|
|
NZZ Folio 11/09 - Thema: Family Business Inhaltsverzeichnis
Duftnote -- Riechen wie ein Hund
© Fabienne Boldt
Anders als das Sehen oder Hören, lässt sich unser Geruchssinn nicht mit Hilfsmitteln verbessern. Oder etwa doch?
Von Luca Turin
Wir scheinen im täglichen Leben mit unseren Sinnesorganen recht zufrieden; nur selten hört man, dass jemand davon träumt, im Dunkeln sehen oder Geräusche hören zu können, die meilenweit entfernt sind. Und falls doch einmal jemand von einer solchen Sehnsucht gepackt werden sollte, könnte ihm sofort geholfen werden. Für ein paar hundert Euro kann man Nachtsichtbrillen kaufen, und für ein paar Hunderter mehr bekommt man Hörgeräte und Parabolmikrophone.
Der Geruchssinn ist eine ganz andere Sache: Vieles in unserer Umgebung scheint mit Zaubertinte geschrieben. Wer von uns hat sich nicht schon einmal gewünscht, an einem heruntergefallenen Schal zu schnuppern, um die Fährte seiner Besitzerin aufzunehmen und ihr zu erklären, dass er sie liebt? Gerüche jedoch, so flüchtig sie sein mögen, sind materieller Art, nicht Licht- oder Schallwellen, und Materie lässt sich nicht beliebig multiplizieren.
Was man, zumindest im Prinzip, tun könnte, wäre, den Lautstärkeregler im eigenen Kopf aufzudrehen. Dass es einen solchen Knopf geben muss, ist unbestritten, denn unsere Geruchsempfindungen variieren beträchtlich von einem Tag zum andern. Was, wenn man den Regler voll aufdrehen könnte? Ich habe es einmal erlebt, und die Erfahrung war berauschend. Einst habe ich ein Maiglöckchenmolekül namens Lioral entwickelt, das ein Schwefelatom enthielt. Es war ein sämiger, kraftvoller Duft mit einer Note von abgeschlecktem Silberlöffel, die an Helional erinnerte. Der Duft war unter Parfumeuren wohlgelitten. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich begriff, dass diese Substanz noch mehr konnte als duften.
Ich sass in meinem Arbeitszimmer und schnüffelte gerade an einer neuen Charge, die unsere Chemiker geliefert hatten, als ich zum Abendessen gerufen wurde. Dort nahm ich einen Schluck von einem billigen Chardonnay, der plötzlich wie ein Montrachet schmeckte: kraftvoll, reich, tief, mit einer schier unendlichen Note von berostetem Apfel und Walnuss.
Wenige Wochen später hatten wir Gäste, darunter die ehemalige Chefredaktorin einer Frauenzeitschrift, die sich für parfumresistent erklärte. Ich beschloss, ein Experiment mit ihr durchzuführen, und gab ihr ein wenig Lioral zu riechen. Geistesabwesend wedelte sie mit dem Duftstreifen unter ihrer Nase herum; dann reichte ich ihr einen Streifen mit Mitsouko, einem Duft, den sie kurz zuvor noch als belanglos abgetan hatte. Ihre Reaktion war mir eine Genugtuung: Sie begann zu weinen, starrte mich durch die Tränen hindurch an und sagte schliesslich: «Jetzt begreife ich.»
Vielleicht lässt sich dasselbe Ergebnis noch auf andere Weise erreichen. Eine Gruppe von Wissenschaftern der University of Auburn, Alabama, unter Leitung des aus Russland gebürtigen Universalgelehrten Witali Wodjanoi hat letztens entdeckt, dass metallische Nanopartikel aus Zink die messbaren Reaktionen von Ratten auf Gerüche um das Fünffache steigern. Interessanterweise muss es Zink sein, Gold oder Platin zeigen keine Wirkung. Der Grund dafür ist noch unbekannt, aber Wodjanoi und seine Kollegen haben überall im Körper Nanopartikel aus Zink entdeckt, so dass es sich um einen natürlichen Prozess handeln könnte.
Wenn er auch bei Menschen funktioniert (bitte nicht zu Hause ausprobieren) und sich steuern lässt, können wir bald unseren Hund ausführen und mit ihm über die Neuigkeiten diskutieren, welche die Abendluft ihm zuträgt.
Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
Wer ist Luca Turin?
"The Emperor of Scent" von Chandler Burr ist eine spannende Darstellung von Leben und Arbeit Luca Turins, der eine faszinierende Theorie entwickelt hat, wie unser Geruchssinn eigentlich funktioniert.
Buch kaufen
Das neue Buch von Luca Turin
Was ist das Geheimnis des Geruchsinns? "The Secret of Scent" ist eine spannende Einführung von Luca Turin in die wundervolle Welt der Düfte.
Buch kaufen
Parfum-Newsletter
Luca Turin und Tania Sanchez, die Verfasser des im Frühling erschienenen Bandes "Perfumes. The Guide" verfassen ab September 2008 einen vierteljährlichen Newsletter, der jeweils etwa 120 neue Parfumkritiken umfasst. Die erste Ausgabe ist gratis, die folgenden können kostenpflichtig abonniert werden.
Read Luca Turin in English
You can read the original versions of all of Luca Turins legendary columns here.
Interview mit Luca Turin
NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).
DVD bestellen
Der Parfumführer von Luca Turin.
Soeben ist im Viking-Verlag "Perfumes. The Guide" erschienen. Der NZZ-Folio-Duftkolumnist Luca Turin hat zusammen mit der Parfumkritikerin Tania Sanchez fast 1500 Parfums getestet und in pointierten Kurzkritiken beurteilt.
Buch kaufen
|
|