NZZ Folio 04/93 - Thema: News   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Die virtuelle Windhose

Von Wolf Schneider

DA SCHWAPPT ALSO seit Jahrzehnten diese Welle aus Amerika herüber und überschwemmt uns mit Swimmingpools, Spraydosen und Mountainbikes, obwohl sie gegenüber Schwimmbecken, Sprühdosen und Bergrädern als einzigen Vorzug den haben, ausländisch zu klingen. Darüber sollte man stutzen dürfen - abseits aller Deutschtümelei und bei klarem Lob für praktische Importe wie Job, Team, Flirt, fair, die unsere Sprache geschmeidiger, ja reicher machen.

Meistens aber leisten wir uns beim Umgang mit englischen Silben eine von drei Marotten: Wir übersetzen falsch, wir übersetzen gar nicht, und grossmäulig bereichern wir das Englische um Wörter, die in ihm nicht vorgesehen sind.

Die Mutter aller Fehlübersetzungen ist die Windhose, der Wirbel im Zentrum des Tornados. Er ist schlauchförmig und heisst auch so - auf englisch, wo hose bekanntlich «Schlauch» bedeutet («Hose» hiess es nur im Mittelalter). Es ist nicht rekonstruierbar, welcher geistreiche Mitteleuropäer schon früh im 19. Jahrhundert sich statt aufs Lexikon auf seine Eingebung verliess, dass hose wohl «Hose» heissen müsse. In den letzten Jahrzehnten ist die Technik im Deutschen beinahe ausgestorben, weil sie auf englisch technology heisst, woraus wir scharfsinnig folgern, dass sie auf deutsch «Technologie» heissen sollte.

Das Gar-nicht-erst-Übersetzen tritt in zwei Varianten auf: Entweder behalten wir auch Schriftbild und Aussprache bei, sprechen also im Computerjargon von Hardware und Software, obwohl es sich um den schlichten Unterschied zwischen Geräten und Programmen handelt und sonst nichts. Oder wir unterwerfen die englischen Silben der deutschen Grammatik, wie bei dem noch frischen Anprall der «virtuellen Realität», der Kunstwelt aus dem Computer.

Virtual ist schon für Englischsprachige kein glückliches Wort, denn einerseits bedeutet es «tatsächlich, wirksam, eigentlich» und andererseits das Gegenteil davon: nicht wirklich vorhanden, sondern nur als Möglichkeit angelegt, scheinbar, fiktiv. Virtual als «virtuell» ins Deutsche einzuführen hat also den Vorzug, dass an die Stelle des ärgerlichen Schillerns der Bedeutung das fast totale Unverständnis tritt. (Millionen Mitteleuropäer halten ja den Underdog für ein Kleidungsstück und den Drop-out für einen Bonbonautomaten, wie eine Umfrage von 1990 ergab.)

Wenn man nun mit Spezialbrille und Datenhandschuh in ein dreidimensionales Reich aus dem Computer eintaucht, bewegt man sich worin? In einer scheinbaren Realität, einer fiktiven Wirklichkeit, einer Scheinwelt. Warum also setzen sämtliche einschlägigen Zeitschriften deutscher Sprache an die Stelle dieser anschaulichen und völlig korrekten Silben die «virtuelle Realität»? Missverständlich auf englisch, unverständlich auf deutsch - ein neuer Triumph der Übersetzungskunst vor dem Hintergrund der modischen Anglomanie.

Ihre Spitze erreicht sie, wenn deutsche Firmen für deutsche Kunden ein englisches Wort in die Welt setzen - wie die Deutsche Bundesbahn, als sie den Intercity erfand. Die vier Silben besagen, dass die Züge von einer Stadt zur anderen fahren. Das aber taten Züge immer: zum Beispiel 1825 von Stockton nach Darlington und 1835 von Nürnberg nach Fürth. Mit dem englischen Kunstwort war indessen zweierlei erreicht: dass die Leute die erstaunliche Dürftigkeit der Neuerung nicht so leicht durchschauten - und dass ein europäisches Produkt sich heutzutage besser verkauft, wenn es unter amerikanischer Flagge segelt.

Was an all dem so schlimm sein soll, ist die berühmte Frage, die nun fällig wird. Haben wir nicht einst lateinische, dann französische Vokabeln zu Hunderten ins Deutsche übernommen, ohne dass unsere Sprache daran zerbrochen wäre? Nun kommt die Welle eben aus Amerika - so what!

Zweierlei lässt sich dagegen sagen: Wenn ein Schlauch wie ein Schlauch aussieht und in seinem Ursprungsland auch Schlauch heisst, so gereicht es keiner Sprache der Welt zur Ehre, wenn sie ihn mit einer Hose verwechselt. Und «Scheinwelt» wäre auch dann ein besseres Wort als «virtuelle Realität», wenn wir diese von Walther von der Vogelweide geerbt hätten. Dummheit wird nicht dadurch schlau, dass wir sie beim Import begehen.

Zum zweiten: Wenn es gut ist, dass Mundarten und Regionalsprachen sich gegen Überwucherung verteidigen, ja sich gegen die dominierende Hochsprache zu kräftigen versuchen - das Schweizerdeutsche, das Plattdeutsche, das Katalanische -, dann soll es schlecht sein, wenn eine der grossen Kultursprachen des Abendlands sich ebenfalls am Leben erhalten möchte? Die Weltsprache des Protestantismus, der Philosophie und der Psychoanalyse? Jeder Chief Sales Coordinator in einer Mountainbike-Fabrik soll das Deutsche durch die Wurstmaschine drehen dürfen - und wer ihn daran hindern will, der soll sich rechtfertigen müssen?

Was aber die ähnlich berühmte Behauptung angeht, die Sprache entwickle sich eben, da könne man nichts machen - so sei, zum zweitenmal an dieser Stelle, darauf erwidert: Nichts «entwickelt sich», wenn die 45 000 Journalisten deutscher Muttersprache, die Deutschlehrer und ein paar andere Meinungsführer es nicht wollen.




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