NZZ Folio 04/99 - Thema: Im Vatikan   Inhaltsverzeichnis

Das Amt und die Kirche

Ein päpstliches Machtwort sorgt für Verlegenheit.

Von Hanno Helbling

AM 11. JANUAR DES LETZTEN JAHRES hat Johannes Paul II. an die deutschen Bischöfe einen Brief gerichtet mit der «Bitte», die kirchliche Beratungstätigkeit für Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägen, «neu zu definieren und dabei darauf zu achten, dass die Freiheit der Kirche nicht beeinträchtigt wird und kirchliche Einrichtungen nicht für die Tötung unschuldiger Kinder mitverantwortlich gemacht werden können». Anlass zu dieser Intervention war die gesetzlich geregelte Praxis, nach der für eine legale Abtreibung in Deutschland unter anderem gefordert wird, dass die betroffene Frau eine Beratungsstelle aufsucht und sich diese Konsultation bescheinigen lässt. Mit der vom Papst geforderten Neudefinition war gemeint, dass es kirchlichen Helferinnen und Helfern nicht mehr erlaubt sein dürfe, solche Beratungsscheine auszustellen; denn damit beteilige sich «die Kirche» an der für sie nicht annehmbaren Rechtfertigung des Schwangerschaftsabbruchs.

Der Papst ist sich eines Widerspruchs wohl bewusst, in den seine Weisung die deutschen Bischöfe drängt. Er teilt ihre Auffassung, «dass die Kirche die vom Staat eröffneten Spielräume so weit wie möglich nützen muss und nicht die Verantwortung auf sich nehmen kann, mögliche Hilfeleistungen unterlassen zu haben»; also hofft er, «dass die kirchliche Beratung kraftvoll weitergeführt werden kann» - sorgt aber gleichzeitig dafür, dass ratsuchende Frauen, die hier bloss noch mit Ermahnungen, aber nicht mit dem gesetzlich geforderten Schein rechnen können, sich anderen Instanzen zuwenden. Der Widerspruch entsteht dadurch, dass «die Kirche» weder so noch andersherum als verantwortlich gelten darf - als irgendwie mitschuldig an einer verwerflichen Entwicklung, die sie nicht aufhalten kann.

WENN JOHANNES PAUL II. in diesem Zusammenhang von der Freiheit der Kirche spricht, so meint er mit «Kirche» die Institution, deren Auftrag es ist, die katholische Lehre zu verbreiten. Die Institution muss die Freiheit, diesen Auftrag zu erfüllen, verteidigen: gegenüber einem Staat, der sie einschränkt - so hat es Karol Wojtyla als Bischof von Krakau gelernt -, oder in einer Gesellschaft, die sich anderen Prioritäten verschreibt. Damit ist er jetzt als Papst konfrontiert. Im Kampf mit dem kirchenfeindlichen Staat hatte er die Gläubigen hinter sich, als unangefochtene Autorität. Im Kampf gegen die stille Marginalisierung der kirchlichen Wertbegriffe - zu der auch gehört, dass viele christliche Wertbegriffe sich ohne, wenn nicht sogar gegen die Kirche durchgesetzt haben - kann er bald auf breite, bald auf schwächere, manchmal noch auf überzeugte, oft nur mehr auf laue Unterstützung zählen; und jedesmal sieht es in jedem Land wieder anders aus.

Solcher Differenzierung tritt er in seinem Brief an die deutschen Bischöfe entgegen, wenn er sagt: «Der Auftrag, das Leben in allen seinen Phasen zu schützen, lässt keine Abstriche zu. Daraus folgt, dass die Botschaft und die Handlungsweise der Kirche in der Frage der Abtreibung in ihrem wesentlichen Gehalt in allen Ländern dieselben sein müssen.» Die Formulierung «in ihrem wesentlichen Gehalt» mag andeuten, dass sich methodische Anpassungen an die jeweiligen Verhältnisse immerhin rechtfertigen lassen. Doch an der Doktrin hält «die Kirche» fest, und so muss sie sich «in unseren Tagen immer mehr von ihrer Umwelt unterscheiden». Wenn aber Kirche und Umwelt einander entgegenstehen, welches ist dann der Ort der Gläubigen? Sollen sie ausserhalb ihrer Umwelt oder nicht in der Kirche leben?

DAS ZWEITE VATIKANISCHE KONZIL hat eine unter mehreren Definitionen der Kirche nachdrücklich hervorgehoben: sie ist das «Volk Gottes», also die Gesamtheit der Gläubigen in ihrer geschichtlichen Situation, in ihren Verflechtungen mit einer Welt, der sie nicht von aussen her begegnet, sondern die sie je nach den kulturellen und sozialen Gegebenheiten immer schon prägen hilft und von der sie fortwährend geprägt wird. In Übereinstimmung mit dieser Definition hat das Konzil versucht, der weltweiten, zugleich aber regional gegliederten Kollegialität unter den Bischöfen einen höheren Anteil an der lehramtlichen Leitung der Kirche zu sichern; und Papst Paul VI. ist dieser Tendenz gefolgt, indem er die Bischofssynode einführte, gleichsam als parlamentarisches Gegengewicht zu der römischen Exekutive.

Die heutige Arbeitsweise der Bischofssynode zeigt, was aus diesem Konzept geworden ist. Ein vorbereitender Text zum Thema wird in der Kurie erarbeitet und den Bischöfen vorgelegt. Auf Grund ihrer Äusserungen wird, wieder in Rom, ein zweiter Text redigiert, über den die Synode beraten kann. Und die Ergebnisse der Debatte werden, nochmals im Vatikan, zur Formulierung eines päpstlichen Erlasses verwendet. Handelt es sich um ein allgemeinkirchliches Thema - Priesterausbildung, Ordensleben, Berufung der Laien -, ist das abschliessende Dokument für die Gesamtkirche verbindlich; geht es um das katholische Leben auf einem Kontinent - die kleinste mögliche Einheit -, gilt es vom einen Ende des Erdteils zum andern. In jedem Fall wird über Fragen der Disziplin wie des Glaubens zuerst und zuletzt aus der Optik der Zentrale, aus der vatikanischen Perspektive entschieden.

INDESSEN HAT DAS KONZIL und haben die von ihm angeregten Synoden und Laienorganisationen in vielen, vor allem in europäischen Ländern ein katholisches Selbstbewusstsein entstehen lassen, das der «Amtskirche» kritisch begegnet, oder auch: zwischen Kirche und Amt unterscheidet. Es war - was überraschen könnte - Pius XII., der die Gläubigen ermahnte, sich selbst als Kirche zu verstehen; erst eine Generation später ist nun das Schlagwort «Wir sind Kirche» aufgekommen, das die Autorität des Klerus in Frage stellt oder zumindest an einen Konsens aller geistlichen «Stände» binden will. Wobei man nicht übersehen darf, dass dieser Konsens doch auch lückenhaft bleibt: Weder erfasst er die Gläubigen, die sich der amtskirchlichen Führung weiterhin - wenn auch in je persönlich und unausdrücklich selektivem Gehorsam - überlassen, noch bedeutet er viel für die Katholiken, die es sich angewöhnt haben, ihrem Gewissen zu folgen, ohne es sich durch das Lehramt «schärfen» zu lassen oder sich solcher Anleitung widersetzen zu müssen. Bei diesen wie bei jenen kann das «Wir sind Kirche» geradezu auf Ablehnung stossen, als ein Laienklerikalismus, der es mit der gesamtheitlichen Willensbildung auch nicht immer genau nimmt.

Wenn Johannes Paul II. erklärt, die Kirche müsse sich immer mehr von ihrer Umwelt unterscheiden, nimmt er eine doppelte Konfrontation in Kauf - oder strebt er sie an? Einerseits setzt er Wertvorstellungen absolut, deren Geltung in der westlichen Gesellschaft relativiert worden ist; und dieser Gesellschaft, in der (wie er sagt) «Gott an den Rand gedrängt» wird, müssen die Gläubigen sich widersetzen. Da aber andererseits die Katholiken selbst ein Teil dieser Gesellschaft und an ihrer Entwicklung beteiligt sind, liegt es nahe, dass sie nicht als kirchlich verfasste Opposition gegen eine «Umwelt» auftreten, sondern in ihrer Welt für ein kirchliches Verhalten optieren, das zu amtlichen Weisungen in Widerspruch treten kann. Der von dem Papst für unvermeidlich gehaltene Gegensatz zwischen wahrer Lehre und irriger Praxis wird so zum Gegensatz zwischen Eglise légale und Eglise réelle.

MAN SAGT DEM POLNISCHEN PAPST NACH, dass er den Vatikan nicht liebt. Und sein Regierungsstil scheint zu bestätigen, dass er sich als «Pilger», wie er sagt, oder als ruhelos sein Reich durchwandernder Monarch eher in seinem Element fühlt als in seinem Palast und im Umgang mit der kurialen Bürokratie. Aber um den Nachfolger Petri schliessen sich nicht nur die Mauern des Vatikans. Vom Tag seiner Wahl an verändert sich sein Kontakt mit den Menschen. Zwar kann er sehen, wen immer er will - ein Wink genügt. Und Johannes Paul II. ist bekannt dafür, dass er Gesprächspartnern zugänglich, dass er ein guter Zuhörer ist. Aber niemand kommt zu ihm, ohne dass er ihn hat kommen lassen, und für jeden, der zu ihm spricht, ist er der Papst; Personen, denen das keinen Eindruck macht, trifft er nicht. Der Zufall, der andere zusammenführt, existiert für ihn kaum. Auf seinen Reisen begegnet er, Regiefehler abgerechnet, nur «handverlesenen» Gläubigen. Die Kinder, mit denen er sich fotografieren lässt, damit man sehen kann, wie unschuldig sie sind, kennt er nicht.

Die «Unterscheidung von der Umwelt», die Karol Wojtyla im Widerstand gegen den Kommunismus hat üben können, gehört zu seinem jetzigen, päpstlichen Amt - noch immer in der Form einer urteilenden und verurteilenden Autorität, aber auch als Isolierung. Die Welt ist für ihn nun tatsächlich ganz zur «Umwelt» geworden, von der er gar nicht anders als «unterschieden» sein kann. Ein Papst stimmt vielleicht einmal zu, aber nie überein. Und der Vatikan ist in Jahrhunderten zu dem Ort geworden, von dem immer genauere Weisungen aus immer gleicher Distanz an die Kirche ergehen. Man sieht es ihm an: zuviel Stein. Den Grundgehalt der christlichen Botschaft überzeugend zu vertreten und die Gläubigen ihr Leben nach der Massgabe ihrer Einsicht und in freier Erwägung geistlicher Ratschläge ordnen zu lassen - ein solches Programm entspricht nicht dem genius loci.

Daher die Dissonanzen, die inzwischen fast jeder Wahrspruch und erst recht jedes Machtwort des Papstes hervorruft, zumindest im «technologisch hochentwickelten, aber innerlich verarmten Westen», wie er uns nennt. Sie lassen sich so lange nicht auflösen, bis das Petrusamt neu verstanden und sein Träger zum Zeitgenossen wird.

Hanno Helbling, Schriftsteller, lebt in Rom. Sein Buch «Die Politik der Päpste. Der Vatikan im Weltgeschehen 1958-1978» ist bei Ullstein in Berlin erschienen.


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