NZZ Folio 07/98 - Thema: Privacy   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Sogar die Katze

Von Herbert Cerutti

MAN NEHME ein sehr langes Seil und spanne es am Äquator straff um den Globus (wobei wir uns Berge und Täler flach denken und uns die Ozeane nicht stören sollen). Dann schneide man das Seil durch und knüpfe einen zusätzlichen Meter Seil daran. Das Seil um die Erdkugel von 40 000 Kilometer Länge ist jetzt also ein ganz klein wenig länger. Wenn man nun den zusätzlichen Meter gleichmässig rund um den Globus verteilt, liegt das Seil nicht mehr straff am Boden - es entsteht zwischen Boden und Seil ein Abstand. Frage: Wie gross ist dieser Spalt? Könnte wohl eine winzige Mücke unter dem Seil durchfliegen? Oder sogar ein kleines Mäuschen unter ihm durchhuschen?

Die Antwort: Selbst unsere Hauskatze kommt durch den Spalt. Denn das Seil schwebt jetzt dem ganzen Äquator entlang 16 Zentimeter über dem Boden.

Was die meisten von uns verblüfft, hat eine simple mathematische Basis. Die ursprüngliche Seillänge war gleich dem Erdumfang U und entsprach somit dem Erdradius R mal 2Pi, also U = 2pR. Mit dem zusätzlichen Meter ändert sich die Gleichung wie folgt: U + 1 = 2p (R+X), wobei X der Abstand zwischen Seil und Boden sei. U+1 sind also 2pR + 2pX. Setzt man nun für U die 2pR der ursprünglichen Gleichung ein, so ergibt sich 2pR + 1 = 2pR + 2pX. Woraus man leicht X = 1:2p = 0,16 (also 16 Zentimeter) rechnet.

Warum will uns das Resultat fast nicht in den Kopf? Weil wir gefühlsmässig mit ungleichen Ellen messen. Wir sehen das riesige, lange Seil, das von Afrika über den Indischen Ozean und den Pazifik nach Südamerika und über den Atlantik wieder zurück nach Afrika gespannt ist. Und da setzen wir ein lächerliches Meterstück hinein. Muss denn dieser Zusatz von einem Bruchteil eines Millionstels nicht einen Bodenabstand ergeben, der im Vergleich zum Meterstück ähnlich verschwindend klein ist?

Wir erkennen den Trugschluss, wenn wir die 16 Zentimeter mit dem Erdradius von 6400 Kilometer vergleichen. Jetzt wirkt der Spalt ähnlich bescheiden wie das Meterstück angesichts des Erdumfanges. Wir dürfen eben globale Probleme nicht aus der Mäuschenperspektive sehen.


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