Der Grosse Panda ist wohl der seltsamste Vegetarier. Ausgerüstet mit dem kurzen Verdauungssystem eines fleischfressenden Raubtiers, hat sich der Bär im schwarzweissen Gewand im Laufe der Jahrtausende auf einen Lebensraum spezialisiert, wo es fast nur Grünzeug zu futtern gibt. Eingezwängt zwischen den Feldern und Wiesen der Täler und dem baumlosen Bergland, haust der Panda auf 1200 bis 3500 m Höhe im südwestlichen China im Bambuswald. Verstreut auf sechs Einzelgebiete am östlichen Rand der tibetischen Hochebene, leben heute etwa 1000 Pandas. 120 Tiere haben in chinesischen Zoos ihr Zuhause; etwa 20 sind rund um den Globus im Exil.
Da hockt der Kerl wie ein Kleinkind zwischen den hohen Stengeln und stopft sich pausenlos Bambus in das Maul. Anders als bei den üblichen Pflanzenfressern können Magen und Darm des Pandas die pflanzliche Zellulose nicht verwerten. Das Tier kann deshalb seinen Energie- und Proteinbedarf nur aus dem Inhalt der Zellen der Bambuspflanzen decken, weshalb er Unmengen zu sich nehmen muss.
Der Zoologe George Schaller berichtet, wie ein Pandamännchen sich in 24 Stunden an 3500 Bambusstengeln gütlich tat und so eine 200 Meter lange kulinarische Gasse ins Bambusdickicht frass. Ausser den Stengeln schätzt der Panda auch die Blätter und frischen Sprosse der Bambuspflanzen. Der beobachtete Rekord liegt bei 38 Kilogramm Bambussprossen pro Tag – was immerhin etwa 40 Prozent des Körpergewichts des Konsumenten ausmacht.
Wenig verwunderlich, dass der Panda als Wegmarken eine kontinuierliche Abfolge von Kotballen hinter sich lässt. Die in Form und Farbe Avocados ähnelnden feuchten Strohklumpen sind den Erforschern der scheuen Tiere hochwillkommen, denn sie erzählen im Detail über das Wandern und Bleiben des einzelnen Pandas, über seine Vorlieben im Angebot der insgesamt etwa 25 verschiedenen Bambusarten sowie über allfällige Zusatznahrung. So weiss man mittlerweile, dass wenige Prozent des Konsums andere Pflanzen wie Iris, Krokus und Pilze sind. Ganz selten gerät sogar ein Fischchen oder ein kleiner Nager in den Pandaschlund.
Der Zwang, den Magen dauern voll zu haben, erlaubt dem Tier keinen längeren Schlaf, geschweige einen bei Bären sonst üblichen Winterschlaf. Und in der spärlichen Freizeit hütet sich der Panda, durch Aktivität wertvolle Energie zu vergeuden. Das phlegmatische Wesen ist also nicht Ausdruck von Seelenruhe, sondern pure biologische Notwendigkeit. Einmal im Jahr aber kommt der Panda gross in Fahrt. Zwischen März und Mai gibt es während zweier, dreier Wochen ausser Fressen noch Sex. Die sonst solitär lebenden Männchen riechen die brünstigen Weibchen, und bald schon sind mehrere Freier hinter einem Weibchen her. Um ihre Präsenz zu markieren, setzen die Männchen Duftmarken, wobei sie zuweilen einen veritablen Handstand machen, damit die Duftmarke im Wald möglichst hoch sitzt und somit der Konkurrenz einen besonders grossen Kerl suggeriert.
Im bisher ruhigen Wald ertönt jetzt ein Bellen, Grunzen, Blöken, Schmatzen und Stöhnen. Das begehrte Weibchen lässt nach tagelangem Hin und Her meist das stärkste Männchen gewähren. Mit enormer Ausdauer wird während Stunden mehrere Dutzend Mal kopuliert. Verschwindet das favorisierte Männchen schliesslich wieder für ein gemächliches, restliches Jahr, lässt das Weibchen die zweite männliche Garnitur ran.
Von Zeit zu Zeit spielt der geliebte Bambus dem Panda einen bösen Streich. Normalerweise vermehrt sich der Bambus, indem er im Frühjahr aus dem Rhizom junge Sprosse wachsen lässt. Alle paar Jahrzehnte entwickelt die Pflanze zur genetischen Auffrischung jedoch Blüten, samt ab und stirbt. Es dauert dann mehrere Jahre, bis aus den Samen neue Bambuspflanzen gewachsen sind. Ein- bis zweimal pro Jahrhundert blüht eine bestimmte Bambusart synchron über ein sehr grosses Gebiet.
Dies wird für den Panda dort zur ökologischen Falle, wo sein Lebensraum durch die Zivilisation derart eingeengt ist, dass lokal nur noch eine einzige Bambusart wächst. 1 974 und 1 983 verhungerten weit über hundert Pandas nach einer Bambusblüte. Durch Aufforsten früherer Bambuswälder und das Bepflanzen mit einer Vielfalt verschiedener Bambusarten versucht man nun in China, dem Panda dauerhaft Bambus zu garantieren.