All babies are born saying God's name
All babies are born out of great pain
Over and over
All born into great pain
All babies are crying
For no one remembers God's name
(Sinéad O'Connor: All Babies)
Zwölf.
Jetzt: in dieser festgehaltenen zerdehnten Sekunde atmen weltweit drei überschüssige Neugeborene zum ersten Mal ein, um in der nächsten Sekunde - drei weitere überzählige Menschen entfalten mit Hilfe einer cremigen Oberflächensubstanz, von anderen (überzähligen) Menschen surfactant genannt, ihre Lungenbläschen - die verbrauchte Luft auszustossen mit unverkennbarem Schrei - ein klagloser Nachruf auf die andere, schon nicht mehr vorstellbare, extraterrestrisch-intrauterine Welt, präziser vielleicht: eine Ahnung dieses Verlusts und die erste existentielle Frage zugleich, was ist das hier; Kälte, Luft und Licht, Stimmengewirr, ein warmer Baumwollstoff.
(Donnerstag, 30. Oktober 1997, 16:41:19 MEZ: In Dubai hat eine neunzehnjährige Schwesternhilfe, Gastarbeiterin aus Pakistan, ihr erstes Wunschkind geboren im amerikanisch ausgerüsteten Krankenhaus und ohne Dammschnitt, eine Tochter mit glänzend schwarzem Haar. Irgendwo am Mekong kauert eine Frau, die ihr eigenes Alter nicht genau kennt. Sie schliesst kurz ihre Augen und presst auf dem ausgebreiteten Tuch einen weiteren Knaben in die Welt. In F-92210 St-Cloud im Val d'Or schenkt Anne F. mit dem leicht unterdurchschnittlichen IQ von 85 einer 4850 g schweren und 53 cm langen Tochter das Leben. Anne F., die in der Schwangerschaft nur sechs Kilo zugenommen hat, trägt ein altes weisses Hemd ihres Ehemannes Antoine F., der sich vor zwei Tagen die wenigen rötlichen Haare hat schneiden lassen, um seinen Sohn, wie er dem italienischen Coiffeur sagte, nicht ungepflegt auf dieser Welt zu begrüssen. Die Tochter soll nun doch Melina heissen.)
Elf.
In jeder Sekunde kommt in Indien zum Beispiel irgendein Kind zur Welt; in jeder Sekunde wächst die Weltbevölkerung um 3, in jeder Minute folglich um 180 Menschen; in nur 27,392 Tagen wäre die mittels Meteoriteneinschlags, Hongkong-Grippe oder politisch motivierten Kollektivselbstmords vollständig ausgelöschte Schweizer Bevölkerung inkl. Asylbewerber ersetzt durch 7,1 Millionen schreiender Säuglinge aller Hautfarben.
Jeder einzelne Mensch, man weiss es, verschwendet Ressourcen, erhöht die Summe aller Geräusche, erbricht sich zuweilen auf offener Strasse. Er oder sie hat im Laufe ihres oder seines Lebens vor allem Gedanken, die andere vor ihm oder ihr auch schon gehabt haben und die andere nach ihr oder ihm haben werden; jeder einzelne Mensch hinterlässt den eigenen Körper als Entsorgungsproblem und bedeutet hier und heute doch zumeist, wenn er als extremer Nesthocker nach neun Monaten Schwangerschaft endlich in diese Welt hinein kommt, seinen Eltern Glück.
Das Glück, nochmals mit dem Leben anzufangen als erwachsener Mensch, der alle möglichen Erfahrungen schon gemacht zu haben glaubt und fürchtet, sich nur noch zu wiederholen; das Glück, unwiederholbar, den einzigen ersten Atemzug zu sehen, den allerersten Schritt; die ersten Schuhe zu kaufen aus weichem Kalbsleder; das Glück, unbedingt, der ersten Liebe.
Zehn.
Das grosse Privatereignis einer Geburt, der Geburt unserer Zwillinge Ruben Jakob Anatol und Elia Amos Maurice zum Beispiel, ist denkbar und beschreibbar nur im Spielraum zwischen dem vielzitierten Satz aus dem Talmud, der ungefähr besagt: Wer das Leben eines einzigen Menschen rettet, rettet die ganze Menschheit; und der einfachen obigen Dreisatzrechnung, die ungefähr das Gegenteil besagt: Es sei verantwortungslos, hier und heute noch Kinder auf die Welt zu stellen (womöglich gar aus dem diffusen Bedürfnis heraus, wenigstens für irgend etwas, für jemand bestimmten auf dieser Welt eine konkrete Verantwortung zu übernehmen).
Die Ärzte, Ärztinnen und Hebammen des Universitätsspitals haben vielleicht dein Leben gerettet, lieber, geliebter E. Du bist drei Monate alt, auf deinem Pyjama steht jump! jump! nino the cat and fifi the mouse can't stop jumping, it's so fine to be together, du hast vom Hin- und Herschauen in Rückenlage am Hinterkopf eine kahle Stelle, du bist ein Mensch. Dein Vater und ich sind am 30. Oktober 1997 dank einem frühen Zellteilungsfehler zu zwei gesunden männlichen Kindern mit identischer Erbinformation gekommen.
Neun.
Also. No escape. Kein Fluchtweg führt an der Geburt vorbei, keiner an der Erinnerung daran. Ist erst einmal aus Spermium und Eizelle ein Embryo entstanden, ein lebendes Stück Etwas, hat es unerbittlich beides, Geburt und Tod, und dazwischen das Leben vor sich. Manchmal ist die Reihenfolge anders und monströs; denn jedes potentielle Kind, das vorzeitig stirbt, ob als unförmiger Zellhaufen oder als ausgereifter Fötus, muss irgendwie doch noch geboren werden.
Am 4. November frühmorgens hätte ich einen Blasensprung und wir würden ins Spital fahren. Gegen Mittag kämen unsere beiden zweieiigen Kinder zur Welt, beide um die drei Kilo schwer. Die Geburt wäre natürlich anstrengend, aber auch schön.
Am 8. Oktober 97, sechs Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin am 18. November, werde ich stationär in die Frauenklinik des Zürcher Universitätsspitals eingewiesen. Das sei üblich so bei Zwillingsschwangerschaften, wird uns vom Oberarzt Dr. K. bei einer Routinekontrolle mitgeteilt: Die letzten zwei bis drei Wochen verbringen Sie hier. Wir versuchen, die Schwangerschaft bis 37 Wochen zu erhalten, allerdings auch nicht wesentlich länger. Eine japanische Studie besagt, dass der optimale Zeitpunkt für die Geburt bei 38 Wochen liegt, danach nehmen die Komplikationen wieder zu. Hier haben Sie Ihre Ruhe und eine wunderbare Aussicht.
Tatsächlich überblickt man die ganze Stadt und den See. Bisher, R. und E., habt ihr zu keinerlei Beanstandungen Anlass gegeben. Die Ultraschall-Lebendvermessung, die sog. US-Biometrie, die seit der 20. SSW (Schwangerschaftswoche) alle vierzehn Tage an euch durchgeführt wird, eine halbstündige Qual für mich, hat bisher die Erkenntnisse dieser Wissenschaft bestätigt, wonach ein normaler Oberschenkelknochen eines normalen Fötus zu einem best. Zeitpunkt exakt 36 mm lang ist. Die geforderten Organe sind vorhanden. Der Blutfluss in euren Nabelschnüren und Köpfen, gemessen im sog. Doppler-US, entspricht ebenfalls der Norm.
Wir dürfen uns auf euch freuen.
Wir freuen uns auf euch.
Doch ich trage Sätze mit mir herum, die ich nicht vergessen kann, und das Ultraschallbild eines namenlosen Kindes, dessen Herz nicht mehr schlägt. Als es geboren wurde, hatte es beinahe Platz in einer Hand. Das Radio lief, und Benjamin Netanyahu wurde Ministerpräsident. Ich glaube nicht, dass es dem Kind sehr gut geht, hat die Ärztin damals gesagt. Stimmt die Grösse nicht, oder die Herztöne - die Grösse ist normal, hat sie gesagt.
Jetzt sagt der Ultraschallspezialist Dr. W.: Das Herz ist nicht vergrössert, die Nieren haben kein Wasser, es gibt keinen Hinweis auf einen offenen Rücken.
Acht.
Nie schaue ich bei den Untersuchungen auf den Bildschirm, ich schliesse die Augen, der Geliebte und werdende Vater muss meine Hand halten, unerträglich ist die Live-Sendung aus der Gebärmutter, deren Kommentator hartnäckig nach Defekten der beiden Lebenskandidaten sucht. Eure Werte und Wachstumskurven kennen wir beide auswendig. Euer Geschlecht ist offenbar deutlich zu sehen, darüber scherzen wir mit der Hebamme; also keine Chance, doch noch eine Tochter zu bekommen.
Am 8. Oktober wiegt ihr offiziell 2134 g und 2425 g, plus/minus 8%. Wir tolerieren, sagt Dr. W., der von morgens bis abends Föten vermisst und längst keine Geburten mehr macht, bei Zwillingen eine Gewichtsdifferenz von bis zu 20%.
Sieben.
Die Geburt steht nun unausweichlich bevor. Zehn Tage verbringe ich im neunten Stock auf der Station I, wo lauter Risiko- und Hochrisikoschwangere mit Kompressionsstrümpfen und Kopfhörern den ganzen Tag bewegungslos im Bett liegen und höchstens zwischen den 32 Fernsehprogrammen hin und her zappen; Frauen mit vorzeitigen Wehen, vorzeitigem Blasensprung, drohender Plazentaablösung, drohender Insuffizienz, Myomen im Uterus, Gestose oder Diabetes; dazu eine Methadonkonsumentin, die, rund um die Uhr bewacht, auf den Kaiserschnitt wartet. Hinter den Fenstern, die man nicht öffnen kann, verschwindet langsam die Stadt.
Wir sind ausschliesslich austragende Körper und leben im Hochsicherheitstrakt. Der Gang in die öffentliche Cafeteria im Erdgeschoss bedeutet Freiheit, die nach Absprache gewährt wird. Jeden Tag nehme ich Elevit, Gynotardyferon und Magnesiocard, zu mir und mit jedem Tag werde ich kränker. Man schöpft Verdacht auf Gestose und Diabetes. Das Schlimmste aber ist: Eure Wachstumskurven flachen ab, euer Gewicht stagniert, die Plazenta sei alt und verkalkt. Unser Ziel heisst 37 Wochen und keinen Tag länger. Zweimal täglich werden jetzt eure Herztöne aufgezeichnet; zum Glück sind sie jedesmal gut. Noch sind sie gut, betont Dr. K., innert Stunden allerdings könne sich das ändern. Wenn ich nachts aufwache, verlange ich eine Herztonmessung. Ich warte auf das Ende des realen Albtraums, ich warte auf seine Erfüllung. Dann gibt es endlich doch einen (bedeutungslosen) path. Befund: Zwilling 1 hat nur eine statt zwei Nabelschnurarterien, das bringt ihn natürlich nicht um, aber.
Lieber Gott, wir sind Anfang Oktober in eine grössere Wohnung gezogen, wir haben zwei Kinderbetten organisiert, bei Ikea einen neuen Wickeltisch gekauft, zwei Autositze und ein Badethermometer.
Sechs.
Nach zehn Tagen werde ich, dem werdenden Vater sei Dank, entlassen, kurz bevor ich um einen sofortigen Kaiserschnitt gebeten hätte. Dann könnten sie die Kinder ständig überwachen; sie lägen verkabelt in Inkubatoren, und die geringste Unregelmässigkeit löste den rettenden Alarm aus.
Morgens gehe ich zur Kontrolle, nachmittags nehme ich ein Bad, nachts liege ich wach, rechne, träufle mir Dr. Bachs Rescue-Tropfen auf die Zunge und warte auf eure Bewegungen.
Samstag, 25. Oktober; das bedeutet 36 Wochen und 4 Tage. Der Oberarzt Dr. L., unsere wunderbar erfahrene Hebamme, der werdende Vater und ich beschliessen gemeinsam, am Montag die Geburt einzuleiten, sofern auf der Neonatologie zwei Betten frei sind. E., der Kleine, wird sicher auf die Neo kommen, wie wir sie bereits familiär nennen, als verlöre sie dadurch ihren Schrecken.
In der Neonatologie liegen tamilische Zwillingsmädchen unter Sauerstoffmasken; andere Kinder, die mit achthundert, neunhundert Gramm zur Welt gekommen sind. Daneben stehen die Eltern und reden über Parkbussen. Und ich fürchte mich davor, unser Kind zu sehen, das zwei Kilo wiegt. Ich fürchte mich vor dem Anblick eines Kindes, das so klein zur Welt kommen wird wie vor zweiunddreissig Jahren ich selbst.
Fünf.
Montag, 27. Oktober; kein Bett ist frei.
Vier.
Mittwoch, 29. Oktober; morgens um halb neun klingelt das Telefon, in der Neo sind zwei Betten frei. Der älteste Sohn wird heute zwölf Jahre alt. Woran ich mich erinnere? An die Hebamme, die Nachtdienst hatte und sich morgens um acht, wir waren eben angekommen, verabschiedete: Heute abend komme ich vorbei, um zu sehen, was es gegeben hat. Als die Wehen stärker wurden, habe ich mir diese Frau zu Hause vorgestellt, wie sie schlief, Spaghetti kochte und dann, um 14 Uhr 09, warum nicht, den Müllsack auf die Strasse stellte.
Drei.
Um zehn Uhr stehen wir vor der Gebärabteilung. Die letzten einunddreissig Stunden haben begonnen. Die Herztonkurven sind i. O. Statt Wehenmittel via Infusion entscheiden wir uns für kombinierte, sanftere Methoden: die Hebamme massiert den Muttermund mit Johanniskrautöl, später bekomme ich ein Prostaglandinzäpfchen und homöopathische wehenfördernde Mittel. Der Gebärsaal ist ein Bunker; geschützt vor jedem möglichen Einblick, verhindert er zugleich jeden Ausblick. Wir warten. Die Stunden zerfliessen, das Zeitempfinden ist fast ausgelöscht, bestimmt vom langsamen Rhythmus der ersten Wehen, regelmässigen Herztonkontrollen und vaginalen Untersuchungen. Ich trage das Hemd eures Grossvaters; er ist vor wenigen Monaten gestorben; euer Vater hat letzte Nacht von ihm geträumt; alles wird gutgehen. Der Muttermund ist weich, ein Finger passt hindurch. Auf zehn Zentimeter muss er sich öffnen. Im Nebenzimmer wird ein Kaiserschnitt vorbereitet. Eine halbe Stunde später schreit ein Kind.
Um 22 Uhr schickt man mich zum Übernachten nochmals auf die Station I. Die Geburt scheint nicht unmittelbar bevorzustehen, und der Gebärsaal wird gebraucht.
Zwei.
Donnerstag, 30. Oktober 1997, 7 Uhr morgens: Seit ein paar Stunden habe ich richtige Wehen. Heute also werdet ihr beide geboren, und ich kann es nicht glauben. Alles scheint wirklicher als ausgerechnet dieses Ereignis, das unmittelbar bevorsteht. Der Muttermund ist zwei Zentimeter offen, dann drei. Drei Monate später erinnere ich mich an keinen chronologischen Ablauf mehr, nur immer wieder an einzelne Situationen und Sekunden, die in Zeitlupe vor meinen Augen sich abspielen: wie R. den Mund öffnet zum ersten Schrei - getragen von ungeheurer Gewalt, reisst er ihn auf, als müsse er eine ungeheure Distanz überwinden, um zu uns zu kommen. Das Gesicht der Hebamme, ihr bestimmter Tonfall, als sie mir sagt: Jetzt tun Sie genau, was ich Ihnen sage. Die entsetzliche Ohnmacht, als ich zusammengekrümmt mit angezogenen Knien bewegungslos auf der linken Seite liege und ein Anästhetikum wie flüssiges Eis in den Epiduralraum fliesst, während gleichzeitig die Manschette zur Blutdruckmessung sich aufbläst.
Wie Elia blutverschmiert nackt im Inkubator liegt; in der winzigen Nase eine Magensonde, die mich sofort an die letzte Magensonde eures Grossvaters denken lässt und auch daran, dass er sie immer wieder herausgerissen hat.
Eins.
Der Muttermund ist vollständig geöffnet. Mir wird schlecht. Vor nichts habe ich grössere Panik als davor, mich übergeben zu müssen. Ich schreie nach Eis, ich zerreibe Eiswürfel auf der Brust, auf der Stirne, während Urin und dünnflüssige Scheisse meinen Körper verlässt, übermächtig ist der Druck des kindlichen Köpfchens auf Blase und Darm. Ich höre mich sagen: Ich kann nicht mehr, ich gehe nach Hause, ich habe keine Kraft mehr; und es ist, als kenne ich die Antwort der Oberärztin bereits; nicht nur, weil ich schon zwei Geburten erlebt habe, ich folge einem zumindest westeuropäischen Verhaltensmuster, einem Ritual, das wie ein Film vor mir abläuft. Immer wenn die Frauen fürchten, keine Kraft mehr zu haben, sagt Dr. S., dann dauert es nicht mehr lange.
Sehen Sie, der Kopf! Noch eine letzte Wehe, sagt die Hebamme; die letzte Minute vor deiner Geburt.
Zu Beginn der Schwangerschaft, als wir noch von einem Kind sprachen, das wir hoffentlich haben würden, träumte ich von zwei vierzigjährigen Männerköpfen, aufgenommen im Profil, es waren die schwarzweissen Automatenfotos meiner Kindheit. Die beiden Männer trugen breit gestreifte Sträflingshemden, die beiden Männer waren mongoloid, und es waren meine Söhne.
Ich bin zweiunddreissig, wir haben keine genetischen Tests gemacht, noch eine Wehe, dann bist du unwiederruflich sichtbar draussen.
Geniesse diesen Moment, denkt E., der in der nächsten Sekunde euer Vater wird, die letzte Wehe, das letzte Hinausschieben, aber er sagt es mir nicht, ich würde ihn anschreien, denkt er, dazu hätte ich die Kraft nicht mehr und wüsste doch, er hat recht . . . Ich stosse mein Junges aus, es ist ein nacktes Tier. Welch eine Erleichterung, physische Erleichterung im Wortsinn, dein Gewicht fällt von mir ab wie vom Herzen ein Stein. Du gehörst, von nun an, dir selbst.
Null.
Du bist geboren, Ruben. Ich sehe das Tier, das Aufreissen des Mundes; dein Vater hat Tränen in den Augen. Später wird er mir sagen, das sei der einzige Moment, an den er sich nicht erinnere: dein erster Atemzug.
Die Hebamme und die Oberärztin haben via Ultraschall nochmals die Lage von Zwilling 2 bestimmt. Die Fruchtblase wird gesprengt. Ich höre das Wort Nabelschnurvorfall. Später erfahren wir, dass deine Herztöne schlechter wurden, dass man, wärst du nicht so schnell gekommen, einen Notkaiserschnitt gemacht hätte.
Nach zwei Presswehen wirst auch du geboren, Elia.
Eins.
Die Geburt ist eines der letzten originalen Erlebnisse.
Zwei.
Von Mittwoch, 29. Oktober, 10 Uhr, bis Donnerstag, 30. Oktober, 16. 47 Uhr, vermehrte sich die Weltbevölkerung um dreihundertvierundzwanzigtausend Menschen, darunter ca. siebentausend Zwillinge.
Eure Herztonkurven werden zehn Jahre lang archiviert.
Es gibt Menschen, die behaupten, man könne jedem ein Leben lang seine Geburt ansehen.
Ruth Schweikert, Schriftstellerin, lebt in Zürich.