NZZ Folio 08/93 - Thema: Romandie   Inhaltsverzeichnis

Romands im Portrait III -- Die Bäuerin

Von Claude Darbellay

DER BAUERNHOF ist von 1720. Das Haus überstand den Brand vor zehn Jahren dank der Brandmauer. Wir sind auf 900 Metern, im Kanton Freiburg, «fast in den Bergen», sagt uns Marie-Joseph Brodard, «aber jetzt, mit der Autobahn, ist Lausanne oder Genf nicht mehr am anderen Ende der Welt». Früher, als sie ein Kind war, ging man zu Fuss, zu Pferd oder mit dem Traktor.

Marie-Joseph ist auf dem Bauernhof geboren. Sie sollte eigentlich Jean-Joseph heissen. Ihre Eltern erwarteten einen Knaben. Noch heute kann man hören: «Der Arme, er hat nur Mädchen.» Darum setzt sie sich für die Verbesserung der Stellung der Frau ein und ist Präsidentin der Freiburger Bäuerinnenvereinigung. Langsam ändern sich die Dinge. In den Betrieben arbeiten Mann und Frau zusammen, die Bäuerin wird als Mitarbeiterin angesehen, «sie kann mehr als früher mit dem Mann und den Kindern diskutieren. Auch wenn die Frau vorschlägt und der Mann entscheidet.» Sie lacht.

Die Bauerngüter liegen ziemlich einsam. Man sieht nicht viele Leute. Darum treffen sich die Frauen und reden miteinander. Man muss die Widerstände besiegen. «Manche Frauen haben ein wenig Angst, aber sie fürchten nicht mehr zu missfallen, sie wagen zu sprechen. Und wir haben das Stimmrecht erst spät bekommen.» Da war sie schon verheiratet. Heute besuchen die Bäuerinnen Fortbildungskurse, laden Redner ein. Was halten die Männer davon? Die meisten lassen sie machen. Sie sind nicht dagegen, aber sie fragen sich, ob das wohl nützlich sei. Andere unterstützen sie. «Einige denken, ja, was die Frauen machen, ist gut, aber Frauen bleiben Frauen.» Jedes Jahr organisiert die Vereinigung für die Frauen drei Ruhetage. Im Wallis, in Saillon, im Thermalbad. «Das hat viel Erfolg. Sie haben Lust, etwas anderes zu tun, zu lachen. Sich anzuvertrauen.»

Der Mann ist im Chalet, auf der Alp, mit seinem Sohn und zwei Saisonniers aus Portugal. «Die Schweizer wollen nicht. Die Arbeit ist zu anstrengend.» Vor der Einführung der Melkmaschine sass ihr Mann sieben Stunden im Tag auf dem Melkstuhl.

Jetzt sind sie nur noch 5 Prozent der Bevölkerung und somit eine Ausnahme. Fühlen sich ungerechterweise kritisiert. Man wirft ihnen vor, zu teuer zu sein, während sie nur «anständig» leben wollen, das heisst «normal». Wenn sie billiger produzieren, schlägt das nicht auf die Konsumentenpreise durch. Die Zwischenhändler stecken den Gewinn ein. Und dann sind die Bauern tief verschuldet, man muss Steuern zahlen, Versicherungen. Man sagt ihnen: «Ihr lebt mit nichts, eure Kinder kosten nichts, ihr habt alles, ihr könnt es einfach aus dem Tiefkühler nehmen.» Viele Bauern können es sich nicht mehr leisten, hierzubleiben. Sie verkaufen und wandern aus, nach Kanada zum Beispiel, wo Marie-Joseph zu ihrem zehnten Hochzeitstag war.

Die Freizeit? Ihr Mann spielte in der Blaskapelle, Bügelhorn. Nach 28 Jahren war er müde und hörte auf. Der Sohn spielt Trompete, und die zwei Töchter spielen Klavier. Sie liest gerne, «alles, was öffnet, die Phantasie anregt». Ferien? Manchmal eine Woche im Winter, im Wallis, oder nur kurz im Ausland. Keine Zeit.

Auf einem Gestell russische Puppen, ein Geschenk ihrer Schwester, die sie von dort mitgebracht hat. Die Kaffeelöffel kommen aus Brasilien, von einem Onkel.


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