NZZ Folio 10/91 - Thema: Über Bücher   Inhaltsverzeichnis

Stationen eines Buches

Wie Julian Barnes' «In die Sonne sehen» produziert wurde - die Beteiligten erzählen.
Der Autor

«In die Sonne sehen», mein vierter Roman, sollte eigentlich mein dritter werden. Ich habe 1982 damit angefangen, und es schien gut voranzugehen, bis ich den Fehler machte und ihn erst einmal liegenliess, um eine Kurzgeschichte über einen alten Arzt zu schreiben, der eine literarische Pilgerfahrt nach Rouen macht und zwei ausgestopfte Vögel entdeckt. Diese Geschichte hat sich dann zu einem Projekt entwickelt, das «In die Sonne sehen» rüde in die Ecke drängte und zu «Flauberts Papagei» wurde. Als ich wieder an das frühere Buch ging, hatte ich erst etwas Herzklopfen, fand aber zwei Faktoren, die mir Mut machten. Der erste war, dass ich das Buch nicht am Anfang angefangen hatte. Ich hatte an drei verschiedenen Stellen angefangen - in allen drei verschiedenen Zeitzonen - und hatte daher mehr Punkte, an denen ich die Erzählung wieder aufnehmen konnte. Der zweite war, dass ich bei «Flauberts Papagei» etwas über nichtlineares Erzählen gelernt hatte. Das war ein Roman, der von Schnipselchen und Redewendungen und einer Papageienfeder hier und da zusammengehalten wurde, so ein bisschen wie ein Vogelnest. «In die Sonne sehen» ist zwar ein in mancherlei Hinsicht konventioneller Roman, wird aber ebenfalls papageienhaft zusammengehalten, nämlich durch immer wiederkehrende Motive und Bilder, die sich in die Geschichte ein- und ausflechten, die zuerst im wörtlichen Sinn auftreten und dann, während das Buch Gestalt annimmt, echoartiger, transzendenter wiedererscheinen.

Das Buch ist aus drei verschiedenen, weit zurückliegenden Vorhaben heraus entstanden: einen Roman aus der Sicht einer Frau zu schreiben (was bei einem männlichen Schriftsteller natürlicherweise Ehrgeiz und Neugierde weckt); ein Buch über Tapferkeit zu schreiben; und einen Roman in der Geschichtsperiode spielen zu lassen, für die, glaube ich, jeder Mensch merkwürdige und vielschichtige nostalgische Gefühle hegt - die Zeit kurz vor der eigenen Geburt, von der man in den ersten Jahren des Heranwachsens erzählt bekommt. Natürlich hat sich das Projekt während der Arbeit daran verändert, nicht zuletzt dadurch, dass ich beschloss, meine Heldin Jean Serjeant hundert Jahre alt werden zu lassen. Da ich entschieden hatte, dass sie die vierziger und achtziger Jahre erleben sollte, hatte ich zwei Möglichkeiten zur Auswahl: zeitlich zurückzugehen und ihre Geburt in die Zeit von Königin Viktoria zu verlegen oder sie in die Zukunft vorauszuschicken. Die Zukunft gab mir mehr Möglichkeiten der Handlungsgestaltung, aber ich hatte durchaus Bedenken, als ich in das Jahr 2020 vordrang. Sobald man über die Zukunft schreibt, meinen alle, man müsste eine «Zukunftsvision» haben, und die Kritiker greifen zu dem Wort «orwellsch» (oder Despektierlicherem); dabei wollte ich unter anderem zeigen, dass das Jahr 2020 ungeachtet aller technischen Entwicklungen in entscheidenden Punkten noch ganz ähnlich sein wird wie 1980 - nämlich, was das Wesen des Menschen betrifft.

Das Hauptthema des Buchs war für mich immer das der Tapferkeit, und die drei Teile behandelten in meinen Augen unterschiedliche Aspekte dieser - gegebenen oder erworbenen - Eigenschaft. Im ersten Teil ging es um das, was wir traditionell unter Tapferkeit verstehen - physische Tapferkeit, Tapferkeit in Kriegszeiten, was gemeinhin als eine männliche Tugend gilt (in «In die Sonne sehen» dargestellt am Beispiel eines Piloten der Royal Air Force, der aber nicht heroisch ist, sondern seinen Mut verloren hat); im zweiten Teil um etwas, das man gesellschaftliche Tapferkeit nennen könnte - um den Mut, der (für eine Frau) nötig ist, wenn sie sich im mittleren Lebensalter selbständig macht, einen Ehemann verlässt, ein Kind alleine grosszieht; im dritten Teil um moralische oder existentielle Tapferkeit, um die Tapferkeit, die grossen Fragen zu stellen und den trostlosen Antworten ins Auge zu sehen, Tapferkeit angesichts des Todes. Mir als Autor kam das alles ganz klar vor, und ich weiss noch, wie ich das kurz nach Erscheinen des Buches in einem BBC-Kulturmagazin voller Überzeugung ausgeführt habe. Als das Interview mit mir zu Ende war, sollte sich ein Kritiker zu dem Roman äussern, und er fing an: «Also, es kann ja sein, dass Julian Barnes meint, das sei ein Roman über Tapferkeit, aber eigentlich handelt er von etwas anderem . . .» Was kann ein Autor schon wissen?

Jetzt, da ich «In die Sonne sehen» schon lange abgeschlossen habe, steht für mich nicht die Thematik im Vordergrund, sondern Struktur und Erzähltechnik. Ich halte es für ein leichtes, luftiges Werk, das hüpft und springt und schwebt und immer wieder Bilder aufwirft, die über dem Buch brennen wie Leuchtkugeln. Die Details über das Leben während des Krieges im ersten Teil (die ich sorgfältig recherchiert habe) sollen nicht verheissen, dass sich da ein reichgewirkter Gesellschaftsroman anbahnt, sondern dem Autor als Referenz dienen, als Beweis für Realität. Ich meine, der Leser oder die Leserin folgt dem Autor mit mehr Vertrauen in eine Welt der Bilder und Träume und Metaphern und Gedankenspielereien und das Jahr 2020, wenn er ihn oder sie erst einmal überzeugt hat, dass er das Leben eines Mädchens «hinkriegt», das zu einer Zeit aufwächst, als er, der Autor selbst, noch nicht geboren war. Aber auch da kann ich mich täuschen.

Ich lese meine Bücher nie noch einmal durch, nachdem sie fertig sind; daher bin ich, wenn eine Übersetzung ansteht, oft überrascht, was meine Übersetzerin Gertraude Krueger und mein Lektor beim Haffmans-Verlag, Tommy Bodmer, mir für Fragen stellen. «Was bedeutet das hier, Julian?» Gute Frage. Manchmal fange ich in meiner Verblüffung an zu spekulieren. «Nein, das kann nicht sein», sagt Tommy dann. «Auf Seite 147 sagst du nämlich so.» «Ach ja?» Ja, wirklich.

Von diesen Schrecksekunden abgesehen, ist die Arbeit an der deutschen Übersetzung ein Vergnügen. Mit «Arbeit» meine ich, dass ich knifflige Stellen oder obskure Sportausdrücke erkläre; meine Deutschkenntnisse sind nur rudimentär. Doch auch ohne Sprachkenntnisse weiss ich auf Grund der Fragen, die mir gestellt werden, wie gut eine Übersetzung ist. Wenn ein Übersetzer mir schreibt: «Ich habe nur eine Frage zu Ihrem Roman: Was heisst Buckingham Palace?», dann ist mir klar, dass da auch sonst noch vieles unter den Tisch fällt. Mittelmässige Übersetzer meinen, sie wüssten alles, oder sie trauen sich nicht zu fragen. Daher habe ich lange Sitzungen mit Gertraude, die, glaube ich, jetzt diesen Artikel übersetzt. (Postmoderne Anmerkung in Klammern: Wie geht's, Gertraude? Was macht Berlin? Und nur so interessehalber, wie hast du «Verey light» im vorletzter Absatz übersetzt?)* Später gibt es dann Nachfragen von Tommy, der meine Romane genauer kennt als ich selbst. Manchmal meine ich, er kann auch besser Englisch als ich. Aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Ein Autor muss ein paar Geheimnisse vor seinem Verleger zu wahren wissen. Julian Barnes

* Also, das war wirklich eine harte Nuss - zumal der Erfinder dieser Leuchtpatronen sich in allen (allen!) Lexika als Mr. Very tarnt. Für die Erleuchtung in letzter Minute habe ich Beryl Wedema und Tommy Bodmer zu danken. Frage: Ist es fair, wenn Autoren Übersetzerinnen getarnte Leuchtkugelerfinder unterjubeln und dann in Urlaub fahren? Gertraude Krueger

Der Verleger

Am Anfang ist der Autor. So weit, so klar. Doch damit sein Wort auch in die Welt komme, muss es vervielfältigt und veröffentlicht werden. Die Menschen, die sich damit befassen, heissen auf englisch einleuchtend Publisher gleich Veröffentlicher, auf deutsch leider Verleger; «leider» wegen der fatalen Nebenbedeutung: «Der hat mein Buch verlegt.» - «Kein Wunder, dass es keiner findet.»

Was macht ein Verleger wie ich? Neben einigen Nebenjobs als Unternehmer (zehn Angestellte, Umsatz um die fünf Millionen Franken), Lektor, Werbetexter, PR-Agent und in diesem Moment auch Autor tut er vor allem dies: Er ist für das Programm seines Verlages verantwortlich; er entscheidet nach seiner literarischen Urteilskraft und unter erheblicher Mitwirkung des Lektorats und Geschäftspartners (in Gestalt des Herstellers), welche Autoren in seinem Verlag - und dann auch noch wann und wie - erscheinen.

Was Julian Barnes betrifft, so ist der Autor seit 1985 in diesem Verlag beheimatet und eine erste Grösse aller Programmplanung. Andererseits ist er besonders schwierig zu übersetzen. Als 1989 «A History of the world in 101/2 Chapters» erschien und sofort auf die Bestsellerlisten kam und dort immer höher kletterte, und als dann auch Fachblätter hier anriefen, wann denn dieser Bestseller auf deutsch erscheine, und da wir ohnehin alles von Barnes bringen wollten, haben wir eine sonst eher unübliche Verlagspolitik betrieben, uns mit der Übersetzerin verständigt, die grad begonnene Arbeit an «Staring at the Sun» abzubrechen und «Die Geschichte der Welt in 101/2 Kapiteln» vorzuziehen. Deshalb ist «In die Sonne sehen» erst jetzt in die deutschsprachige Welt gekommen, um lange und glücklich darin zu leben.

Und nun richtet der Unternehmer noch ein Wort an alle, die finden, Bücher seien zu teuer. So etwa sieht die Kalkulation für «In die Sonne sehen» aus:

Auflage: 20 000 Exemplare; Ladenpreis: rund 34 Franken; davon gehen ab: durchschnittlicher Buchhändlerrabatt: 42,5 Prozent, macht etwa 15 Franken (bleiben dem Verlag etwa 20 Franken), Vertriebskosten: 15 Prozent, macht etwa 5 Franken (bleiben dem Verlag etwa 15 Franken), Herstellungskosten: 20 Prozent, macht etwa 6 Franken 80 (bleiben dem Verlag etwa 8 Franken), Honorare für Autor, Illustrator, Übersetzerin und Korrektoren: bis 15 Prozent, macht etwa 5 Franken, bleiben dem Verlag also etwa 3 Franken. Von welchem er Löhne, Miete, Telefon, Leseexemplare, Werbung und noch anderes mehr zu bezahlen hat. Gerd Haffmans

Die Übersetzerin

Angefangen hatte ich mit «In die Sonne sehen» schon im Sommer 1989; aber dann wurde erst einmal «Die Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln» dazwischengeschoben, und ich habe mich erst ein Jahr später wieder darangesetzt und bin dann in diesem März fertig geworden. Natürlich lese ich jedes Buch zunächst intensiv durch, damit ich weiss, was so auf mich zukommt.

Trotzdem tauchen bei der tatsächlichen Arbeit daran immer wieder Überraschungen und unvermutete Schwierigkeiten auf. Wenn ich am Computer die Rohfassung der Übersetzung erarbeite, markiere ich solche Stellen erst einmal und mache weiter; so schaffe ich bis zu zehn Seiten am Tag. Die Rohfassung wird zum Schluss ausgedruckt, und dann arbeite ich ganz archaisch mit Bleistift und Radiergummi auf dem Papier weiter.

Jetzt wird nämlich redigiert und recherchiert und jedes einzelne Wort genau unter die Lupe genommen, werden Wörterbücher und andere Quellen konsultiert. Gerade bei Barnes passiert es immer wieder, dass ich ein Bild am Anfang so übersetzt habe, wie es im Kontext passt, und hundert Seiten später merke ich, dass es so doch nicht geht, und muss wieder von vorne überlegen. Früh am Morgen fällt mir überhaupt nichts ein - also trinke ich erst mal eine grosse Tasse Kaffee und lese die Zeitung. Manchmal finde ich dann den einen oder anderen Ausdruck, den ich gut gebrauchen kann, und das tröstet mich darüber hinweg, dass ich schon wieder einen ganzen Morgen vertrödelt habe. Jetzt setze ich mich endlich an den Schreibtisch und lese erst einmal ganz kritisch durch, was ich an den Tagen davor produziert habe. Wenn es gutgeht, bin ich dann wieder richtig drin und kann weitermachen; wenn ich doch nicht zufrieden bin, bastle ich noch einmal an den Sätzen herum, die ich schon fertig geglaubt hatte.

Jedenfalls bleibe ich nun (einigermassen) diszipliniert an der Arbeit. Manche Probleme allerdings lassen sich am Schreibtisch nicht lösen. Oft kommt mir die zündende Idee erst, wenn ich beschliesse, doch lieber das Geschirr abzuwaschen oder einen Spaziergang zu machen. Je später der Abend, desto besser geht es voran; ich kann gut bis Mitternacht arbeiten (wenn nur der Morgen nicht wäre!).

Eine Schwierigkeit bei Julian Barnes ist, dass er auf so verschiedenen Gebieten wie Kunstgeschichte, Fliegerei und (vor allem!) Sport zu Hause und der Kontext zum Teil sehr britisch ist. Bei «In die Sonne sehen» zum Beispiel geht es um einen britischen Jagdpiloten aus dem Zweiten Weltkrieg. Da genügen Bücher nicht, da lasse ich mir lieber etwas von Fachleuten erzählen - so erfahre ich viel mehr, und es macht auf jeden Fall mehr Spass! Für dieses Buch habe ich Golfexperten, einen Piloten und einen Computerwissenschafter konsultiert. Ausserdem befrage ich Muttersprachler, und glücklicherweise gibt mir auch Julian Barnes selber immer gerne Auskunft, was eine unschätzbare Hilfe ist. Wenn es irgend geht, fahre ich dafür zu ihm nach England, und diesmal war ich auch in München bei einem ehemaligen Jagdpiloten, der mir nicht nur mit technischen Einzelheiten weiterhalf, sondern dem ich auch den speziellen Pilotenjargon ablauschen konnte (denn Piloten sind, wie ich gelernt habe, ein ganz besonderer Menschenschlag).

Solche Reisen und Recherchen bezahle ich aus eigener Tasche. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass man von literarischen Übersetzungen dieser Art nicht leben kann. Wenn alles fertig ist, habe ich knapp zehntausend Mark verdient und fast ein Jahr daran gearbeitet, wenn auch nicht ununterbrochen. Denn ich unterrichte auch noch Englisch in einer Berufsfachschule und in Abendkursen; so weiss ich jedenfalls, dass ich meine Miete bezahlen kann, und komme auch mit verschiedensten Leuten zusammen.

Das ist mir wichtig, schon weil ich dabei die verrücktesten Sprachschöpfungen aufschnappe. Um im Englischen drinzubleiben, fahre ich natürlich so oft es geht nach England und in die USA; ich lese viel und schaue Filme an. Aber das ist ja nur die eine Hälfte, auch die Bandbreite des Deutschen muss ständig erweitert werden. Von der schon erwähnten Zeitungslektüre abgesehen, spitze ich immer schön die Ohren und höre gut zu, was die Leute so sagen. Und hier im Kiez von Berlin-Kreuzberg kann man oft die abenteuerlichsten Sachen hören und an den Wänden lesen.

Ich erinnere mich an einen Mann, dessen Ausdrucksweise durchaus auf eine, wie man so sagt, schmutzige Phantasie schliessen liess. Der Mann hat wahrscheinlich keine Ahnung, wie sehr er mir bei der Übersetzung obszöner Textstellen geholfen hat! Gertraude Krueger

Der Lektor

«So, Lektor sind Sie? Dann lesen Sie also den ganzen Tag . . .» Das ist immer das erste, was ich zu hören bekomme, wenn ich jemandem sage, was ich von Beruf bin. Und im weitesten Sinn stimmt das auch: Pro Tag erhalten wir zwei oder drei unverlangt eingesandte Manuskripte, dazu Angebote von Literaturagenten und Tips von Autoren und Freunden des Hauses. Und da soll man sich noch um die Bücher kümmern, die zu veröffentlichen wir uns entschlossen haben.

Im März 1985 kam wieder so ein Buch: «Flaubert's Parrot» von einem gewissen Julian Barnes. Klar, dass unser Illustrator Volker Kriegel davon schwärmte, der war ja auch ein alter Flaubert-Fan, im Gegensatz zu mir. Doch schon nach wenigen Seiten war's um mich geschehen: Da war ein Autor, der liebevoll, skeptisch, neugierig und ironisch über genau die Dinge schrieb, die mich wirklich beschäftigten. Bloss, reichte das als Grund, ein Buch zu publizieren? Und waren die deutschsprachigen Rechte a) noch frei und b) erschwinglich? Der Verlag liess sich nicht beirren von meinem Misstrauen dem eigenen Enthusiasmus gegenüber und unterschrieb den Vertrag. Und Barnes' englischer Literaturagent zeigte Verständnis dafür, dass wir keinen grossen Vorschuss zahlen konnten und ausserdem den Übersetzer am Erfolg des Buchs beteiligen wollten. Danach erst las Gerd Haffmans das Buch und - war begeistert. Nein, so läuft es nicht in jedem Verlag . . .

An der an sich guten Übersetzung habe ich aus Liebe zu diesem Buch monatelang herumredigiert, was ökonomisch erst mal wie der reine Wahnsinn aussieht. Andererseits war der Autor dann so glücklich über das Resultat, dass er sich in der Folge trotz riesigen Vorschussangeboten nicht zu einem Konkurrenzverlag locken liess, weshalb wir alle seine Bücher im Programm haben.

Die allermeiste Zeit verbringt ein Lektor mit Routinearbeiten: Aus der Setzerei kommen Abzüge mit dem gesetzten Text, die von zwei Korrektoren, dem Autor oder Übersetzer und wenn möglich auch dem Lektor gelesen werden. Letzterer überträgt sämtliche auszuführenden Korrekturen in ein Exemplar, das dem Setzer geschickt wird, der die Fehler berichtigt und dabei oft neue macht, die dann vom Lektor beim sogenannten Revisionslesen hoffentlich gefunden werden, und so geht das ein paarmal zwischen Verlag und Setzerei hin und her, und immer eilt die Sache, und man muss das, woran man gerade sitzt, unterbrechen und wird zum Beispiel aus einer Übersetzung, in deren Ton man sich gerade hineingefühlt hat, herausgerissen.

Wenn Kritiker sich überhaupt zu Übersetzungen äussern, dann tun sie dies meist pauschal («flüssig», «holprig»), oder sie stürzen sich auf einzelne Wörter. Kaum je erfahren wir etwas darüber, ob der Tonfall des Originals getroffen worden ist, und dabei ist genau dies das Entscheidende: Offensichtlich falsch verstandene Wörter lassen sich leicht korrigieren; doch stimmt der Ton nicht, kann man eine Übersetzung nur noch wegschmeissen. Nicht jeder Übersetzer ist für jede Art von Text geeignet. Gertraude Krueger hatte ich bei einer Übersetzertagung kennengelernt. In den Workshops merkte ich, dass sie über die Art von Intelligenz und Witz verfügte, die für Julian Barnes wichtig sind.

Um zu spüren, wie eine Übersetzung klingt, lese ich sie zuerst einfach als deutschsprachigen Text. Alles, was mir merkwürdig vorkommt, wird mit Bleistift unterstrichen; fällt mir eine Formulierung ein, die vielleicht besser wäre, schreibe ich sie rein. Jetzt erst kommt der Vergleich mit dem Original, und zwar Wort für Wort. Das Redigieren einer Übersetzung kostet mich zehnmal mehr Zeit als das eines gleich langen deutschsprachigen Textes. Zum Glück habe ich ein erotisches Verhältnis zu Wörterbüchern. Auch dem Autor kann man nicht immer trauen: Wenn im vorliegenden Roman zum Beispiel eine Frauenärztin der jungfräulichen Jean Serjeant zeigt, wie man ein Diaphragma einsetzt, geht das denn überhaupt? Eine Ärztin des Universitätsspitals Zürich sagt: «Nein. Erstens einmal würde es furchtbar weh tun, und zweitens würde das arme Mädchen dabei wohl entjungfert.» Triumphierend erzähle ich dem Autor vom Ergebnis meiner Recherche. «Tja», meint er, «da hat mir meine Informantin aber etwas anderes erzählt. In den vierziger Jahren war man offenbar brutaler.» Und wie es sich gehört, behält der Autor damit das letzte Wort. Thomas Bodmer

Der Illustrator

Im Oktober 1984 war's, da reiste ich als Mitglied des United Jazz & Rock Ensemble durch England. Bei längeren Konzerttourneen verbringt man als Musiker täglich viele Stunden im Bus, das heisst, man hat Zeit zum Lesen. Durch Zufall - nein: durch eine Empfehlung in der Literaturbeilage der «Times» - war ich auf «Flaubert's Parrot» von Julian Barnes gestossen, hatte mir das Buch besorgt und war von der ersten Seite an quasi hypnotisiert. Glücklich und verzaubert verbrachte ich fortan meine Reisetage, ohne einen Blick für die nasskalte Industrielandschaft Mittelenglands. - Nach Ende der Tournee schickte ich das Barnes-Buch zum befreundeten Haffmans-Lektor Thomas Bodmer. Der war ebenso angetan wie ich.

Das Cover zu diesem Buch hatte sich fast wie von selbst gezeichnet. An einem kurzen fiebrigen Abend war es fertig, wurde sogleich verpackt und nach Zürich geschickt, ohne jeden Skrupel und ohne den leisesten Zweifel. Es war ein Glücksfall, ein first take. Normalerweise «übe» ich meine Einfälle, mache Skizzen und überprüfe die ursprüngliche Idee in mehreren Varianten. Gefragt war für dieses Buch ein Umschlag, der 1. die zentrale Metapher (In die Sonne sehen) ohne realistische Plattheiten illustriert; der 2. - wenn möglich - die stilistische Raffinesse von Barnes' Sprache widerspiegelt; der 3. - und vor allem - die nötigen Basisinformationen zum Inhalt des Buches liefert.

Der Gestalter der englischen Hardcover-Ausgabe behalf sich mit einem photographierten Sonnenaufgang. Schwache Lösung, fand ich. Auch Julian Barnes war dieser Meinung, und er sagte mir im Gespräch, gerade zu diesem Buch könne er sich eigentlich kaum mehr ein illustratives Cover vorstellen. Auch die englische Taschenbuchausgabe habe ein missglücktes Cover. Durch Zufall erfuhr ich, was Barnes meinte. In der Londoner U-Bahn sah ich einen jungen Mann, der selbstvergessen im Stehen «Staring at the Sun» las. Der Umschlag des Taschenbuches zeigte eine stilisierte Fliegerbrille, in der sich Sonnenstrahlen spiegelten. Es ist selten hilfreich für einen Illustrator, wenn er die Umschlagzeichnungen der Originalausgaben kennt. So auch in meinem Fall. Ich war gewissermassen fixiert auf die Begriffe Sonne und Jagdflugzeug und zeichnete zunächst einen sehr stilisierten, recht kargen Entwurf, der einen Hurricane-Jäger zeigte, der durch eine stilisierte Sonne auf den Betrachter zufliegt. Lektor Bodmer war's, der mich schliesslich auf den entscheidenden Nachteil dieser Umschlagillustration hinwies: in keiner Weise wurde deutlich, dass die Hauptfigur des Buches eine Frau ist. Hhmmm. Tatsächlich. Leider richtig. Also: ganz neu anfangen, die Phantasie freiräumen, neue Bilder vorstellen. Spät in der Nacht dann der entscheidende Kick: die Änderung der Perspektive. Nun hat der Betrachter also die Sonne im Rücken und blickt aus der Vogelperspektive hinunter auf Jean Serjeant. Sie schaut herauf und schützt sich mit erhobener Hand vor den blendenden Sonnenstrahlen. Der unwirkliche Schatten des Flugzeugs über der Wiese bringt einen irritierenden Hauch von Bedrohlichkeit in die Szene und macht den Schnappschuss zum Sinnbild. Volker Kriegel

Der Hersteller

Von Julian Barnes haben wir 1987 das erste Buch aufgelegt und seither jedes Jahr ein weiteres. Wir kennen den Autor und sein Werk recht gut, und wir können schon einmal die Startauflage bei 20 000 Exemplaren ansetzen. Rund vier Monate vor den eigentlichen Herstellungsarbeiten findet die Programmplanung statt. Hier werden die Details zu jedem Titel besprochen und eventuelle Fremdarbeiten vergeben. Im Normalfall kommen wir mit fünf Standardformaten aus, variieren dafür sehr stark bei der Ausstattung, sei es als Leinenband, Pappband oder Broschur mit und ohne Schutzumschlag, mit und ohne Veredelungen wie Prägungen, Schildchen, Kopfschnitt, Leseband, Schuber und dergleichen.

Während der Zeit, in der im Lektorat die Übersetzung redigiert wurde, richtete ich mich in der Herstellung ein für die kommende Produktion. Jedes Buch erhält dann ein eigenes Ablagefach. Darin werden die Unterlagen für den Inhalt (Manuskriptkopie, Revisionen), den Umschlag (Originale, Arbeitsfilme) und die Ausstattung (Musterpapiere, Leinenproben) aufbewahrt. Am Anfang sind die Fächer leer, und je weiter die Produktion fortschreitet, um so mehr füllen sie sich. Meist genügt ein Blick ins Fach, und ich bin über den Produktionsstand im Bild.

Beim Satz vollzieht sich eine erste entscheidende Umwandlung zur Buchform. Noch liegen vor mir Texte, geschrieben auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine, etwa 30 Zeilen mit 60 Anschlägen pro Seite. Durch verschiedenste Gestaltungsmöglichkeiten der typographischen Elemente erziele ich meine Wunschform. Es entsteht Typographie. Als nächstes dann wird für die Umschlagzeichnung die Schrift ausgewählt und montiert, und für die Ausstattung werden Blindmuster hergestellt.

Ganz wichtig ist die Papierqualität. Ich habe ein holzfreies, abgetöntes, leicht elfenbeingefärbtes Papier mit einer feinen, geglätteten Oberfläche gewählt - also kein Löschblatt. Vorausgesetzt, die Schrift wird darauf gut gedruckt, sollte unter der Leselampe ein optimales Bild entstehen. Im Einkauf habe ich vier Offerten für Papier/Druck/Bindung eingeholt: drei aus Deutschland, wovon eine aus dem Osten, und eine aus Österreich. Aus diesem Produktsegment hat sich die Schweiz leider verabschiedet. Neben der Währungsdifferenz bestehen noch Preisunterschiede von 20 bis 30 Prozent. Man druckt hier halt lieber Hochglanzprospekte und Jubiläumsbücher. Gut mithalten können noch Frankreich und Italien. Den Zuschlag bekam die Offizin Andersen Nexö in Leipzig, die noch mit Blei setzt. Die brauchen jetzt dringend Arbeit, und da können wir mit mehr als mit schönen Worten helfen.

Danach war dann noch die Produktion zu überwachen und bei allen Fertigungsstufen die höchstmögliche Qualität zu sichern. Auch bei den Terminen gab es keine Probleme. Mitte Juli erfolgte die Druckfreigabe, und im August wurde ausgeliefert. Urs Jakob

Der Vertriebsleiter

Im Vertrieb arbeiten wir zu dritt. Der Vertrieb ist die Abteilung, die sich hauptsächlich mit den fertigen Büchern beschäftigt, allerdings nicht nur, denn auch schon in der Projektphase des Programms werden die Absatzchancen eines Titels vom Vertrieb mitbeurteilt. Dies geschieht auf Grund der Kenntnis unserer Kundenstruktur, der Marktsituation und der Vertriebsstärke des Verlags. Es gibt Verlage, für die ist der Verkaufserfolg die einzige Existenzberechtigung eines Titels, und da bestimmt dann hauptsächlich der Vertrieb, was produziert wird. Der Vertrieb muss sich aber am Programm orientieren, nicht umgekehrt.

Zwei wichtige Termine im verlegerischen Kirchenjahr sind die Vertreterkonferenzen im Frühjahr und im Herbst. Wir kontrollieren und coachen unsere zehn Verlagsvertreter für Deutschland, die Schweiz und Österreich. Die besuchen pro Halbjahr ungefähr 1600 Buchhandlungen. An der Vertreterkonferenz wird das neue Programm vorgestellt. Die Bücher sind zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht fertiggestellt und liegen meist erst in Form von Fahnenabzügen vor. Der Aussendienst wird nun mit Hintergrundinformationen und Verkaufsargumenten ausgerüstet. Der Verlag berichtet, was er von welchen Titeln erwartet und welche Werbemittel und Verkaufsunterlagen vorgesehen sind. Bei Spitzentiteln, darunter in diesem Herbst der Barnes, produzieren wir schon mal unkorrigierte Leseexemplare für Buchhandel und Presse. Das tun wir aber sehr massvoll und beteiligen uns nicht an der inflationären Zuschwemmpraxis. Der Beachtungswert unserer Leseexemplare ist dadurch auch viel höher und hilft dem Buchhändler beim Einkauf, die Highlights schneller zu erkennen. Dann werden Verkaufsstrategien, Konditionen, Auflagenhöhe, Preise und Umschläge diskutiert.

Der Verlag und sein Vertrieb müssen zwei Aufgaben gleichzeitig lösen: auf der einen Seite den Reinverkauf in die Buchhandlungen mit Hilfe von Vertretern, Vorschau und Handelswerbung in der Fachpresse, auf der anderen Seite die Bewerbung des Käufers, um die Nachfrage anzukurbeln. Ich denke, dass es kaum irgendwo einen so irrationalen Einkauf gibt wie im Buchhandel. Da spielen der Sympathiewert von Vertreter und Verlag genauso eine grosse Rolle wie der Ladenpreis, die Aufmachung der Bücher oder die Konditionen. Gross sind auch die regionalen oder nationalen Unterschiede. Während in Deutschland, besonders aber in Norddeutschland, Preise und Rabatte wichtige Punkte beim Verkaufsgespräch sind, haben diese Dinge für unsere Schweizer Vertreterin keine allzu grosse Bedeutung. Der Franken sitzt halt lockerer.

Mit dem Versand der Nova-Vorschau an Buchhandel und Presse wird auch die Presseabteilung aktiv. Jeder Presseadresse wird ein Bestellformular beigelegt. Die Journalisten haben dann die Möglichkeit, Rezensionsexemplare zu bestellen. Es ist auch hier sinnlos, die Redaktionsstuben zuzuschütten, vielmehr setzen wir auf gezieltes Zuteilen. Die Presseabteilung kontrolliert regelmässig, wo wer welche Bücher rezensiert, Schnorrer fliegen aus der Kartei. Gleichzeitig werden Vorabdrucke placiert. Mit Erscheinen des Buches beginnt dann die filigrane Vertriebsarbeit, Nachbestückung der Buchhandlungen, Nachauflagen disponieren, die Bearbeitung spezieller Kunden. Peter Haag

Der Vertreter

Zum zähen Ringen um die Auslagetische der Buchhandlungen, auf denen der Buchkäufer die letzten Neuerscheinungen sucht, gehört auch das «reisende Tournee-Theater», das ein Verlagsvertreter veranstaltet, als vorletzte Runde sozusagen.

Flankiert von Verlagsprospekten, Programmvorschauen, kostenlosen Leseexemplaren, werbe ich um die Gunst der Buchhändler in meinem Reisegebiet: Baden-Württemberg und Bayern. In vier Monaten besuche ich gut 350 Buchhandlungen, im Gepäck die Unterlagen von über hundert Büchern aus den drei Verlagen, die ich vertrete.

Habe ich ein wenig Glück, haben die Buchhändler sich aus der Flut des Werbematerials der Verlage meine Drucksachen gefischt und bereits gelesen. Es ist für einen Vertreter nicht immer leicht, einen Fuss auf den Boden zu bekommen, das heisst, einen Titel durchzubringen angesichts der geballten Werbemacht und vielen Leseexemplare grosser Verlage.

Da der Verlag von Barnes nun aber schon drei Titel vorgelegt hat, haben die allermeisten Buchhändler eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie viele Exemplare sie verkaufen können. Natürlich hängt das von der Grösse der Buchhandlung oder von der Stadt ab, in der sie ist. Barnes läuft besonders in Universitätsstädten wie Tübingen oder Freiburg oder in Grossstädten. Je nachdem reichen die Vorbestellungen von drei Exemplaren bis zu hundert in einer Münchner Grossbuchhandlung.

Meine Hinweise auf vorangegangene Erfolge des Autors, Lesungen, Auftritte auf der Buchmesse, zugesagte oder vage in Aussicht gestellte Rezensionen sind mein Sirenengesang, der die Buchhändler zu einer möglichst hohen Erstbestellung verführen soll.

Die Aufgabe, Dutzende von Neuheiten den Buchhändlern plastisch vor Augen zu führen, ist in der Kürze der Zeit - also in etwa ein bis zwei Stunden - mit einer Verkürzung der Inhalte und Qualitäten von Büchern verbunden, die mir immer überaus peinlich ist und dem - glücklicherweise nicht anwesenden - Autor gegenüber als eine unzulässige Dreistigkeit erscheint. Julian Barnes wäre über dieses «Herunterverdummen» seines Buches auf einen griffigen, möglichst hohen Verkaufszahlen erzeugenden Kurztext sicherlich schockiert. Dass dieses System, Bücher zu verkaufen, dennoch zu Erfolgen führt, gehört zu den Wundern des Buchhandels. Günther Domnick

Der Buchhändler

Ein Juni-vormittag beim Buchhändler: Wieder liegt ein Leseexemplar auf meinem Pult - broschiert, beschnitten, doch mit dem Umschlag der künftigen gebundenen Ausgabe versehen: Julian Barnes' neuer Roman «In die Sonne sehen». Nicht jedes Vorausexemplar hat so viele Chancen bei mir, gelesen zu werden, denn seit «Flauberts Papagei» lese ich alles, was Barnes veröffentlicht. Leseexemplare sind - nebst der Verlagsvorschau, den Inseraten in den Fachblättern, den Leseproben, den Besuchen der Verlagsvertreter - der aufwendigste Teil eines Informationsstroms, mit dem die Verlage versuchen, uns ihr Programm beliebt zu machen. So bekommt Julian Barnes sofort Konkurrenz: Heute schicken mir andere Verlage neue Texte von Lars Gustafsson, Cees Nooteboom, Martin Walser und Gerold Späth zu, dazu einige Schmöker der Verlage Lübbe und Benziger. Lektüre für einen Monat! Ich bin ganz fiebrig, möchte gleich überall hineinschauen. Es eilt mit der Lektüre, denn die Verlage wollen jetzt unsere Aufträge notieren.

Leseexemplare sind praktisch. Man kann sie ungeniert malträtieren, überall hinnehmen (in meinem Fall sehr oft auf eine Wanderung); man kann unterstreichen, eigene Notizen hinzufügen, auch Fragezeichen. Sie sind aber auch gefährlich: wie leicht beschäftigt man sich ausschliesslich mit dem Neuen! Nur die Novität zählt.

Wie sich (als Buchhändler/-in) entscheiden? Lesen ist Notwendigkeit und Luxus. Notwendig ist es, einen Blick auch in Gängiges - Sachbücher, Romane - zu werfen. Die intensive Beschäftigung mit Julian Barnes hingegen ist - buchhändlerisch taxiert - Luxus! Luxus heisst für uns: a) Bücher ganz zu lesen; b) Bücher zu lesen, für die sich in der Stadt wohl nur wenige Leserinnen und Leser finden lassen; c) Texte von Unbekannten zu lesen. So pendle ich zwischen Pflichtlektüre und subjektiven Lesegelüsten.

Am späten Abend des gleichen Tages: Julian Barnes bietet wiederum ein Lesevergnügen besonderer Art. Und es lohnt sich, Sätze und Abschnitte zwei- oder dreimal zu lesen. Oft gerät man (und das liebe ich!) auf Nebengeleise, und Nebenpersonen werden zur Hauptsache.

Bei allem Lesevergnügen hockt im Hinterkopf die Frage: Wie bringe ich diesen Text unter die Leute? Bücherstapel im Laden machen's nicht aus. Vielleicht wird das Schaufenster helfen. Gut wäre es, wenn noch jemand anders das Buch lesen würde. Kommt es im Team zu einem Konsens? Mit welchen Worten werde ich Julian Barnes in meinem nächsten Bücherbrief und an meinen Büchervorträgen vorstellen? Werden die Medien helfen? Noch ist kein Exemplar des Romans verkauft. Vielleicht wird es uns gelingen, für zehn Exemplare (als Erstauftrag an den Verlag, was für unsere St. Galler Verhältnisse schon viel ist) Kundschaft zu finden. Auf jeden Fall: «In die Sonne sehen» ist ein Buch, das das Gespräch mit der Kundschaft voraussetzt. Louis Ribaux

Der Leser

Nachdem Übersetzer, Verleger, Illustrator, Lektor, Hersteller, Setzer, Korrektor, Buchbinder, Vertrieb und Buchhandel ihr Bestes gegeben haben, um dem Buch zum Leben und zum Leser zu verhelfen, werden sie von diesem höflich, aber bestimmt zur Tür geleitet. Der Leser will nun mit dem Autor allein sein, und die Hinauskomplimentierten müssen sich mit dem Gedanken trösten, dass ihre schwierigste Aufgabe gerade darin besteht, ein Fenster zum Text zu öffnen und das Gespräch, das nun anhebt, nicht zu stören: durch eine Übersetzung etwa, die auf sich selbst hinweist, oder durch eine Ausstattung, die nicht dem Text dient, sondern verlegerischer Prachtentfaltung.

Leser und Autor sind jetzt ungestört. Der Autor erzählt, der Leser hört zu und fragt, vergewissert sich, sinnt den Wörtern nach, wird unvermerkt Teil einer neuen Geschichte. Das Unterfangen duldet keine Gefährten. Der Autor meint ihn, den Einzelnen. Es ist eine Begegnung auf jede Gefahr hin. Von Jean Paul kennt der Leser den Satz, Bücher seien längere Briefe an Freunde. Briefe: nicht Rundbriefe. Zwar lässt sich im nachhinein trefflich über Gelesenes plaudern, und es soll in diesem geschäftigen Treiben gar schon der Sinn des Lebens erblickt worden sein. Lesen jedoch erfordert Abgeschiedenheit - ein schönes Wort, und nicht umsonst ein Lieblingswort Meister Eckharts -, ob der Leser nun im stillen Bücherzimmer oder im überfüllten Bus an sein Buch verloren ist.

Natürlich führt der Leser ein abenteuerliches Leben. Nicht nur lässt er sich auf ungezählte Bekanntschaften mit sonderbaren Gestalten und waghalsige Gedanken über das Weltgebäude ein, durchreist die Geschichte des Universums, sucht im Ortsmuseum von Croisset nach einem ausgestopften Papagei oder in Londoner Vorstadtkinos nach Spuren seiner grossen Liebe, gerät in Schlägereien und in fremde Betten, lässt sich von Onkel Leslie die Schnürsenkel unter der Socke durchziehen, übt mit Toni gewissenhaft flanieren und weiss, wer das Einhorn auf dem Gewissen hat - er riskiert auch, dass die Gestalten, mit denen er sich eingelassen hat, nicht in den Büchern eingeschlossen bleiben, sondern aus ihnen entweichen und ihn besuchen kommen, wann immer ihnen der Sinn danach steht. Das kann, im Schlafen wie im Wachen, zu Verwicklungen führen, und man wird verstehen, dass der Leser, wenn man sich nach seinem «wirklichen Leben» erkundigt, die Frage mit einem Lächeln übergeht. «Wer lesen lernt», sagt er, «wird in die Fremde verschickt; und das ist mitunter ein guter Anfang.» Manfred Papst


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