SPANISCHER WEIN weckt Erinnerungen. Bisweilen genügt ein Glas redlichen Tintos, und bereits fühlen wir uns ein bisschen wie in den Ferien, wie damals, als wir auf einer sonnenüberfluteten Terrasse in Andalusien sassen, von wo der Blick über endlose Olivenhaine schweifte und ein Gazpacho andaluz den Gaumen erfrischte. Spanische Weine sind Labsal für die Seele; sie tragen die Sonne in sich. Dass sie von den Mitteleuropäern heiss geliebt werden, verwundert deshalb nicht.
Obwohl Spanien über die grösste Weinanbaufläche der Welt verfügt, steckt die moderne Weinbereitung erst in ihren Anfängen. Die Qualität der vielen Weine ist somit recht unterschiedlich, wie auch unser Streifzug durch die beiden führenden Anbaugebiete Rioja und Ribera del Duero zeigte, bei dem wir uns, wie es sich für eine echte Verkostung gehört, nicht von schwärmerischen Gefühlen, sondern allein von Nase, Zunge und Gaumen leiten liessen.
Schnell zeigte sich, dass das vom Erfolg verwöhnte Rioja, das seinen Namen dem Río Oja verdankt, gut daran tut, den Rivalen aus dem Ribera del Duero nicht aus den Augen zu verlieren. Neben vielen mittelmässigen, eher dünnen Weinchen seien deshalb nur diejenigen Rioja herausgegriffen, die uns besonders gefielen. Mit rundem Körper und schöner Frucht empfahl sich der 94er Marqués de Cáceres als gepflegter Alltagswein; gleichfalls charmant, mit sauberem, klassischem Bouquet der Conde de Valdemar aus dem Jahr 1994; sehr gut der geschmeidige 94er Contino Crianza; überraschend burgunderähnlich eine 86er Imperial Reserva der Compañía Vinícola del Norte de España. Eine neue, beeindruckende Generation (auch im Preis) repräsentierte der ausgezeichnete 94er Artadi Viñas de Gain, der durch Konzentration und eine erfreuliche Komplexität glänzte, sowie der im nächsten Jahr in den Verkauf gelangende Reserva «I» 1994 der aufstrebenden Kellerei Roda. Es folgten die Klassiker, die kaum für grosses Aufsehen sorgen konnten - erwähnt seien lediglich der im alten Stil gekelterte 89er Marqués de Murrieta Reserva Especial 1989 und der helle, aber äusserst finessenreiche 78er Tondonia von López de Heredia.
Für viele gilt Ribera del Duero mittlerweile als das Napa Valley Spaniens. Hier sind in den letzten Jahren eine Reihe von innovativen Weinbaubetrieben entstanden, die den Beweis angetreten haben, dass ein Tinto nicht immer ein Rioja sein muss. Vor allem zu verdanken ist dieser Aufschwung Alejandro Fernández vom Weingut Pesquera, der ähnlich wie Angelo Gaja im Piemont mit der hohen Qualität seiner Weine andere Winzer ermutigte, es ihm gleichzutun. Angepflanzt wird neben der auch im Rioja heimischen Tempranillo hauptsächlich Cabernet Sauvignon. Das Klima ist kontinental, mit heissen Sommern und kühlen Nächten, was den Weinen die notwendige Säure verleiht.
Wegen seiner vollen, klaren Frucht schätzen wir besonders den 95er Joven von Pago de Carraovejas, einem jungen Betrieb mit Weinbergen in den besten Lagen Peñafiels. Auch der kernige, robuste Arroyo 1994 der Bodega San Jorge erfreute sich regen Zuspruchs. Ein gutes Beispiel für den modernen, fruchtbetonten Stil war der 95er Condado de Haza; ihm sehr ähnlich der schmackhafte Pesquera Crianza 1994. Schlicht exzellent und dem legendären Vega Sicilia - ausser im Preis - kaum nachstehend war der 94er von Teófilo Reyes, dem ehemaligen Kellermeister von Pesquera. Zu erwähnen sind schliesslich noch die erstaunlichen Weine der Abadía Retuerta, die dem Pharmakonzern Novartis gehört. 210 Hektaren Rebberge liegen grösstenteils ausserhalb der Appellation Ribera del Duero, der erste offizielle Jahrgang war der 95er, doch bereits einige 96er der breiten Palette sind hervorragend, besonders die Cuvée Campanario und der Pago Negralada. Die Zukunft wird zeigen, ob man gedenkt, die professionelle Arbeit in Rebberg und Keller durch ein entsprechendes Vertriebsnetz zu ergänzen.