NZZ Folio 12/03 - Thema: Kitsch und Kult   Inhaltsverzeichnis

Cyberspace -- In der Webgasse

Von Franz Zauner

GEDANKEN KÖNNEN zu denken geben, wenn sie unbeaufsichtigt um sich selbst kreisen. Beim Reboot gleich nach dem Aufwachen oder im Idle-Modus beim Spaziergang flammen im Netzwerk der Neuronen beliebige Signale, die der Zufall heranschafft, zu Erleuchtungen auf, um dann sogleich wieder in Rätseln zu verdämmern. Man geht zufällig durch eine Gasse, die zum Beispiel Webgasse heisst, und zerebrale Willkür lässt die innere Stimme fragen: Wieso wurde diese Gasse nach dem World Wide Web benannt? Hier gibt es doch noch nicht einmal ein Computergeschäft!

Lass doch den Computer Computer sein, könnte man sich sagen. Aber der Computer ist es ja, der einen festhält und nicht loslassen will. Hegel hat das Verhängnis kommen sehen, als er vor 200 Jahren im Kapitel «Herrschaft und Knechtschaft» der «Phänomenologie des Geistes» das komplizierte Verhältnis zweier seltsamer Gestalten beschrieb, «die eine das selbständige, welchem das Für-sich-sein, die andere das unselbständige, dem das Leben oder das Sein für ein Anderes das Wesen ist», und wenn uns die Erinnerung nicht trügt, schliesst die berühmte Stelle mit dem Satz: «Jenes ist der Server, dies der Client.»

Es gehört zur Phänomenologie des Computerbesitzes, dass man als Herr bisweilen Knecht eines Dings wird, eines schrecklichen Dieners, der tut, was man sagt, indem er missversteht, was man will. Bisweilen kostet es Mühe, in modernen Server-Client-Architekturen jene archetypischen Muster fürsorglicher Interaktion wiederzuerkennen, welche der Informatik angeblich Modell stehen: Ente und Küken, Mutter und Kind, Pfarrer und Gemeinde.

Wir sind doch längst Schutzbefohlene des digitalen Systems, das uns nach seiner Façon die Seelen formatiert. Leute, die Server beherrschen, gehen leichter und aufrechter durchs Büro; Clients verlangen nach Administrator-Rechten, sobald sie merken, wie sehr es im Leben darauf ankommt, die Bits von 0 auf 1 stellen zu können.

Alle Versuche, diese Widersprüche zu versöhnen, sind gescheitert: Marx wollte die Server abschaffen, IBM die Clients. Doch Mainframes passen einfach nicht in die Wohnungen der Arbeiterklasse. Man kann in der Webgasse unmöglich den Eindruck gewinnen, dass sich Clients und Server verstehen.


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