«ES GESCHIEHT NICHTS NEUES unter der Sonne», seufzte der Prediger Salomo (1, 9). Was ihn hätte trösten können, ist die Innovation: Sie enthält eine zarte Dosis Neuigkeit, ohne sich auf die Menge festzulegen. Sie ist ein Wattebausch, konturlos und kaum zu fassen, aber feucht vom Speichel allzu vieler Sonntagsredner; sie ist das Modewort des Jahrzehnts.
Bis Ende der sechziger Jahre in deutschen Wörterbüchern unbekannt, stieg die Innovation in den Achtzigern zum Standardmerkmal von Waschmitteln, Rasenmähern und Managementkonzepten auf, wo immer für sie geworben wurde, und in den letzten Monaten haben die deutschen Sozialdemokraten sie zu ihrer Leitvokabel gemacht, zu einer Wortkeule, mit der die CDU vollends erschlagen werden soll. «Innovation und Gerechtigkeit» plakatierten sie als ihre Ziele, und auf ganzen Zeitungsseiten verkündeten Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine wie aus einem Munde, zwischen den beiden Begriffen bestehe in der Politik kein Gegensatz.
Da umhüllt uns der ganze Zauber des Wortes. Wer das wirklich Neue verspräche, könnte ja Sorgen wecken, dass dabei soziale Besitzstände unter die Räder kämen; wer aber gar nichts Neues in Aussicht stellte, der sähe alt aus und hätte nicht hinlänglich deutlich gemacht, warum eigentlich man ihn wählen soll. Die Innovation schmeckt nach dem Neuen, aber sie vermeidet die Unlust, die nach Sigmund Freud in dem Anspruch liegt, «den das Neue an das Seelenleben stellt».
Die SPD hat das sogar getestet, und siehe: Von den befragten Deutschen wussten zwar die wenigsten, was Innovation so ganz genau bedeutet, aber schön fanden sie den Begriff. «Er ist uneindeutig und mit religiöser Heilserwartung besetzt», erklärte ein SPD-Abgeordneter dem «Spiegel». Die Hamburger «Zeit» verspottete die Innovation als «sozialdemokratisches Kirchenlatein».
Hat das Wort denn gar keinen vernünftigen Gehalt, kann man es nicht vor dem vielfältigen Missbrauch retten? Vielleicht könnte man. Nur: warum sollte man? Neuerung, Erneuerung, Veränderung steht im Lexikon, auch «Modernisierung» würde es treffen. Wer eins davon meint: Warum sagt er es nicht? Merkt er den schlichten Wörtern vielleicht an, was die lateinischen Silben verhehlen - dass damit nur das nahezu Selbstverständliche ausgesprochen wird? Welche Partei würde denn die Alterung propagieren? Und welches Unternehmen würde nicht das Neueste anstreben oder zumindest zu produzieren behaupten, es sei denn eine Werkstatt zur Restaurierung antiker Bilderrahmen?
Irgendwie muss das sogar die SPD gemerkt haben. Auf ihrem Leipziger Parteitag im April, wo Gerhard Schröder formell zum Kanzlerkandidaten gewählt wurde, prangten hinter dem Redner in riesigen Lettern die Worte: «Die Kraft des Neuen». Nur, wie das Leben so spielt: Damit hatte die SPD, ohne es zu wissen, einen Werbespruch zitiert, den Deutschlands grösstes Elektrounternehmen seit einem halben Jahr verbreitet. Die Partei entschuldigte sich bei der Firma und zog das Neue mit Bedauern zurück. Sehr weh kann ihr das nicht getan haben, denn schon in Leipzig versprach Schröder eine «Innovationsoffensive» - eine Attacke mit feuchter Watte also. Wer wirklich glaubhaft machen wollte, er sei progressiver, einfallsreicher, dem Neuen lebhafter zugewandt als andere Leute, Parteien oder Unternehmen - gerade der hätte nichts Dringenderes zu tun, als sich des schlaffen, allgegenwärtigen Modeworts zu entledigen. Je häufiger ein Begriff verwendet wird, desto mehr nimmt ja seine Ausdrucksstärke ab, und wenn sein Gebrauch sich der Zwangshandlung nähert, beginnt er manchen Leuten auf die Nerven zu gehen.
Freilich, es ist gerade die schwammige Vieldeutigkeit eines Wortes, die es für Politiker so gut verwertbar macht: Sie haben alles einbezogen und sich auf nichts festgelegt. Seit mehr als zwei Jahrhunderten beweist die Gleichheit, wie gut sich damit leben lässt - Rammbock der Französischen Revolution, Sprengstoff in der Uno, Eckpfeiler vieler Staatsverfassungen. Wann aber sind zwei Gegenstände «gleich»? Wenn sie in einem Merkmal übereinstimmen oder in mehreren oder in allen, so definieren die Wörterbücher.
Merkwürdig. «Gleich» wären dann ja eine Schubkarre und ein Rolls- Royce, weil sich beide in dem Merkmal treffen, sich zur Fortbewegung des Rades zu bedienen. Die unterste Definition beschreibt also einen Grad von Übereinstimmung, den auch nur «Ähnlichkeit» zu nennen ein anständiger Mensch sich scheuen würde. Die oberste aber fordert das Unmögliche. Wenn zwei Autos in allen Merkmalen gleich sein sollten, dann müssten ja nicht nur Typ, Baujahr und Farbe identisch sein, sondern auch der Kilometerstand, die Beulen und die Rostflecken - und was wäre mit der Abnutzung der Bremsbeläge? An einem Ende eine flaue Ähnlichkeit, am anderen eine Totalforderung, der keine zwei Dinge auf Erden entsprechen können.
Und da rechne man sich aus, was «Chancengleichheit» oder gar der Satz «Alle Menschen sind gleich» bedeuten sollen! Unsere politischen Leitbegriffe besagen alles und nichts und oft ihr eigenes Gegenteil. Nicht einmal darin bietet die Innovation uns eine Neuigkeit.