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NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten Inhaltsverzeichnis
Schneit es draussen noch?
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| Die Konsole macht’s möglich, ein anderer zu sein: Monstertöter, Weltenretter, Superheld – wie in «Warhammer 40 000». |
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Seit zwanzig Jahren ist er gamesüchtig. Die Geschichte eines Dreissigjährigen, der täglich darum ringt, ins echte Leben zurückzukehren.
Von Daniel Ryser
Ein Mann betritt in der südkoreanischen Stadt Taegu ein Internetcafé. Er setzt sich an einen Computer und loggt sich in das Online-Spiel «Starcraft» ein. Dann spielt er sich zu Tode. Fünfzig Stunden ununterbrochen, bis der Körper kollabiert und das Herz versagt. Kurz zuvor war der 28-Jährige von seiner Firma entlassen worden, weil er bei der Arbeit nichts anderes mehr getan hatte, als zu gamen.
Gamesucht wird erst seit kurzem von Fachleuten ernst genommen. Nicht, dass sich junge Leute zuhauf zu Tode spielen, aber wer gamesüchtig ist, läuft Gefahr, sich an den beruflichen, sozialen und letztlich existentiellen Abgrund zu spielen. Es drohen Psychosen, Abschottung, Entzugserscheinungen.
Nennen wir den Mann, den ich treffe, Cloud, wie seine Lieblingsfigur aus dem Rollenspiel «Final Fantasy 7». Cloud ist gamesüchtig, süchtig nach seiner Maschine, dem Laptop, der Konsole, der falschen Welt in der echten. Er betrügt seine Freundin mit Leuten, die er nicht kennt, aber mit denen er im virtuellen Raum des «World of Warcraft» eine Kampfeinheit bildet. «World of Warcraft» ist ein «Massively Multiplayer Online Role-Playing Game»: ein Online-Rollenspiel für unbegrenzt viele Mitspieler. Eines ohne Pausenknopf, weil der Spieler sein Team – im Jargon Gilde – nicht hängenlassen darf. Die Gilde ist eine zusammengewürfelte Truppe von Spielern, die an verschiedenen Orten, vielleicht sogar in verschiedenen Zeitzonen, vor den Bildschirmen sitzen, um gemeinsam einen virtuellen Krieg zu gewinnen.
Als ich Clouds Wohnung betrete, begrüsst er mich mit dem Laptop im Arm. Ich unterbreche ihn bei «Warhammer 40 000», einem Fantasy-Kriegsspiel, das im 41. Jahrtausend nach Christus angesiedelt ist. Bevor wir uns richtig begrüssen, erklärt er, dass es darin um Zwerge und Orks gehe und um Kampfroboter, die so gross seien wie Häuser. Dass es eine dunkle und böse Version der christlichen Mythologie bediene. Überall im Universum herrscht Krieg, es gibt Planeten, auf denen nur Soldaten leben, und die Menschheit wird von einem Imperator regiert, der eigentlich tot ist, aber dessen Gehirnströme abgefangen und interpretiert und als Befehle weitergegeben werden. In Clouds Wohnung: Action, blinkende Befehle, pausenlos Krieg; draussen, in der echten Welt, fallen dicke Schneeflocken auf die vereiste, öde Winterlandschaft.
Als er im Herbst 2008 im Alter von dreissig Jahren, nach zwanzig Jahren Gamen, davon fünfzehn auf einem Grat zwischen Heilung und Absturz, eine Therapie begann, riet ihm der Therapeut als erstes, stündlich zu notieren, was er gerade mache. Um einen Überblick zu bekommen. «Das war in einer Phase, in der ich für meine Verhältnisse relativ wenig spielte», sagt er. Trotzdem kam er, Schlaf abgezogen, auf ein 50:50-Resultat. 50 Prozent seines Tages gehen derzeit für seine Sucht drauf, die anderen 50 Prozent teilen sich Einkaufen, Essen, Arbeiten, Freundin, Fernsehen, Freunde.
Das Wohnzimmer ist ein Gamerparadies: superbequemes Sofa, superbequemer Sessel, riesiger Fernseher, in dem ununterbrochen TV-Serien auf DVD laufen, die er sich während des Gamens reinzieht, ein Tisch für den Laptop, eine Stereoanlage, eine kleine Hausbar, Hunderte CD – die Spiele.
Auf dem Weg zur ersten Therapiesitzung hat Cloud vor dem Eingang zufällig einen alten Schulfreund getroffen, der an der ETH studierte. Bis er dort «Diablo 2» kennenlernte, eines der populärsten Online-Spiele. Zwei Jahre lang hat der Freund kaum etwas anderes gemacht. Schlafen, Essen, Studieren wurden zu notwendigen Übeln. Das Studieren klappte nicht mehr. Heute lebt er in der echten Welt von der Fürsorge und in der virtuellen vom Töten von Monstern, Drachen und Kampfrobotern gross wie Häuser.
«Ich bin froh, dass ich nur gamesüchtig bin, und nicht etwa heroinsüchtig», sagt Cloud, als er mir den bequemen Sessel, Kaffee und eine Zigarette anbietet. Heroin und Gamen – er stellt das auf eine Stufe. Das Spielen mache ihn wenigstens nur psychisch abhängig. Allerdings sei es auch viel einfacher, gamesüchtig zu werden: «Für deinen ersten Schuss musst du zu einem Dealer, für deine erste Konsole musst du zu deinen Eltern.»
Nach aussen ist Cloud ein angesehenes Mitglied seiner Gemeinde. Man kennt ihn dort, und er hat eine interessante Teilzeitarbeit im PR-Bereich. Von der Sucht weiss ausser seiner Freundin niemand. Trotzdem lässt sie sich nicht völlig verbergen: Er sei oft unkonzentriert, extrem nervös, sagt ein Bekannter. Seine Freundin wirft ihm vor, er verbaue sich die berufliche Zukunft. Andere Bekannte wundern sich, warum einer mit seinem Elan, seiner Wortgewandtheit und seiner Intelligenz es beruflich nicht weiter bringt.
Das erste Spiel, das er sich kaufte, war «Rat Race» für die Nintendo-Konsole, die graue Kiste, frühe 1980er Jahre. Damals war er zehn. Bis heute hat er über dreihundert verschiedene Spiele gespielt, über zehntausend Franken in Spiele investiert und Tausende Stunden vergeudet.
Der Rutsch in die Sucht war das Rollenspiel «Zelda», «das erste Spiel, das eine Welt bot, in der man ein bisschen herumhängen konnte und nicht einfach eine Mission erfüllen musste», sagt er. Ein Vorläufer von Chat-Räumen also, deren Erfindung die Zahl der Online-Süchtigen explodieren liess, wie man glaubt. «Zwei bekannte Testgamer, die das Millionen Mal verkaufte Rollenspiel ‹GTA 4› testeten, verbrachten zunächst 100 Stunden damit, die virtuelle Welt, eine komplette Stadt, zu erkunden, bevor sie mit dem eigentlichen Spiel begannen», sagt Cloud. 100 Stunden. Als Einstieg. Für den perfekten Save, den abgespeicherten Spielstand bei maximaler Punktezahl, «brauchst du bei ‹Final Fantasy› eine Gesamtspielzeit von 500 Stunden. Gamen basiert darauf, dass es dir in kleinen Häppchen Bestätigung gibt. 200 kleine Missionen, jede Schlacht, die du gewinnst, bringt dich zur nächsten, du kannst jederzeit aufhören, aber du kannst dir verhängnisvollerweise auch immer sagen: Nur noch ein Level. Plötzlich sitzt du 72 Stunden vor der Kiste.» 72 Stunden. Am Stück. «Kann vorkommen», sagt Cloud.
Tage voller Halbschlaf, Sekundenschlaf, Apathie, Begeisterung, Wahn und Fastfood. Die Fensterläden geschlossen, während draussen die Sonne scheint, Tag und Nacht verschwimmen, er köpft die Flasche Wein morgens um 11 Uhr und kocht Kaffee um Mitternacht.
Arbeiten klappt dann nicht mehr gut. Sechs bis fünfzehn Stunden sind der aktuelle Schnitt, wenn er die Konsole startet. «In den schwierigsten Zeiten dominierte Gamen mein Leben», sagt Cloud. Er arbeitete drei Tage pro Woche. Er baute die Arbeit in ein Game-Gesamtkonstrukt ein: Um 6 Uhr musste er raus, um 13 Uhr kam er von der Arbeit heim. Dann spielte er meist bis morgens um vier durch, schlief zwei Stunden und ging wieder zur Arbeit. Wenn die drei Arbeitstage vorüber waren, fiel er in einen vierzehnstündigen Tiefschlaf. Das Gamen hielt ihn einerseits davon ab, seine Arbeit richtig zu erledigen, andererseits war die Aussicht auf den Computer daheim seine einzige Motivation, überhaupt zu arbeiten.
«Online-Spiele suggerieren ein soziales Leben», sagt Cloud, der sich einen schönen Teil seines Lebens dieser Suggestion hingibt, der sehr differenziert und sachlich die eigene Sucht betrachtet – und sie doch nicht besiegen kann. Er habe sie aber wenigstens inzwischen unter Kontrolle. Das heisst: «Ein Verhältnis von 50:50, nicht mehr von 90:10.» Er habe halt ein niedriges Selbstbewusstein, konstatiert er. Und fügt mit einem Lächeln hinzu: «Zudem bin ich ein wenig grössenwahnsinnig. Bei dieser Kombination kommen Games natürlich wie gerufen.» Was in Echt nicht geht, die Konsole macht es möglich: Frauenheld. Superkiller. Monstertöter. Spezialsoldat. Autorennfahrer. Fussballtrainer. Superheld. Weltenretter. Die sozialen Kontakte beschränkten sich im Alter zwischen 16 und 22 auf die wöchentliche Probe einer Metal-Band.
Eine Exfreundin hat während eines seiner Game-Exzesse die Konsole gepackt und ist damit aus der Wohnung gerannt. Weil er wusste, dass sie recht hatte, hat er sozusagen als Selbsthilfemassnahme seine Spiele, zu jenem Zeitpunkt 150, vom Laptop gelöscht. Das ging einige Tage gut. Doch dann ertappte er sich beim Spielen des Standardprogramms «Solitaire» – wie auf Entzug hatte er vierzehn Stunden am Stück durchgespielt.
Manchmal verwischen sich bei Cloud die Grenzen auf eine seltsame Art: Durch seine Gamesucht ist er zu einem weiteren Job gekommen. Und zwar als Fussballreporter. «Obwohl ich nie Fussball gespielt habe, mir nie ein Spiel angeschaut habe, konnte ich plötzlich fachsimpeln. Ich hatte Hunderte Stunden damit verbracht, ‹Fussball-Manager› zu spielen.» «Fussball-Manager» ist extrem realistisch aufgebaut. Das Spiel enthält die richtigen Clubs, Namen, Spielerstärken. «Alles, was ich über Fussball wusste, wusste ich aus diesem Spiel.» Und weil es das offizielle Fifa-Spiel ist, stimmte dieses Wissen mit der Realität erstaunlich exakt überein. Die Tricks von Messi, die Taktik von Arsène Wenger, die Jungtalente vom FC Winterthur – alles zu finden bei EA Sports. «Viele der Schweizer Spieler, auf die ich als Reporter dann traf, kannte ich seit Jahren vom Computer», sagt er und zündet sich die nächste Zigarette an und schenkt Whiskey ein. Alkohol, Zigaretten, Kiffen, Fastfood, TV-Serien, Metal-Sound – die perfekte Rundumergänzung. Eine Welt zum Eintauchen. Schneit es draussen noch?
«Gamen ist ähnlich anstrengend wie Lesen», sagt Cloud. «Im Gegensatz zum Lesen gibt es dir dauernd Adrenalinkicks, deshalb hältst du es viel länger durch. Wenn ich exzessiv game, kann es passieren, dass ich am Laptop einschlafe. Dann schrecke ich auf und spiele sofort weiter. Wie ein Junkie, der aufwacht, und sich als erstes einen Schuss setzt.» Und als habe er sich selbst das Stichwort gegeben, klappt er den Laptop auf. Mit meiner Ankunft hatte ich ihn unterbrochen. Jetzt ist er dorthin zurückgekehrt, in die «Warhammer 40 000»-Welt, meine Anwesenheit verblasst. «Nimm dir, was du brauchst», sagt er und zeigt auf die Hausbar. Es ist, als würde ihn der blaue Schein des Computers einsaugen, seine Antworten auf meine Fragen werden knapper, sein Blick ist auf den Laptop gerichtet. Schweigend sitzen wir eine Stunde im Wohnzimmer, spärlich beleuchtet vom Schein des Laptops.
Daniel Ryser ist Redaktor bei der «WOZ».
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