue Kapitel der Biotechnik nicht mehr Schritt halten, und natürlich ist auch die jetzt entstehende Terminologie völlig anders als die, die ich als Robinson Crusoe erdacht habe. So ist zum Beispiel meine «Phantomologie» und «Phantomatik» bereits Wirklichkeit geworden, nennt sich aber Virtual Reality. Und jede Woche tauchen mehr von diesen neuen Bezeichnungen auf.
Im übrigen wurde meine grundlegende Idee durch den sich immer heftiger beschleunigenden Fortschritt des theoretischen Wissens und seiner Umsetzung in die Praxis nicht vollends überholt. Ich kann hier nicht den gesamten Inhalt der «Summa» wiedergeben, doch ich kann die Hauptrichtung und das grundlegende Prinzip erklären, das die Technologie nach meinem Verständnis von der natürlichen Evolution des Lebens übernehmen sollte - etwas völlig Neues, total und prinzipiell verschieden von dem im Laufe der jahrhundertelangen Ingenieurpraxis entstandenen konstruktiven sowie hypothesenbildenden Denken des Menschen.
Wir haben es immer mit einer Bearbeitungsmaschine zu tun und mit dem, was bearbeitet wird, mit einem Instrument und dem Rohstoff, mit dem Meissel und dem Stein, mit der Erfindung und den erbauten Prototypen; im Bereich der höchsten Abstraktion aber mit Hypothesen und Theorien, die wir dem Falsifikationstest unterziehen. So handeln wir, seitdem der erste Mensch begann, mit einem bearbeiteten Stein aus einem zweiten Stein Feuer zu schlagen. Davor hatte es den Hammer aus Stein und das Kratzeisen gegeben, und es ging weiter bis zur Raumfähre «Discovery», den Sputniks und den Kernkraftwerken - die Methode aber blieb im Kern ein und dieselbe.
Die Evolution hingegen, die sich ohne jede Hilfe über das molekulare Chaos und Gewimmel erheben musste, kennt die Einteilung in Bearbeitetes und Bearbeitendes nicht, denn bei ihr wurde der Plan, das heisst die DNS-Spirale, im Laufe der vier Milliarden Jahre der Entwicklung des Lebens auf der Erde gleich mit eingebaut (wir aber wissen immer noch nicht, wie ihr das gelingen konnte). Im übrigen hat sie sich nicht übertan oder auch nur sonderlich abgeplagt, denn drei Milliarden Jahre hindurch schuf sie nichts als Bakterien. Mehrzellige Lebewesen, Pflanzen und Tiere entstanden erst vor knapp 800 Millionen Jahren, und der Mensch erschien auf dieser Skala just vor einem Augenblick - nämlich vor zwei bis vier Millionen Jahren. Demnach war meine grösste Sorge und mein grösstes Problem, ob die Menschen es fertigbringen würden, die Entwicklung ihrer Technologie so ausserordentlich zu beschleunigen, dass sie den Vorsprung, den die Evolution beim jahrmilliardenlangen Gestalten gewonnen hatte, aufholen. Das bedingt, dass sie diese Kunst in ein paar hundert Jahren erlernen und beherrschen.
Doch etwas habe ich nicht vorausgesehen. Zum einen, dass wir bereits gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts anfangen, dieses Rennen zu gewinnen, und zweitens, dass dieser Prozess so rasch, so stürmisch verläuft und sich auf so vielen Abschnitten der biotechnologischen Front zu realisieren beginnt. Offenkundig war ich in dieser Hinsicht Pessimist.
Als Optimist hingegen erwies ich mich in einem anderen Sinn und in einer anderen Sphäre: Ich ähnelte dem faustischen Geist der Menschheit, und ich hatte nicht bedacht, dass die herrlichsten Errungenschaften der Technik zu schändlichen, erbärmlichen, niederträchtigen sowie unerhört dummen und platten Zwecken genutzt werden sollten; dass Computernetze (ich schrieb über derartige Netze im Jahre 1954) Pornographie übertragen würden.
Mich interessierte nicht allein das Prognostizieren der technischen und biotechnischen Schöpfungen, sondern ich wollte auch erraten, welchen Nutzen die Menschen und die Gesellschaften daraus ziehen würden. Bei der Erörterung dieser Seite der zukünftigen Errungenschaften stiess ich auf die menschliche Natur, die leider non est naturaliter christiana, versuchte jedoch gleichzeitig, mich den dunklen, mörderischen Seiten dieser Natur des Menschen irgendwie zu widersetzen, und versah demzufolge weder die «Summa» noch die «Dialoge» mit Kapiteln über die «schwarze Zukunft» glänzender Technologien.
Hingegen ist offenkundig: wenn ich mich auf die Philosophie der Zukunft einlasse, dann muss ich zugeben, dass fast jeder Typ einer sehr weit fortgeschrittenen Technologie unvermeidlich mit unserer gesamten kulturellen Tradition kollidiert, mit der historisch entstandenen Ethik der religiösen Anschauungen, mit den Sitten und Bräuchen, die durch rechtliche Hemmnisse und soziale Verbote gewahrt werden. Dabei gehen aus diesen immer heftigeren frontalen Zusammenstössen gefährliche Phänomene hervor; die Zivilisation wird selbstbedrohend. Ich machte mich nicht an die Beschreibung derart fataler Veränderungen - ich weiss nicht, ob ich das mit voller Absicht nicht wollte, aber wie dem auch sei, die permissiven Gesellschaften habe ich nicht so vorhergesagt, wie ich die Triumphe der Technologie vorhergesagt habe, die aus der Evolution des Lebens übernommen wurden.
Zum Ausweg wurde für mich die Science-fiction: Was allzu düster, allzu tiefschwarz war, habe ich auch beschrieben, aber in grotesker und närrischer Verkleidung. So entstand der «Futurologische Kongress» - der übrigens von niemandem ernst genommen wurde, obwohl er weltweit in zahlreichen Auflagen erschien - als ein Bild der Welt der Zukunft, einer Welt, in der psychotrope Mittel in Gebrauch sind, die den Charakter des Menschen, seine Persönlichkeit ändern und ihn wie eine Marionette steuern. Ich schrieb das mit einem Lächeln, und so wurde es auch aufgenommen. Leider kann man auch dieses Phänomen bereits in der Tagespresse geschildert finden. Diese «psychemische Zivilisation», die «Psyvilisation» in Kurzform, scheint vor der Tür zu stehen. Ich habe deshalb, auch in anderen Büchern, die Dinge versüsst und ihnen eine satirisch-surrealistische Färbung gegeben, anderenfalls hätte es wie ein Requiem für die Technologie geklungen, wie ein pompe funèbre, wie Mene Mene Tekel Upharsin . . . ICH WAR NICHT im mindesten ein allwissender Prophet der technoschöpferischen Explosion, die eine prachtvolle, sonnige Seite und eine düstere, todtraurige Kehrseite hat. Es war nicht so, dass ich mich vor knapp fünfzig Jahren hingesetzt, eine Weile nachgedacht und dann zu mir gesagt hätte: Also, nun werde ich der Menschheit sagen, was sie im Guten wie im Schlechten in den kommenden Zeiten unvermeidlich erwartet; jetzt trenne ich das Gute vom Schlechten, und zwar auf derartig listige Weise, dass ich die guten Nachrichten seriös, mit vollem Ernst in Sachbüchern verkünden werde, während ich die schlimmen, die fatalen Prognosen mit dem Zuckerguss der Unterhaltung und des Spiels überziehe und sie augenzwinkernd verkünde, so wie man unglaubliche und spassige Geschichten erzählt. So war es nicht.
Als ich zu schreiben begann, gab es in meinem Kopf, in meinem Bewusstsein, wie ich vorsichtshalber sagen möchte, keineswegs das Ziel, mein Schreiben auf diese Art zweizuteilen. Die Trennung entstand irgendwie von selbst, und erst jetzt, da meine schriftstellerische Karriere zur Neige geht, vermag ich diese gleichsam aus zwei Hälften zusammengesetzte Ganzheit dessen wahrzunehmen, was mir aus der Feder geflossen ist, unabsichtlich, irgendwie unbewusst, so als hätte mich etwas gesteuert, woran ich im gleichen Augenblick selbst nicht glaube.
Vielleicht war es der Genius temporis. Stellen Sie bitte keine Fragen zu dieser Sache, die der Quell von allem ist, was ich geschrieben habe. Wenn ich sie erklären könnte, würde ich das gern tun.
Stanislaw Lem ist Schriftsteller und lebt in Krakau.