BALD EINMAL, die Prognose sei gewagt, wird der diesjährige Sommer vergessen sein, an den Sommer des Jahres 1947 vermögen sich jedoch noch viele nicht mehr ganz Junge bestens zu erinnern. Denn das war wirklich ein Sommer. Drückende Hitze lastete während Wochen über Europa - und sorgte für ein ganz aussergewöhnliches Weinjahr. Sogar der Leutschner aus der Innerschweiz, normalerweise ein saurer Landwein, besass in jenem Jahr eine vorher nie gekannte Fülle und Kraft. Im Bordelais begann die Ernte Mitte September, bei nahezu tropischen Temperaturen. Die Trauben waren voll ausgereift und von betörender Süsse, und die Erntemenge fiel mehr als doppelt so gross aus wie beim legendären 45er. Allerdings war das freigebige Geschenk der Natur nicht leicht zu handhaben: die hohen Temperaturen verursachten Probleme während der Gärung, und mancher 47er wurde dadurch mit dem Makel eines leichten Essigstichs versehen. Die ausserordentliche Reife der Trauben reduzierte ausserdem die Säure dramatisch, was die Weine anfälliger für bakteriologische Fehlentwicklungen machte; auch gelang es manchmal nicht, allen Zucker in Alkohol umzuwandeln. Wer aber diese Klippen umschiffte, hatte einen grossen Wein im Keller. Wein, der von Beginn an - ähnlich wie die überaus charmanten 29er - trinkbereit war und über eine geradezu kolossale Wucht und Üppigkeit verfügte.
Wie präsentiert sich nun diese barocke Pracht nach einem halben Jahrhundert? Dieser Frage durfte sich kürzlich eine kleine, vom Schweizer Sammler Walter Eigensatz geladene Runde widmen. Degustiert wurden insgesamt siebzehn 47er, mit zwei Ausnahmen alle aus dem Bordelais.
Den Reigen eröffneten Rausan- Ségla und Pavie, abgefüllt vom belgischen Importeur van der Meulen. Beide Weine waren zwar noch intakt, hatten aber ihren Zenit bereits deutlich überschritten. Immerhin verströmte der Pavie für kurze Zeit ein reich aufblühendes, etwas morbides Bouquet. Ducru-Beaucaillou (eine Schweizer Abfüllung) demonstrierte mit einem Aroma von Maggiwürze, dass zumindest diese Flasche besser zwei Jahrzehnte früher konsumiert worden wäre. Der erste Aussenseiter, der aus dem Rioja stammende Viña Tondonia, besass eine bräunliche Farbe und einen pikanten, von der Alterssäure geprägten Geschmack. Ähnlich, aber ausgezehrter, präsentierte sich der 47er Chianti Ruffino, der sich gleichwohl wacker neben den Bordelaiser Grössen hielt; nur noch zum Edelessig taugte eine Magnum des Pomerol-Weinguts Petit-Village.
Wesentlich mehr zu überzeugen wusste die nächste Serie: Muskulös, kernig und erstaunlich frisch der Vieux-Château-Certan; auch Calon-Ségur gefiel mit einem immer noch massiven, kraftvollen Körper. Etwas weniger beeindruckten daneben die Weine aus Ausone; nobel, mit einem Alterston der Wein von Latour; immer noch mit deutlichem Gerbstoff und von guter Konzentration La Mission Haut-Brion aus der Magnum.
Die besten Weine des Jahrgangs 1947 jedoch liessen dann dieses herrliche Jahr endgültig noch einmal in vollem Glanz erstrahlen. Relativ leichtgewichtig, von fast zarter Konstitution und mit einem eukalyptusähnlichen Duft spielte Mouton-Rothschild seine bekannten Qualitäten aus. Château Margaux in einer Van-der- Meulen-Abfüllung duftete intensiv und gefiel auf der Zunge mit einer beschwingten Süsslichkeit, eine zeitlose Schönheit.
Von Pétrus konnten gleich zwei Abfüllungen verkostet werden: eine vom Schloss und eine von van der Meulen, wobei die belgische Abfüllung deutlich fleischiger und wuchtiger, aber vielleicht etwas weniger differenziert als der Schlossabzug wirkte. Den Höhepunkt bildete schliesslich die Magnum Cheval-Blanc 1947; ein schlicht fabelhafter Wein von einer portweinähnlichen, schon fast dekadenten Opulenz, der zu Recht zu den besten Bordeaux dieses Jahrhunderts zählt.