Am Anfang dieses Hefts stand eine einfache Frage: Was tun eigentlich die Geheimdienste heute, nachdem der kalte Krieg vorbei, der Gegner von ehedem verschwunden ist? Und ebenso einfach schien auf Anhieb die Antwort: Sie bauen Personal ab, sie reduzieren gleichsam ihre Produktion, wie das üblicherweise in einer Rezession geschieht. Doch schnell stellte sich heraus, dass das Gegenteil der Fall ist: Die Geheimdienste haben Konjunktur, sie diversifizieren und intensivieren ihre Tätigkeit.
Mit Feinden sind die Geheimdienste schnell zur Hand, wenn es darum geht, die eigene Bedeutung zu legitimieren. Und geben ihnen die Ereignisse nicht recht? Gibt es da nicht - Beispiel einer Bedrohung - hochgefährlich radioaktive Stoffe aus den ehemaligen Ostblockstaaten, die neuerdings im Westen auftauchen? Gab es da nicht - Beispiel eines Erfolges - die aufsehenerregenden Verhaftungen einer Reihe wichtiger Mafiabosse? Nur der Naive wird glauben, dass das nur ein Verdienst der Polizei war. Wer sich mit Geheimdiensten beschäftigt, wird - ohne darum gleich zum Verschwörungstheoretiker zu werden - ab und zu eine Zeitungsmeldung mit anderem Blick lesen als zuvor.
«Alle Kriege unseres Jahrhunderts haben durch falsche Beurteilung der Lage auf Grund unzulänglicher und schlecht ausgewerteter Informationen angefangen.» Der ehemalige CIA-Direktor McCone verstand seine Aussage als Plädoyer für einen gut funktionierenden Geheimdienst. Lässt sich jedoch politischen Fehlentscheidungen vorbeugen, indem man die Budgets der Geheimdienste erhöht? Kann man darauf hoffen, dass angesichts der Dezentralisierung der heutigen Konflikte ein verstärktes Engagement der Geheimdienste den Politikern die Grundlagen liefert, der zunehmenden Instabilität Herr zu werden?
Unser Heft beansprucht nicht, solche Fragen schlüssig zu beantworten. Es geht darin auch nicht einfach um die oberflächliche Enthüllung spektakulärer Aktionen. Ziel war vielmehr, den Stand der Dinge zu dokumentieren. Autoren, die die Arbeit der Geheimdienste seit langem verfolgen, legen dar, welche Auswirkungen der politische Umbruch auf die Dienste hatte - oder eben nicht - und welchen Aufgaben sie sich zuwenden. Dass dabei auch der eine oder andere Mythos angekratzt wird, ist nicht ganz unbeabsichtigt.