Sollten Sie eines jener koketten Kärtchen besitzen, auf denen Weinjahrgänge so schön übersichtlich mit Punkten und Sternchen in tabellarischer Form bewertet sind - werfen Sie es weg! Spickzettel sind nun einmal kein Ausdruck feiner Lebensart und in diesem Fall auch nicht frei von Tücken, denn: Was nützt mir das Wissen um den «guten» Jahrgang, wenn mir der Reifegrad des jeweiligen Gewächses ebenso unbekannt ist wie der gute Produzent, der die klimatischen Bedingungen eines Jahres auch zu nutzen weiss?
Pauschale Klassifizierungen in «gute» und in «schlechte» Jahrgänge sind nur beschränkt brauchbar. Selbstverständlich gibt es Jahre, in denen die Launen des Wetters den Weinbau begünstigen, und solche, in denen sie die Winzer vor Probleme stellen. Nur: Eine kürzere Sonnenscheindauer und etwas Regen während der Ernte müssen heutzutage nicht mehr zwingend bedeuten, dass der Wein ein schlechter wird. Dem erfreulich hohen Stand der Kellerkunst ist es zu danken, dass die - guten - Produzenten mittlerweile auch unter widrigen klimatischen Bedingungen erstaunlich angenehme Tröpfchen zustande bringen.
Beispiele gefällig? In den mit einer aussergewöhnlichen Serie «guter» und «sehr guter» Jahrgänge gesegneten achtziger Jahren werden Gewächse mit Jahrgang 1984 und 1987 allgemein den schwächeren zugerechnet. Nun sind Weine aus diesen Jahren tatsächlich relativ leicht, dafür um so fruchtiger. Sie sind preiswert und jung zu trinken, kurz: höchst charmante causeurs, die, gäbe es sie nicht, schmerzlich vermisst würden.
Der Jahrgang ist somit weniger als Gütesiegel denn als Indikator für Tiefe und Konzentration eines Weins zu verstehen, als Hinweis auch auf Lager- und Entwicklungsfähigkeit eines Hochgewächses. Womit ebenfalls gesagt wäre, dass Jahrgangswissen eigentlich erst bei der Beurteilung älterer Gewächse unerlässlich wird. Und da kann es sich dann sehr wohl lohnen, wenn man einige Zahlen präsent hat - im Kopf, versteht sich.
Gute Figur in erlauchten Weinkreisen macht jener, der, auf klassifizierte Bordeaux bezogen, etwa folgende Zahlenreihe in die Runde zu werfen weiss: 1982, 1961, 1959, 1953, 1945, 1928, 1900.
Dies sind die sieben absolut besten «Jahrhundertjahrgänge», wobei auch hier zu beachten ist, dass nicht jede Flasche mit einer solchen Jahreszahl zwingend ein Volltreffer ist: Verschrumpelte Flaschengreise, die unausstehlich nach Farn, Moder und Schimmelpilz riechen, können sich ebenso darunter befinden wie umwerfende Naturereignisse: seidige Weine mit der speziellen Süsse des Alters und einem Duft von Zedernholzzigarrenkistchen. (Ein Nachschlagen in umfassender Weinliteratur sei deshalb in jedem Fall empfohlen.)
Dass Weine aus der Zeit vor der Reblauskatastrophe gegen Ende des letzten Jahrhunderts unerreicht seien, wird sodann von ganz renommierten Weinnasen behauptet. Als ganz «gross» gelten: 1875, 1870, 1865 und 1958. Und der 1787er Château Margaux, so wurde von einer Raritätendegustation rapportiert, soll zart duftend über die Zunge der Degustatoren getänzelt sein und in seiner etwas karameligen Art an Apfelrübenkraut erinnert haben.
Apfelrübenkraut, man nimmt's gern zur Kenntnis, kann, offenbar, auch Merkmal exzellenter Herkunft sein.