|
|
NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport Inhaltsverzeichnis
… und dann Paris, New York
© Markus Bühler-Rasom, Zürich
|
Verblüffte früher Freundinnen und Eltern mit selbstgeschneiderten Kleidchen, heute ein bunter Vogel in einem bunten Berufsfeld: Martha Staub. |
|
 |
Sie will die schönsten Kleider fertigen, die schönsten Frauen auf den Laufsteg schicken: Martha Staub, Schneiderlehrling im Haute-Couture-Atelier «à ma chère» im Zürcher Seefeld.
Von Brigitte Hürlimann
Ja, die Leute auf der Strasse sollen sich umdrehen müssen. Sollen stehen bleiben, ihren Augen nicht trauen und rufen: «Was ist denn das?» So stellt sie es sich vor, so wird es sein.
Es ist die Martha-Staub-Kollektion, die unverkennbare, die solche Verblüffung auslösen wird, und die Kleider sind bereits am Entstehen – im Kopf der 17jährigen Schneiderlehrtochter aus Wetzikon. Nein, sagt Martha, beschreiben könne sie ihre erste Kollektion nicht, auch Angaben über Farben, Formen und Materialien kann sie keine machen. Es sei einfach etwas, das man auf den Laufstegen noch nicht gesehen habe. Sie spürt sie, ihre Kleider, die sie entwerfen will, im eigenen Atelier, vermutlich in Paris oder in New York – wo denn sonst?
Martha hat gerade das dritte und letzte Lehrjahr begonnen im Zürcher Couture-Atelier «à ma chère» von Rosmarie Amacher. Sie ist die Einzige an der Gewerbeschule, die Haute Couture machen darf, neben den beiden anderen Lehrtöchtern Amachers, und so sagt sie mit grösster Selbstverständlichkeit, es sei völlig klar, dass sie nach der Lehre ins Ausland müsse, denn eine bessere Werkstatt fände sie hierzulande kaum. Also beginnt sie jetzt schon mit der Suche nach der karriereweisenden Stelle: beim kreativsten, frechsten, erfolgreichsten Designer, denn sie wolle lernen, lernen, lernen, um möglichst bald die Modewelt auf den Kopf zu stellen.
So viel zu den Träumen. Der Lehrlingsalltag findet in einem kleinen Hinterraum mit vier Nähmaschinen, Faden, Nadeln, Scheren, Büsten und einem grossen Tisch statt, auf dem Schnittmuster und Stoffe ausgelegt werden oder halbfertige Kreationen, an denen der Saum um zwei Millimeter gekürzt oder ein Knopfloch angebracht werden muss – von Hand. Martha macht gerne Knopflöcher, überhaupt liebt sie ihre Arbeit. Sie hat meterweise Stolen rouliert, Täschchen für die massgeschneiderten Roben angefertigt, alles Unikate, Gürtel eingefasst, unzählige Säume genäht und Nähte gesteppt. Sie nimmt strenge, lange Tage und einen miesen Verdienst in Kauf, um das zu tun, was sie schon immer am liebsten getan hat. Und falls ihre Träume in Erfüllung gehen sollten, so Martha, wolle sie auf jeden Fall an der Nähmaschine bleiben, beim Handwerk, nicht nur entwerfen und Chefin sein.
Fast müssig zu erwähnen, dass sie schon als Kind ihre ersten Kleidchen geschaffen hat. Dass sie als Primarschülerin einer Freundin einen selbstentworfenen und -genähten Rock als Geburtstagsgeschenk mitbrachte, weil ihr nichts anderes in den Sinn gekommen war. Das Entzücken des beschenkten Mädchens und der Erwachsenen war gross, aber Martha kann sich nicht mehr erinnern, wie das Kleidchen ausgesehen hat. Vermutlich bunt und stark gemustert; so, wie sie noch bis vor kurzem umherging, am liebsten mit möglichst vielen Kleidungsstücken übereinander, auch im Atelier, wo sie mit ihrem schrägen Aufzug Kundinnen zum Staunen brachte.
Und wie ging es weiter? Martha, die sich immer noch ausgefallen, aber nicht mehr allzu bunt kleidet, erwähnt den Handarbeitsunterricht an der Sekundarschule, den sie liebte: «Aber nur drei Stunden pro Woche, das war doch viel zu wenig!» Als Abschlussarbeit schuf sie eine lachsfarbene Abendrobe aus Seide, rückenfrei, mit Schleppe und einer diskreten Schlaufe an der Seite, damit man beim Tanzen das Kleid anheben kann. Die Idee dazu lieferte ein «Burda»-Schnittmuster, und die Handarbeitslehrerin kam rasch an ihre Grenzen, als sie helfen sollte. Immerhin, das Stück wurde mit viel Freizeitarbeit beendet – und landete im Schrank. Es gefalle ihr heute noch, sagt Martha, doch getragen hat sie es nie.
Die nächste Herausforderung, das weiss sie jetzt schon, wird pinkfarben sein und aus einem leichten Wollstoff. Bei der Lehrabschlussprüfung wird sie aus diesem Stoff die Prüfungsarbeit schneidern: innerhalb von drei Tagen, unter strenger Beaufsichtigung, ohne sich mit den anderen Prüflingen besprechen zu dürfen. Keine Diskussionen an der Nähmaschine? Kein gemeinsames Suchen nach der besten Lösung? Eine unrealistische Situation, die wenig mit dem Arbeitsalltag der «Bekleidungsgestalterinnen» zu tun hat, wie der Schneiderberuf neuerdings genannt wird. Doch Prüfung ist Prüfung, und in einem knappen Jahr wird Martha Staubs ungetragene, lachsfarbene Robe im Schrank rosa Gesellschaft bekommen – vermutlich von einem Tailleur.
Brigitte Hürlimann ist NZZ-Redaktorin.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|