NZZ Folio 01/99 - Thema: Sexgeschäfte   Inhaltsverzeichnis

Kochbuchklassiker IV. -- Wie man zum Maharadscha der Kochtöpfe wird

Von Leonardo La Rosa

DAS STOLZE ALBION ist keineswegs so bösartig, wie vor Zeiten verkündet wurde, nahm es doch grossmütig davon Abstand, der Welt nebst Tennis, Golf, Fussball und schwarzem Humor auch seine Küche aufzudrängen. Für einmal wollen wir hier auch nicht das Trauerlied von dem gelben Pulver namens Curry singen, das es uns als Inbegriff der orientalischen Küche unter die Nase rieb.

«Going black» nannte man in Zeiten mangelnder Political correctness die Übernahme der Kultur der Kolonisierten, die sich tiefer vollzog, als manchem waschechten Briten lieb war. Und so erstaunt es nicht, dass nebst den zahllosen indischen Restaurants Englands auch die Do-it-yourself-Variante «Indian Cookery» von Madhur Jaffrey mit 700 000 verkauften Exemplaren seit 1982 zum Renner wurde. So viele sind es bei der deutschen Ausgabe noch lange nicht, doch das Buch liegt bestens im allgemeinen Trend zur Ethno-Küche.

Eigentlich, so erklärt uns die Autorin in der Einleitung, gibt es die indische Küche gar nicht. Denn so wie es in Indien fünfzehn offizielle Sprachen und Tausende von Dialekten gibt, so vielseitig ist auch die Küche des Subkontinents. Grob unterscheiden lässt sich immerhin die südindische Küche mit ihren meist auf Kokosnussbasis hergestellten vegetarischen Currys und die eher fleischhaltige nordindische, deren Wurzeln von den aus Zentralasien stammenden Moguln gelegt wurden. Daneben finden sich jedoch exotische Gerichte, wie das Vindaloo aus Goa, eine lusitanisch-indische Sauce, in der das von Hindus wie Muslimen sonst verpönte Schwein seiner Wiedergeburt entgegensimmert. Wer allerdings die Nahrungsgrundlage der goanischen Schweine kennt, wird wohl eher wenig Appetit auf sie verspüren und froh sein, dass in der gleichen scharf-sauren Sauce auch Fische und Krustentiere ganz vorzüglich munden.

Da eine Mehrheit der Inderinnen und Inder auf den Genuss tierischer Nahrung verzichtet, gehört dieses Kochbuch in jede vegetarische Küche. Wer beispielsweise Linsen nur mit Würstchen und Speck korrekt gekocht findet, wird sich die Augen reiben ob der vielen schmackhaften und erst noch gesunden Gerichte aus Hülsenfrüchten, mit denen in Indien der Eiweissbedarf gedeckt wird.

Gewiss ist es nicht einfach, ein Gericht zu kochen, von dem man keinen Schimmer hat, wie es eigentlich zu schmecken hat. Allein, wer die richtigen Zutaten nimmt, die heute in jedem tamilischen Geschäft zu erstehen sind, und Jaffreys Hinweise genau befolgt, der steigt bald zum Maharadscha oder zur Maharani der Kochtöpfe auf. Um so mehr, als Jaffrey jedes Gewürz, das verwendet wird, in einem separaten Kapitel genau erklärt, eine Lektüre, die ebenso informativ wie appetitanregend ist.

Insbesondere in der kalten Jahreszeit, wenn die wärmste Socke, der dickste Pullover ein gewisses innerliches Frösteln nicht zu bekämpfen vermögen, ist es ratsam, mit dem Chili nicht zu sparen. Denn die kleinen roten Dinger heizen den Körper und die Seele aufs vortrefflichste von innen auf - und nicht zuletzt sollen sie zusammen mit den anderen Gewürze die Liebeslust entfachen, was naturgemäss gar für Hitze sorgen kann . . .

Madhur Jaffrey: Indisch kochen, Edition diá.


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