«IN MEINEM NÄCHSTEN LEBEN will ich als Mädchen geboren werden.» - Zu diesem Wunsch erbittet Tokios populärer Sender TBS Beiträge für eine Talkshow. Als Mädchen geboren werden wollen? In einem Land, wo weibliche Thronfolger ausgeschlossen sind? Wo sich die Älteren noch daran erinnern, dass Kinder und Töchter separat gezählt wurden? Wo Frauen als «Blumen des Arbeitsplatzes» bezeichnet werden? TBS kriegt trotzdem massenhaft Anrufe - von Männern und von Frauen. Immer mehr Japaner können sich vorstellen, dass ein Frauenleben lebenswert, ja attraktiver als ein Männerleben ist.
Leo Takamura zum Beispiel. Leo Takamura wäre gern ins Oberhaus eingezogen. In einen königsblauen Kimono mit Silberglitterborte gehüllt, unter gelben Haaren und Wimpern so lang wie Essstäbchen, versuchte er im Juli mit Kussmündchen das Wahlvolk für sich und die Friedens- und Sportpartei zu gewinnen. Leider vergeblich. Aber immerhin. Ein Kandidat, der so unverhohlen die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischt, wäre noch vor kurzem kaum fernsehfähig gewesen. In der Freakshow schon, aber nicht in seriösen Wahlkampfspots des staatlichen Fernsehens.
Eine Randerscheinung, vielleicht. Aber andere Zeichen sind untrüglich: Zwischen den Geschlechtern tut sich Ungewohntes im Japan unserer Tage. Takamura ist ein Farbtupfer. Einschneidender ist die Verordnung der Stadtverwaltung von Nara. Im Mai bekamen es alle Mitarbeiter schriftlich: Tee einschenken soll sich von Stund an jeder selber, ob Mann, ob Frau. Teetassen aufräumen und abwaschen ebenso. Da geht es schon mehr ans Lebendige. Welcher Büroangestellte konnte denn bisher ordentlich arbeiten, wenn ihm nicht ab und zu Tee eingeschenkt wurde, von weiblicher Hand, versteht sich?
«Der japanische Mann», sagt Kimio Ito, Japans erster Männerforscher, «hat drei Mütter: die, die ihn gebar, die, die er heiratet, und die, an deren Busen er sich abends in der Bar ausweint.» Sowohl seine Frau als auch die Bardame hinterm Tresen nennt er wie seine Mutter: Mama. Auch mein Nachbar nennt seine Frau Mama, obwohl sie keine Kinder haben. Und wenn bei uns eine Betreuerin aus dem Kindergarten anruft, fragt sie nach Mama. Ich bin dann immer versucht zu sagen, meine Mutter wohne nicht in Tokio. Mit drei Müttern habe Ito aber noch zu niedrig gegriffen, sagen seine Kritiker. Es gebe eine vierte, die Frau am Arbeitsplatz nämlich, die praktische Verrichtungen für ihn erledigt. Für sich selbst zu sorgen, dazu seien viele japanische Männer nicht in der Lage.
Für die Abhängigkeit von ihren diversen Müttern rächen sich die Männer, indem sie sich dem anderen Geschlecht gegenüber mehr herausnehmen, als man in der industrialisierten Welt für zulässig hält. Das soll sich ändern. Für Ordnung sorgte bisher die Frau, jetzt soll es auch der Mann tun. Was weiblich war, soll nicht mehr nur die Frau betreffen, was männlich war, nicht mehr nur den Mann. Japan erlebt eine stille Revolution. «SEKUHARA» ZUM BEISPIEL. Nur das Wort ist neu, nicht die Sache. Bloss war sie früher nicht der Rede wert. Sekuhara kommt vom amerikanischen sexual harassment. Für eine fremdartige Vorstellung bedient man sich eines fremden Worts. Die Frauen wissen, worum es geht: Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage wird rund die Hälfte von ihnen am Arbeitsplatz sexuell belästigt. Vier von fünf Frauen müssen sich im Gedränge voller Züge den Hintern tätscheln lassen. Aber immer weniger Frauen nehmen das einfach hin. Dass die Sache jetzt beim Namen genannt wird, deutet auf einen Bewusstseinswandel hin.
Wie es dazu kam? Auch wenn es einzugestehen vielen schwerfällt: Inspiration und Schützenhilfe lieferten die amerikanischen Schwestern. Seit Jahren machen sie den Japanerinnen Mut, etwa im Fall Mitsubishi. Weibliche Angestellte von Mitsubishi Motors in den USA machten ihren japanischen Managern die Hölle heiss und erleichterten die Firma um Millionen mit Klagen wegen sexueller Belästigung. Sollten solche Massstäbe nicht auch in Japan gelten?, fragte sich da so manche «Blume des Arbeitsplatzes». Der Fall Mitsubishi hat die stille Revolution vorangetrieben. Stadtverwaltungen haben heute sekuhara -Beratungsstellen und Hot Lines. In den Hochschulen haben Professorinnen und Rechtsanwältinnen 1997 ein landesweites Netzwerk sowie einen Hilfsfonds für Prozesskosten eingerichtet.
Offener diskutiert wird auch Gewalt in der Ehe. In Kobe wurde kürzlich ein Zentrum zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen eröffnet, das erste in Japan. Fast ein Drittel der Frauen werden regelmässig körperlich oder seelisch misshandelt. Früher war das ein privates Problem. Selbst von ihren Eltern bekamen misshandelte Frauen oft den Rat, ihr Schicksal schweigend zu ertragen, der Familie zuliebe. Heute betrachtet man Gewalt gegen Frauen als ein gesellschaftliches Problem.
DIE FRAUEN KÄMPFEN aus einer Position der Schwäche. Im Parlament stellen sie nur 7,6 Prozent der Abgeordneten. Auf Kabinettsesseln dürfen sie selten Platz nehmen, mehr als drei Ministerinnen gleichzeitig waren es noch nie. Japans erster Minister für Frauenangelegenheiten war Yohei Kono, der spätere Aussenminister. Die Demokratische Partei ist die erste Partei Japans, die eine Quote bei ihrer Kandidatenkür eingeführt hat.
Doch die Frauen drängen in die Politik. Ihre Wahlbeteiligung übersteigt heute die der Männer. Das trägt zu der Umbruchstimmung bei, die Japan ergriffen hat. Die «Madonna-Wahl» von 1989 wurde so genannt, weil ungewöhnlich viele Frauen kandidierten. Die Sozialisten wählten Takako Doi zur Parteivorsitzenden. Sie hauchte der schon komatösen Partei noch einmal Leben ein. 1993 wurde sie Parlamentspräsidentin.
Um die UN-Konvention gegen die Diskriminierung von Frauen von 1979 ratifizieren zu können, brach das Parlament 1985 ein Gleichstellungsgesetz übers Knie. Es erwies sich bald als unzulänglich, denn Sanktionen sah es nicht vor. 1997 wurde das Gesetz ergänzt, Arbeitgeber sind nun verpflichtet, gegen sexuelle Belästigung vorzugehen. Auch das allgemeine Arbeitsgesetz wurde modifiziert, die Zahl der zulässigen Überstunden ist heute für Frauen und Männer gleich. Seit Juni dieses Jahres müssen ausserdem Stellenausschreibungen geschlechtsneutral formuliert werden.
1996 gewannen zwölf weibliche Angestellte einen Rechtsstreit mit der Shiba Credit Association. Ein Gericht verurteilte die Firma dazu, die Frauen mit über einer Million Franken zu entschädigen, da sie bei anstehenden Beförderungen diskriminiert worden seien. Das Urteil markierte eine Wende in der japanischen Rechtsprechung. Es war das erste, das die Personalführung eines Betriebs am Gleichstellungsgebot mass, als diskriminierend bewertete und die Firma zu Zahlungen verpflichtete.
DIE «GLÄSERNE DECKE», die Frauen häufig von der Chefetage trennt, ist zurzeit Gegenstand einer sehr populären Fernsehserie. Die Decke wird langsam durchlässiger. Mehr Frauen studieren und arbeiten in bisher Männern vorbehaltenen Berufen. Fortschrittliche Firmen bewerten heute bei Beförderungen die Qualifikation höher als das Dienstalter. Für Frauen steigen damit die Chancen.
Aber nicht alle Frauen wollen Karriere machen. In der japanischen Gesellschaft steht die Hausfrau, die die Kinder aufzieht und die Familie zusammenhält, nach wie vor in hohem Ansehen. Von ihren Müttern unterscheiden sich die Frauen der jungen Generation aber dadurch, dass sie nicht mehr ausschliesslich Hausfrau sein wollen. Patotaimu, Teilzeitarbeit, erlaubt ihnen ein Selbstverständnis als arbeitende Frau. Dass Frauen durch strukturelle Diskriminierung von einer Berufskarriere ferngehalten werden, ist eine Seite der Rollenverteilung der Geschlechter. Die andere ist, dass sie sich mehr als die Männer weigern, ihr Leben auf Arbeit zu reduzieren. Aber ihr finanzieller Beitrag zum Familienbudget wird immer unerlässlicher.
In Japan arbeiten 62 Prozent aller arbeitsfähigen Frauen. Nur in Skandinavien, in den USA und in Kanada arbeiten mehr, in Deutschland, Frankreich und Italien sind es weniger. Sie verdienen weniger als Männer, da die Gehälter immer noch häufig nach Dienstalter gestaffelt sind. Frauen haben gewöhnlich kürzere Lebensarbeitszeiten und erreichen deshalb nicht die gleiche Gehaltsstufe wie Männer. Der Abstand verringert sich jedoch. 1992 wurde das erste Freistellungsgesetz für Kindererziehung verabschiedet. Nach Geburt und Erziehungsurlaub können Frauen jetzt in ihre Stellung zurückkehren.
DASS JAPANISCHE MÄNNER UND FRAUEN sich geändert haben, zeigen auch naturwissenschaftliche Untersuchungen. Die Stimmlage zum Beispiel. Während der letzten 30 Jahre haben sich die Frequenzen männlicher und weiblicher Sprechstimmen verschoben, erstere sind höher, letztere tiefer geworden. Frauen zwitschern weniger, Männer sind im Ton verbindlicher geworden. Allgemein hat die Körperkraft der Frauen zugenommen.
Manche Männer haben mit den stärkeren Frauen ihre Probleme. Davon zeugt eine florierende Sexindustrie, die es den Männern erlaubt, ihre Phantasien mit Pornocomics, Telefonsex, Videos auszuleben; davon zeugt auch die Zunahme sexueller Gewaltverbrechen an Jugendlichen und die Popularität von Prostituierten in Schulmädchenuniformen.
Allgemein lässt der Konformitätsdruck nach. Homosexuelle bekennen sich offener zu ihrer Neigung, Tabus verschwinden, wie bei der ersten Geschlechtsumwandlungsoperation vor zwei Jahren. Männer, die als Frau durchs Leben gehen wollen, brauchen nicht mehr auf ihre Wiedergeburt zu warten.
Viel mehr als in der Wiederaufbauphase nach dem Krieg, als alle vor allem daran dachten, Geld zu verdienen, sind heute Männer und Frauen bereit, Konventionen zu missachten oder umzuformen. Das Individuum tritt in den Vordergrund. Für viele heisst das, dass es auch seinen eigenen Namen haben soll.
IM NOVEMBER 1993 wies das Tokioter Landgericht die Klage von Reiko Sekiguchi ab, die gefordert hatte, ihren Mädchennamen behalten zu dürfen. Ihr Arbeitgeber, eine Universität, hatte sie daran gehindert. Schriftstücke von ihr nahm sie nur entgegen, wenn sie darin den Namen ihres Mannes benutzte. Ihr Gehalt wurde ihr nur als Trägerin des Namens ihres Mannes ausbezahlt. Dienstliche Reisekosten wurden ihr nicht erstattet, wenn sie den Antrag im eigenen Namen stellte. Das Gericht gab der Universität recht, ein verheiratetes Paar muss sich für den Namen eines der Ehepartner entscheiden. So wolle es das Gesetz, wurde Frau Sekiguchi beschieden. Inzwischen wollen immer mehr Paare bessei, getrennte Namen. 80 Prozent der Frauen zwischen 20 und 40 und 55 Prozent aller Befragten waren Mitte der neunziger Jahre für eine freie Wahl des Namens; noch Ende der achtziger Jahre waren es nur 25 Prozent gewesen. Eine Gesetzesänderung ist nur noch eine Frage der Zeit.
Allerdings geht es bei bessei nicht nur um Namen. Immer mehr Paare verzichten darauf, ihre Eheschliessung zu registrieren: Schleier ja, Gäste, Hochzeitskuchen, alles, was dazugehört, aber keine Eintragung beim Standesamt. Der Grund dafür ist das alte System des Familienregisters, in dem eine Person als Haushaltvorstand ausgewiesen werden muss; früher immer, heute fast immer der Mann. Die im Familienregister enthaltenen Informationen - wer hat wen geheiratet, wer hat wann sich scheiden lassen, wann ein Kind gekriegt - sind öffentlich zugänglich. Da Scheidungen und uneheliche Kinder nur für Frauen ein Stigma sind, zementiert dieses System die Herrschaft des Mannes über die Frau. Wer seine Eheschliessung nicht registriert, setzt sich dem nicht aus und behält das Recht, getrennte Namen auch in offiziellen Dokumenten zu benutzen. Die zunehmende Beliebtheit dieser De-facto-Ehe zeugt von der grösser gewordenen Unabhängigkeit der Frauen.
DIE TRADITIONELLE JAPANISCHE ist zerstört. Sind die Frauen schuld? Ihre selbstbewusstere Lebensweise, ihre grössere ökonomische Unabhängigkeit lässt sich in Zahlen ausdrücken: mehr Scheidungen (1970 waren es 95 000, ein Vierteljahrhundert später 207 000), weniger Kinder (1,4 Kinder pro Frau, ein Rekordtief), mehr alleinerziehende Mütter. Es gibt im heutigen Japan insgesamt eine grössere Bandbreite möglicher Lebensmodelle und damit weniger Konformität, aber auch eine grössere soziale Instabilität.
Ob man den Wandel der Geschlechterrollen als Komponente der wirtschaftlichen Umstrukturierung vom Industrie- zum Konsumkapitalismus betrachtet oder als Vorbote grosser sozialer Erschütterungen, der Japans definitiven Abschied von den traditionellen Tugenden des Gruppenethos und die Hinwendung zum Individualismus signalisiert - gewiss ist, dass dieser Wandel eine Folge des Wohlstands ist. Ohne die Boomjahre wäre diese stille Revolution nicht möglich gewesen.
Florian Coulmas, Soziologe, lebt in Tokio.