Die Zahl rassistisch motivierter Gewalttaten hat sich in den letzten Jahren vervielfacht, fremdenfeindliche Parteien haben in fast allen europäischen Ländern Zulauf. Mittlerweile ist die politische Öffentlichkeit auch hierzulande sensibilisiert; eine Debatte ist in Gang gekommen, wie diesen Entwicklungen entgegenzutreten sei. Erste rechtliche Schritte wurden eingeleitet, die eine schärfere strafrechtliche Verfolgung rassistischer Taten und Äusserungen erlauben sollen, und diverse antirassistische Organisationen haben sich gebildet. In vielen Diskussionen werden Vermutungen darüber angestellt, welche sozialen und politischen Umstände den Nährboden für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bilden. Was haben die Humanwissenschaften zur Klärung dieser Frage beizutragen?
Die folgende Darstellung einiger gängiger Antworten aus den Disziplinen Soziologie, Sozialpsychologie und Geschichte wird kaum ein abgerundetes Bild des «state of the art» ergeben. Zu vielgestaltig und zerklüftet ist das Diskussionsfeld, auf dem sich Rassismustheorien bewegen. Dies gilt wohl für alle sozialwissenschaftlichen Debatten, die sich entlang politisch und moralisch derart brisanter Probleme entfalten; unter anderem, weil ihre eigenen Begriffe und Theoreme in den öffentlichen Auseinandersetzungen und zuweilen gar in den rassistischen Ideologien selbst auftauchen, so dass eine reflektierende Wahrung der Distanz schwerfällt.
Schon über den Begriff des Rassismus kann keine Einigkeit erzielt werden. Die ersten Analysen und Begriffsbestimmungen etwa der Sozialwissenschafter Magnus Hirschfeld, Ruth Benedict und Jacques Barzun stammten aus den dreissiger Jahren und bezogen sich auf den Nazismus. Sie definierten den Rassismus entsprechend als Ideologie, derzufolge die Menschheit in verschiedene, genetisch definierte Gruppen einzuteilen sei, die sich gemäss ihrer natürlich gegebenen Zivilisationsfähigkeit voneinander unterscheiden. Die moralisch und intellektuell überlegenen Rassen seien befugt, die minderwertigen zu befehligen und sich untertan zu machen.
Gegen diese Konzeption setzten Ethnologen wie die Amerikanerin Ruth Benedict oder später der Franzose Claude Lévi-Strauss den Kulturrelativismus: Die Unterschiede in den Lebens- und Denkweisen der Völker seien historisch-kulturell und nicht biologisch bestimmt. Eine Bewertung dieser Differenzen sei unabhängig vom Wertemuster der eigenen Kultur nicht möglich, und die Vielgestaltigkeit menschlicher Kulturformen sei zu bejahen und zu erhalten.
Der Rassismus wurde durch den Holocaust so gründlich diskreditiert, dass er heutzutage als politische Ideologie kaum mehr öffentlichkeitsfähig ist und lediglich noch in rechtsextremen Zirkeln artikuliert wird. Gegen diese These vom Tod des Rassismus, wie sie etwa der britische Sozialanthropologe Michael Banton vertreten hat, wird auf der anderen Seite argumentiert, dass heute der Rassismus sehr wohl wieder salonfähig geworden sei, nachdem er gerade die kulturrelativistische Gegenargumentation in sich aufgenommen und so entschärft habe: Der gegenwärtige Rassismus gehe ebenfalls von der Unaufhebbarkeit kultureller Differenzen und dem Recht auf kulturelle Integrität aus, fordere jedoch von daher die Ausgrenzung der Andersartigen, um die Reinheit der eigenen nationalen Kultur vor verderblicher Durchmischung mit den Immigranten zu bewahren. Dieser «differentielle Rassismus», wie ihn der französische Politologe Pierre-André Taguieff definiert, oder der «Rassismus ohne Rassen» nach dem französischen Philosophen Etienne Balibar, benutze den Begriff der Kultur lediglich als Euphemismus für denjenigen der Rasse. Folgen wir dieser Definition, so gehören nicht nur die südafrikanischen Konservativen, sondern auch die europäischen Fremdenhasser zu den «Neorassisten», wie sie der britische Politologe Martin Barker nennt. Dieses etwas verschwommene Begriffsverständnis liegt auch den meisten gängigeren Erklärungsansätzen zugrunde.
In der sogenannten kritischen Soziologie werden Rassismus und Fremdenfeindlichkeit als notwendige Elemente der Herrschaftssicherung interpretiert. So glaubt etwa der amerikanische Historiker und Soziologe Immanuel Wallerstein, dass beide eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung des kapitalistischen Weltsystems spielten. Der biologische Rassismus widerspiegle und rechtfertige die Ungleichheit zwischen Staaten im Weltsystem, das Machtgefälle zwischen den reichen, weissen Zentrumsnationen und den ausgebeuteten, farbigen Bevölkerungen der Peripherie. In den Zentrumsnationen komme dem Neorassismus die Aufgabe zu, unterschiedliche ethnische Gruppen in Nischen des Arbeitsmarktes zu drängen und so das Lohngefälle zwischen ihnen zu rechtfertigen. Andere marxistische Autoren gehen noch einen Schritt weiter und behaupten, rassistische Ideologien würden von den nationalen Eliten verbreitet, um Immigranten und die einheimische Arbeiterschaft insbesondere in konjunkturellen Abschwüngen und Phasen verschärfter Verteilungskämpfe gegeneinander ausspielen zu können. Die Arbeiter stiegen auf das Ideologieangebot ein, weil sie in der symbolischen Teilhabe an der Herrschaft die Selbstunterwerfung zu kompensieren suchen.
Einige dieser Ansätze gehören übrigens auch zum geistigen Inventar der antirassistischen Bewegung. Als Theorien stellen sie wissenschaftlich aufbereitete Verschwörungsthesen dar und sind meist empirisch schlecht abgestützt - so ist etwa Fremdenfeindlichkeit keineswegs nur in Arbeiterschichten verbreitet. Dass zudem das Verhalten von konkreten Individuen nicht durch den Nutzen erklärt werden kann, den es für die Erhaltung eines gesellschaftlichen Systems bringt, haben mittlerweile die meisten Sozialwissenschafter gelernt.
Ohne Verschwörungsthesen kommt ein zweiter soziologischer Ansatz aus, bei dem ebenfalls die soziale Schichtung im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Er wurde insbesondere von den Zürcher Soziologen Peter Heintz und Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny zur Analyse der Fremdenfeindlichkeit der siebziger Jahre entwickelt. Die südländischen Einwanderer wurden auf die untersten Statuspositionen der Gastgebergesellschaft verwiesen. Durch diese «Unterschichtung» stieg eine Mehrzahl der Einheimischen in der Hierarchie auf, ohne dass ihre höhere soziale Stellung durch entsprechende Bildungstitel abgesichert gewesen wäre. Um ihre deshalb prekäre Position vor sich selbst und den anderen zu rechtfertigen, entwerteten sie die Kultur der Einwanderer und setzten sich als Statusgruppe von diesen ab. Eine Minderheit jedoch konnte vom «Lifteffekt» durch Unterschichtung nicht profitieren. Diese Modernisierungsverlierer erlitten so einen relativen Statusverlust und mussten mit Unsicherheit, Angst und Ratlosigkeit auf die Fremden reagieren. Diese wurden als eigentliche Ursache für den eigenen sozialen Abstieg und somit als Bedrohung wahrgenommen und zu Sündenböcken gemacht.
Ein anderer Ansatz (ihn vertreten etwa in Deutschland die Soziologen Lutz Hoffmann, Herbert Even oder Georgios Tsiakalos) zielt mehr auf die Brüche in der Selbstwahrnehmung nationaler Grossgruppen, die durch die Einwanderung ausgelöst werden. Die ökonomische Integration der Immigranten fällt meist nicht schwer, besteht doch ein Bedarf gerade an billigen Arbeitskräften. Weil sich jedoch die Einheimischen als Träger einer einheitlichen Nationalkultur definieren, kann die kulturelle Eingliederung der Fremdarbeiter und Flüchtlinge nur schwerlich gelingen, zu gross ist dazu der Assimilierungsdruck. Diese werden auf ihre Herkunftskultur zurückgeworfen und so als subkultureller Stachel im Fleisch der Nation sichtbar. Das nationalistische Selbstbild wiederum gerät in die Krise, die sich in Fremdenfeindlichkeit und Rassismus entlädt.
Den beiden eben diskutierten Ansätzen ist gemeinsam, dass sie in der verstärkten Einwanderung die letzte Ursache für Fremdenhass und Rassismus sehen - darin sind sie den am weitesten verbreiteten Deutungen in der Bevölkerung und unter Politikern nicht unähnlich. Nun hat sich aber gezeigt, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nicht unbedingt in den Zeiträumen oder Ländern mit besonders hohem Fremdenanteil auftreten. So wuchs seit Ende des Zweiten Weltkriegs die ausländische Wohnbevölkerung in der Schweiz massiv, ohne dass dies vor Mitte der siebziger Jahre zu fremdenfeindlichen Tendenzen geführt hätte. Umgekehrt sind solche Reaktionen in Zeiten mit abnehmenden Fremdenanteil zu beobachten.
Diesem Umstand versucht das letzte soziologische Modell in unserem Tour d'horizon gerecht zu werden. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus haben diesem zufolge weniger mit der Zunahme der Fremdbevölkerung als mit der gesamtgesellschaftlichen Krise der Gastgebernationen selbst zu tun. Solche tiefgreifenden Krisen treten periodisch immer wieder auf, wenn sich die Versprechen eines spezifischen Gesellschaftsmodells, zuletzt etwa des wohlfahrtsstaatlichen, nicht mehr einlösen lassen. Während dieser Modernisierungskrisen ist das Selbstverständnis einer Gesellschaft so erschüttert, dass die ruhige Selbstgewissheit abhanden kommt, die einen problemlosen Umgang mit dem Fremden erst ermöglicht.
In dieses Modell passen die Ergebnisse sozialpsychologischer Forschungen, etwa des amerikanischen Sozialpsychologen Henri Taifel. Sie zeigen, dass in gesellschaftlichen Krisenlagen die Situationsdefinitionen der Individuen umkippen: Sie bemühen sich nicht länger als Einzelne unter - auch fremden - Einzelnen um ihr Fortkommen, sondern sehen sich nun als Gruppenmitglied zu anderen Gruppen in Konkurrenz gesetzt. Diese Wahrnehmungsverschiebung entsteht aus der Verfestigung von Vorurteilen und soll Identität und soziale Position sichern helfen.
Wieso jedoch werden ausgerechnet «die Fremden» zum feindlichen Gegenüber und nicht etwa politisch Andersdenkende? Und wieso nehmen solche Identitätsvergewisserungen bisweilen rassistische Züge an? Auf diese Frage versuchen kulturhistorische Untersuchungen eine Antwort zu geben. Der französische Ethnologe Louis Dumont etwa vertritt die vielzitierte These, wonach der Rassismus ideengeschichtlich das unvermeidliche Gegenstück zur Aufklärung darstellt. Im Verlaufe des 18. und 19. Jahrhunderts lösten sich alle auf nichtuniversalistischen Kriterien beruhenden sozialen Hierarchien und die durch sie festgeschriebenen Identitäten auf: Stände, Zünfte usw. Als Identitätsangebot halten Aufklärung und bürgerliche Gesellschaft lediglich die egalitäre Gemeinschaft aller freien und vernunftbegabten Individuen bereit. Angesicht der Entwurzelung, die Industrialisierung, Verstädterung und damit die Verwischung der herkömmlichen kulturellen Grenzlinien mit sich bringen, sind die meisten Menschen mit diesem Angebot überfordert. Auf der Suche nach einem sichereren Ort der Selbstvergewisserung kann unter diesen geistigen Vorzeichen nur noch auf nichtkulturelle, eben biologische Kriterien der Abgrenzung zurückgegriffen werden: Der moderne Rassismus entsteht als Antwort auf die Zumutung der Moderne.
In diese Erklärung lassen sich die Ergebnisse des deutschen Historikers Imanuel Geiss einfügen. Ihm zufolge fasste der moderne biologistische Rassismus und Antisemitismus erst recht Fuss, als sich mit der Abschaffung der Sklaverei und mit der Emanzipation der Juden die hierarchisch geregelten Beziehungen zwischen den Gruppen auflösten.
Andere historische Anatomien des Rassismus, etwa des amerikanischen Historikers George Mosse oder des französischen Rassismusforschers Leon Poliakov, bestätigen im grossen Ganzen diesen Befund. Mit dem britischen Soziologen Robert Miles kann man hinzufügen, dass rassistische Denkfiguren im 19. Jahrhundert zuallererst im Rahmen der gesellschaftlichen Binnenkämpfe aufkamen: zur Verteidigung der Adelsprivilegien gegenüber den bourgeoisen Parvenus, später zu deren Abgrenzung von Arbeitern und den Bauern des Hinterlandes und schliesslich auch im Rahmen nationalistischer Rhetorik. Welche Kategorie von Fremden also rassistisch ausgegrenzt wird, hängt vom spezifischen historischen Kontext ab. Und erst im Laufe de Zeit sickert solches Gedankengut von den Eliten nach unten und gehört in dem Moment, wo sich diese anderen Weltanschauungen zugewandt haben, nicht länger als Urteil zum Geläufigen, sondern erregt als Vorurteil Anstoss.
Die historische Vielgestaltigkeit und Veränderlichkeit rassistischer Bewegungen lässt es ratsam erscheinen, sich dem gegenwärtigen Wiederaufschwung fremdenfeindlicher und rassistischer Tendenzen zuerst einmal empirisch zu nähern. Im Unterschied zu Frankreich und Deutschland, insbesondere aber zu England und den USA fehlt hierzulande eine eigentliche Forschungstradition. Zu erwähnen sind die bereits zitierten Untersuchungen der Zürcher Soziologen sowie die Forschungen zu Xenophobie und Rassismus, die seit vielen Jahren von Genfer Sozialpsychologen unter der Leitung von Professor Gabriel Mugny unternommen werden. Weitere auf die Schweiz bezogene Darstellungen stammen vom Soziologen Uli Windisch sowie von dem Historiker Hans-Ulrich Jost. Fast alle diese Arbeiten beziehen sich auf die fremdenfeindliche Haltung gegenüber Immigranten aus dem europäischen Süden. Bisher ist keine wesentliche Zunahme der Forschungstätigkeit zu verzeichnen, die in absehbarer Zeit das Bedürfnis nach Erklärung vor allem neuerer Tendenzen fremdenfeindlichen Verhaltens befriedigen könnten.
Andreas Wimmer ist Assistent am Ethnologischen Seminar der Universität Zürich.