WARUM IST ES nachts dunkel? Die Antwort auf die Frage scheint nur sonnenklar; sie ist es mitnichten. Das sogenannte Olberssche Paradoxon, das sich dahinter verbirgt, hat kluge Köpfe Jahrhunderte beschäftigt. Seine Lösung wirft Licht auf eine grundlegende Eigenschaft unseres Universums.
Stellen wir uns vor, wir hätten uns in einem Wald verirrt. Wohin immer wir unseren Blick wenden - er fällt auf einen Baum. Ebenso müsste es sich in einem Weltall voller leuchtender Sterne verhalten: jeder Blick sollte auf einen Stern treffen und der Himmel deshalb auch nachts so hell sein wie die Sonne. Offenkundig ist das nicht der Fall. Warum nicht?
Die Ehre, die Frage zu einem wissenschaftlichen Problem erhoben zu haben, gebührt eigentlich einem Schweizer, dem Astronomen Jean-Philippe Loys de Cheseaux (1718?1751); der Bremer Arzt und Astronom Wilhelm Heinrich Olbers (1758?1840), nach dem es benannt ist, hat seine Abhandlung «Über die Durchsichtigkeit des Weltraums» erst 1823 publiziert. Die 1744 erschienene Arbeit von Cheseaux, der dieselbe (falsche) Lösung vorgeschlagen hatte, war ihm bekannt.
Beide, Olbers und Cheseaux, glaubten, interstellare Materie würde das Licht des Sternenmeers absorbieren und schwächen. Sie vergassen, dass dadurch - da Energie nicht verlorengehen kann - diese Materie erhitzt und schliesslich gleichfalls glühen würde wie die Sterne: noch heute wäre die Erde flüssig, Leben hätte niemals entstehen können - und nachts wäre es keineswegs dunkel.
Wir gehen davon aus, dass das Universum unendlich ist. Wäre dem nicht so, könnte es ja sein, dass die Anzahl der Sterne einfach zu gering ist und deren Licht nicht ausreicht, den Nachthimmel zu erhellen. Kepler hatte darin einen Beweis für die Richtigkeit des aristotelischen Weltbildes gesehen, wonach der Mensch und die Welt schon immer in einem begrenzten Universum existiert haben; Newton dagegen, der ein unendliches und ewiges Universum postulierte, hat die Folgen dieser Annahme ignoriert.
Warum also ist es nachts dunkel? Weil das Weltall, obzwar unendlich, einen Anfang hat und die Sterne infolgedessen nicht von jeher leuchten. Vor 15 bis 20 Milliarden Jahren ist unser Universum entstanden. Rund 10 Milliarden Lichtjahre beträgt die durchschnittliche Lebenszeit eines Sterns. Sterne, die zu jung und zu weit entfernt sind, als dass deren Licht uns bereits hätte erreichen können, tragen nichts zur Helligkeit des Nachthimmels bei.
Der Blick in die Tiefe des Weltraums ist ein Blick in die Vergangenheit; das beobachtbare Universum bleibt begrenzt. Und der Energiegehalt der Sterne, die innerhalb der Sichtweite liegen, reicht eben nicht aus, den Nachthimmel zu erhellen. Zu kurz ist die Brenndauer, zu gering die Dichte der Sterne, um das Universum mit Strahlung aufzufüllen. Hinzu kommt, dass die Expansion des Weltalls - die noch anhaltende Ausdehnung seit dem Urknall - die Lichtintensität des Nachthimmels weiter abschwächt. So bleibt es finster im All.
Es ist die Naturwissenschaft der Neuzeit, die nach dem Grund der Nacht fragt. In ihren Schöpfungsmythen haben sich die Menschen zuerst die umgekehrte Frage gestellt - die nach dem Tag. Bekannt ist die Geschichte aus der Bibel:
«Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: <Es werde Licht!> Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.»
Die Finsternis ist das Ursprüngliche. Sie zu erhellen ist die erste Aufgabe eines jeden Schöpfers, nicht nur des Gottes der Christen. Vielleicht spricht man vom «Licht der Aufklärung», weil dessen Verbreiter die unwissende Welt nicht nur zu erleuchten, sondern auch zu verändern, neu zu erschaffen beanspruchten: der Naturwissenschafter in der Rolle des Schöpfergottes. Der Fortschritt hat die Nacht verbannt; ewig ist das Kunstlicht. In den meisten Kosmogonien der Völker, die Mircea Eliade in seiner «Geschichte der religiösen Ideen» vorstellt, beginnt der Allmächtige damit, mit dem Licht die Voraussetzung für sein Tun überhaupt zu schaffen. Schöpfen heisst Ordnung machen. Ohne Licht gibt es sie nicht, gibt es nur Chaos. Ungewiss ist alles in der Dunkelheit, dem Hort der Ängste, der Einbildungen (und der Sünde). Es sind die Schrecken ihrer Nacht, die den Menschen nahelegen, ihrem Gott als erstes die Sehnsucht nach dem Tag zuzuschreiben. Der traurige Erdenbildner der Winnebago-Indianer, der per Zufall entdeckt, dass sich ein Wunsch in Wirklichkeit verwandelt, wünscht sich bewusst als erstes Licht: «So wünschte er das Licht, und es wurde Licht.»
Menschliche Züge trägt auch die Genesis des Bantu-Stammes der Boschongo: «Im Anfang, im Dunkel, da war nichts als Wasser. Und Bumba war allein. Eines Tages hatte Bumba fürchterliche Schmerzen. Er würgte und verdrehte sich und spie die Sonne aus. Danach verbreitete sich Licht über alles.»
Vielen Schöpfungsmythen der Naturvölker ist der Schmerz des Gebärens gemein - wie auch die Einsamkeit des männlichen Allmächtigen. (Er masturbiert, und das Ejakulat wird zur Welt.) Ta'aroa, das höchste Wesen der Polynesier, «entfaltete sich selbst in völliger Einsamkeit; er war seine eigenen Eltern, da er weder Vater noch Mutter hatte . . . Ta'aroa sass in seiner Muschel in Dunkelheit, seit ewigen Zeiten. Die Muschel war wie ein Ei, das kreiste im endlosen Raum, ohne Himmel, Land, See, Mond, Sonne oder Sterne. Alles war Dunkelheit, es war unaufhörlich tiefe Finsternis . . .»
Wie der Tag das Gegenstück zur Nacht, ist die Welt das Gegenstück zum Nichts. Der Mensch denkt in Vergleichen, und der einfachste Vergleich ist der Gegensatz. Das eine ist nichts ohne das andere. Im Popol Vuh, dem heiligen Buch des Quiché-Stammes der Maya, ist der Bericht über den Anfang der Welt zunächst eine schlichte Bestandesaufnahme all dessen, was nicht da ist - kein Laut, kein Mensch und kein Tier: «Nur Bewegungslosigkeit und Schweigen in Finsternis und Nacht.» Es sind der Schöpfer, der Former, der Mächtige und Kukumatz, die erzeugen und hervorbringen, sich beraten und beschliessen: «Da tauchte das uranfängliche Licht, da tauchte auch der Mensch in ihren Plänen auf.»
So wird die Welt des Nichts allmählich in die Welt des Seins verwandelt, das Virtuelle in Form. Jetzt ist, was früher nicht war. Der Antagonie ist nicht zu entrinnen, auch wo es, wie im Schöpfungsmythos des Rigveda, über den Uranfang heisst, damals sei weder «das Nichtsein noch das Sein» gewesen. Die Beschreibung dieses dritten, hypothetischen Zustandes kommt nicht aus ohne nähere Bestimmung dessen, was nicht da war. Und die Frage nach dem Woher des Demiurgen selbst bleibt - eine Frage:
«Er, der die Schöpfung selbst hervorgebracht, Der auf sie schaut im höchsten Himmelslicht, Der sie gemacht hat oder nicht gemacht, Der weiss es! - oder weiss auch er es nicht?»
Die Maori Neuseelands, die in Io ihr höchstes Wesen verehren, benutzen ihren kosmogonischen Mythos, dessen Anfang verblüffend dem der Bibel gleicht, für Rituale der Befruchtung und des Trostes - und um Licht in verborgene Orte und Angelegenheiten zu bringen:
«Io wohnte im unermesslichen Luftraum.
Das All war in Dunkelheit, überall Wasser. Da war kein Schimmer einer Dämmerung, nichts deutlich, kein Licht.
Und er begann, diese Worte zu sagen: <Dunkelheit, werde erleuchtet.> Und sogleich erschien das Licht. Dann wiederholte er ebendasselbe in dieser Weise: <Licht, erhalte Dunkelheit.> Und sofort kam eine tiefe Dunkelheit dazu. Dann sprach er ein drittes Mal: <Lasst dort oben eine Dunkelheit sein, Lasst dort unten eine Dunkelheit sein. Lasst dort oben ein Licht sein, Lasst dort unten ein Licht sein, Eine Herrschaft des Lichtes, Ein glänzendes Licht.> Und jetzt gewann ein grosses Licht die Oberhand.»
Wer Licht hat, hat Macht. Der alttestamentarische Christengott, stolz auf sein Werk, schleudert dem zu Unrecht geschlagenen, klagenden Hiob - statt dessen Fragen zu beantworten - nicht zuletzt diese seine Fähigkeit und Überlegenheit entgegen:
«Hast du jemals, seitdem du lebst, das Morgenlicht bestellt, dem Frührot seine Stätte angewiesen . . .?»
Hiob hat es nicht. Uns Menschen bleibt nur, aufzustehen und schlafen zu gehen. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Vor allem aber hat er es so eingerichtet. Und seither gibt es Tag und Nacht - den ersten Gegensatz.
Auf immer und ewig? Wir wissen es nicht. Die Welt, sagt uns die Wissenschaft, entstand an einem «Tag ohne gestern». Kehrt er wieder? Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob sich das Universum immerzu weiter ausdehnen wird oder ob es nicht einmal wieder in sich zusammenfällt. Das hängst davon ab, wieviel «dunkle Materie» - deren Existenz Olbers und Cheseaux durchaus richtig vorausgesehen hatten - sich im Weltall findet. Gibt es «zuviel» davon, wird sich die Expansion des Universums eines Tages, dem Gesetz der Schwerkraft zufolge, umkehren. Dann erst würde der Nachthimmel hell - gleissend hell und heiss. Wir hätten, so wir noch da wären, kaum Musse, den Weg zurückzuverfolgen bis zu dem Punkt, mit dem alles begann: einem Punkt von ungeheurer Masse, Energie und Dichte, der explodierte und Raum und Zeit erst schuf.