NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Der zweite Blick

© Newsha Tavakolian, Teheran
Guten Morgen, Morgenland. Linktext
Von Daniel Weber
Jedes Mal, wenn sie ihre Heimat besuche, sagt die in Zürich lebende Teheranerin Elika Djalili, müsse sie ihren europäischen «Chip» gegen einen iranischen austauschen, weil sogar sie sonst Gefahr laufe, das Geschehen und die Menschen in ihrer Stadt nicht richtig zu verstehen.

Tatsächlich erscheint auf den ersten Blick vieles absurd in dieser Zwölfmillionenstadt, in der strenge Sittengesetze den Konsum von Alkohol verbieten (aber alle wissen, wie man ihn beschafft) und Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit unter Strafe stellen (aber alle kennen die Parks, in denen man sich unbehelligt treffen kann). Und wer auf Nummer sicher gehen will, schliesst eine Zeitehe, die für mehrere Jahre gültig sein kann – oder auch nur für eine Stunde.

Am 11. Februar feiert Iran den 27. Jahrestag der islamischen Revolution, und die Mullahs sitzen fest im Sattel. Aber in kaum einem anderen Land hat sich die zivilgesellschaftliche Entwicklung so klar vom politischen System abgekoppelt. Das radikal unzeitgemässe religiöse Regime der bärtigen Männer führt in der modernen Metropole Teheran zu unaufhebbaren Widersprüchen und zwingt viele in eine irritierende Doppelmoral: Das öffentliche Leben gehorcht ganz anderen Regeln, als sie im Privaten gelten.

Diesen Dualismus thematisieren fast alle Beiträge in diesem Heft. Es stellt nicht die internationale Politik ins Zentrum, nicht das von Ahmadinejad mit rhetorischem Gedröhn forcierte Atomprogramm und nicht das gespannte Verhältnis Irans zu Israel und den USA. Was uns interessiert hat, ist der Alltag in der Hauptstadt des Gottesstaats. Und da enthüllt sich auf den zweiten Blick, wie geschickt die Teheraner sich angewöhnt haben, die Schlupflöcher des Systems auszunutzen. Das gilt vor allem für die Mehrheit der Bevölkerung, die Jungen (rund 70 Prozent der Iraner sind jünger als 25). Sie sind die Erben einer Revolution, die sie kaum mehr nachvollziehen können. In zahllosen Internet-Tagebüchern äussern sie sich freimütig über Themen, die die zensurierten Medien verschweigen.

Veränderungen müssen in Iran von innen kommen. Viele setzen ihre Hoffnung auf die Frauen. Sie sind beruflich erfolgreich, und an den Universitäten sind sie inzwischen in vielen Fächern in der Mehrheit – bereits erwägt man, Männerquoten einzuführen.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.


Leserbriefe:

Zu Editorial -- Der zweite Blick - NZZ-Folio Teheran (02/07)

Vielen Dank für das Folio über Teheran, was für eine Perle im Schweizer Blätterwald!
Karin Lochner, per E-Mail



Zu Editorial -- Der zweite Blick - NZZ-Folio Teheran (02/07)

Die Ausgabe über Teheran ist hervorragend und war auch für mich 90-jährigen sehr interessant. Vielen Dank! 
Roland Hinden-Künzi, Luzern



Zu Editorial -- Der zweite Blick - NZZ-Folio Teheran (02/07)

Ich halte den Cartoon im Teheran-Folio so ziemlich für den besten Kommentar zum Karikaturenstreit, der mir bekannt ist. Da hat Herr Glück seine Aufgabe ausserordentlich subtil gelöst.
Rolf Schneider, Zürich



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