Simun Sito Coric, 1949 in der Herzegowina geboren, hat Philosophie in Sarajewo, Theologie in Luzern und Psychologie in Zagreb studiert; er ist Franziskaner und leitet - nach Aufenthalten in den verschiedensten Weltgegenden - seit acht Jahren die Katholische Kroatenmission in Bern; seine literarischen Arbeiten sind in mehrere Sprachen übersetzt worden, zuletzt «Höre, Iris, Briefe aus Kroatien 199*». Im Gespräch erläutert Coric die Haltung der römisch-katholischen Kirche im serbisch-bosnischen Konflikt. Ende des letzten Jahres hatte sich die Kurie für eine bewaffnete Intervention ausgesprochen - und damit eine fundamental andere Position eingenommen als im Golfkrieg.
Das Interview mit Simun Sito Coric führte Hanno Helbling, Feuilletonredaktor der NZZ, am 18. Januar in Bern.
Herr Coric, hohe Repräsentanten der Kurie haben um Weihnachten erstmals einem bewaffnetem Eingreifen in den serbisch-bosnischen Konflikt deutlich das Wort geredet. Sollte man das als Kriegserklärung der römisch-katholischen Kirche an die Serben verstehen?
Eines ist sicher: Papst Johannes Paul II. will, dass der Krieg in Bosnien-Herzegowina für alle aufhört. Er spricht nicht direkt von den Serben, sondern von den Protagonisten des Kriegs, von denen, die ihn angefangen haben, die den letzten Eroberungskrieg in Europa trotz allen Friedensbemühungen der internationalen Gemeinschaft mit schrecklicher Härte weiterführen.
Gibt es frühere Beispiele für eine so offene Parteinahme?
Das Votum des Papstes sieht nur auf den ersten Blick ungewöhnlich aus. Das Recht auf Selbstverteidigung war in allgemeinmenschlicher und in christlicher Ethik immer präsent. Besonders, wo es um das nackte Leben, um das Leben der eigenen Kinder, aber auch um das Leben einer ganzen Kulturlandschaft geht. Und hier - in Bosnien wie schon in Kroatien - ist ja wirklich ganz klar geworden, welche Frauen zu Tausenden vergewaltigt worden sind und von welchen Männern. Serbische Soldaten brüsten sich öffentlich damit; vielleicht haben Sie am Fernsehen auch die serbische Frau gesehen, die sagte: Ja, aber unsere Männer tun das mit Liebe. In kaum einem anderen Fall ist sich die Welt so einig gewesen, dass man endlich etwas Wirksames unternehmen muss.
Die Aktion der Vereinten Nationen bzw. der Vereinigten Staaten gegen den Irak hat die Zustimmung des Papstes ausdrücklich nicht gefunden.
Aber Kuwait hat wohl auch nicht solch systematische Greueltaten erlebt. Oder kennen Sie in der neuesten Geschichte einen «Krieg» dieser Art? Einen Krieg im Schutz eines Waffenembargos, das nicht die von langer Hand aufgerüsteten Angreifer, nur die Angegriffenen traf? Auch hat sich hier, anders als im Golfkrieg, eine langsame Steigerung vollzogen, eine Steigerung des Krieges und seiner Verbrechen auf der einen Seite, auf der anderen des Bewusstwerdens rings in der Welt. Und so wie die Welt - nicht anders als alle Welt - hat auch der Papst immer klarer gesehen, was da von Tag zu Tag passiert.
Dann wäre also hier der Fall eines «gerechten Krieges» gegeben?
«Gerechter Krieg», «heiliger Krieg» - das klingt für mich immer ein wenig verdächtig. Jeder Krieg ist schrecklich. Ich fand es immer unerträglich, in alten und neueren Filmen, wie junge Leute singend in den Krieg zogen. Aber diejenigen, die bereit sind, für den Schutz ihrer Familie, ihrer Freunde, der Unschuldigen oder Schwachen ihr Leben zu riskieren, verstehe ich gut. Ein konkretes Beispiel aus eigener Erfahrung: In Slano bei Dubrovnik hatten wir ein Kloster aus dem 13. Jahrhundert. Ich kannte dort jeden Menschen und jeden Olivenbaum. Sie wissen, die Olivenbäume leben jahrhundertelang. Und dann kamen serbische und montenegrinische Horden; und wo sie nicht hinkamen, dahin schickten sie ihre Panzergranaten, ihre Kampfflugzeuge. Wer schaut da nur zu und versucht nicht wenigstens, sich und sein Eigentum zu verteidigen? Der Papst war über viele solcher Situationen informiert. Er hat verstanden, dass wir uns vor Misshandlung und Plünderung, vor Tod und Zerstörung schützen müssen. Und weil wir schwach und schlecht ausgerüstet sind, müssen wir auch Freunde finden, die uns helfen - und besser helfen, als die Blauhelme es vermögen.
Könnte daraus nicht doch nur folgen, dass Papst Johannes II. die Selbstverteidigung der bedrängten Völkerschaften verbal unterstützte?
Ich glaube, die Menschheit ist durch die Inflation der Worte übersättigt. Die Erklärungen der verschiedenen Regierungen, aber auch der Friedensbewegungen - «wir protestieren», «wir bekräftigen unsere Solidarität», «wir verurteilen aufs schärfste», «wir marschieren für den Frieden» - sind ohne wirksame Taten nur Alibi für konkrete Menschenliebe. Blowing in the wind!
Sie zweifeln also am Nutzen der Friedensbewegungen?
Bis jetzt in unserem Fall - allerdings! Beim Ausbruch eines Krieges müssten die Friedensbewegungen die Urheber und den wahren Kern des Konfliktes erkennen und ohne Aufschub für die Unschuldigen tätig werden. Nichts ist schlimmer, als zwischen dem Opfer und seinem Henker nicht zu unterscheiden; auf diese Unterscheidung kommt es auch und gerade dort an, wo das Opfer versucht, sich selber zu helfen. Auf die Gefahr hin, dass die Transparenz oder die reine Schwarzweisszeichnung ein wenig verwischt wird. Es ist unmenschlich, im Namen des Friedens die Gerechtigkeit zu vergessen: dieses Minimum der Liebe. Die meisten Friedensbewegungen haben den Frieden im gleichen Stil den Eroberern und den Eroberten gepredigt. Sie sehen nicht ein, dass für diejenigen, die in einem Konzentrationslager oder in einer eingekesselten Stadt sitzen, der Friede sich nicht empfiehlt. Durch solchen Frieden sind schon Tausende ums Leben gekommen.
Wenn der Vatikan nun auf wirksamere Hilfe drängt, nimmt er da nicht in Kauf, dass der Rahmen eines Verteidigungskriegs gesprengt wird?
Der Papst spricht ganz klar: man muss endlich das Morden aufhalten, die Täter entwaffnen oder ihre Waffen vernichten. Und da besteht immer die Möglichkeit, dass Iraker oder Serben, konfrontiert mit einer unmittelbar bevorstehenden Aktion der internationalen Gemeinschaft, sich endlich zurückziehen. Die Frage der Verantwortung für das Geschehene ist damit noch nicht erledigt. Im weitern könnte dann der neue Staat mit internationaler Hilfe stufenweise ganz entmilitarisiert werden.
Die Opfer des Angriffs und der Vernichtung sind in diesem Fall vorwiegend Muslime. Ist es nicht überraschend, dass der Papst, überspitzt gesagt, zum Kreuzzug für die Ungläubigen aufruft?
Die Tatsache ist höchst bemerkenswert: gerade dieser Papst hat die Kroaten, die grösstenteils katholisch sind, immer geliebt, aber er hat sich nicht während der schrecklichsten Monate des Kriegs in Kroatien zu einem solchen Aufruf entschlossen, sondern erst im Moment, als die serbische Invasion weiterging und Muslime zu den Hauptopfern wurden. Der Papst zeigt sich wirklich unparteiisch, wenn man so sagen kann, er schaut auf die Opfer, auf die Unterdrückten, nicht einfach auf «seine» Katholiken.
Und gleichzeitig bringt diese Politik den Papst in einen Gegensatz zur serbisch-orthodoxen Kirche, die nicht anerkennen will oder kann, dass die Rolle der Aggressoren in diesem Bürgerkrieg den Serben zufällt.
Der Papst würde sich ohne Zweifel sehr freuen, wenn sich wenigstens diese kleine Gruppe der serbisch-orthodoxen Gläubigen und ihrer Hirten für den Frieden einsetzte. Ich sage «kleine Gruppe», weil die Serben in ihrer grossen Mehrheit schon lange nicht mehr getauft sind, geschweige denn das Christentum im Alltag praktizieren. Der Papst wird aber gehört haben, was wir alle gehört haben, nämlich dass ein serbischer Bischof erklärt hat: Vergessen wir jetzt das Neue Testament, das ist die Zeit für das Alte - nicht mehr nur Zahn um Zahn, sondern Mann um Mann! Ein anderer hat nach einem Massaker in Kroatien an Ort und Stelle ein neues Bistum gegründet. Ein dritter hat den «Kreuzzug» gepredigt, weil der Vatikan, der Ökumenische Rat und der Islamische Weltkongress die Orthodoxie vernichten wollten. Die Evangelische Kirche Deutschlands hat nicht ohne Grund den Ausschluss der serbisch-orthodoxen Kirche aus dem Ökumenischen Rat beantragt.
Was aber den Papst betrifft, so meinen Sie, dass er sich nicht damit begnügen kann, humanitäre Hilfe für Bosnien zu fordern?
Ich bin oft in Genf zu Gesprächen über das ehemalige Jugoslawien und habe dort auch den Glanz und das Elend der humanitären Hilfe gesehen. Ich kenne Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie Konvois mit Lebensmitteln für bestimmte Gebiete begleiten. Einer von ihnen, Frédéric Mourice, Vater von zwei Kindern, ist bei einer solchen Aufgabe ums Leben gekommen. Ein anderer hat mir erzählt, wie eine Familie in Sarajewo dank internationaler Hilfe an einem Tag zu essen bekam, und am anderen wurde der Vater, als er Trinkwasser holen wollte, von einer Granate getötet. Andere kann man herausholen, damit sie «in Frieden» ins Exil gehen können. Das ist humanitäre Hilfe, aber es ist traurig, dass man in dieser Zeit der unbegrenzten «Machbarkeit» nicht mehr machen kann (oder will). Ich bin nicht befugt, den Standpunkt des Papstes verbindlich zu formulieren, aber ich kann mir leicht denken, dass Johannes Paul II. - wie jeder vernünftige Mensch - die humanitäre Hilfe, milde gesagt, für unzureichend hält.