«ZUR HÖLLE DAMIT», sagte Rick Keller, als er den Wind nur noch zur Hälfte hörte.
Es war fast ein gemütliches Gefühl, den Wind nur noch halb zu hören. Der Wind war heiss, trocken und heulend, und er erinnerte ihn an Anns Hund, wenn er Fieber hatte.
Rick zog seinen Rasierspiegel. Er stellte ihn schräg und betrachtete sein Ohr. Es war ein gutes Ohr, gross, schartig und sonnenverbrannt. In seiner Mitte wuchs ein Büschel starker schwarzer Haare. Es war alles in Ordnung damit, ausser dass es blutete.
«Mein verdammtes Ohr blutet», sagte Rick Keller.
Lentini rauchte seine Zigarette und nickte. «Das macht der Wind. Meiner Nase geht es genauso.»
Nick sah hinüber und bemerkte, dass es stimmte. Aus Lentinis Nase tropfte Blut und schlängelte sich über die Theke. Sie wurde von einer Staubschicht bedeckt - wie alles im Zelt. Auch der farbige Barkeeper war weiss vom Staub.
«Dos Heineken, por favor», sagte Rick auf Spanisch.
Das Bier schmeckte warm und metallisch. Sie tranken es trotzdem. Alkohol war prima, um das Blut zu ersetzen, das ihnen von Ohr und Nase tropfte. Rick war froh, dass Ann nicht dabei war. Kleinigkeiten wie ein Blutfaden aus dem Ohr hatten fast immer für eine Szene gereicht. Frauen waren sehr für Gesundheit.
«Zur Hölle mit Gertrude Stein», sagte Rick.
«Reden wir nicht davon», sagte Lentini. Seine Augen waren vom Wind rot wie das Innere des Vesuvs. Er trug noch immer die staubige Uniform eines Uno-Offiziers, obwohl sie ihn unehrenhaft entlassen hatten. Aber Lentini wusste, dass echte Treue immer eine einseitige Sache war.
«Zur Hölle. Das mit dem Fass war ein Fehler», sagte er.
«Ja», sagte Rick. «Es war ein Fehler. Wir hätten das Mistzeug besser festbinden sollen.»
«Dafür wärmt es nachts.»
«Yup.» Rick lachte. «Wie eine verdammte Nackenheizung.»
Sie hatten den einzigen LKW, der von hinten geheizt war. Das war gut, denn nachts war die Sahara kalt, und Kälte erinnerte ihn immer an Anns Augenaufschlag.
Trotzdem mochte es Rick, in der Nacht zu fahren. Es gab keine Strasse, nur das Ächzen von Geröll und niedrigem Gestrüpp unter den Rädern. Sie steuerten nach den Sternen. Von der Ladefläche strahlte die beruhigende Wärme der Fässer. Trotzdem war es ein Fehler gewesen, eines platzen zu lassen.
Drei Beduinen-Offiziere kamen ins Zelt. Sie legten die Kalaschnikows ab und setzten sich neben den Eingang. Sie tranken Tee aus Wüstenkräutern. Er war bitterer als Gift und fast so bitter wie ein Abschied.
«Scheisskrieg», sagte Lentini.
Ricks Ohr blutete noch immer. Sonst fühlte er sich leicht und glücklich.
Es war alles besser als in New York. Oder in Paris. Oder in Genf. Es war gut, nicht in einem Café zu sitzen und Gedichte zu schreiben, und es war gut, abends keine Fragen nach der Zeilenzahl beantworten zu müssen. Ann hätte es hier nicht gemocht, den Staub nicht und nicht die Bombardements aus der Luft. Die waren hart, aber die marokkanischen Piloten waren meistens betrunken, und es fühlte sich gut an, bombardiert zu werden, wenn nicht getroffen wurde.
«Scheissflugzeuge», sagte Rick.
«Scheissfässer», sagte Lentini.
«Scheisswüste», sagte Rick.
Aber er wusste, dass alles in Ordnung war. Auch das mit den Fässern. Sie wurden von Gibraltar her über Tanger nach El Aaiún verschifft. Dann fuhren Rick und Lentini sie ins Nichts der Westsahara. Das einzige, was dort lebte, waren Skorpione, weiss und tödlich wie ein Glas Milch. Er mochte das Geräusch, wenn er einen von ihnen mit dem Stiefel zerquetschte.
Alles hatte etwas Gutes: Es war gut, dass die Fässer hier und nicht in Europa landeten. Es war gut, dass die Beduinen für die Durchfahrtsgenehmigung Raketenwerfer, MGs und Minen erhielten, die über Algier geschmuggelt wurden. Es war fein, wenn den Besatzungssoldaten die Gedärme herausgerissen wurden, gut für die Freiheit. Sie konnten hier mehr dafür tun als Lentini damals in der Uno und er an Restauranttischen.
«Das mag ich an Afrika», sagte Rick. «Sie brauchen hier Waffen, keine Gedichte.»
Es wurde Nacht. Innert Minuten wurde es stockdunkel und kühl. Die Fässer waren wie immer warm. Von dem geplatzten Fass klebte etwas Schlacke an der Ladefläche.
«Frauen mögen so was einfach nicht», sagte Rick.
«Sie verstehen einfach keinen Spass», sagte Lentini. «Nicht mal Boxen mögen sie.»
«Boxen? Ann mochte nicht mal die Hunderennen.»
«Scheussliche Sache», sagte Lentini. «Ann war deine Exfrau, oder?»
«Viel schlimmer», sagte Rick. «Sie ist meine Mutter.»
Lentini nickte. Er verstand.
Ricks Ohr begann noch etwas stärker zu bluten.
Deutsch von Constantin Seibt.