NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Nafti - der kleine Matrose

Von Herbert Cerutti

DER GRIECHISCHE ZWEIMASTER «Captain Antonis» war 1948 als Frachter gebaut worden. Vor einem Vierteljahrhundert erhielt der 30 Meter lange Motorsegler ein vornehmeres Kleid. Seither kreuzt er von Frühjahr bis Herbst mit bis zu zwanzig Feriengästen in der Ägäis. Zur Besatzung gehören der Reeder und Kapitän Vasili Kondoyannis, der Maschinist Vasili, der Matrose Jannis; für das leibliche Wohl sorgen Stelio, der Koch, und Belaguia, Herrscherin über Ouzo und Retsina. Das wohl wichtigste Crewmitglied ist aber Nafti, der «kleine Matrose», wie der griechische Name besagt.

Nafti ist ein Zwergpudel. Zwar gibt es eine Vielzahl von Hunden, die ihre Nützlichkeit beweisen, indem sie Blinde durchs Verkehrsgewühl lotsen, für den Rollstuhlfahrer mit der Schnauze auf den Liftknopf drücken, unter Schnee und Trümmern nach Verschütteten suchen oder dem Schmuggler auf die Schliche kommen. Ein Leistungsangebot aber, wie es Nafti der christlichen Seefahrt bietet, dürfte einzigartig sein.

Dabei hatte alles recht wenig aufregend begonnen. Kapitän Vasili machte sich vor zwölf Jahren auf die Suche nach einem neuen Hund, denn sein langjähriger Begleiter war der Bürde des Alters erlegen. Die Qual der Wahl fand ihr Ende, als Vasili beim Hundezüchter einen Wollknäuel entdeckte, der sein Bein beim Pinkeln derart energisch hochriss, dass er vor lauter Schwung seitwärts ins Gras fiel. Das ist Material, aus dem Matrosen werden, dachte der Skipper und nahm das zehn Tage alte Tier aufs Schiff. Dem kleinen Hund schien das Leben auf See zu gefallen. Er tollte über die Planken, spielte mit den unzähligen Tauen. Und bald schon waren der Zwergpudel und der grosse Mann ein unzertrennliches Gespann.

Aus dem Hündchen ist im Lauf der Jahre ein Seebär geworden. Da döst das Viech stundenlang im Schatten der Reling auf Deck. Beim ersten Klicken der Ankerkette aber ist Nafti von Null auf Hundert. Er jagt zum Vorschiff, fasst die Situation kurz ins Auge, rennt dann zum Steuerhaus, um den Kapitän bei der heiklen Sache moralisch zu unterstützen. Und kläfft und kläfft, denn es gilt, der Insel zu melden, dass jetzt Nafti übers Meer gekommen ist. Das Anlegemanöver macht für Vasili zuweilen ein emsiges Rauf und Runter nötig. Der Weg vom Steuerhaus zum Schiffsheck führt über ein steiles Treppchen, dessen Stufen für Nafti nun mal zu hoch sind. Bellend und klagend bringt es der Hund fertig, dass ihn Vasili im Vorbeieilen jeweils unter den Arm klemmt. Ist die Gangway schliesslich ausgelegt, trippelt Nafti alsbald hinter seinem Meister an Land - um endlich ein richtiges Gewächs zu finden, nachdem er sich tagelang mit dem Mastbaum zufriedengeben musste.

Das Verlassen des Hafens ist noch viel aufregender. Wiederum auf das Signal der rasselnden Kette sieht Nafti an allen Ecken und Enden zum Rechten. Besonders wichtig ist ihm das Hochziehen des Beibootes. Da er wohl glaubt, ohne ihn schaffe die Crew die Arbeit nicht, packt er mit flackerndem Auge und unheimlichem Geknurr eines der Taue, zieht und zieht, bis das störrische Ding endlich an Bord ist. Bei diesem Kraftakt hat Nafti vor Jahren beide oberen Eckzähne verloren - was ihn nicht hindert, sich mit dem verbliebenen Inventar weiterhin ins Zeug zu legen.

Naftis Aufmerksamkeit gilt nicht nur der Schiffsausrüstung. Er hält auch ein waches Auge auf den Mannschafts- und Passagierbestand. Liegt das Schiff an der Mole, ist Naftis Lieblingsplatz neben der Gangway, denn dort bekommt er das Kommen und Gehen am besten mit. Eines Sommers hatte Vasili als Feriengäste eine italienische Familie an Bord, ein gutes Dutzend Leute, vom Padre, seiner Moglie und den vielen Kindern bis zum Nonno und dieser und jener Zia. Bei einem der Inselbesuche nun war die Abfahrt auf sieben Uhr früh festgelegt. Und während die Gäste noch in den Kajüten schliefen, holte die Crew die Gangway zur abgemachten Zeit ein.

Irgendwie schien das Nafti nicht zu passen. Kläffend blieb er am Heck und war durch kein Zureden, kein Schimpfen zu beruhigen. Der Kapitän kannte seinen «kleinen Matrosen». Er liess den Vater wecken und wollte wissen, ob auch tutta la famiglia an Bord sei. «Selbstverständlich», versicherte das Haupt der Familie. Da Nafti aber immer noch reklamierte, bat der Kapitän den Vater, er möge doch die Kabinen kontrollieren. Bald war klar, dass Pietro, der Achtzehnjährige, fehlte.

Vasili nahm wieder Kurs auf die Insel. Schon von weitem sah die mittlerweile aufgeregt an der Reling versammelte Familie den Jüngling verlassen am Ufer stehen. Er hatte sich beim Landgang in eine kleine Aphrodite verliebt. Und war mit ihr in den Morgen geschlummert.

Nafti hat auch seine entspannten Stunden. An der Bordwand hängt ein kleines Podest, von wo ein Treppchen zum Wasser führt. Liegt das Schiff in der Bucht, nutzt Vasili gerne die Gelegenheit für eine Erkundungstour mit Maske und Schnorchel. Dies ist auch Naftis Badezeit. Früher noch direkt vom Podest, als älterer Knabe nun doch von einer der unteren Stufen, hechtet er ins Wasser. Was dann wieder auftaucht, ist nicht mehr der Lockenpudel, sondern eine etwas gross geratene weisse Ratte, die jetzt in Richtung Vasili schwimmt. Dort geht Nafti unverzüglich «an Land» und geniesst per Huckepack die blaue Ägäis. Taucht Vasili dann in die Tiefe, strampelt der Hund, bis er früher oder später die lebende Insel wieder unter den Pfoten hat.

Am Abend pflegt Nafti gesellschaftliche Kontakte. Spielt das Kassettengerät Sirtaki und wird auf Deck unter dem Sternenhimmel getanzt, drückt sich der Hund auf der Zuschauerbank hoffnungsvoll an eine weiche Hüfte, um sich das Fell von willigen Fingern so richtig durchkämmen zu lassen. Früher hat er selber mitgetanzt. Jetzt begnügt sich der alte Casanova mit der Streicheltour - ohne aber das Geschehen auf der Tanzfläche aus den halbgeschlossenen Augen zu lassen. Denn fällt es Vasili ein, den Tanz mit einem Küsschen zu beschliessen, jagt Nafti, von Eifersucht gepeitscht, wie die Furie zum Sünder und gibt erst wieder Ruhe, wenn ihn sein Lebenspartner an die Wange nimmt.

Den ersten Mai 1995 wird Vasili Kondoyannis nie vergessen. Wie er uns die Geschichte Monate danach erzählt, zittert das Grauen noch immer in seinem griechischen Englisch. Mit einem Blumenstrauss in der Hand habe er damals in Athen einen Freund besucht. Als er freudig durch den Garten ging - wie immer Nafti ohne Leine brav neben sich -, stürzten plötzlich zwei Boxerhunde aus dem Haus. Und hatten innert Sekunden den Zwergpudel zwischen den Zähnen. Verzweifelt versuchte Vasili, seinen Nafti zu retten. Eine der Bestien liess sich mit einem Fusstritt vertreiben. Der zweite Boxer war nur von der Beute zu trennen, indem ihm sein inzwischen herbeigeeilter Meister die Kiefer auseinanderriss. Was Vasili dann in den Armen hielt, war nicht mehr Nafti, sondern ein blutiges Etwas, dessen Kopf halb abgetrennt am Rumpf baumelte.

In der Tierklinik bemühten sich die Chirurgen vier Stunden lang, das zerrissene Wesen zu flicken. Mit 43 Nahtstellen lag das Tier schliesslich auf der Station. Vasili brachte es erst nach einem Tag übers Herz, ihn in der Klinik zu besuchen. Dort habe er dem regungslos daliegenden Elend sachte den Namen ins Ohr geflüstert. Und als dann das Tier die Augen öffnete und müde seine Hand leckte, sei dies der schönste Augenblick in seinem Leben gewesen. Nun war uns klar, was all die dunklen Flecken sind, die wie Muttermale unter dem weissen Kleid des Pudels liegen.

An einem Morgen geht Nafti nur mühsam über Deck. Er scheint mit seinem linken Hinterbein Probleme zu haben. «He is an old fellow», sagt Vasili lächelnd, als wir uns besorgt nach der Gesundheit des kleinen Matrosen erkundigen. Dann fügt er hinzu, er möge nicht daran denken, dass Nafti einmal nicht mehr sei. Die Stimme des grossen Mannes ist heiser geworden. Und behutsam wie eine Mutter ihr Kind wickelt er das Tier in ein weiches Tuch.


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