NZZ Folio 01/00 - Thema: Jobs!   Inhaltsverzeichnis

Fabrik ist chic

Die Arbeitswelt von heute an einem Arbeitsort von gestern.

Von Urs Bruderer

Es war die Geburt des Familienbetriebs aus dem Geiste des Wohnzimmers: Um 1900 herum hatte Martha Papritz in Bern damit begonnen, in ihrer Stube die Wäsche von Nachbarn und Bekannten zu waschen. Bald lief dieses Geschäft besser als die Schreinerei ihres Mannes, und die beiden kauften das ehemalige Verwaltungsgebäude der städtischen Gaswerke, eine dreistöckige Sandsteinliegenschaft im Marziliquartier unterhalb des Bundeshauses, und richteten darin eine professionelle Wäscherei ein.

Das Geschäft lief so gut, dass nach wenigen Jahren wieder fremde Wäsche im Wohnzimmer hing, weil es an Platz zum Trocknen fehlte. 1941 wurde angebaut, 1947 ein zweites Mal. 1956 wurde es von neuem eng, und da die Wäscherei, eingezwängt zwischen Wohnhäuser und Strassen, nicht weiter in die Breite wachsen konnte, liess man den einen Anbau vom Berner Architekten und Corbusier-Schüler Hans Brechbühler um zwei Etagen aufstocken. Sein umgekehrtes Giebeldach (die Dachschräge verläuft von den Rändern zum First hinunter) ist eine unscheinbare architektonische Sensation.

Bei diesen Räumlichkeiten blieb es, und das Wachstum ging in Wandel über: In den sechziger Jahren waren über hundert Angestellte hauptsächlich mit der Wäsche von Privatkunden beschäftigt; in den neunziger Jahren waren noch um die vierzig Leute angestellt, und die meiste Wäsche kam jetzt von Spitälern und anderen Grossbetrieben. Es wurde immer schwieriger, in den drei verwinkelten Liegenschaften zeitgemäss zu waschen, denn es fehlte an Raum und an Böden, die stark genug waren für die immer grösseren und schwereren Maschinen.

1997 entschied sich Christoph Papritz, der die Wäscherei in vierter Generation führt, den Betrieb in eine grosse Werkhalle nach Rüdtligen bei Burgdorf zu verlegen. In Bern ist nur der Laden geblieben, wo treue Privatkunden vorderhand noch ihre Wäsche zur Reinigung geben können. Alle übrigen Räume wurden umgebaut und neu vermietet: ein Restaurant, ein Labor, das Lebensmittel analysiert, zwei Architekturbüros, kunsthandwerkliche Ateliers, ein Fotograf und drei Marketingunternehmen haben sich eingenistet. Die Wäscherei hat einer Schar kleiner Dienstleister Platz gemacht - aus einem mittelgrossen Industriebetrieb wurde ein Zentrum für kleinere Selbständige, aus einer traditionellen Arbeitswelt wurden viele neue Arbeitswelten.

Werber und Wäscher haben eines gemeinsam: Beide helfen ihren Kunden dabei, einen guten Eindruck zu machen. Nur arbeiten die einen mit Seife und Wasser in einer Fabrik, die andern mit Papier und Computern in Büros. Der Umwandlung eines grossen Raums der Wäscherei zu einem Tummelplatz für Marketingleute standen darum, trotz der Wesensverwandtschaft der beiden Metiers, einige Schwierigkeiten im Weg.

Eine war das Licht. Dem Inhaber des auf Marketingprojekte spezialisierten Unternehmens Ecolo, Andreas Choffat, gefiel das Helle, Weite des Raums unter dem Brechbühler-Dach so gut, dass er den ganzen Stock mietete und eine Bürogemeinschaft gründete. Einige Monate später sassen drei selbständige Unternehmer zwischen den langen, gläsernen Aussenwänden vor ihren Bildschirmen und stellten fest, dass die direkte Sonneneinstrahlung störte. Jalousien fehlten. Zielsicher hatten die Büromenschen den zweifellos schönsten Raum der Wäscherei gewählt, und der erwies sich im nachhinein als schlechter Arbeitsplatz. Tatsächlich wurde er ursprünglich auch lediglich als Garderobe genutzt. Im industriellen Wäschereibetrieb wurde nicht da gearbeitet, wo Licht und Aussicht lockten, sondern da, wo die Produktion am leichtesten zu realisieren war: in Bodennähe.

Überhaupt waren die Wäscher und Wäscherinnen wohl härter im Nehmen als die Bürolisten von heute. Choffat und seine Partner tun sich schwer mit den WCs im ungeheizten Treppenhaus. Dort war es zu Wäschereizeiten, als alle drei Liegenschaften nur von der Abwärme der Wasch- und Glättmaschinen im Souterrain geheizt worden waren, wohl kaum wärmer. Den Komfort möchten die Dienstleister gerne heben, aber möglichst ohne die Aura der Betriebsamkeit einer Fabrikhalle zu zerstören: «Der Raum musste unbedingt <industrial> bleiben», sagt Choffat. Also keine Vorhänge, keine Stellwände, sondern viel offener Raum. Und um die Einheitlichkeit zu garantieren, ging er so weit, seinen Untermietern vorzuschreiben, welche Büromöbel sie anzuschaffen hätten.

Für den Fünfpersonenbetrieb Ecolo war der Raum zu teuer und zu gross gewesen. «Das oberste Kriterium bei der Partnersuche war Sozialverträglichkeit, Business-Überlegungen kamen später», sagt Choffat. «Menschen, die man täglich sieht, muss man riechen können.» Gefunden hat er den Betriebsökonom Jürg Kärle, der sich vor einigen Jahren selbständig gemacht und sich in seinem Büro zu Hause allmählich einsam gefühlt hatte, und seinen Vater Peter Choffat. Der Informatiker arbeitete zuletzt als Account Manager bei einem grossen Informatikunternehmen und stand kurz vor der Pensionierung, als er merkte, dass er eigentlich weiterarbeiten wollte.

Wer hier arbeitet, ist schneller erzählt, als was hier gemacht wird. Auf den Tischen stehen Computer und Telefone, der einzige abgetrennte Raum dient als Sitzungszimmer - in der Dienstleistungsgesellschaft sind die meisten Arbeitsplätze austauschbar. Und die Tätigkeitsbezeichnungen sind nicht sonderlich anschaulich: Kärle ist ein auf das Produktemanagement im Lebensmittelsektor spezialisierter Marketingberater, Andreas Choffat ist Marketing-Projektmanager, Konzepter/Projektleiter und Coach, und sein Vater zieht heute unter dem Namen E-Motion als Coach von Informatikabteilungen und -unternehmen eine «One-man-Show» durch. In dieser Bürogemeinschaft entsteht kein mit Händen greifbares, neues Produkt, es wird nicht einmal ein bereits bestehendes gewaschen. Kein Wunder, hat einer der Papritz-Brüder zu Andreas Choffat einmal gesagt, ihm sei das neue Gewerbe in diesem Raum suspekt.

Die beiden Choffats und Kärle führen je ein unabhängiges Unternehmen, und doch teilen sie viel mehr als nur den Arbeitsort. Sie teilen ihre Beziehungen zu Kunden und Geschäftspartnern. Sie teilen Arbeitskapazität und helfen einander aus, wenn einer kurzfristig überlastet ist. In vierzehntäglichen Sitzungen teilen sie Ideen und Geschäftsgeheimnisse, sie tauschen sich über laufende Projekte aus, «und auch bezüglich Umsatzzahlen besteht zwischen uns vollständige Transparenz», sagen sie. Und manchmal teilen sie sogar ihre Freizeit und gehen miteinander frühstücken, um all das zu bereden, was im Arbeitsalltag zu kurz kommt.

Dass ihre Bürogemeinschaft funktioniert, führen sie vor allem auf diese Offenheit zurück, aber nicht nur. «Wichtig ist auch, dass alle Erfolg haben», sagt Andreas Choffat, «denn wenn der Erfolg fehlt, droht Neid.» So harmlos und einleuchtend sieht Survival of the Fittest aus der Gewinnerperspektive aus. Das oberste Prinzip der Evolution kommt heute offenbar nicht mehr erst auf dem Markt zum Zuge, sondern schon bei der Zusammenstellung der Bürogemeinschaft.

Sie mögen einander, helfen sich und haben Erfolg. Warum fusionieren sie da nicht gleich und profitieren zum Beispiel von einer schlankeren Buchhaltung? «Weil hier halt doch drei Egoisten am Werk sind», antwortet Peter Choffat mit der Abgeklärtheit des Ältesten. «Jeder will seinen eigenen Erfolg sehen.» Choffat, Kärle und Choffat pflegen eine eigentümliche Mischung von Nähe und Distanz. Darin liegt vielleicht auch das Geheimnis, warum Vater und Sohn so reibungslos zusammenarbeiten können. Die beiden sehen heute in einander gute Kollegen, nicht mehr und nicht weniger.

Dass Väter und Söhne zusammenarbeiten, hat unter diesem Dach Tradition, aber nicht immer ging es dabei so zwanglos zu und her. Christoph Papritz, der das Familienunternehmen heute in vierter Generation leitet, hat ursprünglich Maschineningenieur gelernt und lange nicht daran gedacht, die Wäscherei weiterzuführen. Erst Anfang der achtziger Jahre besann er sich und besuchte die Unternehmensführungsschule Burgdorf. Dass er seinen Entscheid ohne Druck der Eltern fällen konnte, dafür ist er seinem verstorbenen Vater Bernhard dankbar. Dieser sei vom Grossvater in den Betrieb hineingezwungen worden und darin zeitlebens nicht recht glücklich geworden. Und einer seiner Onkel, erzählt Christoph Papritz, habe zwar den Wunschberuf Geigenbauer erlernt und auch immer ausgeübt, sich später aber wider Willen zum chemischen Reiniger ausbilden lassen und neben seiner Tätigkeit als Instrumentenbauer jahrzehntelang in der Wäscherei mitgeholfen. Dass die Äpfel nicht weit vom Stamme fallen, sagt sich so leicht. Aber die Äpfel tun sich damit zuweilen schwer.

Die familiären Verhältnisse haben die Unternehmenskultur bei Papritz geprägt. Obwohl die Zahl der Angestellten in den ersten fünfzig Jahren laufend zugenommen hatte und in den frühen Sechzigern schliesslich bei 150 lag, blieb der Führungsstil stets der gleiche. «Eigentlich gab es im ganzen Betrieb nur zwei Hierarchiestufen», sagt Christoph Papritz, «nämlich Chefs und Hilfskräfte. Die Chefs, das waren mein Grossvater, meine Grossmutter, mein Vater und mein Onkel. Sie waren überall im Betrieb anzutreffen und bestimmten, was zu tun war.»

Entsprechend gross sei die Personalfluktuation zuletzt gewesen. Als Christoph Papritz den Betrieb 1989 übernahm, führte er Abteilungsleiter ein und übertrug den Mitarbeitern Eigenverantwortlichkeit. Jetzt bleiben seine Angestellten im Schnitt wieder fünf bis zehn Jahre im Betrieb. Und über achtzig Prozent der Belegschaft folgten ihm 1997 in die neue Werkhalle nach Rüdtligen, manche zogen mit der ganzen Familie um.

Fritz Eberhart ist ein Angestellter der aussterbenden Sorte. 1965 trat er im Alter von 22 Jahren in der Wäscherei Papritz eine Stelle als chemischer Reiniger an. Heute ist er 57 und hütet als letzter Papritzianer in Bern den Laden. «Und dazwischen habe ich in diesem Betrieb fast alles gemacht.» Der ideale Mann also für einen Rundgang durch die ehemalige Wäscherei, auf dem man noch einmal die Arbeitswelt von damals auferstehen lassen kann.

So folgen wir dem Weg eines Leintuchs. Zuerst kam es in die Einzählerei, die sich im Keller des Sandsteingebäudes befand. Fünf Frauen kennzeichneten hier die Wäschestücke, früher noch mit Nadel und Faden, später mit Spezialleim und Etiketten. «Nicht jedermanns Sache», sagt Eberhart, der hier gelegentlich aushalf. «Es waren ja nicht nur Leintücher zu kennzeichnen, sondern auch Unterwäsche, und die war manchmal ziemlich braun.» Die Einzählerinnen und er fassten alles von Hand und ohne Handschuhe an, weil sie das Gewebe spüren mussten.

Von der Einzählerei rutschte das Leintuch über ein Brett in die Handwäscherei. Die war fernab vom Tageslicht in der hintersten Ecke der Waschküche untergebracht, einem grossen Raum im Souterrain des ersten Anbaus. Die ersten fünf Jahre hatte Herr Eberhart chemisch gereinigt, danach wurde er auf den Handwäscherposten verschoben, wo er es über 25 Jahre lang aushielt. Seinen Arbeitsplatz gibt es nicht mehr, niemand hätte hier unten, wo mit dem Umbau Abstellräume entstanden sind, noch arbeiten wollen, am allerwenigsten lichtverliebte Büromenschen.

In der Waschküche war es nicht nur dunkel, es war auch feucht und heiss. Die zwei grossen Waschmaschinen fassten je 300 Kilo Wäsche und strahlten viel Wärme ab. «Im Winter war es angenehm hier unten, da konnte man gut im Hemd arbeiten», erinnert sich Eberhart. An Sommertagen dürfte es die industrielle Tropenhölle gewesen sein, aber davon sagt Herr Eberhart nichts.

Ob er nie von einer anderen Arbeit an einem schöneren Ort geträumt habe? Darauf hat er viele Antworten: «Ich bin halt in diesen Betrieb hineingewachsen.» «Mir hat man beigebracht, dass man nicht maulen soll, sondern zufrieden sein mit dem, was ist.» «Früher hat es geheissen: Vogel friss oder stirb.» Und: «Mit meiner rechten Hand war es nicht leicht, überhaupt eine Stelle zu finden.» Die Hand kann seit Geburt nur notdürftig greifen. Ohne diese Behinderung hätte er zweifellos die Sattlerei seines Vaters zu Hause in Rosshäusern übernommen, nicht den Beruf eines chemischen Reinigers erlernt und nie als Handwäscher gearbeitet.

So aber warf Herr Eberhart ein Vierteljahrhundert lang alle Stücke, die aus der Einzählerei bei ihm landeten, in die richtigen Behälter. Bei der sogenannten Maschinenwäsche gab es je einen für Küchenwäsche, für andere Kochwäsche (Leintücher, Leibwäsche, Bettwäsche), für helles Farbiges, für Blaues, für Rotes, für Gelbes. Die Handwäsche ordnete er nach 40grädigem, 30grädigem und nach Socken, bevor er sie in vier Trögen einweichte. Gewaschen hat er aber nicht wirklich von Hand, sondern mit sechs kleinen Haushaltmaschinen. Viel Arbeit und wenig Pausen, «me isch haut geng dranne gsi, es het z  tüe gää.»

Dafür eine Mittagspause von zwei Stunden. Da ging Herr Eberhart jeweils zum Bahnhof, nahm den Zug und fuhr in einer Viertelstunde nach Rosshäusern, wo er heute noch zu Hause ist. Seine Mutter kochte für ihn und seinen Vater. Als sie 1987 starb, assen die beiden Männer im Wirtshaus, bis der Vater sich zur Überraschung des Sohnes das Kochen beibrachte. «Zuletzt hat er einen tadellosen Braten hingekriegt», sagt Eberhart. Erst seit vor drei Jahren auch sein Vater gestorben ist, macht er nur noch eine Stunde Mittag und geht in eine Beiz in Bern.

Zurück zum Leintuch: Das landete also im Behälter für Kochwäsche. Den holten die beiden Männer, die die grossen Waschmaschinen bedienten; in der Waschküche arbeiteten immer Männer. Das gewaschene Leintuch brachten sie ins Parterre des zweiten Anbaus, wo sich die Manglerei befand. Der Grossvater von Christoph Papritz hatte hier die saubere Wäsche gerüstet, bis er mit über achtzig Jahren starb. Rüsten, das hiess die kleinen Stücke aus den Netzen befreien, in denen sie gewaschen worden waren. «Der hat den Jungen gezeigt, was Schaffen heisst», sagt Eberhart.

Auch Christophs Vater, Bernhard Papritz, ist sozusagen im Betrieb gestorben. «Den habe ich nie rauchen sehen, und trotzdem: mit 62 Krebs - und tot. Ich rauche Select und habe nichts.» Bernhard Papritz war wohl Eberharts liebster Chef. «Als ich 1980 nach einem Töffunfall fünf Monate zu Hause im Gips herumliegen musste, habe ich dreimal Besuch gekriegt vom Patron.» Dieses Jahr sei er auf dem Arbeitsweg wegen Glatteis gestürzt, habe sich den linken Ellbogen zerschmettert und sei zwei Monate in einer Kurklinik in Oberrieden gelegen. «Einen Chef habe ich dort nie gesehen.» Wer erwartet heute noch seinen Arbeitgeber am Krankenbett?

Mangeln muss man sich als lange Maschinen mit je einem breiten Schlitz an beiden Enden vorstellen. An ihnen arbeiteten Frauen. Sie packten das feuchte Leintuch und führten es in den vorderen Schlitz ein, hinten wurde es trocken und glatt von zwei anderen Manglerinnen in Empfang genommen. Drei Mangeln standen hier zuletzt nebeneinander. Wie die Waschküche wurde auch die ehemalige Manglerei beim Umbau aufgeteilt. Die hellen, hohen Räume genügen auch noch heutigen Arbeitsansprüchen: In der einen Hälfte haben sich Architekten eingemietet, in der andern mehrere Kunsthandwerker.

An den Mangeln stand Herr Eberhart nie. Aber gelegentlich kam er zum «Röllelen» hierher. Mit Hilfe einer Maschine kontrollierte er die Länge der Endloshandtücher für öffentliche Toiletten, die mindestens 35 Meter lang sein mussten. Damit habe er manchen Feierabend verbracht, manchmal bis halb zehn Uhr abends, nachdem er vorher zur normalen Zeit ausgestempelt hatte. Sein Fehler, sagt er, sonst hätte er noch einen ganzen Monat Ferien zu gute. «Aber was gmäit isch, isch düre.»

Das gemangelte Leintuch kam schliesslich wieder in den Laden, den einzigen Raum, der noch genutzt wird wie früher und auch noch aussieht wie in den sechziger Jahren: Licht so fahl wie heller Bernstein, grünbeige Wände, eine hölzerne Ladentheke, eine alte Registrierkasse, an den Wänden Gestelle mit Wäschepaketen und in einer Ecke die Maschine, mit der Herr Eberhart alle angenommenen Stücke kennzeichnet, bevor er sie dem Chauffeur nach Rüdtligen mitgibt. «Anfangs fühlte ich mich schon ein wenig einsam hier», sagt er, «aber dann habe ich ein Radio, Lesestoff und Kreuzworträtsel mitgenommen, und jetzt gehen die Tage wieder vorbei.»

Auch den Umgang mit den Kunden musste er, der über dreissig Jahre lang im Hintergrund tätig gewesen war, erst lernen. Als er noch ziemlich neu im Laden stand, wollte eine Kundin einmal besser wissen, wie ihr Wäschepaket in den Plasticsack zu legen sei. «Dann machen Sie doch diesen Scheissdreck selber», entfuhr es ihm da, und das gab Ärger. Herr Eberhart hat sich natürlich entschuldigt, und dies offenbar mit so viel Charme, dass die Kundin nicht nur wiederkommt, sondern ihm seither hin und wieder sogar Schokolade mitbringt.

Was Herr Eberhart lernen musste - unter allen Umständen anständig zu bleiben -, ist den Werbern unter dem Brechbühler-Dach längst in Fleisch und Blut übergegangen. Auch das ist ein Charakteristikum der kundenorientierten Dienstleistungs-Arbeitswelt: dass sie uns alle zu Meistern im Wahren des Scheins erzieht.


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