NZZ Folio 11/04 - Thema: Marken   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Der Pferdeeinflüsterer

Wie der Psychologe Oskar Pfungst im Jahr 1904 das klügste Pferd der Welt enttarnte.

Von Reto U. Schneider

Im Sommer 1904 konnte man in einem gepflästerten Hof an der Griebenowstrasse im Norden Berlins einem aussergewöhnlichen Spektakel beiwohnen. Inmitten von Mietskasernen demonstrierte der pensionierte Lehrer Wilhelm von Osten dort immer zur Mittagszeit die einzigartigen Fähigkeiten seines Pferdes Hans.

Hans konnte bruchrechnen, die Leute zählen, Bilder erkennen, die Uhrzeit lesen, hatte das absolute Musikgehör und den Kalender des gesamten Jahres im Kopf. Zeitungen auf der ganzen Welt berichteten über das Wunderpferd. Der «Mexican Herald» vermutete sogar, die erste Amerikatournee werde kaum lange auf sich warten lassen. Doch obwohl Hans in Liedern besungen wurde und Kinderspielzeug und Likör unter seinem Namen in den Handel kamen, erinnert man sich heute nicht wegen seiner vermeintlichen Klugheit an ihn, sondern wegen der Experimente, die seine Intelligenz widerlegten.

Vier Jahre lang hatte Wilhelm von Osten Hans wie einen Schulbuben unterrichtet. Das Pferd stand im Hof vor einer Wandtafel, und von Osten lehrte es mit Hilfe eines Zählrahmens das Rechnen, brachte ihm mit einer Buchstabentafel das Lesen bei und unterwies es mit einer Kinderharmonika in Musik. Da das Pferd nicht sprechen konnte, antwortete es, indem es mit dem Kopf nickte, ihn schüttelte oder mit dem Huf auf den Boden klopfte. Buchstaben, Töne auf der Tonleiter, selbst die Namen von Spielkarten wurden in Zahlen übersetzt und dann in Hufschlägen wiedergegeben. As: einmal klopfen, König: zweimal, Dame: dreimal und so fort. Das didaktische Vorgehen war «wohl ausgedacht und vielleicht für den Unterricht von Hottentotten praktisch zu verwerten», wie man von Osten später attestierte.

Es war von Ostens sehnlichster Wunsch, die Fähigkeiten seines Pferdes wissenschaftlich attestieren zu lassen. Doch sein Brief an den deutschen Kaiser mit der Bitte, Hans zu testen, blieb vorerst ohne Folgen.

Die Zuschauer jedoch strömten zur Griebenowstrasse. Ihre Kutschen und Autos versperrten zur Mittagszeit den Zugang zum Hof. Sogar der preussische Kultusminister und andere angesehene Persönlichkeiten liessen sich das Wunderpferd vorführen, darunter Zirkusdirektor Paul Busch, Zoodirektor Ludwig Heck, Tierarzt Dr. Mietzner und einer der wichtigsten Psychologen seiner Zeit, Carl Stumpf von der Universität Berlin. Die Männer waren von den Fähigkeiten von Hans derart überzeugt, dass sie am 12. September 1904 ein seltsames Gutachten unterschrieben. Die Hans-Kommission, wie die dreizehn Unterzeichner genannt wurden, hielt fest, dass von Osten keine Tricks anwende. Weder bewusst noch unbewusst sollen Hans Zeichen gegeben worden sein. Es stehe fest, «dass es sich hier um einen Fall handelt, der von allen bisherigen, dem äusseren Anschein nach ähnlichen Fällen prinzipiell verschieden ist».

Mit «ähnlichen Fällen» meinten die Gutachter zum Beispiel das Zirkuspferd Berta, das zu jener Zeit in Berlin auftrat. Auch dieses Tier konnte alle möglichen Fragen beantworten, doch es war jedem Zuschauer sofort klar, dass Berta beim Rechnen auf die Hilfe ihrer Meisterin angewiesen war, die ihr während der Vorstellung ständig Zeichen gab. Das war bei Hans anders: Er gab auch dann richtige Antworten, wenn Wilhelm von Osten gar nicht zugegen war. Es war vor allem diese Tatsache, die die Kommission überzeugte.

Es fehle dem Hengst zum Menschen eigentlich nichts als die Sprache, sagte ein begeisterter Zuschauer. Und ein erfahrener Pädagoge stellte ihn auf die «Stufe eines dreizehn- bis vierzehnjährigen Kindes». Die wenigen Fehler, die Hans machte, wurden als «Zeichen von Eigenwilligkeit und Selbständigkeit, die man fast Humor nennen möchte», gedeutet. Einige Zoologen sahen in Hans nichts weniger als den Beweis für die Gleichartigkeit von Tier- und Menschenseele.

Das Phänomen habe «eine ernsthafte und eingehende wissenschaftliche Untersuchung verdient», hiess es am Ende des Gutachtens. Mit dieser Aufgabe betraute der Psychologe Carl Stumpf seinen Assistenten Oskar Pfungst. Der fand zwar heraus, dass es mit der Intelligenz von Hans nicht weit her war, doch was er dabei entdeckte, war nicht weniger erstaunlich als ein rechnendes Pferd.

Pfungsts erstes Experiment sollte klären, ob Hans die gestellten Aufgaben wirklich ohne Hilfe von Menschen löste. Falls ja, hätte es keinen Unterschied machen dürfen, ob der Experimentator die Antwort auf die gestellte Frage kannte oder nicht. Pfungst gab Hans den Auftrag, so oft mit seinen Hufen zu treten, wie es der Zahl auf einer Kartontafel entsprach, die er ihm zeigte. Abwechselnd präsentierte er die Tafel nur dem Pferd, ohne sie zu kennen, oder schaute sie auch selbst an. Das Resultat war eindeutig: Wenn Pfungst die Zahlen kannte, lag die Trefferquote bei 98 Prozent, wenn nicht, bei 8 Prozent.

Um die Rechenfähigkeit von Hans zu prüfen, flüsterten ihm zwei Personen je eine Zahl ins Ohr, die er addieren sollte. Unter diesen Bedingungen konnte nur Hans das Resultat kennen. Er versagte. Für Pfungst war klar, dass der Hengst «von seiner Umgebung gewisse Anregungen erhalten müsse». Das war erstaunlich, denn anders als bei rechnenden Tieren im Zirkus, deren Meister ihnen Zeichen gaben, war von Osten bei den Experimenten oft gar nicht anwesend. Der Einzige, der Hans einen Wink hätte gegeben haben können, war der Versuchsleiter: Pfungst! Doch der wusste nichts davon.

Kam der Hinweis wirklich vom Fragesteller? Pfungst legte dem Pferd Scheuklappen an, damit es ihn nicht sehen konnte. Diese Experimente waren schwierig, weil das Pferd trotzdem ständig versuchte, einen Blick von Pfungst zu erhaschen, es riss sich dabei sogar los. Trotzdem zeigte sich klar: Wenn Hans Pfungst nicht im Blickfeld hatte, gab er keine richtigen Antworten mehr. Offenbar konnte Hans die Antwort im Fragesteller lesen. Bloss wie? Pfungst hatte ja versucht, sich neutral zu verhalten.

Nach minutiösen Beobachtungen kam Pfungst zu dem Schluss, dass Hans sich an kleinsten unbewussten Kopfbewegungen orientieren musste. Wer dem Pferd eine Frage stellte, nickte ein klein wenig, um nach dem Huf zu blicken. Das war für Hans das Signal, mit dem Treten zu beginnen. Kam Hans in die Gegend der gewünschten Zahl, blickte der Fragesteller wieder auf, und das Pferd stoppte.

Um diese Hypothese zu überprüfen, entwarf Pfungst weitere Experimente. Er stellte Hans die Aufgaben zum Beispiel aus verschiedenen Entfernungen. Je weiter weg er war, desto unzuverlässiger waren die Antworten. Hans konnte die Körperzeichen aus der Distanz weniger genau lesen. Pfungst stellte Hans auch Aufgaben, deren Resultat eins war. Wenn seine Vermutung stimmte, mussten ihm diese Rechnungen am schwersten fallen, weil der Experimentator dem Pferd ja fast gleichzeitig Beginn und Ende des Tretens anzeigen müsste. Tatsächlich hatte Hans von allen Zahlen mit der Eins die grösste Mühe.

Den endgültigen Beweis erbrachte Pfungst, indem er zeigte, dass Hans auch dann mit dem Huf zu klopfen begann, wenn sich der Experimentator leicht vorbeugte, ohne ihm eine Aufgabe gestellt zu haben.

Allein diese elegante Serie von Versuchen wäre zu einem Klassiker geworden, doch das Glanzstück kam erst noch. Im November 1904 holte Pfungst nacheinander 25 Personen ins Psychologische Institut der Universität Berlin. Die Leute wussten nicht, worum es ging, als er sie aufforderte, sich eine Zahl zu denken, die er, Pfungst, erraten würde, indem er genau so viele Male mit der Hand auf den Tisch klopfte. «Anstelle des stummen war gleichsam ein redendes Pferd getreten», schrieb Pfungst später in seinem berühmt gewordenen Buch «Der kluge Hans». In 23 von 25 Fällen gelang es ihm, die unwillkürlichen Körpersignale zu erkennen und die Zahl herauszubekommen.

Pfungsts Untersuchung führte einen der grössten Störfaktoren jedes Experiments vor Augen: die Erwartung des Versuchsleiters. Wie sich in späteren Studien zeigte, beeinflussen Forscher die Ergebnisse ihrer Experimente unbewusst in die Richtung ihrer Annahmen. Pfungst signalisierte Hans unbewusst, wann er von ihm erwartete, mit Klopfen aufzuhören. In der Wissenschaft heisst dieses Phänomen heute «Versuchsleitereffekt».

Wilhelm von Osten verlor mit den Experimenten alles. Als sich die Resultate abzuzeichnen begannen, schrieb er Carl Stumpf, die Wissenschafter möchten nicht wiederkommen. Es gilt als bewiesen, dass von Osten kein Betrüger war, sondern seine Körpersignale genauso unbewusst einsetzte wie Pfungst. Zu den Fragen, die er Hans während der Demonstrationen in Berlin stellte, gehörten auch solche nach der Sympathie und Antipathie für gewisse Leute. Einmal fragte er ihn: «Hast du Herrn Geheimrat Stumpf lieb?» Hans schüttelte den Kopf.

Wilhelm von Osten starb am 29. Juni 1909. Auf dem Sterbebett verwünschte er sein Pferd, dem er die Schuld gab am Unglück seines Lebens, und wünschte ihm ein «Ende vor dem Mörtelwagen». Er vermachte Hans dem Elberfelder Kaufmann Karl Krall, der einen «Stall für Unterrichtszwecke» einrichtete, wo er auch die Hengste Muhamed und Zarif unterwies, die – nach seiner Darstellung – in kurzer Zeit ähnliche Leistungen erbrachten wie Hans.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste Krall dann seine Versuche aufgeben. Alle Pferde wurden zwangsrekrutiert.




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