NZZ Folio 12/91 - Thema: Verführungen   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Weltschmerz und Leberwurst

Von Wolf Schneider

Die Möglichkeit des Deutschen, Hauptwörter zusammenzusetzen wie Tischtuch oder Hustensaft, ist erstens ein Sumpf und zweitens ein Segen, ja für gebildete Ausländer ein Gegenstand des Neides.

Es ist ein Sumpf, weil die Logik dabei vollständig unter die Räder kommt. Der Juwelendieb stiehlt Juwelen; der Taschendieb stiehlt nicht Taschen, sondern den Inhalt von Taschen; der Hoteldieb stiehlt weder Hotels noch den Inhalt von Hotels, sondern er stiehlt in Hotelzimmern, zum Beispiel Juwelen; der Strauchdieb stiehlt weder Sträucher noch den Inhalt von Sträuchern, noch Juwelen aus Sträuchern, sondern er liegt hinter dem Strauch auf der Lauer, um zu stehlen; der Meisterdieb schliesslich stiehlt weder Meister noch den Inhalt von Meistern, noch lauert er hinter einem Meister, sondern er ist ein Meister im Stehlen, zum Beispiel von Juwelen.

Jeder Zusammenhang ist also möglich, keiner ist eindeutig. Wir müssen einfach lernen, dass ein Kind nicht im Kindbett liegen kann, weil in dem die Mutter liegt, sondern nur im Kinderbett, auch wenn es allein ist. Wer eine neue Zusammensetzung prägt wie Sigmund Freud die Trauerarbeit, der nimmt in Kauf, dass man darunter Handarbeit im Trauerjahr verstehen könnte, obwohl Freud die seelische Verarbeitung des Schmerzes meint.

Wenn der akademisch-bürokratische Schwulst sich ihrer bemächtigt, führt die Hauptwortkoppelung erst recht in den Morast: all die Witterungsabläufe, Innovationspotentiale und Motivationsstrukturen, von denen an dieser Stelle (beim Lob der kurzen Wörter) schon die Rede war.

Und ein Segen sind die Zusammensetzungen auch. Sie sind praktisch: Hausschlüssel gegen chiave di casa, Machtwort gegen parole énergique. Sie verhelfen uns zu Unterscheidungen, an denen die romanischen Sprachen scheitern: Ein Sportzentrum wird keineswegs nur von sportlichen Menschen genutzt, es lässt unsportliche Zuschauer zu - während das centre sportif die Sportlichkeit in das Zentrum selbst verlagert. Wortverbindungen sind saftig wie Leberwurst und Nervenkitzel, und jeder darf da nach Herzenslust verkuppeln, was noch nie verbunden war: Christoph Martin Wieland tadelte an Schillers «Räubern» die seltsame Hirnwut, die man jetzt für Genie halte, Heine nannte seine Frau seinen Hausvesuv, und der klingt griffiger und speit feuriger, als wenn man dem Vulkan ein «du ménage» oder «de famille» beigesellen müsste.

So haben denn andere Völker, vor allem die englischsprachigen, aber auch die Franzosen, viele Zusammensetzungen aus dem deutschen Sprachraum importiert, und fast nur diese Art von Wörtern: leberwurst und kindergarten, kaffeeklatsch und leitmotiv, und in der Encyclopaedia Britannica hat Aristoteles 347 v. Chr. «his wanderjahre» begonnen. Der Import hält an: the ostpolitik, le waldsterben, the vergangenheitsbewältigung sind in jüngster Zeit dazugekommen, Boris Becker war le wunderkind. «The Sackgasse» taugte 1987 für eine Überschrift im englischen «Economist» und «The Realpolitik» 1991 im «Wall Street Journal».

Das Praktische und das Saftige aber sind noch nicht einmal die grössten Vorzüge solcher Wortverbindungen. Ihre ganze Ausdruckskraft erreichen sie erst dort, wo wir durch das Zusammenspannen des Widersprüchlichen einen Zwiespalt benennen können wie keine andere Sprache: Hassliebe, Freudentränen, Angstlust, Wonneschauer. Ist es ein Widerstreit aufeinanderprallender Gefühle? Oder sollte da nicht so sehr ein Zwist der Gefühle vorliegen als vielmehr ein Streit zwischen zwei Namen für ein Mischgefühl, das wir nicht anders als mit einem solchen Gegensatzpaar benennen können? «Vermissen und verschlingen sich» Freude und Schmerz in der Liebe, wie Friedrich Schlegel schreibt, oder könnte es sein, dass wir zwei Wörter wie «Freude» und «Schmerz» vermischen müssen, um eine vielleicht gänzlich unvermischte Empfindung sprachlich einzukreisen? So oder so: Keine andere Grammatik bietet dem psychologischen Zugriff ein vergleichbares Instrumentarium an.

Da sollte man noch kurz bei den beiden grössten psychologischen Treffern des Deutschen verweilen, dem Weltschmerz und der Schadenfreude, malicious joy, joie maligne bieten die Wörterbücher als Übersetzung für diese Art von Freude an - eine bösartige Freude also, gewiss, doch dass sie durch den Schaden eines anderen entsteht, bleibt unerwähnt. Das Oxford Dictionary setzt folglich hinzu: «malicious joy at another's misfortune». Nun ist es korrekt - aber eine Definition und kein Bestandteil lebendiger Sprache.

Den Weltschmerz hat Jean Paul 1823 geprägt, Thomas Mann hat ihn mit «Lebenswehmut» gleichgesetzt (also einer anderen Wortkoppelung); die portugiesische saudade kommt dem Weltschmerz nahe, ennui ist in ihm enthalten, die Langeweile mit dem Beigeschmack von Lebensüberdruss, bei Baudelaire «fruit de la morne incuriosité». Keines dieser Wörter aber erreicht die empfindsame Schattierung und die internationale Geltung, die den «Weltschmerz» kennzeichnen. Ja, alles an ihm ist unbestimmt, auch das Scherzwort «Weltschmerz ist eine Krankheit für Privatpatienten» definiert ihn nicht. Doch mit den präzisen Begriffen kommen wir nicht aus, wenn wir unseren uralten Wortvorrat an eine sich ständig verändernde Welt anpassen, wenn wir auch das Zwielichtige, Irisierende, das Halbgeahnte benennbar machen wollen. Da helfen uns die Wörter mit der wabernden Aura, die vieldeutig verknüpften, der deutschsprachige Beitrag zur Sprache der Welt.




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