NZZ Folio 02/08 - Thema: Steuern   Inhaltsverzeichnis

Die Schatzinsel

Von der Moskitohölle zum sechstgrössten Finanzplatz der Welt: Auf Cayman Islands hüten Banker und Anwälte 1,7 Billionen Dollar – 33 Millionen pro Einwohner. Steuerfrei.

Von Harald Willenbrock

Korrektur nach dem Artikel

Das Haus liegt direkt an der Strandpromenade, es hat fünf Stockwerke, einen begrünten Vorgarten und eine Handvoll rotgestrichener Balkons, von denen der Blick weit über den türkisblauen Ozean reicht. Ein Schild an der geteerten Auffahrt weist es als Ugland House und Sitz der Anwaltskanzlei Maples & Calder aus. Es ist ein Verwaltungsbau, wie er in Bürovierteln überall auf der Welt zu finden ist: ein bisschen postmodern, ein bisschen repräsentativ und absolut austauschbar.

Dennoch geniesst das Ugland House in Georgetown, Gran Cayman, derzeit einzigartige Bekanntheit. Es war in amerikanischen und europäischen Wirtschaftsmagazinen zu sehen, und selbst der Vorsitzende des Finanzkomitees im US-Senat nahm sich kürzlich seiner an. In einem offenen Brief forderte er die Prüfer des US-Rechnungshofes ultimativ auf, «auf die Cayman-Insel zu reisen und zu untersuchen, welche Arten von Transaktionen im Ugland House vorgenommen werden».

Im Ugland House, so die Vermutung, versickern Milliarden amerikanischer Steuergelder. 135 South Church Street ist nämlich nicht nur der Arbeitsplatz von 90 Maples-&-Calder-Anwälten, sondern gleichzeitig die offizielle Anschrift von 14 000 Unternehmen. Viele von ihnen verdienen ihr Geld in den USA, ziehen es aber vor, ihre Gewinne auf dieses kleine Karibik-Eiland zu transferieren, das noch nicht einmal so gross ist wie der Kanton Nidwalden.

Gran Cayman liegt 160 Kilometer südwestlich Kubas und eine knappe Flugstunde von Miami entfernt. Aus der Luft erinnert die Silhouette der Insel, vor deren kleinem Hafen meist mächtige Kreuzfahrtschiffe ankern, an ein auf den Rücken gefallenes F. Noch vor vierzig Jahren war die Inselgruppe (zu der die Nebeninseln Little Cayman und Cayman Brac gehören) ein gottverlassener, moskitoverseuchter Flecken Karibik, auf den sich in guten Jahren gerade mal 400 Reisende verirrten. Heute haben die 52 000 Insulaner das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Karibik, die Arbeitslosenrate liegt bei bescheidenen 2,6 Prozent und die Armutsrate bei null. Die perfekt ausgebauten Strassen säumen Privatresidenzen, deren architektonische Vorbilder irgendwo zwischen griechischem Tempel, schottischem Herrenhaus und «Southfork Ranch» angesiedelt sind. Vor den Doppelgaragen glühen Cayennes, BMW und Jaguars in der Äquatorsonne. Es gibt Fünfsternehotels, Golfplätze, hervorragende Restaurants und alle übrigen Insignien westlichen Wohlstands. Nur etwas gibt es nicht: Steuern.

«Die Caymans sind das einzige Offshore-Zentrum, das den Begriff ‹Tax Heaven› wirklich verdient», lobt Hans-Lothar Merten, ein deutscher Steuerexperte und Autor von «Steueroasen – Handbuch für flexible Steuerzahler». Die Regierung der Kronkolonie verzichtet auf Einkommens-, Vermögens-, Gewerbe- und Erbschaftssteuern; sie finanziert sich ausschliesslich über Verwaltungsgebühren und eine 20-prozentige Zollabgabe auf allen Importgütern. Wer auf den Caymans arbeitet, firmiert oder sein Vermögen verwalten lässt, bekommt Brutto für Netto.

Und weil das so ist, glänzen in der Hauptstadt Georgetown heute klangvolle Namen wie RBS und RBC, KPMG und UBS, Coutts und Julius Bär, Deutsche Bank und Credit Suisse. 300 Banken bieten im Steuerparadies ihre Dienste an, hinzu kommen 350 Anwälte. Sie betreuen rund 80 000 Unternehmen, 9000 Hedge-Funds sowie eine wachsende Zahl von Captive-Insurance-Vehikeln, Schiffen und Flugzeugen, die hier alle kostengünstig registriert sind. Nimmt man das Anlagevermögen als Massstab, dann ist Georgetown, ein Städtchen mit 20 600 Einwohnern, dessen Sehenswürdigkeiten sich «problemlos in weniger als einer Stunde erkunden lassen» («Frommer’s Guide»), heute der sechstgrösste Finanzplatz der Welt. Aktuell sind unter Caymans Kokospalmen mehr als 1,7 Billionen US-Dollar parkiert. Und es werden täglich mehr.

Grafik: Steueroasen

Einen Strandspaziergang vom Ugland House entfernt räumt gerade Glen Mitchell sein Büro ein. Bis vor wenigen Monaten arbeitete der gebürtige Kanadier als Portfolio-Manager für die Royal Bank of Canada ein paar Strassen weiter, jetzt baut er für die Schweizer EFG-Bank eine Niederlassung auf. Noch klingelt das Telefon ungestört vor sich hin, die Sachbearbeiterkabinen stehen leer, während Mitchell selbst den Kaffee für seinen Besucher brüht. In wenigen Monaten bereits sollen von dieser Adresse aus Millionenwerte verwaltet werden. «Es gibt genügend High Net Worth Individuals auf der Insel, die einen persönlichen Service zu schätzen wissen», sagt Mitchell zuversichtlich.

Der braungebrannte Investmentbanker landete vor 13 Jahren als Feriengast auf der Insel und hat seither keinen vernünftigen Grund gefunden, sie wieder zu verlassen. Für ein paar tausend zivilisationsmüde Banker, Anwälte und Manager wie Mitchell sind die Caymans heute eine Art «Club Tropicana» mit angeschlossener Geldmaschine. Es wird hart gearbeitet, aber auch intensiv entspannt. «In Vancouver verbrachte ich jeden Tag eine Stunde auf dem Weg ins Büro», erinnert sich Mitchell, «hier aber wohne ich nur zwei Minuten die Küste rauf. Meine Kinder habe ich quasi am Strand grossgezogen. Und das erste, was ich morgens tue, ist: eine Runde schwimmen gehen.»

Ganz anders wirkte die mangrovengesäumte Inselgruppe auf ihre früheren Besucher. Christoph Kolumbus, der die Inseln am 10. Mai 1503 erstmals sichtete, fand weder Frischwasser noch Bodenschätze, kaum fruchtbare Erde und keine Menschenseele. Lange Zeit dienten die Caymans daher nur als Piratenversteck und Proviantstation für Schiffsbesatzungen. Erst 1953 eröffnete mit Barclays die erste Bank auf Gran Cayman, ein Jahr später landete das erste Passagierflugzeug. Als 1962 das benachbarte Jamaica in die Unabhängigkeit entlassen wurde, votierten die Insulaner für einen Verbleib bei der britischen Krone – eine Entscheidung, die sich milliardenschwer auszahlen sollte.

Das wichtigste Ereignis dieser Zeit aber war die Ankunft von Marco Giglioli. Der Tropenmediziner italienischer Herkunft war, wie der Historiker Michael Craton schreibt, «von fast napoleonischem Tatendrang und Selbstbewusstsein». Seine «Moskito-Kontroll- und -Forschungseinheit» sprühte jedes ankommende Schiff ein, liess Sprayflugzeuge über den Sümpfen kreisen und legte mit Deichen und Kanälen die Brutstätten der Moskitos trocken. 1970 waren Mücken und Gelbfieber besiegt und der Weg in Caymans goldene Zukunft frei. Zwei Jahre später eröffnete am bis dato weitgehend menschenleeren Seven Mile Beach im Westen der Insel das erste «Holiday Inn».

Heute ist der Strand ein kilometerlanger Strip aus teuren Resorts und Appartementkomplexen, Hotels und dem hässlichen «Ritz»-Trumm, in dem Wohnungen ab einer Million Dollar aufwärts zu haben sind. Das Geschäft mit den Touristen ist heute die wichtigste Einkommensquelle der Insel, die mit «Wendy’s» und «Kentucky Fried Chicken», mit Shoppingmalls und geklonten Community Developments eher wie ein Mini-Florida denn wie eine karibische Enklave anmutet.

Die Geschäftsregeln und -gesetze der Caymans sind indes nach wie vor britisch korrekt. Ihr Rechtssystem ist jenem des Mutterlandes entlehnt, in jeder Amtsstube blickt Queen Elizabeth II. von der Wand, und auf den Postkästen Ihrer Majestät ist zu lesen, dass sie – kein Witz – werktäglich um 1.36 p. m. geleert werden. Der Ruf, britisch verlässlich und absolut vertrauenswürdig zu sein, lockte Anfang der 1970er die ersten Millionäre von der benachbarten Steueroase Bahamas herüber. Dort hatten politische Unruhen, die Unabhängigkeit und die Androhung härterer Auflagen scharenweise Investoren in die Flucht geschlagen.

Auf den Caymans erkannte die Lokalverwaltung ihre historische Chance und rüstete die Insel zügig zum alternativen Ankerplatz für Anleger um. Das Telefonnetz wurde ausgebaut, die Einkommenssteuer abgeschafft und ein Gesetz verabschiedet, das es Banken und ihren Angestellten unter Strafe verbot, jemals irgendjemandem Auskunft über die Geschäfte eines Kunden zu erteilen. «Bereits Mitte der 1980er hatte der Finanzsektor den Tourismus an wirtschaftlicher Bedeutung überholt», so der Historiker Michael Craton, «die Insel war zu einer Art tropischer Schweiz gewachsen, mit Georgetown als einer Miniversion von Zürich.»

Wie jeder gut funktionierende Cluster lockt das erfolgreiche Geschäftsmodell seither ganz automatisch immer weiteres Geschäft an. Eduardo D’Angelo Silva etwa wurde vor 13 Jahren von der Sul America Bank in São Paulo auf die Caymans entsandt. Hier konnte er aus nächster Nähe beobachten, wie offene Investmentfonds florierten und sich Anwälte, Aufsichtsbehörden und Manager auf die Konstruktion und Administration dieser Finanzvehikel spezialisierten. Maples & Calder wuchs in jener Zeit von einer lokalen Kanzlei zur heute weltweit führenden Offshore-Anwaltsfirma mit Büros in Dubai, Dublin, Jersey, Hongkong, London und den British Virgin Islands. Als dann Ende der 1990er der Boom der Hedge-Funds einsetzte, standen auf den Caymans erfahrene Profis in den Startlöchern, die genau wussten, wie man Fonds schnell, unkompliziert und kostengünstig ins Leben hilft. Heute gilt Georgetown als die unangefochtene Welthauptstadt der Hedge-Funds.

«Alles hier dreht sich um Professionalität, Schnelligkeit, Effektivität», sagt der Banker D’Angelo Silva. «Die Finanzbehörden in London oder New York haben gar keine Zeit, sich mit den speziellen Erfordernissen eines Fonds oder einer Firma zu beschäftigen. Unsere aber tun es.» Im Ernstfall erfordert die Registrierung einer Firma weniger als einen Tag Geduld und ein paar tausend Dollar Anwaltskosten und Gebühren. Die Wege in Georgetown sind kurz, die Finanzgemeinde ist überschaubar, man kennt sich und tauscht mitunter einfach den Posten.

Tim Rice beispielsweise, langjähriger Seniorpartner bei Maples & Calder, steht heute der staatlichen Finanzaufsichtsbehörde CIMA vor, die unter anderem die Geschäfte von Maples-&-Calder-Kunden kontrollieren soll. Anwälte, Aufseher und Anlageberater eint dasselbe vitale Interesse: so viele Investoren und Milliarden wie möglich ins Steuerparadies zu lotsen. Moralische Bedenken? «Wir helfen den Unternehmen, ihre Kosten niedrig zu halten», kontert D’Angelo Silva, «ohne uns wären sie weniger konkurrenzfähig und müssten möglicherweise Mitarbeiter entlassen. Wir sind Teil der Lösung, nicht Teil des Problems.»

Jenseits der türkisgrünen Gewässer sehen das manche anders. Das Brüsseler Tax Justice Network macht Offshore-Zentren wie die Caymans mitverantwortlich für Marktverzerrungen, Insiderhandel und etliche Formen von Korruption. So nutzte der Skandalkonzern Enron offensichtlich mehrere hundert Tochterfirmen auf den Caymans, um einen Teil seiner Milliardenverluste zu verstecken. Den grössten Imageschaden aber versetzte der Insel «Die Firma». In John Grishams Thriller, der 1990 in den USA erschien, heuert ein junger Harvard-Absolvent bei einer Anwaltskanzlei an, die der Mafia als Deckunternehmen dient. Regelmässig starten Learjets mit Koffern voller Mafiadollars in Richtung Cayman Islands, wo die Firma Schwarzgeld wäscht und unliebsame Anwälte umbringen lässt. Der Roman bedeutete für John Grisham den Durchbruch als Thrillerautor. Für den Ruf der Caymans aber hatte er eine ähnlich desaströse Wirkung wie Upton Sinclairs «Der Dschungel» für Chicagos Schlachthöfe. Noch heute reicht die blosse Erwähnung des Titels, um von Inselbewohnern entnervtes Augenrollen zu ernten.

Sie sehen Gran Cayman nicht als tropische Bananenrepublik, sondern als hochspezialisiertes und extrem professionelles Dienstleistungsunternehmen, das in jede Nische schlüpft, die ihm die Grossen lassen. Für die Kunden, heute zumeist Profis aus Konzernzentralen, sei die in Georgetown versammelte Erfahrung ebenso entscheidend wie die Absenz von Steuern.

Die Caymanians wissen aber auch, wie abhängig ihr Überleben von Wohlwollen und Toleranz der Grossen ist.Im Bürohaus an der 135 South Church Street hat man sich deshalb entschlossen, die Flucht nach vorn anzutreten. «Sie sehen ja, wir öffnen unsere Türen», sagt Alasdair Johnson. «Wir haben keine Geheimnisse. Wir reden offen über das, was wir tun – so wie jetzt mit Ihnen.» Johnson ist unüberhörbar Schotte, erfahrener Anwalt und Partner bei Maples & Calder. Seinen Besucher führt er über die smaragdgrünen Teppiche des Ugland House, durch Mahagonidrehtüren und vorbei an einer üppig bestückten Bibliothek. In der Lobby fällt der Blick auf einen Computer, über dessen Bildschirm unablässig die Namen von Unternehmen flirren. Laut Gesetz, erklärt Johnson, müssten alle an einer Adresse gelisteten Firmen sichtbar aufgeführt werden. Da es aber zu aufwendig wäre, Tausende Schildchen aufzuhängen und immer wieder auszutauschen, übernimmt ein Computer die Aufgabe.

«Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, ob nun gerade 14 000 oder 15 000 Unternehmen unter unserer Adresse firmieren», erklärt der Anwalt. «Ich weiss nur, dass es ‹peanuts› sind gegen jene Zahl von Unternehmen, die beispielsweise im US-Gliedstaat Delaware zu niedrigsten Steuersätzen gelistet sind. Ganz zu schweigen von den 600 000 Firmen mit Sitz auf den British Virgin Islands.» Warum attackiert der US-Senat dann die Caymans, und warum gerade jetzt? «Vergessen Sie nicht, dass in den USA bald Präsidentschaftswahlen stattfinden. Die Kandidaten müssen ihren Wählern erklären, woher sie Geld nehmen wollen, wenn nicht aus den Taschen der Wähler. Da bieten wir ein willkommenes Ziel.»

Und was, wenn Grossbritannien seiner Kronkolonie eines Tages den Geldzufluss zusperren würde? «Grossbritannien und die USA profitieren wie nur wenige andere Länder von weltweitem Wettbewerb und freiem Kapitalfluss. Ich glaube daher nicht, dass sie an dieses Thema rühren werden. Übrigens haben wir uns selbst bei den US-Steuerbehörden gemeldet. Wir haben ihnen erklärt, dass wir jederzeit für Gespräche und Informationen zur Verfügung stehen.»

Auf eine Antwort wartet die Kanzlei bis heute.

Harald Willenbrock ist freier Journalist; er lebt in Hamburg.

Korrektur:
Die Information, dass auf den Caymans die Einkommenssteuer abgeschafft werden musste, entstammt einer Finanzpublikation, ist aber falsch.
Der Name des im Text erscheinenden Anwalts wurde verwechselt: Er heisst richtig Alasdair Robertson und nicht Alasdair Johnson.



Das Haus liegt direkt an der Strandpromenade, es hat fünf Stockwerke, einen begrünten Vorgarten und eine Handvoll rotgestrichener Balkons, von denen der Blick weit über den türkisblauen Ozean reicht. Ein Schild an der geteerten Auffahrt weist es als Ugland House und Sitz der Anwaltskanzlei Maples & Calder aus. Es ist ein Verwaltungsbau, wie er in Bürovierteln überall auf der Welt zu finden ist: ein bisschen postmodern, ein bisschen repräsentativ und absolut austauschbar.

Dennoch geniesst das Ugland House in Georgetown, Gran Cayman, derzeit einzigartige Bekanntheit. Es war in amerikanischen und europäischen Wirtschaftsmagazinen zu sehen, und selbst der Vorsitzende des Finanzkomitees im US-Senat nahm sich kürzlich seiner an. In einem offenen Brief forderte er die Prüfer des US-Rechnungshofes ultimativ auf, «auf die Cayman-Insel zu reisen und zu untersuchen, welche Arten von Transaktionen im Ugland House vorgenommen werden».

Im Ugland House, so die Vermutung, versickern Milliarden amerikanischer Steuergelder. 135 South Church Street ist nämlich nicht nur der Arbeitsplatz von 90 Maples-&-Calder-Anwälten, sondern gleichzeitig die offizielle Anschrift von 14 000 Unternehmen. Viele von ihnen verdienen ihr Geld in den USA, ziehen es aber vor, ihre Gewinne auf dieses kleine Karibik-Eiland zu transferieren, das noch nicht einmal so gross ist wie der Kanton Nidwalden.

Gran Cayman liegt 160 Kilometer südwestlich Kubas und eine knappe Flugstunde von Miami entfernt. Aus der Luft erinnert die Silhouette der Insel, vor deren kleinem Hafen meist mächtige Kreuzfahrtschiffe ankern, an ein auf den Rücken gefallenes F. Noch vor vierzig Jahren war die Inselgruppe (zu der die Nebeninseln Little Cayman und Cayman Brac gehören) ein gottverlassener, moskitoverseuchter Flecken Karibik, auf den sich in guten Jahren gerade mal 400 Reisende verirrten. Heute haben die 52 000 Insulaner das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Karibik, die Arbeitslosenrate liegt bei bescheidenen 2,6 Prozent und die Armutsrate bei null. Die perfekt ausgebauten Strassen säumen Privatresidenzen, deren architektonische Vorbilder irgendwo zwischen griechischem Tempel, schottischem Herrenhaus und «Southfork Ranch» angesiedelt sind. Vor den Doppelgaragen glühen Cayennes, BMW und Jaguars in der Äquatorsonne. Es gibt Fünfsternehotels, Golfplätze, hervorragende Restaurants und alle übrigen Insignien westlichen Wohlstands. Nur etwas gibt es nicht: Steuern.

«Die Caymans sind das einzige Offshore-Zentrum, das den Begriff ‹Tax Heaven› wirklich verdient», lobt Hans-Lothar Merten, ein deutscher Steuerexperte und Autor von «Steueroasen – Handbuch für flexible Steuerzahler». Die Regierung der Kronkolonie verzichtet auf Einkommens-, Vermögens-, Gewerbe- und Erbschaftssteuern; sie finanziert sich ausschliesslich über Verwaltungsgebühren und eine 20-prozentige Zollabgabe auf allen Importgütern. Wer auf den Caymans arbeitet, firmiert oder sein Vermögen verwalten lässt, bekommt Brutto für Netto.

Und weil das so ist, glänzen in der Hauptstadt Georgetown heute klangvolle Namen wie RBS und RBC, KPMG und UBS, Coutts und Julius Bär, Deutsche Bank und Credit Suisse. 300 Banken bieten im Steuerparadies ihre Dienste an, hinzu kommen 350 Anwälte. Sie betreuen rund 80 000 Unternehmen, 9000 Hedge-Funds sowie eine wachsende Zahl von Captive-Insurance-Vehikeln, Schiffen und Flugzeugen, die hier alle kostengünstig registriert sind. Nimmt man das Anlagevermögen als Massstab, dann ist Georgetown, ein Städtchen mit 20 600 Einwohnern, dessen Sehenswürdigkeiten sich «problemlos in weniger als einer Stunde erkunden lassen» («Frommer’s Guide»), heute der sechstgrösste Finanzplatz der Welt. Aktuell sind unter Caymans Kokospalmen mehr als 1,7 Billionen US-Dollar parkiert. Und es werden täglich mehr.

Grafik: Steueroasen

Einen Strandspaziergang vom Ugland House entfernt räumt gerade Glen Mitchell sein Büro ein. Bis vor wenigen Monaten arbeitete der gebürtige Kanadier als Portfolio-Manager für die Royal Bank of Canada ein paar Strassen weiter, jetzt baut er für die Schweizer EFG-Bank eine Niederlassung auf. Noch klingelt das Telefon ungestört vor sich hin, die Sachbearbeiterkabinen stehen leer, während Mitchell selbst den Kaffee für seinen Besucher brüht. In wenigen Monaten bereits sollen von dieser Adresse aus Millionenwerte verwaltet werden. «Es gibt genügend High Net Worth Individuals auf der Insel, die einen persönlichen Service zu schätzen wissen», sagt Mitchell zuversichtlich.

Der braungebrannte Investmentbanker landete vor 13 Jahren als Feriengast auf der Insel und hat seither keinen vernünftigen Grund gefunden, sie wieder zu verlassen. Für ein paar tausend zivilisationsmüde Banker, Anwälte und Manager wie Mitchell sind die Caymans heute eine Art «Club Tropicana» mit angeschlossener Geldmaschine. Es wird hart gearbeitet, aber auch intensiv entspannt. «In Vancouver verbrachte ich jeden Tag eine Stunde auf dem Weg ins Büro», erinnert sich Mitchell, «hier aber wohne ich nur zwei Minuten die Küste rauf. Meine Kinder habe ich quasi am Strand grossgezogen. Und das erste, was ich morgens tue, ist: eine Runde schwimmen gehen.»

Ganz anders wirkte die mangrovengesäumte Inselgruppe auf ihre früheren Besucher. Christoph Kolumbus, der die Inseln am 10. Mai 1503 erstmals sichtete, fand weder Frischwasser noch Bodenschätze, kaum fruchtbare Erde und keine Menschenseele. Lange Zeit dienten die Caymans daher nur als Piratenversteck und Proviantstation für Schiffsbesatzungen. Erst 1953 eröffnete mit Barclays die erste Bank auf Gran Cayman, ein Jahr später landete das erste Passagierflugzeug. Als 1962 das benachbarte Jamaica in die Unabhängigkeit entlassen wurde, votierten die Insulaner für einen Verbleib bei der britischen Krone – eine Entscheidung, die sich milliardenschwer auszahlen sollte.

Das wichtigste Ereignis dieser Zeit aber war die Ankunft von Marco Giglioli. Der Tropenmediziner italienischer Herkunft war, wie der Historiker Michael Craton schreibt, «von fast napoleonischem Tatendrang und Selbstbewusstsein». Seine «Moskito-Kontroll- und -Forschungseinheit» sprühte jedes ankommende Schiff ein, liess Sprayflugzeuge über den Sümpfen kreisen und legte mit Deichen und Kanälen die Brutstätten der Moskitos trocken. 1970 waren Mücken und Gelbfieber besiegt und der Weg in Caymans goldene Zukunft frei. Zwei Jahre später eröffnete am bis dato weitgehend menschenleeren Seven Mile Beach im Westen der Insel das erste «Holiday Inn».

Heute ist der Strand ein kilometerlanger Strip aus teuren Resorts und Appartementkomplexen, Hotels und dem hässlichen «Ritz»-Trumm, in dem Wohnungen ab einer Million Dollar aufwärts zu haben sind. Das Geschäft mit den Touristen ist heute die wichtigste Einkommensquelle der Insel, die mit «Wendy’s» und «Kentucky Fried Chicken», mit Shoppingmalls und geklonten Community Developments eher wie ein Mini-Florida denn wie eine karibische Enklave anmutet.

Die Geschäftsregeln und -gesetze der Caymans sind indes nach wie vor britisch korrekt. Ihr Rechtssystem ist jenem des Mutterlandes entlehnt, in jeder Amtsstube blickt Queen Elizabeth II. von der Wand, und auf den Postkästen Ihrer Majestät ist zu lesen, dass sie – kein Witz – werktäglich um 1.36 p. m. geleert werden. Der Ruf, britisch verlässlich und absolut vertrauenswürdig zu sein, lockte Anfang der 1970er die ersten Millionäre von der benachbarten Steueroase Bahamas herüber. Dort hatten politische Unruhen, die Unabhängigkeit und die Androhung härterer Auflagen scharenweise Investoren in die Flucht geschlagen.

Auf den Caymans erkannte die Lokalverwaltung ihre historische Chance und rüstete die Insel zügig zum alternativen Ankerplatz für Anleger um. Das Telefonnetz wurde ausgebaut, die Einkommenssteuer abgeschafft und ein Gesetz verabschiedet, das es Banken und ihren Angestellten unter Strafe verbot, jemals irgendjemandem Auskunft über die Geschäfte eines Kunden zu erteilen. «Bereits Mitte der 1980er hatte der Finanzsektor den Tourismus an wirtschaftlicher Bedeutung überholt», so der Historiker Michael Craton, «die Insel war zu einer Art tropischer Schweiz gewachsen, mit Georgetown als einer Miniversion von Zürich.»

Wie jeder gut funktionierende Cluster lockt das erfolgreiche Geschäftsmodell seither ganz automatisch immer weiteres Geschäft an. Eduardo D’Angelo Silva etwa wurde vor 13 Jahren von der Sul America Bank in São Paulo auf die Caymans entsandt. Hier konnte er aus nächster Nähe beobachten, wie offene Investmentfonds florierten und sich Anwälte, Aufsichtsbehörden und Manager auf die Konstruktion und Administration dieser Finanzvehikel spezialisierten. Maples & Calder wuchs in jener Zeit von einer lokalen Kanzlei zur heute weltweit führenden Offshore-Anwaltsfirma mit Büros in Dubai, Dublin, Jersey, Hongkong, London und den British Virgin Islands. Als dann Ende der 1990er der Boom der Hedge-Funds einsetzte, standen auf den Caymans erfahrene Profis in den Startlöchern, die genau wussten, wie man Fonds schnell, unkompliziert und kostengünstig ins Leben hilft. Heute gilt Georgetown als die unangefochtene Welthauptstadt der Hedge-Funds.

«Alles hier dreht sich um Professionalität, Schnelligkeit, Effektivität», sagt der Banker D’Angelo Silva. «Die Finanzbehörden in London oder New York haben gar keine Zeit, sich mit den speziellen Erfordernissen eines Fonds oder einer Firma zu beschäftigen. Unsere aber tun es.» Im Ernstfall erfordert die Registrierung einer Firma weniger als einen Tag Geduld und ein paar tausend Dollar Anwaltskosten und Gebühren. Die Wege in Georgetown sind kurz, die Finanzgemeinde ist überschaubar, man kennt sich und tauscht mitunter einfach den Posten.

Tim Rice beispielsweise, langjähriger Seniorpartner bei Maples & Calder, steht heute der staatlichen Finanzaufsichtsbehörde CIMA vor, die unter anderem die Geschäfte von Maples-&-Calder-Kunden kontrollieren soll. Anwälte, Aufseher und Anlageberater eint dasselbe vitale Interesse: so viele Investoren und Milliarden wie möglich ins Steuerparadies zu lotsen. Moralische Bedenken? «Wir helfen den Unternehmen, ihre Kosten niedrig zu halten», kontert D’Angelo Silva, «ohne uns wären sie weniger konkurrenzfähig und müssten möglicherweise Mitarbeiter entlassen. Wir sind Teil der Lösung, nicht Teil des Problems.»

Jenseits der türkisgrünen Gewässer sehen das manche anders. Das Brüsseler Tax Justice Network macht Offshore-Zentren wie die Caymans mitverantwortlich für Marktverzerrungen, Insiderhandel und etliche Formen von Korruption. So nutzte der Skandalkonzern Enron offensichtlich mehrere hundert Tochterfirmen auf den Caymans, um einen Teil seiner Milliardenverluste zu verstecken. Den grössten Imageschaden aber versetzte der Insel «Die Firma». In John Grishams Thriller, der 1990 in den USA erschien, heuert ein junger Harvard-Absolvent bei einer Anwaltskanzlei an, die der Mafia als Deckunternehmen dient. Regelmässig starten Learjets mit Koffern voller Mafiadollars in Richtung Cayman Islands, wo die Firma Schwarzgeld wäscht und unliebsame Anwälte umbringen lässt. Der Roman bedeutete für John Grisham den Durchbruch als Thrillerautor. Für den Ruf der Caymans aber hatte er eine ähnlich desaströse Wirkung wie Upton Sinclairs «Der Dschungel» für Chicagos Schlachthöfe. Noch heute reicht die blosse Erwähnung des Titels, um von Inselbewohnern entnervtes Augenrollen zu ernten.

Sie sehen Gran Cayman nicht als tropische Bananenrepublik, sondern als hochspezialisiertes und extrem professionelles Dienstleistungsunternehmen, das in jede Nische schlüpft, die ihm die Grossen lassen. Für die Kunden, heute zumeist Profis aus Konzernzentralen, sei die in Georgetown versammelte Erfahrung ebenso entscheidend wie die Absenz von Steuern.

Die Caymanians wissen aber auch, wie abhängig ihr Überleben von Wohlwollen und Toleranz der Grossen ist.Im Bürohaus an der 135 South Church Street hat man sich deshalb entschlossen, die Flucht nach vorn anzutreten. «Sie sehen ja, wir öffnen unsere Türen», sagt Alasdair Johnson. «Wir haben keine Geheimnisse. Wir reden offen über das, was wir tun – so wie jetzt mit Ihnen.» Johnson ist unüberhörbar Schotte, erfahrener Anwalt und Partner bei Maples & Calder. Seinen Besucher führt er über die smaragdgrünen Teppiche des Ugland House, durch Mahagonidrehtüren und vorbei an einer üppig bestückten Bibliothek. In der Lobby fällt der Blick auf einen Computer, über dessen Bildschirm unablässig die Namen von Unternehmen flirren. Laut Gesetz, erklärt Johnson, müssten alle an einer Adresse gelisteten Firmen sichtbar aufgeführt werden. Da es aber zu aufwendig wäre, Tausende Schildchen aufzuhängen und immer wieder auszutauschen, übernimmt ein Computer die Aufgabe.

«Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, ob nun gerade 14 000 oder 15 000 Unternehmen unter unserer Adresse firmieren», erklärt der Anwalt. «Ich weiss nur, dass es ‹peanuts› sind gegen jene Zahl von Unternehmen, die beispielsweise im US-Gliedstaat Delaware zu niedrigsten Steuersätzen gelistet sind. Ganz zu schweigen von den 600 000 Firmen mit Sitz auf den British Virgin Islands.» Warum attackiert der US-Senat dann die Caymans, und warum gerade jetzt? «Vergessen Sie nicht, dass in den USA bald Präsidentschaftswahlen stattfinden. Die Kandidaten müssen ihren Wählern erklären, woher sie Geld nehmen wollen, wenn nicht aus den Taschen der Wähler. Da bieten wir ein willkommenes Ziel.»

Und was, wenn Grossbritannien seiner Kronkolonie eines Tages den Geldzufluss zusperren würde? «Grossbritannien und die USA profitieren wie nur wenige andere Länder von weltweitem Wettbewerb und freiem Kapitalfluss. Ich glaube daher nicht, dass sie an dieses Thema rühren werden. Übrigens haben wir uns selbst bei den US-Steuerbehörden gemeldet. Wir haben ihnen erklärt, dass wir jederzeit für Gespräche und Informationen zur Verfügung stehen.»

Auf eine Antwort wartet die Kanzlei bis heute.

Harald Willenbrock ist freier Journalist; er lebt in Hamburg.

Korrektur:
Die Information, dass auf den Caymans die Einkommenssteuer abgeschafft werden musste, entstammt einer Finanzpublikation, ist aber falsch.
Der Name des im Text erscheinenden Anwalts wurde verwechselt: Er heisst richtig Alasdair Robertson und nicht Alasdair Johnson.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.