NZZ Folio 09/10 - Thema: Die Welt von morgen   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Man nennt mich den Bürgermeister»

© Renzo Ruf
Diego D’Ambrosio, Washington, USA Linktext
135 Botschafter, 26 Staats- und Regierungschefs, unzählige Abgeordnete waren schon in Diego D’Ambrosios Salon. Einmal Haareschneiden, bitte!

Von Renzo Ruf

Diego D’Ambrosio, Washington, USA, ist 76 Jahre alt. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Fragen zu seinem Einkommen will der emigrierte Italiener nicht beantworten. Er sagt aber, dass er gut lebe und von der Wirtschaftskrise wenig spüre.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Meine Kunden bevorzugen meist einen konservativen Schnitt – sie legen Wert auf ein gepflegtes Aussehen.

Haben Sie eine spezielle Methode?

Nein. Ich benutze eine Schere und einen elektrischen Haarschneider.

Warum sind Sie Coiffeur geworden?

Ich bin in der Nähe von Rom aufgewachsen, im Städtchen Santa Marinella. Nach der Schule liess ich mich in einem Damensalon ausbilden. Dann wollte ich nur noch weg, fort aus Italien.

Warum fiel Ihre Wahl auf Amerika?

Ich tat es meinem Grossvater gleich. Der wanderte vor dem Zweiten Weltkrieg nach Pennsylvania aus, wo er zusammen mit zweien seiner Söhne in einer Kohlemine arbeitete. Leider kamen meine beiden Onkel im Alter von 18 und 21 Jahren bei einer Explosion ums Leben. Mein Grossvater kehrte nach Italien zurück.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich werde weiterhin sechs Tage die Woche arbeiten. So wie ich es seit fast fünf Jahrzehnten tue. So ist das in Amerika: Man muss hart arbeiten. Ich bin aber nicht müde. Wenn man seinen Beruf liebt, dann wird man nie alt und müde.

Haben Sie viele Stammkunden?

Allerdings. Meinen Salon eröffnete ich in den 1960er Jahren, und seither kommen viele Kunden immer wieder.

Was für Leute sind das?

Leute aus allen Schichten. Besonders stolz bin ich auf die prominenten Kunden: In den fast 50 Jahren habe ich 135 Botschaftern, 26 Staats- und Regierungschefs sowie unzähligen amerikanischen Abgeordneten die Haare geschnitten.

Wie schaffen Sie das?

Ich bin gut. Das hat sich herumgesprochen. Viele Kunden geben mir anschlies­send ein Autogramm, das ich im Salon aufhänge. Hier beispielsweise ist das Foto des verstorbenen obersten Bundesrichters William Rehnquist – ein enger persönlicher Freund. Er hat sich einmal in einem Nachbarschaftsstreit auf meine Seite geschlagen, und prompt war das Problem gelöst. Dort sehen Sie den Apo­stolischen Nuntius, den päpstlichen Botschafter in Washington. Und seinen Vorgänger. Hier ist ein Foto des ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Er war allerdings nie in meinem Salon.

Sie scheinen eine Vorliebe für konservative Politiker zu haben.

Nun ja … Unter meinen Kunden befinden sich auch Demokraten. Der amtierende Bürgermeister von Washington, Adrian Fenty, schaut regelmässig vorbei. Auch seine Mutter, die ich «Mama» nenne, ist ein Stammgast. Mit ihren Enkeln.

Würden Sie Präsident Obama die Haare schneiden?

Selbstverständlich, auch wenn ich mit seinem politischen Programm nicht einverstanden bin. Ich habe aber Respekt vor dem Amt des Präsidenten, so wie sich das für einen guten Amerikaner gehört.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?

Das internationale Flair. Obwohl die Stadt nicht sehr gross ist, gehört sie doch zu den internationalsten Metropolen dieser Welt. Da ist es hilfreich, dass wir im Salon acht Sprachen sprechen.

Warum haben Sie die Ecke von 19. Stras­se und Q Street für Ihren Salon gewählt?

Das hat sich so ergeben. Ich kam 1961 nach Washington, am Tag nach der Amtseinführung von John F.?Kennedy. Es war bitterkalt. Zuerst arbeitete ich für die ita­lie­nische Botschaft, 1962 eröffnete ich einen Salon auf der gegenüberliegenden Strassenseite, drei Jahre später zog ich in dieses Eckhaus. Seither hat sich vieles verändert. Dupont Circle ist ein grossartiges Viertel, sehr lebendig. Weil ich eines der ältesten Geschäfte in der Gegend habe, nennt man mich den «Bürgermeister von Dupont». Und der Quartierverein hat die Q Street vor meinem Salon in ­«Diego D’Ambrosio Way» umgetauft.

Wie verbringen Sie Ihren Abend?

In meinem Haus, auf der anderen Seite des Flusses Potomac in Virginia.

Wo machen Sie Ferien?

Immer wieder in Italien. Ich versuche, so oft wie möglich in mein Heimatland zurückzukehren. 2009 wurde ich vom italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano zum Ritter geschlagen. Seither darf ich mich «cavaliere» nennen.

Renzo Ruf ist freier Journalist; er lebt in Washington

«Diego’s Hair Salon»
liegt nahe dem Dupont Circle. Diego, immer piekfein gekleidet, bedient seine Kunden (Kundinnen sind in der Minderheit) mit oder ohne Anmeldung. Eine Handvoll Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stehen ihm zur Seite. Die Haare werden ohne viel Firlefanz in weniger als 30 Minuten geschnitten. Im Hintergrund dudeln italienische Schlager oder Opernmusik.

Preis pro Haarschnitt
Ein Herrenschnitt kostet 20 US-Dollar plus Trinkgeld (mindestens 15 Prozent), Damen zahlen bisweilen über 100 Dollar. Kreditkarten akzeptiert Diego nicht.

USA
Einwohner: 308,7 Millionen
BIP pro Kopf: 46 900 Dollar
Milch: 1 Liter 1 Dollar
Brot: 1 kg 5 Dollar
Kinobillett: 10.75 Dollar
Zigaretten: 4.80 Dollar
Taxi: 10 km 12 Dollar (Washington)

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