NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Vom Mut, zu träumen

© Max Grüter
Wer heute ein Grundstück in Khabab kauft, wird vielleicht einmal Millionär. Linktext
Von Mikael Krogerus
Wie wird man reich? Wenn man einmal von purem Glück und roher Gewalt absieht, führen im Prinzip nur zwei Wege zur ersten Million: Erben oder Arbeiten. Das Erben widerspricht einem der wichtigsten Grundsätze der Marktwirtschaft, dem Leistungsprinzip, und es ist kein Zufall, dass sich in den USA Superreiche wie Warren Buffett für hohe Erbschaftssteuern einsetzen. Wie es ist, reich zu werden, ohne etwas geleistet zu haben, erzählt in diesem Heft der jüngste Spross eines Milliardärs.

Der andere Weg, den der Arbeit, kann man halbherzig oder zielstrebig antreten – mühsam ist er so oder so. Und nur selten endet er dort, wo der amerikanische Traum in Erfüllung geht. Wer es doch schafft und reich wird, wird hierzulande gern beargwöhnt. Es ist irritierend, dass man ausgerechnet in der reichen Schweiz dem Erfolg mit Misstrauen begegnet und dem Reichtum mit Missgunst. Dabei sollte sich niemand dafür schämen müssen, dass es ihm finanziell gutgeht. Bodenständigkeit und Bescheidenheit sind zwar hehre Werte, tief verwurzelt in der agrarischen Geschichte der Schweiz und im Bewusstsein ihrer Bewohner – aber oft verstecken sich dahinter Behäbigkeit und Kleinmut. Man neidet dem Nachbarn seinen schönen Hof, traut sich selbst jedoch nicht, einen schöneren zu bauen. Kein Wunder, dass Schweizer Jungunternehmer nur selten im grossen Stil erfolgreich sind. Wenn einer sich dennoch aufmacht, um sein Schicksal in die Hand zu nehmen, kann er nicht mit Bewunderung rechnen. Erst recht nicht, wenn der Tellerwäscher ein Türke ist, wie die Geschichte eines Selfmadeunternehmers zeigt, der aus Furcht vor Neid und Ausländerfeindlichkeit die Öffentlichkeit scheut.

Wer wird Millionär? fragten wir eine Reihe von Experten. Sie gaben uns Hinweise auf brillante Menschen, die noch nicht das grosse Geld gemacht haben, es sich aber trotzdem leisten, an ihre Ideen zu glauben. Was sie alle verbindet, ist der Mut, hinzufallen, der Wille, wieder aufzustehen, und die Einsicht, dass wir eigene Wege gehen müssen, wenn wir weiterkommen wollen.

Wer sich von diesem Heft einen Blick durch das Illustriertenfenster auf dekadente Verschwender erhofft hat, wird übrigens enttäuscht. Die erste Million ist nicht eine Metapher für Reichtum, sondern für den Mut, zu träumen.


Leserbriefe:

Zu Editorial -- Vom Mut, zu träumen - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)

Herzliche Gratulation, diese Ausgabe ist Ihnen gut gelungen. Der Futterneid ist immer wieder ein Thema, und manch einer bleibt lieber bescheiden nach aussen, als dass er zu viel sagt. Ich verstehe die Geschichte über den Kebab-König sehr gut, ich erlebe solche Situationen täglich.
Unsere Familie wanderte aus der Schweiz aus, Anfang des 19. Jahrhunderts. Meine Mutter war die älteste von 13 Geschwistern. Unsere Tante hatte in Bern diverse Geschäfte, was für meine Mutter der Grund war, 1959 in die Schweiz zurückzukommen und dort zu arbeiten. Mein Vater flüchtete 1956 aus Budapest mit sehr guter Ausbildung via Oesterreich, wo er drei Jahre blieb, in die Schweiz. Auch wir bekamen es während der ganzen Schulzeit zur Genüge zu spüren. Und es hörte danach nicht auf. Im Jahre 1998 absolvierte ich die höhere eidg. Prüfung zur Exportfachfrau, und als ich den Schweizer Pass hinlegte, da wir uns ausweisen mussten, wurde ich vom Experten mit komischen Fragen angemacht. Ich hielt den Mund, da ich sonst wahrscheinlich durchgefallen wäre.
Es hat sich in den 46 Jahren nicht viel geändert, man hat nichts daraus gelernt. Bedenkt man, welch grosse Unternehmen in der Schweiz von Einwanderern gegründet worden sind, kann man nur staunen... Die Sichtweise zu ändern, wäre vielleicht ein Schritt nach vorn, wir bewegen uns jedoch rückwärts. Am besten ist man ruhig, still, und sagt nichts. Muss dies so sein in einem Land, in dem  Demokratie gross geschrieben wird? Manche Entwicklungsländer sind dort weiter, und wir könnten von ihnen lernen, mehr als uns hier in der Schweiz lieb ist.
Angelica Szöke, per E-Mail



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