Roboter schweissen Autokarosserien zusammen, bedienen Bohrmaschinen und fertigen Mikrochips. Die industrielle Produktion ist ohne die Hilfe der Blechmänner nicht mehr denkbar. Weltweit sind 720 000 im Einsatz, allein im letzten Jahr kamen mehr als 70 000 hinzu. Aber, Hand aufs Herz, wen interessiert schon die Automation von Fabriken? Was zählt, sind ganz andere Dinge: Wer holt beim Fernsehkrimi das Bier aus dem Keller? Wer putzt das Klo, spült das Geschirr und saugt den Boden? Und wie steht es mit Bügeln oder Frühstück ans Bett bringen? Das Berufsleben ist anstrengend genug, da sollte wenigstens in den eigenen vier Wänden alles wie von selbst funktionieren. Ein gehorsamer Sklave, der ohne Widerspruch pariert - diese Hoffnung schüren Experten seit vielen Jahrzehnten. Die Laien glauben den Versprechungen nur zu gern: Immerhin haben es Ingenieure geschafft, Flugzeuge zu bauen und die Kernkraft zu bändigen, da sollte doch das bisschen Bügeln und Abwaschen kein Problem sein.
Schon 1927 demonstrierte ein «Haushaltroboter» im amerikanischen Pittsburg seine Talente: Er konnte, so wurde er vollmundig angepriesen, Staubsauger und Föhn bedienen, Lampen einschalten sowie Fenster und Türen öffnen. Ein Rätsel, wie er das alles fertiggebracht haben soll. Auf einem alten Foto sieht er nicht gerade sehr agil aus, eher wie ein Schaltbrett in Form eines lebensgrossen Hampelmanns. Dieser Möchtegern-Roboter konnte mit Sicherheit weder laufen noch sprechen, noch gesprochene Sätze verstehen, denn mit diesen Fähigkeiten kämpfen seine Artgenossen noch heute. Offenbar bestand seine einzige Qualität darin, auf Knopfdruck über Kabel bestimmte Geräte einzuschalten. Heutzutage ist jeder Toaster intelligenter. Kein Wunder also, dass man vergeblich nach Hinweisen sucht, ob dieser nutzlose Flachmann jemals in nennenswerter Stückzahl verkauft wurde und seinem Erfinder Ruhm und Reichtum bescherte.
Beim Stöbern in Archiven stösst man auf viele solcher Roboter-Kreationen, die niemals das Hausfrauenleben erleichterten, geschweige denn in Serie produziert wurden. Meist standen weder Unternehmen dahinter, die an eine Vermarktung dachten, noch Wissenschafter, die Grundlagenforschung betrieben, sondern ehrgeizige Bastler - und oft Scharlatane. Die Unikate wurden wie Jahrmarktsattraktionen einem staunenden Publikum vorgeführt. Ihre wundersamen Fähigkeiten entpuppten sich nur zu oft als Hochstapelei, manchmal sogar als Betrug. Dass sämtliche Roboter wie Menschen aussahen, hatte einen guten Grund: So liess sich das Publikum leichter hinters Licht führen. Denn der Laie sah in dem Gerät nicht die Maschine, sondern den Menschen - und traute ihm unbewusst menschliche Fähigkeiten zu.
Die Roboter hatten einen Kopf, Arme und Beine und waren so gross wie ein Erwachsener. Und sie «menschelten» in ihrem Verhalten. Es gab lachende, lesende, radelnde, essende und wahrsagende Roboter. Auffallend viele - etwa der «Heavy Smoker» von 1939 - griffen zur Zigarette. Das Laster liess sich mit einem Blasebalg leicht realisieren und gab den Blechmännern einen lebendigen Ausdruck.
Besonders raffinierte Kunstmenschen entstanden in den dreissiger und vierziger Jahren in der Werkstatt des Schweizer Bastlers August Huber. Sabor IV, über Kabel ferngesteuert, gab Feuer. Sabor V konnte angeblich sogar sprechen, tanzen, schiessen, trinken, rauchen und Mundharmonika spielen. Als Partyheld ging er dennoch nicht in die Technikgeschichte ein, seine Fähigkeiten waren jedenfalls rudimentär: Bei der Sprache kann es sich nur um ein primitives Tonbandgerät gehandelt haben und beim Tanzen um ein rhythmisches Hin und Her wie bei einem Motorkolben.
Roboter wagten sich sogar auf den Laufsteg. So führte bei der Schweizer Nationalausstellung in Zürich 1939 eine Mannequin-Puppe, die auf einem Schienensystem lief, Kleider vor. «Die Bekleidungsindustrie wird wohl bald nur noch solche Roboter einsetzen», prophezeite Hans von Muldau 1975 in seinem Buch «Mensch und Roboter». Da persönliche Ausstrahlung, Launen und eigener Wille in dieser Berufssparte ohnehin verpönt seien, kämen die Maschinen wie gerufen. Muldau irrte sich - wie die meisten Roboter-Propheten. Noch immer setzen die Modeschöpfer lieber auf hochbezahlte Models aus Fleisch und Blut, auch wenn sie manchmal arg blutleer wirken.
Doch die technikbegeisterte Nachkriegsgeneration feierte schon kleine Fortschritte frenetisch und liess sich von Modeworten bereitwillig die Sinne vernebeln. Ständig war von Robotern die Rede, selbst wenn sich dahinter nur Null-acht-fünfzehn-Technik verbarg. So berichtete die Zeitschrift «Hobby» 1965 vom «Roboter am Telefon», einem primitiven Sprachgenerator, oder vom «Roboter am Roulette», einem Algorithmus für Systemspieler. «Roboter bedienen Tag und Nacht», hiess es, als 1965 in Wiesbaden ein Automatenladen aufmachte. 1957 hatte die Zeitschrift begeistert vom «Schnulzenroboter» berichtet, einem Computer, der aus Notenfragmenten schmachtende Lieder wie den Ohrwurm von der «Druckluftbertha» zusammenbastelte. Immerhin: Kein Hörer ahnte damals, dass eine Maschine den Song komponiert hatte.
Ein Durchbruch schien 1979 geschafft, als der Roboter Klatu auf der Industriemesse in Hannover mit den Besuchern schäkerte. Der staksige Messestar, der ein wenig an einen Kreuzritter erinnerte, fand auf jede Frage eine pfiffige Antwort, gab Rundfunkinterviews und flirtete sogar mit hübschen Frauen. Selbstverständlich beherrschte er die üblichen Hausarbeiten wie Staubsaugen, Mülleimer leeren oder das Frühstück servieren. Die amerikanische Herstellerfirma Quasar Industries versprach, dass der Blechkerl im Notfall auch Einbrecher verjage.
Alles Schwindel: Ein Helfer soufflierte der Maschine und steuerte sie fern. Denn ein sinnvoller Dialog, der Spracherkennung, Verständnis und Spracherzeugung voraussetzt, ist so kompliziert, dass noch heute jeder Computer daran scheitert. Doch die Menschen glaubten blind an die Wunder der Technik. Sie gingen letztlich ihrer eigenen Egozentrik auf den Leim: Was jedes Kind beherrscht, so ihre unbewusste Logik, kann nicht besonders schwierig sein. Das Berechnen einer zwanzigstelligen Primzahl - für jeden Computer ein Klacks - erschien ihnen schwieriger als Sprechen oder Laufen.
Dieser psychologische Fallstrick hat schon zu Zeiten des Schriftstellers E. T. A. Hoffmann, der 1816 die Liebe zu einer hübschen Maschinenfrau zum Thema seiner Erzählung «Der Sandmann» machte, Hochstaplern die Arbeit erleichtert. Damals zogen viele Gaukler mit Kunstmenschen übers Land und foppten die Zuschauer. Für Furore sorgte vor allem ein künstlicher Schachspieler, ein lebensgrosser Türke mit langer Pfeife, der an einem Tisch sass und die Figuren schob. Kaum jemand, der gegen ihn antrat, konnte ihn schlagen, nicht einmal Napoleon oder Edgar Allan Poe. Doch der Türke war getürkt: Unter dem Tisch verbarg sich ein schachbegabter Zwerg, der die Hebel zog.
Immer wieder haben Maschinenmenschen ihr Publikum mit Tricks zum Narren gehalten. Auch Fachleute blickten nicht mehr durch und unterschätzten die Probleme beim Bau eines Roboters erheblich - als sei es ein Kinderspiel, den Kunstmenschen Sprechen und Laufen beizubringen. Kein Wunder also, dass sich sogar das forsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» 1978 scheute, einen sprachgewandten Roboter namens Sam Strugglegear rundheraus als Schwindel zu bezeichnen, sondern lediglich einen skeptischen Experten zitierte.
Inzwischen sind zwar die ersten Haushaltroboter in Serie gegangen, doch von einem Durchbruch kann noch immer nicht die Rede sein. Was es zu kaufen gibt, befriedigt bestenfalls den Spieltrieb - keine Spur von echter Hilfe. Die Roboter können wenig, müssen umständlich programmiert werden und sind teuer. Sie sind zudem ausgesprochene Spezialisten, die nicht einmal aufs Wort gehorchen. Sie können staubsaugen, den Rasen mähen, die Golfausrüstung tragen oder Bierkisten schleppen - aber immer nur eines. Zu ihren stärksten Fähigkeiten gehört, dass sie ihren Weg selbst finden sowie Hindernisse erkennen und umfahren. Das verleitet Laien nicht gerade zu Freudensprüngen.
Die neuen Helfer sehen nicht mehr aus wie Menschen: Die Funktion hat über die Form gesiegt. Der Haushaltroboter Cye zum Beispiel, der rund 1300 Franken kostet, gleicht einem robusten Dreirad. Das in Amerika entwickelte Gefährt kann, verheisst die Werbung, staubsaugen, Lasten schleppen und das Essen bringen. Aber wieder einmal werden falsche Hoffnungen geweckt. Denn ein kultivierter Kellner ist Cye ganz und gar nicht, eher ein Tablett auf Rädern, das erst beladen werden muss. Obendrein muss man den Roboter per Computermaus durch die ganze Wohnung schicken, bevor er seinen Dienst aufnehmen kann. So lernt er den Grundriss kennen und merkt sich mögliche Stolperkanten, wobei ihm die Anzahl der Radumdrehungen als Orientierungshilfe dient.
Obwohl die Roboter noch äusserst primitive Wesen sind, dümmer als Insekten, zerbrechen sich die Experten bereits den Kopf über das Zusammenleben von Mensch und Kunstmensch. Dass Maschinen, die selbständig agieren, zur Gefahr werden können, liegt auf der Hand. Schon 1978 verklagte eine Mutter im amerikanischen Philadelphia einen Hersteller auf 100 000 Dollar Schmerzensgeld. Ein Kaufhausroboter, schimpfte sie, habe ihr Kind durch unvermutetes Ansprechen und Anfassen terrorisiert. Es könnte in Zukunft, schwant manchem Experten, noch schlimmer kommen, etwa wenn Haushaltroboter durchgehen oder von Hackern manipuliert werden. Die Japaner denken bereits über eine Kennzeichnungspflicht nach, damit die Polizei nach wildgewordenen Robotern fahnden kann.
Hinter dieser Angst steckt die alte Fehleinschätzung: dass Haushaltroboter schon bald perfekt wie Menschen agieren werden. Die UN-Wirtschaftskommission für Europa prophezeit zwar, dass Personal Roboter schon in wenigen Jahren so verbreitet sein werden wie heute PCs. Doch dabei soll es sich vor allem um intelligente Staubsauger und Rasenmäher handeln. Wann der willige Haushaltsklave kommt, der Generalist, der auf Zuruf alle Hausarbeiten erledigt, steht noch immer in den Sternen. Gesetze zum Schutz vor randalierenden Kunstmenschen sind noch lange nicht nötig. Zum Bierholen heisst es also weiterhin, auf die Werbepause im Krimi zu warten.
Klaus Jacob ist Wissenschaftsjournalist in Stuttgart.