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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre wenn…? ist eine sinnlose Frage
Von James Hamilton-Paterson
Als ich etwa zwölf Jahre alt war, las ich eine kurze Science-Fiction-Geschichte von Ray Bradbury mit dem Titel «Ferner Donner». Es ging um eine kleine Gruppe von Grosswildjägern, die auf einer «Zeitsafari» in die Vergangenheit reisten, um das grösste Wild aller Zeiten, einen Dinosaurier, zu erlegen. Die Firma Time Travel Inc., die die Tour organisierte, hatte einen Beobachter ins Mesozoikum entsandt, um ein geeignetes Tier auszuwählen, einen ganz bestimmten Saurier, der ohnehin bald eines natürlichen Todes sterben würde. Das fragliche Tier wurde mit roter Farbe markiert, und die Safari wurde zeitlich so geplant, dass es nur wenige Minuten vor seinem historischen Tod geschossen würde.
Die Jäger aus der Zukunft dürfen an der Welt von vor 70 Millionen Jahren nichts ändern, denn das könnte in der Welt, aus der sie kommen, unabsehbare Auswirkungen haben. Damit sie mit den Stiefeln nicht den Boden berühren, müssen sich die Jäger strikt auf einem im Vorfeld ausgelegten Metallweg bewegen, der einige Zentimeter über dem Boden schwebt. Der markierte Dinosaurier taucht ordnungsgemäss auf, ist jedoch so riesig und furchterregend, dass einer der Jäger in Panik gerät und zur Zeitmaschine zurückrennt. Auf dem Weg dorthin stolpert er und macht einige verbotene Schritte abseits des vorgeschriebenen Weges. Die anderen Sportschützen erlegen das Biest. Es ist sofort tot, und der gewaltige Ast, der den Dinosaurier eigentlich hätte erschlagen sollen, fällt wie bestellt auf seine Leiche.
Die Gruppe kehrt zur Zeitmaschine und in ihre eigene Zeit zurück, muss jedoch nach der Ankunft feststellen, dass sich im Büro der Zeitsafarifirma einige winzige Kleinigkeiten verändert haben. Die Atmosphäre scheint auf undefinierbare Weise anders, und die Worte einer an der Wand aufgehängten Notiz sind anders buchstabiert. Bei der Präsidentschaftswahl, deren Ergebnis gerade verkündet wurde, als sie zu ihrer Reise aufbrachen, hat nun der Verlierer gewonnen. Als klar wird, dass irgendetwas nicht stimmt, sieht der Jäger, der aus Angst davongelaufen ist, verschämt unter seine Stiefel und entdeckt inmitten von Spuren prähistorischen Schlamms einen toten Schmetterling.
Diese kleine säkulare Parabel machte mir als Kind grossen Eindruck. Die Zeit erschien mir als eine unendlich langsame, magische Kraft, die die Evolution ermöglicht und die Felsen auf dem Gipfel des Mount Everest mit Meeresmuscheln garniert hatte, und ich malte mir aus, wie völlig belanglose Ereignisse durch den unbegrenzten Lauf der Zeit ins Unverhältnismässige gesteigert würden. Die Geschichte machte mir zudem die Bedeutung des blanken Zufalls bewusst: die Willkür von Ereignissen und die unberechenbare Komplexität ihrer Folgen. Diese Überlegungen wurden schon bald zu einem der Eckpfeiler meines adoleszenten Atheismus. Es schien mir unübersehbar, dass die in ihrer lächerlich kurz bemessenen, subjektiven Zeit befangenen Menschen den Ereignissen, die ihr Leben bestimmten, nach Möglichkeit eine Absicht zu unterstellen suchten, eine Absicht, die noch dazu den moralischen Wert der von ihnen Betroffenen in Rechnung stellte. Alles, was sich nicht in diese Logik einfügte, wie der Ziegel, der vom Dach fällt und ein Schulkind auf dem Nachhauseweg erschlägt, wurde zum Beweis für Gottes unerforschlichen Ratschluss, den in Frage zu stellen uns Irdischen nicht anstand.
Nachdem ich diese Doppelbödigkeit als den verzweifelten Versuch erkannt hatte, dem willkürlichen Universum eine verständliche Ordnung aufzupfropfen, zerplatzten mir alle überlieferten Vorstellungen von einem persönlichen Gott und liessen sich auch nie wieder aufrichten.
Es kam der unvermeidliche Tag, wo man uns in der Schule einen Aufsatz zum Thema «Was wäre, wenn…?» schreiben liess. Was, wenn Hitler nie geboren worden wäre? Was, wenn meine Mutter als Kind an Scharlach gestorben wäre (wie es beinahe geschah)? Was, wenn das Fahrrad nicht erfunden worden wäre? Ich verfasste ein aufmüpfiges Stück, in dem sich Pontius Pilatus in einem Anfall von Bockigkeit den Bitten der von ihm regierten Einheimischen widersetzte und sich weigerte, Jesus Christus neben Barabbas kreuzigen zu lassen. Was dann? Keine Märtyrer, keine Mönche, keine Kreuzzüge. Die ganze Renaissancemalerei ungemalt. Keine gregorianischen Choräle, keine Kirchenmusik, keine h-Moll-Messe von Bach, kein Händelscher Messias. Vermutlich, so spekulierte ich, wären wir alle Muslime. Der Aufsatz wurde als kindisch und provokativ bewertet. Aber in Wahrheit hatte ich damit demonstriert, dass «Was wäre, wenn…?» eine Frage ist, die sich auf ernste Weise schlechterdings nicht behandeln lässt. Es übersteigt unsere Einbildungskraft, uns auszumalen, wie die Geschichte ohne Hitlers Geburt oder ohne die Erfindung der Schrift verlaufen wäre, so wie es für mich buchstäblich unmöglich ist, mir vorzustellen, dass meine Mutter im Alter von zehn Jahren gestorben wäre. Wissenschafter, die die exakte Strömungsdynamik von Wasser vorhersagen wollen, das einen Stein umfliesst, wissen heutzutage, dass solche Vorhersagen laut Chaostheorie unmöglich sind und es auch immer bleiben werden.
Aus demselben Grund wird man auf die Frage «Was wäre, wenn…?» immer nur die individuelle Antwort eines bestimmten Menschen erhalten, dessen Gehirn die ganzen daran beteiligten Kontingenzen nicht einmal ansatzweise erfassen kann und der sich daher das Ergebnis herauspickt, das ihm am besten gefällt.
Es ist unmöglich, den zufälligen Verlauf der Ereignisse und die Ergebnisse all ihrer Interaktionen zu simulieren, und das ist nicht nur eine Frage der Hirnkapazität. Selbst die Berechnungen des schnellsten Supercomputers können durch einen fallenden Ziegel zunichte gemacht werden. Wäre Hitler nie geboren worden, hätte es wahrscheinlich keinen israelischen Staat gegeben, und die politische Situation im Nahen Osten sähe heute anders, wenn auch nicht unbedingt friedlicher aus. Aber das ist nur eine unter einer unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten. Eine weitere ist, dass die Nibelungenbrücke, auf der die Bewohner von Linz tagtäglich die Donau überqueren, völlig anders aussähe, weil Hitler seine eigenen Vorstellungen in die Planungen für seine Heimatstadt einbrachte und die Brücke fast das einzige Bauwerk ist, das tatsächlich realisiert wurde. Und so weiter und so fort.
Die Unterhaltungstechnologie, welche die detaillierte Darstellung imaginärer Welten ermöglicht, wird heutzutage im gemeinen Verständnis nur allzu leicht mit den mathematisch dichten Hypothesen der Quantenphysik über mögliche Welten und parallele Universen in einen Topf geworfen. Vielleicht liegt es daran, dass man gemeinhin glaubt, Zeit und Zufall seien im Grunde beliebig. Aber sie sind es nicht. Das wahrhaft Erschreckende ist vielmehr, dass alles, was in diesem Augenblick hier auf diesem Planeten geschieht, gar nicht anders sein könnte. Alles andere ist Wunschdenken und verrät einen gründlichen Mangel an Phantasie. Denn zu fragen «Was wäre, wenn das und das nicht passiert wäre…?», ist, als unterstellte man, es habe eine einzelne Masche in einem Strickpullover nie gegeben, ohne sich klarzumachen, dass damit das ganze Kleidungsstück auseinanderfiele.
Nichtsdestoweniger kann ich die Frage «Was wäre, wenn ich Ray Bradburys Geschichte nie gelesen hätte?» immerhin dahingehend beantworten, dass ich dann diesen kleinen Essay nie geschrieben hätte. Doch sicher sein kann ich mir nie.
James Hamilton-Paterson ist Autor; er lebt in Österreich.
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