NZZ Folio 10/00 - Thema: Museum   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Ins Museum!

Von Lilli Binzegger

Also ich bin sehr kunstinteressiert. Bilder ziehen mich magisch an, Skulpturen weniger, Bilder zu malen, kann ich mir selber auch vorstellen, Skulpturen zu schnitzen nicht. In jeder Stadt, in die ich komme, suche ich das Kunstmuseum auf, lieber das für zeitgenössische als das für klassische Kunst. Denn einen Rothko zu malen, kann ich mir selber auch denken, einen Goya weniger. Der Rothko würde auch viel besser über mein Corbusiersofa passen als König Ferdinand VII.

Im Museum für Gegenwartskunst in Basel habe ich statt der Holzstangen mit Filz den durchscheinenden weissen Stoff vor den Fenstern für Beuys' Schneefall gehalten, die Aufschrift auf dem Täfelchen an der Wand schien mir einleuchtend, das Licht, das der Stoff durchliess, war ein typisches Winterlicht. Da fühlte ich mich dann wie der, der einmal den Feuerlöscher für einen Rauschenberg hielt. Das nehme ich Beuys heute noch übel. Hingegen habe ich natürlich nicht die geringste Mühe, Bilder wie Richters fotorealistische brennende Kerze richtig als brennende Kerze zu interpretieren. Picasso kann ich, jedenfalls bis zur blauen Periode, unterdessen auch schon ganz gut.

An den Kunstmuseen sind mir immer auch der Museumsshop und das Museumscafé wichtig. Im Shop decke ich mich mit Grusskarten ein, immer mit Hopper. Diese Einsamkeit, diese Verlorenheit, die von diesen hintergründigen, ja: abgründigen Bildern ausgeht, ist doch etwas ganz anderes als das, was immer auf unseren Projuventute-Karten ist. Das schönste Café hat das MoMa in New York. Da ruhe ich mich jeweils aus vom Lauf durchs Museum, bei dem ich Pollock nie auslasse, mit zusammengekniffenen Augen ist der echt schön. Wahnsinnig, wie der es geschafft hat, keine Fussabdrücke auf den Bildern zu hinterlassen, hat er sie doch alle auf dem Boden gemalt. Das ist Kunst, die einen immer noch lange über den Museumsbesuch hinaus beschäftigt, bis hinaus in den Museumscafégarten im Innenhof des Museums, wo man das Brausen der Stadt wie aus weiter Ferne hört, dabei braust sie gleich hinter den Mauern. Manchmal denke ich noch an Pollock, wenn ich schon lange wieder bei Macy's bin.

Am allerschönsten sind die Museen, die wir selber gebaut haben. Vor der Tate Modern in London zu stehen ist wie ein Schweizer Sieg in der Tour de France.


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