KLAR, WIR FAHREN nur aus zweckrationalen Gründen, können gar nicht anders. Und das neue Auto - also wirklich eine reine Kosten-Nutzen-Entscheidung für 55 000 Franken. Tiefergelegt, mit Alufelgen, wegen der Spritersparnis, wissen Sie. Auch die Strassenlage ist so besser, Spitze übrigens zweihundertfünfzehn. Tja, und schwarz sieht halt ein bisschen schicker aus. Gut, gut, im Sommer - aber daher ja auch die Klimaanlage; war sowieso im Zusatzpaket.
«Auto», griechisch «selbst», nennen wir kurz das Automobil, den «Selbstbeweger», und verkürzen den Namen auf den (was seine Funktion angeht) klar unwesentlicheren Teil. Denn eigentlich müssten wir es ja Mobil nennen. Wir fahren aber nicht «Mobil», sondern eben «Auto» und kutschieren damit buchstäblich unser Selbst durch die Lande. Wir sind auto-mobil, selbst in der Lage, uns zu bewegen, unabhängig - und wehe, wenn dieses Privileg vermeintlicher Eigenständigkeit mit verkehrspolitischen Einschränkungen beschnitten werden soll. Solche Zumutungen lassen die Automobilisten laut aufschreien.
Die enge Verbindung zwischen dem Selbst und der Bewegung ist entwicklungspsychologisch bedingt: Die zunehmende Beweglichkeit des heranwachsenden Kindes bedeutet zugleich grössere Unabhängigkeit. Denn wie kein anderes Säugetier ist der Mensch lange völlig hilflos und auf seine Versorger angewiesen. Die ersten Bewegungen sind hin und fort. Eine Hinwendung des Säuglings mit dem Kopf: da ist die Mutter! Eine weitere Bewegung: fort ist sie wieder, «fortbewegt». Zunehmende Bewegungsfähigkeit und wachsendes Selbstvertrauen sind untrennbar verknüpft. Herausgekrabbelt aus dem elterlichen Wohnzimmer, hinein in die Welt der Küche voller Abenteuer.
Schnell wächst der Radius, und mit ihm wachsen die Fortbewegungsmittel. Wie selbstverständlich begleiten wir dabei unsere Kleinen und bereiten sie auf ihr künftiges mobiles Leben vor. Dreirad, Roller, Fahrrad und Skates werden bereitgestellt - und dankbar genutzt. «Schau mal, was ich (schon) kann!» Mit dem Dreirad die zwei Stufen hinunter, per Fahrrad durch die Pfütze, rasch noch mit den Rollschuhen über den Platz geflitzt: Moveo, ergo sum.
Kompetenzgefühle stärken das Selbstbewusstsein und fördern die wachsende Abgrenzung von Eltern und Lehrern. Dabei spielen die Abenteuer eine wesentliche Rolle. Das Bewusstsein der eigenen Möglichkeiten wächst parallel zur persönlichen Identität. Doch sind solche Kompetenzerfahrungen keineswegs auf den Bereich der Mobilität, der eigenen Bewegungskraft, beschränkt.
Viel schwieriger als äussere, körperliche Bewegung ist innere Beweglichkeit zu erlangen. Denn die notwendige Ablösung von den Eltern erfordert mehr als blosse räumliche Trennung. Innere Loslösung benötigt das wachsende Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten. Da mag es leichter fallen, sich rasend schnell per GTI von Muttis Herd zur Disco zu bewegen (und ebenso schnell oder schneller noch wieder zurück) als wirkliche Eigenständigkeit zu erlangen - die Fähigkeit nämlich, einigermassen angstfrei auf eigenen Füssen zu stehen, ohne elterliche Stützen.
Sich selbst als getrennt und unabhängig von anderen zu erleben erfordert vor allem geistige Beweglichkeit: die Fähigkeit zu autonomem Denken, zu Werturteilen. Und da dies viel mehr psychischen Aufwand verlangt und zudem erhebliche Ängste auf den Plan zu rufen vermag, bietet sich eine Verwechslung geradezu an: innere Beweglichkeit wird durch äussere Bewegung ersetzt. Raserei und innere Starre sind Zwillinge. Der Mut zu eigenen Gedanken, allemal schwierig und ängstigend, schrumpft zur Mut- und Kraftprobe. Es sei leichter, meinte Henry David Thoreau, «mit fünfhundert Mann auf Staatskosten viele tausend Meilen weit durch unwirtliche Gewässer zu segeln, als für sich allein das Binnenmeer der Seele zu erkunden».
Thrills, Angst-Lust-Erlebnisse mit Grenzerfahrungen sind männlichen Jugendlichen wichtiges Zeugnis ihrer wachsenden Autonomie. Mit quietschenden Reifen oder per Bungee-Sprung glaubt sich der junge Mann seiner Angebeteten zu empfehlen und beweist sich und seinen Freunden gleichzeitig seine «Coolness». Cool, nämlich angstfrei und mit möglichst trockenen Hosen, möchte der Jugendliche seine Autonomie beweisen. Denn der postindustriellen Gesellschaft sind die Initiationsriten abhanden gekommen, die Naturvölkern zur symbolischen Unterstützung des Wechsels vom Jugendlichen zum Mann zur Verfügung stehen. Bezeichnenderweise werden Mädchen auch dort zumeist weniger spektakulär in die Welt der Erwachsenen eingeführt. Längst ist hierzulande der Führerschein - weit mehr noch als die lange nicht jedem zugängliche Reifeprüfung - zur Eintrittskarte in die Welt der «Grossen» avanciert. Eine bemitleidenswerte halbe Portion, wer ihn nicht besitzt, lächerlich immobil und vor allem in ländlichen Gegenden auf andere beschämend angewiesen. Kein Wunder also, dass besonders junge männliche Fahrer ihren frisch erworbenen Führerschein nutzen, um durch automobile Mutproben und Grenzerfahrungen buchstäblich bis an die physikalischen und psychischen Grenzen zu gehen. Allerdings sind diese Verhaltensweisen nicht auf jugendliche Männer beschränkt. Denn besonders Herren in den besten Jahren neigen gleichfalls zu rücksichtslosem Einsatz ihres noblen Gefährts und geniessen Geschwindigkeitsrausch und den Rausch der Affekte: das Auto vermittelt Grössengefühle - auch kleinen Leuten.
Rauschgefühle und die enorme Potenzierung der eigenen Kräfte durch das Auto verursachen ein Phänomen, das Psychoanalytiker Regression nennen. Ähnlich dem Alkoholrausch führt der regressive Rausch der Geschwindigkeit und führen die damit verbundenen Grössengefühle zu einer Verminderung der Affekt- und Impulskontrolle. Gefahren werden nicht mehr wahrgenommen, eigene Fähigkeiten mitunter weit überschätzt.
Die Folgen sind als alltägliches Feldexperiment auf jedem Autobahnteilstück zu sehen, nicht selten auch im Stadtverkehr: Rivalität und Wettkampf, sonst kaum je offen sichtbar, werden im automobilen Zweikampf hemmungslos ausgelebt. Wer sich unvermittelt von einem Rechtsüberholer bedroht sieht, setzt alles daran, das unziemliche Manöver, das ihn zudem in den Augen der mitfahrenden anderen Kolonnenteilnehmer lächerlich machen könnte, durch Aufschliessen auf seinen Vordermann zu verhindern - bei Tempo hundertvierzig. Zwei Erwachsene riskieren ihr Leben und das anderer Verkehrsteilnehmer für ein paar Meter und ein paar Sekunden Vorsprung.
Beide Fahrer erleben ihr Auto als verlängerten Teil ihres Selbst und verhalten sich, als ob das Auto Teil ihres Bewegungsapparates sei: wer kann schneller rennen, ist eher am Ziel, kann den anderen ausschalten? Der Verlierer steht vor sich und dem Sieger kleiner, schwächer, vielleicht sogar lächerlich-impotent da. Der Sieger aber sonnt sich im Glanz, sein Fahrzeug besser zu beherrschen, hat ein potenteres Verhalten gezeigt, ist stärker und klüger. Nur für einen Moment halten Befriedigung oder Frustration an, um bereits der nächsten Situation zu weichen, in der es erneut um die geschilderten Werte geht. Immer wieder neu kann man verlieren oder siegen, wie bei einer neuen Spielrunde, wobei der Ausgang der vorherigen Runde massgeblich die Stimmung der Spieler bei der folgenden bestimmt.
Völlig abwegig ist daher die verbreitete Annahme, im Strassenverkehr würden Aggressionen abgebaut. Bereits ein einziger Drängler versetzt die mitfahrende Kolonne in ängstliche oder aggressive Stimmung. Aggression steckt an, wusste der Konfliktforscher Friedrich Hacker. Fatalerweise gilt dies jedoch nicht in gleichem Ausmass für besonnene, defensive Verhaltensweisen. Unter dem Strich also verlassen die Automobilisten die Pistenarena nicht ruhiger, sondern aufgeregter und aggressiver.
Steuernde Persönlichkeitsinstanzen wie das Über-Ich - verantwortlich für regulierende Schuld- und Schamgefühle - sind in regressiven Phasen in ihrer Funktionstüchtigkeit eingeschränkt. Das erklärt einen Teil der alltäglichen Aggressivität im Strassenverkehr, die nirgends sonst mit dieser Wucht auftritt. So wird der Strassenverkehr schnell zum rechtsfreien Raum; massive Bedrohung von Leib und Leben - Alltag auf Europas Strassen - wird augenzwinkernd als Kavaliersdelikte gehandelt. Grössengefühle und Geschwindigkeitsrausch tragen zur Rücksichtslosigkeit bei.
Unter solchen Bedingungen werden andere Verkehrsteilnehmer kaum noch als Mitmenschen erlebt. Das fällt ohnehin schwer, da die automobilen Blechwände isolierend und anonymisierend wirken: Andere Verkehrsteilnehmer werden häufig nur als Objekte oder Hindernisse wahrgenommen. Nicht der freundliche ältere Herr im grauen Anzug fährt zu langsam oder die junge Mutter, sondern der Opel oder VW da vorne. Wahrgenommen werden nicht Menschen in ihrer Individualität, sondern Objekte, die der eigenen freien Bewegung hinderlich sind. Die Distanz macht komplizierte Dialoge unmöglich, der automobile Dialog ist auf die berühmten Fingergesten reduziert. Nach ähnlichem Muster verläuft die psychologische Vorbereitung auf einen Krieg, die besonders auf die Beseitigung der Tötungshemmung abzielt: Lange vor den einsetzenden Kriegshandlungen wird der Gegner zum Objekt degradiert, wird Soldaten eingebläut, der Feind sei kein Mensch, sondern ein hinderliches, aggressives Objekt.
Wo andere Verkehrsteilnehmer nicht mehr als Menschen, sondern bloss noch als rollende Blechkisten wahrgenommen werden, fallen die Hemmschwellen. Blechdosen kann man ohne Scheu und Gewissensnot drängeln und behindern, abdrängen und nötigen. Doch gleich beim Überholen noch einen Blick ins Innere der gegnerischen Dose: Hab' ich mir doch gedacht, dass einer, der so blöd fährt, auch blöd aussieht.
Anonym nimmt man sich bisweilen heraus, was man sich sonst verwehrt. Die Anonymität im Auto wird aber auch als Unbehagen empfunden, das man nach Kräften zu beheben versucht. Der Hang zur Selbstdarstellung treibt unterschiedliche Blüten. Da wird ein Auto eingerichtet, als wäre es das Wohnzimmer. Aufkleber outen den Fahrer als Atomkraftgegner und als Liebhaber bestimmter Sportdisziplinen, als Weltreisenden oder als gläubigen Christen. Ob sich der automobile Exhibitionismus rein zufällig am Hinterteil des Fahrzeugs entblösst? «Damen aufgepasst. Meiner ist 18 Meter lang.»
Das rollende Wohnzimmer erfüllt noch eine andere wichtige Funktion: Fernweh hat die Angst vor dem Neuen und Unbekannten im Schlepptau. Wer nicht achtzehn Jahre lang in dieselbe nette kleine Pension fahren möchte, wo er alles kennt und Unsicherheiten allenfalls nach Renovationen auftreten mögen, nimmt sich vertraute Gegenstände, die ihm die Fremde heimeliger erscheinen lassen, einfach mit. Mit dem Campingbus an südliche Gestade, Eiche antik vor der kleinen Fischerbucht. «Übergangsobjekte» nannte der Psychoanalytiker Donald W. Winnicott Teddybären und Kissen, die Kleinkindern die Trennung von den Eltern und die Schlafreise durch das Dunkel der Nacht erleichtern. Die Reise durch die Lande begleiten, am Innenspiegel baumelnd - ähnlich wie Kinderwagenspielzeug -, Maskottchen und Totems, die magisch die Gefahren der Strasse bannen und vor allem den Fahrer beruhigen sollen.
Damit nicht genug. Das Auto bietet die einmalige Gelegenheit, soziale Überholmanöver vorzunehmen, die im sonstigen Leben nur schwer gelingen: Mit dem kleinen Flitzer lässt sich der Bonze in der dicken Limousine mal eben rechts überholen, eine einmalige Revanchemöglichkeit für Unterlegenheitsgefühle. Die dicksten Autos stehen daher nicht nur in Nobelvierteln, sondern mitunter auch in den Wohngebieten, in denen sich die Probleme ballen. Hier avanciert das Auto zum Symbol des - längst verlorenen - Wettrennens um Wohlstand und Ansehen.
Überhaupt erfüllt das Auto die Funktion einer sozialen Visitenkarte und einer Identitätsprothese. Der kernige Holzfällertyp oder die smarte Dame, der Diplomatentyp, der Erfolgsmensch: die Identität in der Form des schnellen Flitzers oder der behäbigen Pampersschleuder ist von der Stange des Automobilhändlers zu haben. Besser noch: per Zweit- und Drittwagen lässt sich das eigene automobile Image nach Bedarf wechseln - bei Vorhandensein des entsprechenden Portefeuilles, versteht sich.
Nicht zufällig halten die Werbefritzen der Automobilbranche die passenden Produktenamen bereit: Rivale, Colt, Lancer und Renegade, Trooper und Mustang, Wildcat und Wrangler liefern aggressives Rambo-Image. Wem das zu martialisch ist, kann es mit Vectras und Astras auch naturwissenschaftlich haben, derweil sich der Sovereign oder die Classic Edition einer Nobelmarke als gediegene Persönlichkeitsprothese anbieten. Abgrenzung und Selbstdarstellung sind in jedem Fall nicht nur für das Produktimage, sondern besonders für jenes des Käufers vonnöten.
So gilt das Auto allerorten als Symbol für Erfolg, für Freiheit, Freizeit, vor allem aber Unabhängigkeit. Der Enge und Tristesse des grauen Alltags entfliehen, jederzeit gen Süden aufbrechen zu können, selbst wenn man es nie tut, die berühmten «kleinen Fluchten» - dafür steht und fährt das Auto. Fast mehr als der Personenbeförderung dient es daher als Vehikel für Träume und Illusionen, Grössenideen und Phantasien.
Karl May alias Kara Ben Nemsi alias Old Shatterhand lebte bekanntlich in drei Welten: Mehr schlecht als recht zu Hause in Deutschland, kam er mit der Justiz verschiedentlich in Berührung und löste seinen eigenen Fall keineswegs mit der berühmten List seines Helden noch gar mit dessen gefürchteter Faust. Vielmehr phantasierte er fernab heimischer Beschränkungen und Schmach ein zweites und drittes Leben als edler Trapper und verwegener Wüstensohn. Was Wunder, dass Nemsi und Shatterhand ob solcher Grösse auch nicht zu Fuss daherkamen, sondern elegantere Beförderungsmittel bevorzugten. In beiden Welten waren den Helden standesgemässe Pferde zur Seite gestellt, die mit besonderen Gaben ausgestattet, treu und klug waren und mit ihrer edlen Schönheit ein Ideal verkörperten. Wenn nötig, liess sich gar durch Flüstern eines Zauberwortes die Antriebsgeschwindigkeit in wundersamer Weise steigern, zur Verblüffung und zum Neid der Gegner.
Karl Mays vierbeinige Untersätze reihen sich ein in die Galerie der phantastischen Tiere, mit denen sich Menschen in Märchen und Mythen, in Sage und Aberglaube auf und davon machen. Der Traum vom Pferd, das mit übernatürlichen Kräften ausgestattet ist, ist uralt; es ist die Sehnsucht nach dem idealen Selbst, das durch ein Tier repräsentiert wird. Pegasus zum Beispiel, das legendäre fliegende Pferd, hatte Poseidon zum Vater, den Herrn der Pferde, der auch schon an Geschwindigkeit und an der raschen, wilden Bewegung der Wogen und Leidenschaften seine Freude hatte. Ob sich Menschen in Märchen auf Pferde oder Löwenrücken, auf Adlerschwingen oder Greifsflügeln in die Lüfte erheben, ob sie sich eines Glücksdrachen bedienen, wie in Michael Endes «Unendlicher Geschichte», immer geht es um die phantastische, aller Begrenzungen enthobene Bewegung durch Zeit und Raum. Die Überwindung der Raum-Zeit-Grenze durch die magische Geschwindigkeit ist ein alter Menschheitstraum. Science-fiction- oder phantastische Filme variieren die alte Sehnsucht, dass Menschen mit Zeitmaschinen ihr Dasein völlig verlassen und gottgleich ihren Aufenthaltsort wählen, wo und wann es ihnen beliebt. Lautlos bewegen sich riesige Raumschiffe mit vielfacher Lichtgeschwindigkeit durch die Phantasie der Hollywoodproduzenten und den galaktischen Raum des Films. Um so krachender materialisieren sich die Grössenideen von der grenzenlosen Bewegung im Batmobil.
Das Traumauto spiegelt Sehnsüchte und Ziele seiner jeweiligen Epoche wider. Als bessere Kutsche geboren, versuchte das Automobil mit bequemen Fauteuils und elegantem Interieur die Vorstellung vom standesgemässen Reisen jener Tage zu verwirklichen. Die Verherrlichung technischer Grössenideen bestimmte die Sehnsüchte der Nachkriegszeit. So auch im Kraftfahrzeug. Das Raketenzeitalter mit seinen Träumen von Raumstationen und dem Leben auf Mond, Mars und Meeresboden und der Erlösungsvorstellung grenzenloser technischer Möglichkeiten schuf sein monströses automobiles Symbol - die gigantische Heckflosse: das Automobil als Abbild von Flugzeug und Rakete, mit dem Cockpit des Piloten, das dem des Jets nachempfunden war. Damit stiegen imaginäre Bedeutung und Glanz von Fahrzeug und Besitzer.
Ungeschminkt zeigen das die Filme jener Epoche. James Bond begibt sich mit seinem Wagen, ohnehin schon mit Schleudersitz zur Beseitigung missliebiger Beifahrer, mit Raketen und Panzerplatten ausgestattet, notfalls auch einmal von der Strasse ins Meer, um unter Wasser die Fahrt fortzusetzen. Comic-Helden wie Batman schwören auf Düsenantrieb. Die Fahrzeuge der Helden sind nicht nur raketengleich. Wenn es denn sein muss und sie tatsächlich in die Lüfte abheben, sind sie die ideale Kombination von Flug- und Meeresfahrzeug, Strassengefährt und Kampfmaschine. Keine Beschränkung grenzt ihre Funktionen ein, der Fahrer muss sich nicht mit der lästigen Entscheidung zwischen Panzer, Jet, U-Boot oder Rennwagen herumplagen. Dieses Auto ist einfach perfekt, verkörpert das Ideal von Unverletzbarkeit und Grenzenlosigkeit, der Blech gewordene Grössenwahn. Doch die Zeiten ändern sich.
Und so ändern sich auch die Produkte von Automobil- und Traumindustrie: Elektronisch gesteuerte Antriebsaggregate, Verkehrsleitfunk und Computertechnik sollen den reibungslosen Verkehr von morgen sichern. Das intelligente Auto steuert mehr und mehr Bereiche selbst und kommuniziert mit örtlichen Leitsystemen, um Staus umfahren zu helfen oder freie Parkhäuser zu melden. Wiederum krasser und darum leichter erkennbar ist das im Film. Knight Rider, das superkluge Auto, ist der smarte Begleiter seines Fahrers, es regelt buchstäblich alles selbst, schützt seinen Besitzer, spricht sanft zu ihm und übernimmt auch einmal die Auseinandersetzung mit den Mächten des Bösen, wenn der Held ausfällt.
So wird das Auto zur besseren Hälfte seines Fahrers, zum Freund und Begleiter, zum Zwilling, der will und denkt, was man selbst auch empfindet. Das seelenlose Ding, das Karl Mays Ross ablöste, scheint lebendig zu werden, ausgestattet mit mehr Intelligenz und Kraft, als all die märchenhaften Tiere je besassen. Mein Auto und ich - Freundschaft, Überwindung von Einsamkeit und Isolation, Kompensation eigener Begrenztheit, die Flucht in die Fantasy-Welt.
Die Produktionen der Traumindustrie bleiben nicht ohne Folgen für den automobilen Alltag. Nicht nur, dass sich Styling und Funktionen der Autos die gegenwärtigen Technikideologien und -ziele zu eigen machen, wie dies Raketen und Star-War-Attribute demonstrieren. Die Fantasy-Welt stylt umgekehrt auch die Realität der Autos. Den Regalen der Spielwarengeschäfte entnommen, abgeguckt dem Turtlemobil oder manchen Mond- und Marsfahrzeugen unserer Kleinsten, kommen überdimensionierte Pick-ups und Geländewagen daher, mit absurder Bereifung höhergelegt, als gelte es, Mondkrater zu überwinden, mit Scheinwerfern auf dem Dach, als müssten die düsteren Abwässerkanäle der Turtles durchmessen werden. Der Fahrer ist längst abgetaucht in seine imaginäre Welt aus Comic und Film, aus Spielzeug und Traum. Farbenfrohe Fantasy-Bilder schmücken die Wohnmobile und Jeeps.
Die zahlreichen Symbolfunktionen des Autos sind daher von seiner Beförderungsaufgabe zu unterscheiden: Bekanntlich ist im Stau, womöglich angesichts der parallel verlaufenden Bahnlinie, der Beförderungswert des Automobils gleich null. Nicht jedoch die Vielzahl psychologischer Bedeutungen, die weitgehend unbeeindruckt von der misslichen Verkehrssituation erhalten bleiben: Stereoanlage und Schnickschnack bleiben intakt, ebenso wie das Auto als Visitenkarte gegenüber den umstehenden Leidensgenossen weiter seine Funktion erfüllt, weshalb sich die Liebe zum Auto so resistent gegenüber allen Vernunftappellen zeigt.
Die infantile Beziehung zum fahrbaren Untersatz ist in der intuitiven Weisheit des Witzes längst erfasst und auf eine kurze Formel verdichtet. Der Mantafahrerwitz geisselte den Autowahn der sozialen Minderheit der Mantafahrer und stellte doch bei aller humorigen Selbstkritik sicher, dass alle lachen konnten, aber eben doch nicht über sich selbst.
Woran erkennt man einen Mantafahrer in der Sauna? Am Fuchsschwanz und an den verchromten Eiern.
Micha Hilgers, Aachen, ist Psychologe und Verfasser von Büchern, unter anderem von «Total abgefahren. Psychoanalyse des Autofahrens», Herder/Spektrum, 1992.