NZZ Folio 08/98 - Thema: Grossbauten   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Liegen und bräunen und dösen und träumen

Von Joni Müller

«DIE HAUT VERGISST NIE», lautet der Sinnspruch der Krebsexperten, und logischerweise trifft er zu. Allerdings wird dabei vergessen, dass die Haut nur deshalb nicht vergessen kann, weil sie sich auch nicht erinnern kann, denn fürs Vergessen wie fürs Erinnern ist bekanntlich nicht die Haut, sondern das Hirn zuständig. Doch Präventivmediziner aller Länder wundern sich und manche Laien ebenso: sämtlichen Warnungen zum Trotz legen sich Millionen stunden- und tagelang in die Sonne. Sie rösten ihre Haut und braten ihr Hirn und geniessen den Sommer, als ob's der letzte wäre.

Dermatologen mögen sich im Strandbad primär für Hauttypen interessieren, interessanter fürs breite Publikum jedoch sind andere Typologien von Bräunerinnen und Bräunern. Da gibt es etwa den systematischen Rundbräuner, der im Viertelstundentakt in Vierteldrehungen um die eigene Längsachse rotiert. Er liegt allein, er liest nicht und widmet sein ganzes Streben nur dem gezielten Nachdunkeln seiner Haut. Häufig an-zutreffen ist auch die Frontalbräunerin, welche stets auf dem Rücken liegt und ihr Gesicht selbst in der Badesaison 98 noch immer unter der Taschenbuchausgabe von «Nicht ohne meine Tochter» versteckt.

Neben einer Zone für Familien, für Schwule und für Pubertierende hat jedes Bad auch eine bestimmte Ecke, in welcher sich die Habitués mit Saisonkarte treffen. Vorwiegend ältere Frauen, welche das Bräunen zu ihrem Lebensinhalt und die gelungene Kombination von Orangen- und Elefantenhaut zu ihrem Markenzeichen gemacht haben. Sie verbringen jeden sonnigen Tag im Bad und haben für Liegestuhl, Sonnenschirm und übrige Utensilien ein Schliessfach gemietet. Ausser dem vormittäglichen Schachspiel, der obligatorischen Jasspartie um 14 Uhr und dem freiwilligen Pétanque gegen Abend gibt's weitere Fixpunkte wie das heisse Mittagessen und das kalte Duschen alle dreissig Minuten. Seit Jahren ist ihr sommerlicher Tagesablauf immer gleich und streng geregelt. Und seit Jahren stellt sich dem Beobachter die brennende Frage: Was machen die bloss im Winter?


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